4 Wochen volles Leben in Las Palmas

Las Palmas fesselt uns mehr als wir jemals vermutet hätten. Eigentlich fesselt uns eher die Tatsache, dass wir immer noch auf unser Paket warten. Es erschüttert uns ein wenig, dass in der EU die Wege so kompliziert und langwierig sein können. So lernen wir Las Palmas bis ins Detail kennen.
Die meisten Straßen sind bereits vertraut. Leider hat auch Las Palmas seine Schattenseiten. Bei einem abendlichen Bier in einer Bar wird unser Rucksack vom Sessel gestohlen. Nicht nur, dass meine Geldbörse im Rucksack ist mit Führerschein und Bankomatkarte – auch unsere Sonnenbrillen sind drin und der Schlüssel zum Boot. Der Wirt hat eine Überwachungskamera angebracht, so dass wir den Diebstahl sogar auf Video sehen können. „Dank“ Corona ist der Dieb maskiert und damit nicht zu erkennen. Martin hat in weiser Voraussicht einen Zweitschlüssel mit. So können wir ins Boot ohne ein Fenster zerstören zu müssen. Die 50 Euro Bargeld sind unser geringstes Problem. Die Sonnenbrillen sind teuer wegen optischer Gläser mit Polarisierung. Leider ist dies nicht das einzige Problem, denn diese erneut zu bekommen dauert wieder einmal ein bis zwei Wochen. Allmählich möchten wir Las Palmas aber verlassen. Gut, dass wir einen Optiker finden, der auf den gesamten Kanaren Filialen unterhält, so dass wir die Brillen auf Teneriffa abholen können. Dies wird hoffentlich bald unsere nächste Anlaufstelle, denn Gran Canaria kennen wie ja bereits sehr gut. Einen Schlüssel nachzumachen scheint hier auch nicht so einfach zu sein. Wir bestellen einen Schlüssel nach und stellen fest, dass der Rohling vom Experten falsch bestellt wurde. Damit müssen wir wieder drei Tage warten, bis wir den passenden Rohling bekommen. Dieses Warten auf Ersatzteile und Paket geht uns jetzt schon auf den Keks. Wir machen eine Diebstahlsanzeige bei der Polizei. Die Polizisten sprechen kein Englisch, wir sprechen kein Spanisch, sodass wir zunächst in zwei falschen Schlangen anstehen um zur richtigen zu gelangen, dann die Mittagspause abwarten müssen, um danach neuerlich zu warten. Dann werden wir in einen Raum geführt und uns wird ein Telefonhörer in die Hand gedrückt. Dort soll ein englisch sprechender Beamter dran sein. Allerdings ist das Telefon tot. Damit suchen wir einen neuen Beamten. Dieser sucht wiederum eine Kollegin, die Englisch kann. Martin hat im Vorfeld bereits die wichtigsten Punkte der Anzeige dank Internet auf Spanisch übersetzt. Dies müsste nur noch in die Anzeige reinkopiert werden. Geht allerdings nicht, da die Beamtin keinen Zugriff auf die Mails hat. Den hat nur der Chef und der ist nicht da. Mit einer enden wollenden Geduld erhalten wir schließlich nach drei Stunden eine Anzeige in Spanisch gehalten. Mit Google übersetzen wir den Text wieder ins Deutsche. Dabei finden sich sehr witzige Passagen.
Warten und Anstellen scheinen unsere Hauptaufgaben geworden zu sein. Bei der Post braucht man fast so lange wie bei der Polizei. Um ein Paket von zuhause auf den Kanaren zu erhalten braucht man einigen Sportsgeist. Dafür benötigt man eine Proformarechnung für die auf den Kanaren einzuhebende Steuer. Auch wenn die Dinge im Paket bereits in Europa versteuert wurden, fällt diese zusätzlich an. Dabei wird beim ersten Transportversuch unser Paket in Österreich vom Transportunternehmen geöffnet und beanstandet, dass im Paket Honig statt Marmelade wie auf der Proforma-Rechnung sei. Auch beanstandet man die angeblich falsche Adresse des Empfängers in Las Palmas. Diese ist jedoch richtig, allein die Datenbank des Transportunternehmens hat den Umzug ihres Partnerunternehmens von vor zwei Jahren noch nicht mitbekommen. Letztenendes muss das Paket von Martins Eltern wieder nach Hause geholt werden und erneut versendet werden.
Immerhin ist es so, dass wir auch ohne Ersatzteile genügend zu tun haben. Nachdem wir hier entscheiden müssen, ob wir in die Karibik segeln, haben wir eine Matrix entworfen, die die Möglichkeit einzureisen genauso einschließt wie Kriminalität, Quarantäne-Zeiten und Ausgangssperren. Die Informationssuche gestaltet sich schwierig. Die Bedingungen ändern sich häufig. Es wird möglich sein, einige Karibikländer zu bereisen. Allerdings stellt sich die Frage, wo wir anschließend die Hurrikansaison verbringen können. Denn in Panama zu stranden und auf die Öffnung der Südsee zu warten, ist für uns keine Option. Für die Hurrikansaison bleiben also prinzipiell drei Möglichkeiten. Die erste wäre in der Karibik zu bleiben und einen Bereich zu suchen, der kaum von Hurrikans heimgesucht wird. Dazu braucht man natürlich auch eine Versicherung, die die Yacht für den Fall der Fälle versichert. Dies ist zwar möglich, allerdings ziemlich teuer. Außerdem besteht immer noch die Gefahr, dass Infinity beschädigt wird. Damit ist das nur unsere Notlösung. Unser klarer Favorit ist die Möglichkeit über die US Virgin Islands, Puerto Rico und Bahamas die Ostküste der USA hinauf zu segeln und nach der Hurrikan-Saison über den Intracoastal Waterway wieder in den Süden zu fahren. Dafür brauchen wir zwei Dinge. Das Erste ist relativ leicht geklärt. Für den Intracoastal Waterway darf die Schiffshöhe nicht mehr als 18,3 Meter betragen. Martin hat alles akribisch nachgemessen und wir kommen genau um eine Antennenlänge nicht unter die Brücken. Allerdings kann man diese auch verkehrt montieren. Damit dürften wir haarscharf durch passen. So, jetzt fehlt nur noch die Erlaubnis in die USA zu reisen und dort einige Monate zu bleiben. Damit beginnen die Probleme. Egal wen wir fragen, die amerikanischen Botschaften in Deutschland oder Österreich oder die deutsche oder österreichische Botschaft in den USA. Jeder gibt ein ellenlanges E-Mail zur Antwort. Dort gibt es keine wirkliche Informationen, sondern lediglich Links zu circa 20 verschiedenen Webseiten, welche wiederum zu diversen Webseiten weiterleiten. Mittlerweile haben wir so viele Informationen gesammelt, dass wir uns besser auskennen als so manche Informationsstelle. Die Odyssey, die man benötigt um in die USA zu kommen ist nicht von schlechten Eltern. Die meisten raten uns zu einem ESTA-Visum. Geht aber nicht, da man damit nicht mit dem eigenen Schiff einreisen darf. Der nächste erklärt, dass wir ein Visum beantragen können, allerdings in der nächsten Zeit sowieso keines bekommen werden. Zum Antrag benötigt man ein Interview, welches man am besten in der US-Botschaft im Heimatland macht. Die Wartezeit beträgt ca. 4 Monate bis zum Interview. Außerdem darf man derzeit aus Schengenstaaten gar nicht in die USA einreisen. Für einen Antrag benötigen wir einen Antrag über eine Agentur, die die Formalitäten für uns übernimmt. Dazu benötigen wir einen mehrseitigen Bericht über unsere berufliche Tätigkeit, jegliche bisherigen Telefonnummern, Teilnahme an sozialen Medien, sowie sämtliche Länder, die wir in den vergangenen fünf Jahren bereist haben. Das sind gar nicht so wenige. Wir können es selbst nicht fassen, aber wir zählen 27 Länder. Die dritte Möglichkeit, die Hurrikansaison zu überbrücken, wäre Französisch Guyana in Südamerika. Leider derzeit nur für Franzosen offen. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend. Grundsätzlich sind wir nur für Vorwärtsstrategien zu haben, denn ein Jahr auf den Kanaren zu warten behagt uns überhaupt nicht.

In der Zwischenzeit versuchen wir einzelne Spanischbrocken zu lernen. Die Spanier sind sehr mitteilungsfreudig. Und das in einer Geschwindigkeit, dass es eher einem Sprachupload in die Umgebungsluft vergleichbar mit einem Modem entspricht als einer Sprache. Die Leute gehen aus, obwohl es viele Beschränkungen gibt. Sobald sie an einem Tisch sind, setzen Sie ihre Masken ab und herzen sich. Spanien hat die höchste Fallzahl in Europa bezüglich Corona. Sogar auf den Terrassen der Wirte wurde ein Rauchverbot erlassen. Da gehen die – zugegebenermaßen – nur mehr wenigen Raucher ein paar Schritte zur Seite. Der Sinn solche Aktionen erschließt sich uns nicht ganz. Vermutlich wird es erst besser, wenn eine entsprechende Impfung auf dem Markt ist. Dazu habe ich unseren Reisemediziner, welcher uns praktisch bisher jede erdenkliche Impfung empfohlen hat, befragt. Dieser meint, dass die normalen Stoffmasken umsonst wären. Außer den medizinischen Masken würde keine schützen. Auch würde er dringend davon abraten, eine Impfung gegen Corona vorzunehmen sobald sie verfügbar ist. Kollateralschäden würden dabei eher auftreten als dass die Impfung funktionieren werde.

Die perfekte Welle

Allmählich lernen wir unsere Steg-Nachbarn kennen. Da gibt es Fred, den Skipper, der die Boote auf einen Ankerplatz verlegen muss, da es keine Charter-Gäste gibt und dadurch Kosten gespart werden. Da gibt es die Französin, die auf Ersatzteile wartet. Dies ist übrigens hier eine der Hauptbeschäftigungen aller Segler. Der Steg leert sich nun doch allmählich, da normalerweise um diese Zeit Platz für die Teilnehmer der ARC Platz gemacht werden muss. Jährlich starten bei dieser Rallye über 250 Boote. Heuer freuen sich die Veranstalter schon darüber, dass es zumindest 80 Teilnehmer werden sollen. Somit bleibt Platz für alle. Die Nachbarn zur rechten sind aus Holland und brauchen kein Haus und keine Wohnung. Sie leben seit sieben Jahren auf ihrem Schiff. Mittlerweile haben sie Enkelkinder, welche sie gerne aufwachsen sehen möchten. Daher möchten Sie nun ihr Schiff verkaufen. Eine tolle Beneteau segelfertig und gut gewartet. Bei Interesse könnt ihr euch gerne bei uns melden, damit wir den Kontakt herstellen können. Der Eigner Quido Hereman hat es in Holland in einer Talenteshow dreimal ins Finale geschafft und holt auch gleich seine Gitarre hervor während wir uns auf ein Bier zusammensetzen. Damit hat Martin eine Motivation gefunden, auch seine Gitarre nach langer Zeit wieder auszupacken. Damit steigt die Stimmung auf dem Boot und in der Umgebung. Martin scheint nichts verlernt zu haben. Sein Gesichtsausdruck zeigt, dass er mit Freude dabei ist. Flugs gesellen sich neue Gäste aus Holland dazu und es wird gemeinsam gesungen. Alle sind weltoffen und haben ihre Familien über die ganze Welt verstreut. Mit einer solchen Unterhaltung sind ein paar Stunden gar nichts. Wir freuen uns als wir spontan zum nächsten Niederlandestammtisch in Las Palmas eingeladen werden.

Spontane Gitarren Blues-Session mit Quido aus den Niederlanden

In der Zwischenzeit sind weitere Eigner zu ihren Schiffen zurückgekommen, bereiten sich möglicherweise auf die ARC vor. Oder aber sie möchten den Winter auf den Kanaren verbringen, wie dies auch unsere neuen Freunde tun. Für einen Ruhesitz ist es hier ideal. Das Klima passt, die Mehrwertsteuer ist niedrig und man ist trotzdem in der EU.

Nachdem unser heiß ersehntes Paket nach einem angeblichen Zustellversuch (es gab keinen!) nun auf der Post zu warten scheint, werden wir dieses sofort Montag morgens abholen und alles so rasch als möglich erledigen. Denn wir freuen uns jetzt schon so richtig auf die nächste ruhige Bucht, die wir hoffentlich nächste Woche aufsuchen dürfen.

4 Kommentare

  1. Hallo ihr Lieben..wo seid ihr,hab ich was übersehen?Eure großartigen Bericht lese ich mit Hochgenuss.Uch hiffe es geht euch gut!? Liebe Grüße aus dem heute nassjalten Valentin nachdem gestern ein strahlendblauer Himmel war.Vom Lockdown bekommen wir nicht viel mit..wir helfen in Wieselburg,Gerhard handwerklich und ich babysittend.Gedter haben wir Agi’s40igsten gefriert mit Audtern und Champagner. Morgen ist die Verabschiedung von Gerhards Mutter,sie war 94 Jahre und musste Gott sei Dank nicht lange leiden.Ich wübsche euch alles Gute,bleibt gedund und fröhlich,lG Gerhard und Eva

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  2. 👍👍👍Vielen Dank fü Euren ausführlichen Bericht, erinnert mich an die Zeit auf den Kanaren vor einem Jahr. Ohne Corona war natürlich alles viel leichter… Drücke Euch die Daumen, dass alles gut klappt und ihr das USA Visum bekommt. Ich kann Euch diese Route nur empfehlen. Es ist wirklich toll hier. Liebe Grüße Annemarie von SV escape

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