Der Törn von St. Helena nach Ascension Island ist so gemütlich, dass man fast sagen kann: „langweilig“. Wobei langweilig in diesem Fall gut ist. Das bedeutet, dass nichts kaputtgeht und das Wetter stabil genug ist, um nicht ständig Segel wechseln zu müssen. Die Segelmanöver des 700 Meilen langen Törns sind rasch zusammengefasst: Bei Abfahrt Gennaker rauf, bei Ankunft Gennaker runter, das war‘s. Wenn auch nicht rekordverdächtig schnell, aber immerhin ebenso bequem. Den Nullmeridian überqueren wir zum zweiten Mal in der selben Richtung. Das heißt wohl, dass wir einmal rundherum sein müssen.
Man beginnt zu verstehen, warum manche Segler nachts tatsächlich acht Stunden durchschlafen. Das Meer ist tiefblau, die Tage und Nächte verlaufen ruhig, und die wenigen Höhepunkte sind die Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge und ein Sternenhimmel, wie man ihn nur mitten auf dem Ozean erlebt. Ansonsten begegnet man niemandem. In einer Nacht taucht aber dann doch ein Schiff auf. Das Fischerboot zeigt keine Lichterführung, die auf ein nachgeschlepptes Netz hinweist. Da wir mit unserem Bluewater Runner nur eingeschränkt manövrierfähig sind, funkt Martin den Fischer an. Nach mehreren Versuchen meldet sich tatsächlich ein verschlafener Spanier. Die Kommunikation gestaltet sich schwierig, er spricht ausschließlich Spanisch – zumindest klingt es so. Mit einer Mischung aus Improvisation und Interpretation gelingt es herauszufinden, dass das Boot tatsächlich ein Netz hinter sich herzieht. Der Fischer versichert jedenfalls, problemlos ausweichen zu können. Kurz darauf sehen wir hinter ihm zahlreiche Lichter. Wer das verschläft, hat schlechte Karten. Je nach Segel benötigt man oft eine erhebliche Strecke für ein Ausweichmanöver. Unsere Freunde hatten dieser Tage weniger Glück. Auf dem Weg von Sri Lanka zu den Malediven kollidiert ein Frachtschiff mit ihrem Boot. Der Aluminiumrumpf hielt stand, doch das Rigg wurde zerstört. Gottseidank ist nichts Schlimmeres passiert. Wir sind froh, mit Informationen zu den Malediven aushelfen zu können, wo das neue Rigg hingeliefert werden soll.
Schließlich erreichen wir Ascencion Island am Freitag Nachmittag. Der Anker fällt vor der Hauptstadt Georgetown in 16 Metern Wassertiefe auf Sand zwischen einer schwimmenden Pipeline und dem Bojenfeld. Die Insel wurde zu Christi Himmelfahrt entdeckt und deshalb Ascencion genannt. Rasch wollen wir vor dem Wochenende an Land zum Einklarieren. Aber der Außenborder hat etwas dagegen. Er verweigert sich trotz intensiver Bemühungen. Seit einem halben Jahr chillt Mitzi an den Davits. In Südafrika und Namibia wurde sie nicht benötigt. Kitty von der Hafenaufsicht hat schließlich Erbarmen und wird kreativ. Die schwimmende Kerosin-Pipeline wird am Wochenende gewartet. Deshalb holt uns am Samstagmorgen ein Arbeitsboot ab und bringt uns an Land. Das Anlanden ist hier mangels Wellenbrecher und eines vernünftigen Docks noch schwieriger als auf St. Helena. Überall sonst ist Anlanden verboten. Es wäre ohnehin wegen der zahlreichen Felsen oder den meist meterhohen Brechern an den Stränden unmöglich.




























Ascencion Island hat sehr hohe Deckungsanforderungen an Kranken- und Flugrettungsversicherung. Vermutlich schreckt das viele Segler ab. Infinity ist nämlich die einzige Yacht weit und breit. Glücklicherweise finden wir in den Bedingungen einer unserer alten Kreditkarten den Hinweis, dass sämtliche diesbezügliche Kosten gedeckt sind. Die Gültigkeit der Kreditkarte wird zum Glück nicht überprüft. Der für die Immigration zuständige Polizist kommt direkt zur Hafenbehörde, Stempel im Gepäck. Einfacher geht‘s nicht.
Draußen steht bereits der vorbestellte Autovermieter mit fahrbarem Untersatz bereit. Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen. Sightseeing auf dieser winzigen Insel fühlt sich eigenartig an. Wir sind die einzigen Touristen. Hier leben etwa 800 Menschen, hauptsächlich Militärangehörige und zivile Arbeitskräfte. Es gibt keine gewachsene einheimische Bevölkerung. Jeder grüßt jeden jederzeit und alle sind äußerst freundlich. Das Museum hat samstags für zwei Stunden geöffnet und bietet interessante Einblicke in die Inselgeschichte. Sowohl BBC, als auch ESA, NASA, Royal Navy und US Streitkräfte nutzen die Insel hauptsächlich als Relay-Station für die Nachrichtenübertragung. Hier wurde auch der berühmte Funkspruch der Apollo-13-Mission „Houston, wir haben ein Problem“ als erstes empfangen und nach Houston weitergeleitet. Die Lage zwischen Afrika und Südamerika macht die Insel bis heute geopolitisch relevant.
Um Napoleons Isolation auf St. Helena nicht zu gefährden, errichteten die Briten auch auf Ascencion Island 1815 eine Befestigung, damit die Franzosen diese Insel nicht als Stützpunkt für eine Befreiungsaktion auf St. Helena nutzen konnten. Später hinterließen Forscher ihre Spuren – unter ihnen Charles Darwin. Er begann, die karge Insel zu begrünen. Auf dem höchsten Punkt pflanzte er Farne, Bambus, Nadelbäume und sogar Bananenstauden, die nun als Nebelwald prächtig gedeihen. Eine Wanderung über den Elliot’s Pass rund um den Green Mountain gehört für uns zu den eindrucksvollsten Wanderungen überhaupt. Der Rundwanderweg unter dem circa 800 Meter hohen Gipfel eröffnet traumhafte Ausblicke und am märchenhaften Pfad trotten stets vier Schafe als Öko-Tourguides vor uns her. Wir fühlen uns sofort in ihrer Herde willkommen.





































Riesige Antennen dominieren die ansonsten karge Vulkan-Landschaft. An den Sandstränden der Westseite reiht sich ein Schildkrötennest an das nächste. Die riesigen grünen Meeresschildkröten schwimmen unvorstellbare 2.400 Kilometer vom brasilianischen Festland nach Ascencion Island, um dort zwei Wochen lang mehrmals nachts am Strand ihre Eier abzulegen. Danach schwimmen sie wieder zurück nach Brasilien. Das machen sie alle paar Jahre. Fantastisch, dass diese schlauen Tiere das winzige Eiland mitten im Atlantik treffen. Sowohl vor ihrer Ausdauer, als auch vor ihrer angeborenen Navigationskunst ziehen wir den Hut. Auf der anderen Seite der Insel beobachten wir Fregattvögel, Noddies und Tölpel. Die Brutsaison ist fast vorbei und die Fregattvögel sind bereits ausgeflogen, aber einige flauschige junge Tölpel stolpern noch unbeholfen über das Vulkangestein. Sie sind so süß, dass man ihnen stundenlang zusehen könnte, doch unser Bootstransport zurück zu Infinity zwingt uns zur Zeitdisziplin. Die Pipeline-Arbeiter wollen schließlich pünktlich Feierabend machen. Ansonsten gibt es kaum Bootsverkehr auf der Insel.
Neben der Hauptstadt Georgetown gibt es noch die Orte One Boat und Two Boats. In One Boat befindet sich eine Tankstelle, die nur an zwei Nachmittagen pro Woche geöffnet hat und ansonsten den freilaufenden Eseln Schatten spendet. Außerdem gibt es dort wohl den ungewöhnlichsten Golfplatz der Welt – gespielt wird auf Vulkansand. Two Boats bietet eine Wohnsiedlung, die einzige Schule der Insel und ein kleines, gepflegtes Schwimmbad, das eine willkommene Abkühlung nach den staubigen Fahrten darstellt.
Kulinarisch ist die Auswahl mehr als überschaubar. Zwei Restaurants und eine Essbude mit Bar wechseln sich mit Öffnungszeiten ab. Das Lokal bei der US Space Force ist ein waschechtes amerikanisches Diner: Jukebox, Klimaanlage auf Gefrierpunkt, Burger und Pizza, Ami-Bier und Bezahlung in US-Dollar.
Das Wasser rund um die Insel ist klar und fischreich aber Baden ist nicht erlaubt. Hier leben angeblich Galápagoshaie, die in der Vergangenheit aggressives Verhalten gegenüber Menschen zeigten. Immer wieder hört man vom Boot aus lautes Schnauben und Platschen, wenn die bis zu 190 Kilogramm schweren grünen Meeresschildkröten auftauchen und tief Luft holen. Gelegentlich ziehen Delfine vorbei und unter unserem Boot tummeln sich zuweilen tausend Fische in sämtlichen Größen und Farben.


















Die Reparatur des Außenborders ist entscheidend für uns. Ohne funktionierendes Dingi ist ein Landgang in Fernando de Noronha nicht möglich. Weder hier noch dort gibt es Mechaniker oder Ersatzteile. Also macht sich Martin selbst ans Werk. So ein Zweitakter ist ja kein Hexenwerk. Man öffnet den Deckel und denkt zuerst, der Motor wäre gestohlen worden. Dabei ist er schlichtweg sehr einfach und dadurch auch sehr klein. Man braucht sich nicht um viel mehr kümmern, als um Zündfunken und Sprit. Stellt man diesen beiden Dinge sicher, sind 90 Prozent der häufigsten Fehlerquellen beseitigt. Also Vergaser ausgebaut, der ist sauber und sowohl Luft als auch Sprit kommen einwandfrei durch. Zündkerzen und Treibstoffschlauch gewechselt, neues Gemisch eingefüllt. Der Ball der manuellen Treibstoffpumpe fühlt sich allerdings nach dem Pumpen verdächtig weich an. Das lässt auf ein Treibstoffleck schließen. Kurz danach sieht man auch Tropfen an der Unterseite des Vergasers. Damit steht fest: „Der Vergaser ist der Versager.“ Nachdem wir sträflicher Weise kein Vergaser-Reparatur-Kit dabeihaben, greifen wir zur Gasket-Maker-Tube und schmieren die temperaturbeständige Dichtmasse auf den undichten O-Ring. Vergaser wieder eingebaut und siehe da: „Mitzi is back!“ Große Erleichterung.
Vor den nächsten 1.111 Seemeilen nach Fernando de Noronha in Brasilien geht es mit dem Bootsmannstuhl nochmals rauf zum Masttopp, um das Rigg auch oben kontrollieren zu können. Der Schwell am Ankerplatz ist erheblich und der Mast bewegt sich hurtig in alle Richtungen, während Martin versucht, die gebrochene Gennaker-Fallenscheibe zu ersetzen. Das gesamte Flüche-Repertoire wird hervorgekramt und die blauen Flecken und Abschürfungen entwickeln eine beeindruckende Farbpalette auf Armen und Beinen. Auch die Leinen am Gennaker zeigen Abnutzungserscheinungen und werden für eine sorgenfreie Überfahrt von Kerstin ersetzt.
Ein letztes Abenteuer auf Ascencion Island wollen wir uns keinesfalls entgehen lassen: ein nächtlicher Besuch am Long Beach, um die Schildkröten beim Eierlegen oder vielleicht sogar beim Schlüpfen beobachten zu können. Bei Sonnenuntergang wagen wir uns mit Mitzi ans berüchtigte Dock. Sieht man von den zwei Überschlägen in brechenden Wellen am Strand von Barbados ab, ist das unser schwierigstes Lande-Manöver bisher. Wir müssen mit einer Gummileine vom Heck aus an einer Boje festmachen und die Bugleine an der Leiter des Docks anbinden, während sich das Boot blitzartig ein bis zwei Meter von unten nach oben und wieder zurück bewegt. Die Gummileine soll gewährleisten, dass das Beiboot von Felsen und Dock wegbleibt, wir es aber zum Einsteigen wieder heranziehen können. Lassen wir die Bugleine zu locker, werden wir wie Ameisen auf den Felsen geklatscht. Unter Einsatz unseres Lebens schaffen wir es ohne Schrammen an Land. Leider wird dabei Martins rechter Croq von Poseidon einbehalten. Egal. Nach dem Festmachen beobachten wir Mitzis Überlebenskampf in den Wellen für eine Weile und beschließen, dass die Schildkröten heute ohne uns auskommen müssen. Wenn eine Leine nachgibt oder bricht, droht des Beiboots rascher Tod am Fels. Das wollen wir in dieser Einöde nicht riskieren, zumal in Brasilien 120 Prozent Aufschlag auf importierte Waren drohen. Zurück auf Infinity sind wir dennoch froh, diesen geheimnisvollen abgelegenen Flecken Erde angelaufen zu haben.

Vielen lieben Dank🐠😎
Lieber martin alles Gute zum Geburtstag wo immer ihr seid lass dich feiern.Liebe GrüÃe Joe –Gesendet mit der GMX Mail AppAscension Island â eine Insel ohne Publikum