Namibia – das wüste Land

Ein letzter Ausflug in die südafrikanische Saldanha Bay bestätigt uns darin, dass ein Stopp mit dem Boot hier nicht notwendig ist. Es bläst wie verrückt und es ist außerdem sehr touristisch hier. Zufällig hält sich Nic von Cracker Jack, den wir das letzte Mal in Vanuatu gesehen haben, gerade in Kapstadt auf. Selbstverständlich besucht er uns an der Waterfront und wir feiern gleichzeitig Wiedersehen und Abschied. Abschiednehmen heißt es leider auch von Tobias, Scott und Joeri. Wir hoffen auf ein Treffen in der Karibik.

Der Abschied aus Südafrika fällt uns überraschend leicht. Schön war es, keine Frage, aber das, was vor uns liegt, zieht mindestens genauso. Am Ende des Hafenbereichs stehen tatsächlich noch zwei Pinguine Spalier, als wollten sie für den Zoll kontrollieren, ob wir auch wirklich losfahren. Dann ist das Land achteraus und der Alltag wieder salzig.

Fünf Tage auf See klingen harmlos. Für uns frisch gebackene Landmenschen sind sie es nicht. Am Beginn kämpfen wir gegen Seekrankheit, während Infinity uns nach und nach wieder in den vertrauten Rhythmus schüttelt: schlafen, wenn es geht, wachen, wenn man muss. Martin hängt an den Wetterdaten wie ein Trader an der Börse, um dem stärksten Wind zu entkommen. Außerhalb von Südafrika funktioniert Starlink zunächst verlässlich und versorgt uns mit dem Nötigsten. Zwischen Gennakersegeln und Böen bis 35 Knoten schaukeln wir sehr flott Richtung Äquator. Die dicken Socken für die Nachtwachen bleiben noch griffbereit. Bis die Nackenmuskulatur endlich so weit ist, dass man sich in Wellen nicht bei jeder Bewegung verspannt, kommt zur Not auch einmal Aspirin zum Einsatz. Irgendwann klickt es dann: Segelmodus an, unsere Körper sind wieder seetauglich. Die Nächte bieten ein seltenes Spektakel: trotz der dichten Bewölkung und der stockfinsteren Nächte schäumt das Meer floureszierend hell, so wie wir es noch nie erlebt haben. So hell, dass man es sogar auf Fotos bannen kann. Alle Wellenkämme, das schäumende Wasser von Bug und Heck leuchtet, als würden wir von tausenden Glühwürmchen getragen.

Nach Wochen mit günstigen Restaurants kochen wir wieder selbst. Die Gefriertruhe ist bis obenhin voll, und schon das Geräusch, wenn der Deckel aufgeht, klingt nach Gaumenfreude. Vier Tage vergehen schnell, und plötzlich ist Namibia in Sicht. Etwa zwölf Seemeilen vor der Küste wird es digital still: Starlink geht aus. Wir nehmen es hin, denn der Betrieb ist in Namibia nach aktuellem Stand nicht lizenziert und wurde von der Regulierungsbehörde untersagt. Die letzten Meilen laufen wieder über Funk mit dem Hafenmeister. Auf der Halbinsel bei der Einfahrt in die Walvis Bay tummelt sich eine ansehnliche Robbenkolonie und riesige Vogelschwärme kreuzen unseren Kurs. Während wir die Marina ansteuern, macht es plötzlich „platsch“ am Heck. Wir trauen unseren Augen nicht. Da springt doch glatt ein kleiner Seehund herauf, zappelt sich über das ganze Schiff bis zum Bug und verschwindet dort mit dem gleichen „platsch“ wieder in den Fluten. Was für ein netter Willkommensgruß! Der Handelshafen ist riesig, die Marina jedoch noch im Aufbau: im Wesentlichen handelt es sich um einen Steg, allerdings so massiv, dass man ihm auch ein paar hundert Tonnen Schiff mehr zutrauen würde. Wir machen fest und die nächsten Tiere stehen schon am Steg bereit: drei riesige Pelikane möchten uns mit treuherzigen Augen Fische entlocken, so wie sie es von den Ausflugsbooten gelernt haben. Sehr süß. Da wir am Samstagmittag ankommen, ist Einklarieren erst zwei Tage später möglich. Wir sind froh, dass wir unser Tempo erst einmal selbst bestimmen: zuerst ankommen, durchatmen, Walvis Bay auf uns wirken lassen.

Walvis Bay ist außerhalb des Hafens ein verschlafenes Städtchen: Einfamilienhäuser, Souvenirverkäufer, kleine Geschäfte und Restaurants. Immigration, Zoll und SIM-Karten sind an einem Vormittag erledigt. Danach planen wir unsere Route an Land. Eine Safari in der Etosha-Pfanne klingt verlockend, ist aber zur Regenzeit weniger planbar, weil sich Wildtiere nicht an die wenigen Wasserlöcher halten müssen. Zusammen mit der Entfernung und den hohen Kosten entscheiden wir uns dagegen und fahren stattdessen nach Süden. Die Namib-Wüste an der Atlantikküste gilt mit mindestens 55 Millionen Jahren als die älteste Wüste der Welt. Ihre Trockenheit hängt mit großräumigen Wettersystemen und der kalten Benguela-Strömung zusammen, die an der Küste für kalte Luft, Nebel und sehr wenig Regen sorgt. Der Sand ist uralt und mangels Regen bleibt der Sand in seiner originalen roten Farbe. Nach einer abwechslungsreichen Fahrt durch verschiedene Landschaften stehen sie endlich da: Dünen in Dimensionen, bei denen ein Mensch zur Fußnote wird. In der Gegend von Sossusvlei erreicht die Düne „Big Daddy“ rund 325 Meter Höhe, die berühmte „Dune 45“ etwa 170 Meter. Ganz in der Nähe liegt Deadvlei, eine helle Tonpfanne zwischen roten Dünen. Die abgestorbenen Kameldornbäume dort wurden durch die extreme Trockenheit konserviert; sie sollen 900 Jahre alt sein. Das Gebiet gehört zum UNESCO-Welterbe Namib Sand Sea.

Der Weg dorthin ist aber, freundlich formuliert, ausbaufähig. Wo Straßen sind, sind, bestehen sie meist aus Schotter, und wo keine sind, fährt man trotzdem. Für knapp 400 Kilometer braucht man deutlich länger als einem lieb ist. Das nahe liegende Desert Camp bietet Self-Barbecue an, und wir versuchen uns wieder einmal im Feuermachen. Ein kleiner Sandsturm hilft uns nicht gerade dabei. Während wir vergeblich zündeln, bildet sich eine feine Sandschicht über Kleidung, Handy und leider auch dem Essen. Einmalig ist es trotzdem. Denn am Rand der Wüste spannt sich ein Regenbogen auf, als hätte jemand kurz die Bühne in schillernden Farben beleuchtet. In der Dämmerung kommen Schabracken-Schakale bis auf die Terrasse. Am beleuchteten Wasserloch sammeln sich nachts Oryx-Antilopen mit ihren überlangen spitzen Hörnern. Wir können uns an den wunderschönen Tieren kaum sattsehen.

Vor sechs Uhr klingelt dann der Wecker. Auschecken, Frühstückskorb abholen, dann in die Auto-Schlange am Parkeingang zu den großen Dünen. Wir sind Auto Nummer elf und haben damit einen guten Startplatz. Die Temperatur in der Wüste um sieben Uhr morgens ist noch erträglich: 22 Grad. Düne 45 gilt als einsteigerfreundlich, und die 170 Meter klingen am Anfang fast charmant. Im Sand bedeutet das: zwei Schritte hinauf, einen wieder hinunter. Martin zieht durch bis ganz oben und steht dort allein. Weiter unten spielen sich touristische Dünenrituale ab: ein paar Meter hoch, Foto, Pose, noch ein Foto. Die zumeist chinesischen Models hüpfen, drehen sich im Kreis oder stehen in Körperhaltungen, die nur für Social Media erfunden worden sein können. Als wir endgültig begreifen, wie anstrengend Dünensteigen ist, verzichten wir auf Big Daddy. Die Temperatur steigt erbarmungslos auf 36 Grad. Zu den toten Bäumen des Dead Vlei kommt man entweder mit Allrad-Fahrzeug oder per ebensolchem Shuttle. Mit unserem allradgetriebenen Toyota Hilux versucht sich Martin im Sandfahren. Der Internet-Crashkurs meint: Automatikgetriebe auf „manuell“ schalten und das Auto im normalen schnelleren Allradmodus mit dem zweiten oder dritten Gang „dahinnudeln“. Kein Sperrdifferential, nicht schalten, nicht stehenbleiben. Es funktioniert. Manchmal wird unser Allradkumpane besorgniserregend langsam, aber er gräbt sich brav weiter durch den tiefen Sand und bleibt nie stehen. Es fühlt sich am Lenkrad an wie eine Schneefahrbahn. Mit der Wanderung zu den toten Bäumen haben wir uns schließlich auch das Picknick-Frühstück verdient, das wir auf einer Bank unter einem Baum inmitten der riesenhaften Dünen genießen. „Haben wir’s gut, danke!“

Zu unserer Belustigung laufen neben der Fahrbahn auf einmal zwei Vogelstrauße. Wir überholen Sie in der 60 km/h Beschränkung mit 80 km/h. Sie laufen 70, also auch zu schnell. Wie mag das Straußen-Portätfoto vom Radar wohl aussehen? Tankstellen sind rar. Mit seiner geringen Bevölkerungsdichte ist Namibia eines der dünnst besiedelten Länder weltweit – nur die Mongolei liegt noch darunter. Ohne Treibstoff möchte man in dieser Affenhitze in den nächsten 250 Kilometern also nicht liegenbleiben. Da ist nämlich nichts. Auch Wasser ist naturgemäß rar. Rechnet man die Wüsten, Halbwüsten und Savannen zusammen, sind circa 70 Prozent von Namibia trockene Flächen. Das Grundwasser in Namibia ist allerdings von höchster Qualität, wird es doch durch dutzende bis hunderte Meter Sand gefiltert. Unter der Wüste finden sich sogar noch fossile Wasserreserven, die leider aufgrund des zunehmenden Bedarfs allmählich aufgebraucht werden. Regen fällt nämlich viel zu wenig und es dauert lange bis der da unten ankommt. Wer hier Wasser aus dem Boden holt, schöpft nicht nur aus einem Brunnen, sondern aus Zeit – und jeder Liter erinnert daran, wie fragil dieses Gleichgewicht ist.

Kommentar verfassen