Walvis Bay verschwindet hinter uns im Nebel. Nach vier Tagen unruhiger Fahrt mit Wind von 140 Grad gleiten wir nun weitere vier Tage mit unserem Bluewater-Runner vor dem Wind ganz ruhig durch den Südatlantik. Täglich wird es wärmer, Nachtwachen werden ohne Wollsocken möglich. Die Bordküche bietet willkommene Abwechslung mit Käsefondue und Wiener Schnitzel.
Nach achteinhalb Tagen und 1.300 Seemeilen lassen wir unseren neuen Rocna-Anker in völliger Dunkelheit an der geschützten Westseite der Insel vor der Hauptstadt Jamestown fallen. Er beißt wie erwartet auf Anhieb in 15 Metern Tiefe auf Sand. Der gefürchtete Schwell bleibt aus. Im wunderschönen, azurblauen klaren Atlantik hüpfen wir am Morgen das erste Mal seit September 2025 ins Meer. 25 Grad Wassertemperatur und keine weißen Haie in Sicht. Eine Wohltat.
Legendär ist das Anlanden in Jamestown. Anlegen mit dem eigenen Dingi ist bei Schwell unmöglich. Ein Stahlgerüst mit herabhängenden Seilen soll bei schlechten Bedingungen beim Übersteigen von der kleinen Taxi-Fähre auf den Betonsteg helfen. Die Taxi-Fähre bringt uns direkt zum Hafenmeister. Bei ihm ist das Einklarieren einfach. Bei Zoll und Einwanderungsbehörde kommt allerdings der Dämpfer. Der einzige Flieger, der pro Woche auf St. Helena landet, hat Verspätung. Daher befindet sich die gesamte Belegschaft am Flughafen. In vier Stunden können wir zurückkommen.






















Eine gut funktionierende Sim-Karte gibt es nicht, aber dafür eine Wäscherei. Kreditkarten werden nirgendwo auf der Insel akzeptiert. Es gibt eine aufladbare Prepaid Tourist-Card, aber ansonsten ist nur Bares Wahres. In der Touristen-Information buchen wir eine Insel-Rundfahrt. Leihautos sind seit mehreren Wochen ausgebucht, was bei nur 30 Insel-Touristen pro Woche erstaunlich ist. Wegen fehlender Ersatzteile, buchen wohl Einheimische auch gerne Leihautos als Zwischenlösung. Der Zeitplan der öffentlichen Busse ist für Touristen ungeeignet. Die Hauptattraktionen haben sehr eingeschränkte Öffnungszeiten. Nur an wenigen Tagen in der Woche sind für jeweils zwei Stunden die Napoleon-Sehenswürdigkeiten geöffnet. Der Tourismus steckt in den Kinderschuhen. Die Taxifahrer wissen nicht, wieviel sie verlangen sollen. Dementsprechend groß ist die Bandbreite der rückgemeldeten Preise. Der Diesel kostete hier bereits vor dem Iran-Krieg zwei englische Pfund pro Liter. Der einzige Elektrotaxi-Unternehmer der Insel bringt uns letztendlich zu einem vernünftigen Preis zur Dienstags-Attraktion, dem Plantation-House. Der Regierungs- und Wohnsitz des für jeweils drei Jahre entsandten Gouverneurs aus Großbritannien. Die 4.000 Einwohner sind über die Zugehörigkeit und die Zuwendungen Großbritanniens froh. Wirklich kein Gouverneur möchte in seiner Amtszeit die wichtigste Attraktion der Insel verlieren. Direkt im Garten des Regierungssitzes lebt nämlich Jonathan, das älteste Landlebewesen der Welt – dekoriert mit zwei Guiness-Buch-Rekorden. Eine mindestens 194 Jahre alte Riesenschildkröte. Jonathan ist noch immer fit. Er tigert durch den feinen englischen Rasen und versucht noch immer seine um 40 Jahre jüngere Frau zu schwängern. Die dabei entstehende Geräuschkulisse gilt als legendär.
Es ist eine kleine Insel. Wir sehen einstellige Autokennzeichen. Jeder grüßt jeden und viele haben mehrere Funktionen. Die Frau unseres Taxifahrers ist Hausmeisterin im Plantation-House und hält auch die Führungen. Sie kennt jede Teekanne und jedes Bidet mit Vornamen und erklärt sehr ausführlich. Anschließend gibt es sogar Kaffee und Kuchen aufs Haus aus königlichem Porzellan. Der berühmte seit Jahrhunderten sortenreine St. Helena Kaffee wird hier allerdings nicht ausgeschenkt. Kein Wunder, kosten 125 Gramm davon in London doch mehr als 100 Pfund. Das Elektrotaxi wird zwar derzeit noch mit dem Dieselgenerator der Insel aufgeladen, aber irgendwo muss man ja schließlich mit der grünen Energie anfangen. Vorhandene Solaranlagen und Windgeneratoren werden nicht verwendet, da der Dieselgenerator überdimensioniert ist und deshalb jedes verkaufte Kilowatt dringend für den Deckungsbeitrag des Ungetüms benötigt wird.
Die Kleinheit und die Entfernung von Lieferquellen verlangt ihren Tribut. Es gibt nur einen Ort auf der Erde, der noch weiter vom nächsten Land weg ist – die Osterinsel. Die Verfügbarkeit von Gemüse und Eiern wechselt stark. Einmal zu viel und einmal zu wenig. Zarte Versuche von Anbau oder Zucht auf der Insel werden von anschließenden Billigimporten zunichte gemacht. So mussten die meisten der 4.000 Hühner ihr Leben lassen, weil mit zu vielen Eiern kein Geschäft zu machen war. Dafür gibt es jetzt zu wenige. Jetzt ist man wieder auf das Versorgungsschiff angewiesen.
Die Inseltour mit Aaron ist sehr aufschlussreich. Über Berg und Tal geht es von Lavafeldern über Aussichtspunkte bis zu Stränden. Die berühmte Jakobsleiter mit den steilen 699 Stufen ist derzeit wegen Renovierung geschlossen. Der Ausblick von oben hinein in den steilen Taleinschnitt von Jamestown ist trotzdem spektakulär. St. Helena ist sehr abwechslungsreich. Vom dichten Grün des Nebelwalds bis zu schroffen Felsen wird alles in überschaubaren Entfernungen geboten. Die Straßen sind steil, serpentinenreich und einspurig. Vor neun Jahren wurde ein Flughafen gebaut. Um einen Jet landen zu können, war zur Zeit des Baus die größte Erdbewegung der Welt notwendig, da ein gesamtes Tal gefüllt werden musste. Es gibt derzeit einmal pro Woche Flüge nach Johannesburg und Ascencion Island.
Tauchen sollte man hier auch. Die Unterwasserwelt wartet nicht nur mit einem riesigen Fischreichtum auf. Der glasklare Ozean vor St. Helena offeriert jede Menge Wracks, Lavaformationen, Teufelsrochen und eine mehrere hundert Tiere fassende Delfinpopulation. Nicht zu vergessen die Walhaie, mit denen man hier schnorcheln darf. Es gibt alles was es für Tourismus braucht – ohne Touristen. Am zweiten Tag kennen wir fast alle anwesenden Fremden mit Namen und wissen woher sie kommen. Man trifft sich regelmäßig an den Attraktionen der Insel. Alles zusammen bietet sich uns eine sehr ruhige, persönliche und sympathische Kulisse.


















































Zwischendurch treffen wir uns mit den Crews der eintreffenden Yachten auf der Terrasse von Anne’s Place und im Yachtclub, so er denn gerade offen hat. Durch die außergewöhnlich klare Luft, kann man hier an vielen Abenden den Greenflash bei Sonnenuntergang beobachten, was uns tatsächlich an mehreren Abenden gelingt.
Im Longwood House wurde Napoleon während seiner sechsjährigen Verbannung auf St. Helena untergebracht. Eine schön gelegene Villa, umgeben von einem wunderbaren Garten, bietet einen ausgezeichneten Einblick in die letzten Lebensjahre des selbstgekrönten Kaisers. Als sein Leichnam von den Franzosen 1840 von der Insel nach Paris geholt wurde, bestand man auf 40 Kanonen-Salutschüsse. Durch den Druck der gleichzeitig abgefeuerten Schüsse ging jedes Gasfenster in ganz Jamestown zu Bruch. Ein letztes „Fuck you“ Napoleons für den Erzfeind Großbritannien. Auf der Insel kämpft man seit Napoleons Ankunft mit den Einnahmequellen. St. Helena war früher ein beliebter Stopp für Handelsschiffe. Aus Angst vor Befreiungsaktionen für Napoleon wurde jeglicher Stopp von Schiffen nahe der Insel verboten und 3.000 Soldaten zur Bewachung stationiert. Die Handelsschiffe orientierten sich daraufhin nach Kapstadt um und kamen nach dem Tod Napoleons nie mehr zurück – wohl auch wegen des inzwischen fertiggestellten Suez-Kanals.
Um das Visum für unseren nächsten geplanten Stopp Ascencion Island können wir online ansuchen. Die Bearbeitungsdauer beträgt drei Wochen. Da wir zu spät dran sind, müssen wir einen Aufschlag zahlen. Tourismus ist auf dieser Insel nicht erlaubt. Man darf aber einen Stopp für die Provisionierung einlegen. Gerade Ziele, die man ansonsten nicht besuchen darf, üben für uns Segler einen unwiderstehlichen Reiz aus.
