Der Urlaub ist vorbei

Das große Motorenservice steht an. Nelson, der Volvo-Experte, wird unser treuer Begleiter in den nächsten Wochen. Eigentlich sollten es nur ein paar Tage werden. Allerdings kommen täglich neue, verschlissene Teile auf die Liste, die eine Woche Lieferzeit haben. Das wiederholt sich und so wohnen wir viele Wochen mehr oder weniger auf einer Baustelle. Nachdem wir ohnehin auf das neue Rigg warten müssen, ist zumindest die Zeitkomponente nicht allzu tragisch. 

Beim Arbeiten über Kopf und Schwimmen wird Martin immer schwindelig, sodass wir das abklären wollen. Der Blutdruck ist in diesen Phasen erhöht, daher ist unser erster Weg zum Kardiologen. Wir bekommen noch am gleichen Tag einen Termin. Die Preise sind günstig. Keine Besonderheiten. Der Kardiologe ist wie viele Ärzte aus Indien. Er meint, wenn wir ganz sicher sein wollen, könnte er auch eine Herzkatheteruntersuchung in Indien organisieren für 200 Euro, dazu der Flug hin und zurück 550 Euro. Es ist aber nicht notwendig. Nächste Station ist der Orthopäde um einen Zusammenhang mit der Wirbelsäule feststellen zu können. Wieder bekommen wir sofort einen Termin. Tatsächlich finden sich im Röntgen Veränderungen, die nicht akut sind, aber die Beschwerden verursachen. Ein MRI wäre sinnvoll, leider sind die indischen Monteure, die dieses aufstellen sollen im Verzug. Da keine akute Behandlung ansteht, kann man ein MRI immer noch machen. Stattdessen verordnet er ein anderes Polster zum Schlafen, Physiotherapie und Tabletten. Mit dem Rezept wird in der Apotheke die genaue Anzahl der benötigten Tabletten abgezählt und ausgehändigt. Damit hat man keine angebrochenen Schachteln herumliegen, die das Haltbarkeitsdatum überschreiten. Der Physiotherapeut hat ebenfalls sofort einen Termin. Es sind alles Wahlärzte, die Tarife allerdings am Niveau der Kassenärzte in Österreich. Gutscheine für Untersuchungen und Therapie kann man beim Arzt als Geschenk erwerben. 

Am Eden Island Ankerplatz in Victoria entsteht allmählich wieder die Schrebergartenatmosphäre der Langfahrtsegler. Mal auf diesem Boot einen Sundowner und mal da. Gemeinsame Fahrten mit dem Dingi zum Abendessen. Bei Achim, einem deutschen Wirt gibt es sogar ordentliche Schnitzel mit Mayonnaise-Kartoffelsalat. Sein im Bau befindlicher Biergarten wird hoffentlich fertig bevor wir lossegeln. 

Die vorgelagerte Insel Eden schützt gegen Schwell, sodass wir dort trotz zunehmendem Wind gut geschützt liegen. Ein weiterer Vorteil ist, dass es dort einen schön gefüllten Spar-Markt gibt, der zu Kerstins Freude eine kleine Ikea-Abteilung beherbergt. Die an Bord besonders gefährdeten Weingläser werden aufgestockt.

Die Ersatzteilbeschaffung und Handwerkerkoordination bringt Martin mindestens drei Stunden pro Tag an Telefon und E-Mail und nahe an die Verzweiflung. Eines ist auf den Seychellen fix: Keiner hält was er verspricht. Telefon wird nicht abgehoben, E-Mails und andere Nachrichten bleiben unbeantwortet und wir sind frustriert. Darum überlegen wir wieder wie jedes Jahr, den Kahn zu verkaufen und mit einem Mal alle Sorgen los zu sein. So mühsam wie auf den Seychellen war Bootsarbeit noch nie. Wenn die Arbeiter hier sagen „heute powern wir richtig rein“, heißt das übersetzt, sie arbeiten vielleicht vier Stunden mit drei langen Pausen dazwischen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wenn überhaupt jemand kommt, darf man sich glücklich schätzen. 

Der in vielen Stunden analysierte Fehler des Datahub von PredictWind stellt sich als Hardwarefehler heraus. Versand des Ersatzgerätes auf Gewährleistung – nur an welche Adresse bloß? Die im Internet angebotene Lösung, die Starlink-Antenne mit Saugnäpfen zu befestigen, ist bei uns gescheitert. Die Lösung ist einfach: Unterhalb der Luke schieben wir zurechtgeschnittene Aluprofile in die Verkleidung, worauf die Antenne samt ihrem Schaumgummibett ruht. Zwischendurch bekommen wir eine Meldung unseres Batteriesystems, dass es einen Kurzschluss an der Lichtmaschine gibt, obwohl alles zuverlässig arbeitet. Die Meldung an den Hersteller bringt derweil keine Antwort. Die Empfehlung des Elektrikers: „Ignorieren“.

Zum Wassermachen motoren wir in die Beau Vallon Bucht. In der Nacht werden wir durchgeschüttelt, der Wind nimmt immer weiter zu mit Böen um die 30 Knoten, daher fahren wir am nächsten Tag nach dem Wassermachen zurück zum Schrebergarten. Auch dort gibt es momentan nächtlich über 30 Knoten in Böen was zwar laut ist aber von Wellen bleiben wir hier verschont. Da sich Kerstins medizinische Ausbildung in der Zwischenzeit herumgesprochen hat, erfolgt auch schon mal eine Kaffee-Sprechstunde am Schiff, wobei ihre Diagnosen und Therapievorschläge von den örtlichen Spezialisten mit Gerätediagnostik stets bestätigt werden. Was man durch Reden alles herausfinden kann…

Die Filter unseres Wassermachers haben ein nicht gängiges Spezialmaß. Wir versuchen Händler ausfindig zu machen. Der deutsche Händler Aquagiv, von dem er gekauft wurde ist auf Tauchstation – keine Antwort. Das Händlernetz auf der Webseite des Herstellers Ecosistems ist nicht aktuell. Drei der Händler behaupten, noch nie etwas davon gehört zu haben. Also bestellen wir die notwendigen Teile beim Hersteller in Barcelona. Nach der Bezahlung merkt Ecosistems, dass sie die Teile gar nicht haben. Dann geben sie preis, dass es hier auf Mahe einen Händler gibt. Sein Webshop ist erst eine Woche alt und er ist noch nicht im Internet auffindbar. Letztendlich bestellen wir bei ihm telefonisch und die Ersatzteile sind am nächsten Tag bei uns. 

In der Werft bereiten wir Infinity auf das Kranen vor. Der kleine Lift schaut nicht besonders vertrauenserweckend aus, viel Platz ist auch nicht, die Rezensionen früherer Kunden geben Anlass zum Beten. Morgens um acht werden wir aus dem Wasser gehoben, geht nur bei Hochwasser, sonst ist das Becken zu seicht. Mit bangen Blicken und flauem Magen geht Infinity aufs Trockene. Dort sollte sie jetzt mit Hochdruck gereinigt werden. Leider kein Wasser. Letztendlich klappt dann doch alles.

Unser Mechaniker erscheint. Jetzt bekommen die Saildrives ihre siebenjährige Wartung. Das heißt: Motoren ausbauen, nach vorne hieven, Saildrives ausbauen, herausnehmen, reinigen, neue Dichtungen, neue Manschetten und so weiter. Kaum ist der Motorraumdeckel offen, fehlt schon das erste Teil. Eine Woche Lieferzeit, hurra! Es gibt aber einen Geheimtipp auf der Insel: ein Schmuggler, der die Ersatzteile aus Dubai im Koffer mitbringt und vor Ort verfügbar macht. Leider ist er nicht erreichbar. Nach unzähligen Versuchen und Anrufen meldet er sich besoffen am Telefon. Ja er hat die Ersatzteile. Nur kann er weder seine Adresse sagen, geschweige denn diese herbringen. Damit bleibt nur Warten auf die Bestellung aus Europa. Die Motoren bekommen neue Einspritzdüsen, Ventilspiel wird eingestellt, alle unmöglichen Dichtungen gewechselt, alle Schläuche neu, Wasserpumpe tauschen, Motorfüße neu, Wärmetauscher gesäubert, Dämpfungsplatten neu und zusätzlich die normale Wartung mit Öl und Filtern sowie Saildrive-Dichtungen. Die Dichtungen haben im Propellerschaft bereits Laufspuren hinterlassen, bei denen wahrscheinlich langsam Seewasser in das Getriebe eingedrungen ist. Diese werden mit einer Wellenschutzhülse repariert. Zwei Schichten Antifouling selbstverständlich. Wir sind schon gespannt, was alles nicht funktionieren wird, sobald wir wieder im Wasser sind. Die Antifouling-Arbeiten erfolgen erstaunlicherweise zeitgerecht. Bald soll das Rigg aus Frankreich ankommen und dann kann sich Infinity wieder „Segelschiff“ nennen. 

2 Kommentare

  1. Klingt nach Hard Core Resilienztraining 🤓 Ich hoffe alles geht gut über die Bühne. LG Andreas

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