Eine Nacht auf Infinity zum Durchschnaufen, dann geht unsere Landtour weiter. Wir starten gleich oberhalb von Walvis Bay, dort wo Atlantikluft und Wüste um die Vorherrschaft ringen. Unser erstes Ziel sind die riesigen Dünen vor den Toren der Stadt. Die Sandriesen sind hier nicht rot wie in der Namib-Wüste, sondern sandbeige eben. Dafür sind wir fast allein. Bewegung schadet nicht, wenn man die letzten Tage hauptsächlich das Lenkrad umarmt hat. Also raus aus den Schuhen. Barfuß über Sand zu gehen ist so ein kleines Luxusgefühl, das nichts kostet und einen sofort geistig in den Urlaub katapultiert. Jeder Schritt sinkt ein, der Sand ist warm, und irgendwann merkt man: Man kann sich erstaunlich gut damit beschäftigen, einfach nur vorwärtszugehen und den Ausblick auf Meer und Dünenlandschaft zu genießen.
Gleich im Anschluss landen wir in Swakopmund. Die Stadt trägt ihre deutsche Vergangenheit recht offen zur Schau: Architektur, Schilder, Straßenzüge, ein bisschen Nordseegefühl am Rand der Namib. Es ist ein nettes Städtchen, das auch in Friesland stehen könnte. In Geschäften und Restaurants wird viel Deutsch gesprochen, was vermutlich nicht nur aus Herzlichkeit passiert, sondern auch aus kaufmännischer Weitsicht. In der kleinen Fußgängerzone kann man sein gesamtes Urlaubsgeld lassen, und Vorsicht ist vor allem geboten, wenn Personen ein ausgeprägtes Verhältnis zu Handtaschen und Edelsteinen haben. Brauchen wir alles nicht.



























Zum Abschluss gibt es im Swakopmund Brauhaus solide Hausmannskost in sehr bayerischer Umgebung. Aber wir haben einen straffen Zeitplan. Also düsen wir weiter Richtung Spitzkoppe, dieses Granitmassiv, das wie ein Fremdkörper aus der Ebene wächst und zu Recht als Fotomagnet gilt. Auf dem Weg nehmen wir noch Moon Valley mit. Die Seitenstraßen unterscheiden sich von den Hauptstraßen überwiegend durch die Breite, nicht unbedingt durch die Sanftheit. Sand und Schotter in allen Qualitätsstufen. Ein Einheimischer nennt das grinsend „afrikanische Massage“. Die eigenwillige Hügellandschaft von Moon Valley ist trotzdem beeindruckend, und allein mit dem Auto durch diese Weite zu fahren, verstärkt den Eindruck noch: Hier ist Platz. Für Staub und Gedanken.
Auf einer schmalen Straße werden wir von einem Einheimischen angehalten. Er sei mit seinem Freund über Nacht im Nirgendwo gelandet. Benzintank leckgeschlagen, wieder geflickt, aber nun kein Geld für neuen Sprit. Hunger habe er auch. Er bräuchte dreihundert Namibia Dollar, um einen Bauern zu bitten, Benzin zu bringen. Unser Auto schluckt Diesel. Wir geben zweihundert und etwas zu essen. Wasser habe er noch genug. In dieser feindlichen Umgebung kann so eine Panne katastrophale Folgen haben. Umgerechnet zehn Euro haben wir schon schlechter ausgegeben.
Alle paar Kilometer stehen Leute an der Straße und winken mit leeren Wasserflaschen. Die Dörfer wirken einfach, Satellitenschüsseln sind allgegenwärtig. Bei der Zufahrt zu Spitzkoppe wäre ein Tageseintritt fällig. Ähnliche Felsformationen haben wir schon deutlich imposanter gesehen und wir verzichten auf den Gang zum Felsen, drehen um und fahren einen großen Teil der Strecke zurück. Und da sehen wir ihn wieder: unseren benzinlosen Freund. Er scheint inzwischen reiche Beute zu machen. Ein anderer Tourist steht daneben und sucht Essen zum Verschenken. Wir halten an, erklären die Masche und schimpfen mit den Betrügern. Vor allem schadet dieses Verhalten jenen, die wirklich in Not sind. Wir werden jedenfalls nicht mehr stehen bleiben, wenn jemand hilfesuchend winkt.
Unser Zwischenübernachtungsziel ist Usakos. Die Straßen sind geteert, vor dem Städtchen geht es sehr lange bergab. Am Ende gibt es Ausweichspuren für Lastwagen mit maroden Bremsen. Hier läuft praktisch der gesamte Frachtverkehr ins nördliche und östliche Ausland. Der Eigentümer des Hotels zeigt uns Videos: ein Lastwagen, der überladen ohne Bremsen in sein Haus kracht. Gottseidank ist nichts weiter passiert. In der Gegend lebt man vom Bergbau, von Uran über Edelsteine bis hin zu Lithium. Auch unser Hotelwirt hat eine eigene Halbedelsteinmine. Das Wichtigste, sagt er, sei die Arbeiter zu beaufsichtigen, damit sie nicht zu viel selbst einstecken. Bei guten Fähigkeiten bleiben überführte Diebe trotzdem angestellt. Sie finden die meisten Steine. Pragmatismus auf namibisch. Das Hotel nennen die Besitzer „Bahnhof“. Es war nie am Bahnhof, aber deutsche Namen kommen gut an. Bei der Abreise verabschieden sie uns wie gute Freunde. Segler seien bei ihnen noch nie abgestiegen. Das sei einmal etwas anderes.
Unser nächstes Ziel ist eine waschechte Lodge mit Chance auf Sichtung von Wildtieren. Die Omaruru Game Lodge ist klein, dafür sehr nett. Wir bekommen eine Rundhütte, die alles hat, was man braucht. Ein Game Drive mit Wildsichtung ist hier nicht teuer, die Fläche überschaubar, und der eine oder andere kritische Gast degradiert so etwas zum Zoo. Ein großer Bereich ist für Elefanten reserviert, die man angeblich nicht bei jeder Fahrt findet. Wir haben Glück und sehen die Elefanten tatsächlich hautnah. Hinten auf dem Truck liegt frisches Heu, das sie als Zusatzfutter gerne haben. Natürliches Futter gibt es zwar ausreichend, aber Heu auf Rädern ist offenbar ein Argument.
Im zweiten, etwas kleineren 30 Hektar großen Bereich gibt es Flusspferde, Antilopen, Giraffen, Strauße, Springböcke und Zebras. Die kann man praktisch nicht verfehlen. Ganz besonders sind die Nashörner. Zwei sind gerade im Januar auf die Welt gekommen und trampeln noch etwas ungelenk um ihre Mütter herum. Gut, dass sie Menschen gewohnt sind. Die Rhinos werden rund um die Uhr von bewaffneten Wächtern bewacht. Pro Horn werden angeblich am Schwarzmarkt um die 40.000 Euro geboten. Es wird zu Pulver zermahlen vor allem in Asien als verbotenes Aphrodisiakum nachgefragt. Was es alles gibt… Direkt vor dem Lodge-Restaurant liegt ein künstliches Wasserloch, wo sich bis auf die Elefanten regelmäßig alle Tiere einfinden und die Gäste sowieso – zum hervorragenden Abendessen.
Ein letztes Mal geht es nordwärts. Das landschaftlich sehr schöne Damaraland lockt mit UNESCO Welterbestätten. Die Preise in den umliegenden Lodges sind hoch, sodass wir uns dieses Mal für ein Zeltcamp entscheiden. Ein Einheimischer steigt bei uns ein und fährt mit uns in die Wildnis, um die Wüstenelefanten zu finden. Wir ruckeln mit drei Fahrzeugen los. Dieses Mal zahlt sich der Allrad-Antrieb so richtig aus. Abgesehen davon, dass der Guide ständig rechts und links verwechselt und wir deshalb oft die Richtung abrupt ändern müssen, fahren wir steil bergab und bergauf durch ein ausgetrocknetes Flussbett über Stock und Stein. Der Camper hinter uns schwankt gefährlich. Der Guide tauscht sich mit anderen über Telefon aus. Daher finden wir zwei Elefantendamen mit einem Baby in kurzer Zeit. Die Mama ist so entspannt, dass sie stehend einschläft. Das Kleine rastet daneben auf der Seite. Die zweite Dame frisst inzwischen fast einen ganzen Baum leer. Als nächstes finden wir den Bullen Oskar, der gerade seinen Durst stillt. Durch die Wüste liegen Wasserleitungen, um die Bewohner zu versorgen. An einer Schlauchkupplung hat Oskar den Schlauch auseinandergenommen und saugt mit seinem Rüssel direkt aus dem Schlauch. Regelmäßig füllt er sich täglich mit seinem Rüssel 300 Liter in das gluckernde Maul. Unsere Fenster sind geöffnet und der Guide öffnet seine Wasserflasche. Sofort trabt Oskar auf uns zu, denn er hat ein feines Näschen für Wasser. Elefanten können es kilometerweit riechen. Schnell fahren wir weg von Oskar, weiter zu einem Wasserloch. Bei der Fahrt dorthin platzt beim Camper hinter uns ein Reifen. Eine Extraversicherung für Reifen und Windschutzscheiben ist hier Pflicht. Gemeinsam üben wir uns im Reifen wechseln. Die Erfahrung kann nicht schaden.






































































Wir brausen zu den nahegelegenen bis zu 6.000 Jahre alten Steingravuren weiter. Bei einer kleinen Wanderung sieht man Dutzende davon. Die Buschmänner haben mit den Gravuren ihre Kinder unterrichtet und anderen Nomaden Informationen über Nahrungsquellen hinterlassen. Es ging vor allem um Wasserlöcher und Tiere. Wirklich faszinierend. Jetzt sind wir zu spät für die Orgelpfeifen, aber unser Elefanten-Guide – in Doppelfunktion Nachtwächter – lässt sie uns trotzdem noch besichtigen. Die interessanten orgelpfeifenförmigen Basaltformationen gibt es angeblich nur zweimal auf der Erde.
Schlussendlich erreichen wir unsere Unterkunft. Die Zelte sind wasserdicht, halten Wind und die meisten Moskitos ab und haben eine eigene Nasszelle. Sonst wird alles geboten: Pool, Sundowner mit Bar auf dem Granithügel. Die Aussicht ist atemberaubend. Auf der einen Seite der Sonnenuntergang, auf der anderen die rot beleuchteten Felsen mit dem Brandbergmassiv und dem höchsten Berg des Landes.
An der Skelettküste geht es wieder gen Süden. Dieser Abschnitt ist berüchtigt, da es an der Küste oft dichten Verdunstungsnebel gibt und hier viele Schiffe bei schlechter Sicht gestrandet sind. Die Überlebensfreude der Gestrandeten endete jäh, als sie feststellen mussten, dass sie sich nun in einer wasserlosen Wüste befinden. Durch die Trockenheit wurden sowohl Wracks, Wal-, als auch Menschenknochen im Sand perfekt konserviert.
1.700 km legen wir in sieben Tagen zurück. Das meiste auf Schotterstraßen mit einem Bremsweg, der so lange ist wie jener eines Frachtschiffs auf hoher See. Eine Vollbremsung legen wir für einen Strauß ein. Der dampft mit Vollgas wie ein Güterzug quer durch die Savanne über die Straße und schaut weder links noch rechts. Kein Wunder – ist er doch in der Tierwelt einer der schnellsten und braucht normalerweise weder Hupe noch Blinker. Der Strauß und wir überleben den Zwischenfall unverletzt. Und so geben wir unser Leihauto ohne größere Zwischenfälle zurück und bereiten uns auf den nächsten Segelschlag nach St. Helena vor. Acht Tage Südatlantik liegen zwischen Napoleon Bonapartes letztem Domizil und uns.
