Knysna und Umgebung

Nahe Durban ist noch kaum Wind als wir an der Wild Coast lossegeln. Anfangs heißt es „motoren“ um Meilen zu machen. Bald kommt Wind auf. Mit dem Bluewater-Runner und einer mitlaufenden Strömung von zwei bis sechs Knoten fliegen wir dahin. In Spitzen segeln wir bis zu 15 Knoten über Grund und neun Knoten durchs Wasser. Die Wellen steigen zum Teil von hinten ein. Unser 24-Stunden-Etmal ist mit 234 Seemeilen ein neuer Rekord. Am letzten Stück segeln wir durch einen riesigen Schwarm schwimmender Tölpel. Die armen haben Mühe, vor Infinity zu flüchten. Als wir das Segel vor der Einfahrt zu Knysna einrollen, spielen Delfine am Bug und Robben und sogar Wale kommen nahe. Was für ein Empfang!

Eine Stunde vor Hochwasser kommen wir wie geplant an den Knysna Heads an. Zu dieser Zeit ist die gefährliche und seichte Einfahrt zwischen den hohen Felsen am besten navigierbar. Jetzt volle Konzentration. Martin programmiert wie immer die Wegpunkte bei haarigen Einfahrten in den Plotter und lässt Fredl steuern, um die ganze Aufmerksamkeit dem Überblick über Kurs, Verkehr, Umgebung, Wind, Schiff, Strömung und Wellen widmen zu können. Kerstin steht vorne am Bug und hält Ausschau, ob nicht doch irgendetwas im Weg ist. Die Einfahrt ist spektakulär. Rundherum tosen die Wellen um die Felsen. Nur die Fahrrinne ist ruhig. Danach halten wir uns an die Fahrwassertonnen bis kurz vor Knysna. Fast am Ziel finden wir uns inmitten in einer Segel-Regatta und der widerspenstigen Strömung wieder. Wir haben alle Mühe, die Rennboote freizuhalten und die Ausflugsboote vorbeizulassen. Bremsen, ausweichen, Gas geben. Schließlich landen wir mitten im Gewühl am Dock des Knysna Yachtclub.

Jetzt bahnt sich wieder die Landroutine an. Wasser bunkern, putzen, Wäsche waschen. Hier sind wir in einer ganz anderen Welt als in der Fünf-Millionen-Stadt Durban. Knysna ist eine Kleinstadt in schöner Natur mit netten Häusern, Geschäften und Lokalen – angeblich ohne Kriminalität. Das heißt, man kann hier zur Abwechslung einfach losspazieren und das Städtchen erkunden.

Knysna liegt an der Gardenroute, der berühmten Panoramastraße im Süden Afrikas – viele deutsch und holländisch sprechende Touristen inklusive. Mit dem Leihwagen tun wir es den Touristen gleich und erkunden die Umgebung.  Wir nehmen den Wanderweg im Robberg Naturpark. Herrliche Aussichten auf das Zusammenspiel zwischen Meer, Felsen und Sand. Die namensgebenden Robben räkeln sich in der Sonne und nehmen ab und zu ein kühles Bad. Geologisches Highlight: genau hier sind die afrikanische und australische Platte vom Urkontinent  Gondwana auseinandergedriftet. Die Bloukrans Brücke ist eine hohe Autobahnbrücke und mit 216 Metern Tiefe die höchste Bungee-Jumping-Brücke der Welt. Uns beeindruckt aber viel mehr das darunterliegende tief eingeschnittene lange Tal, das weit unten ein Flüsschen beherbergt. Vor Einbruch der Dunkelheit möchten wir noch den Spitzkop Viewpoint erreichen, der einen schönen Blick über Berg und Tal zeigt. Google Maps navigiert uns recht abenteuerlich. Auf einmal stehen wir vor einem Forstweg mit „Durchfahrt verboten“ und ein Springbock spaziert gemütlich über die Straße. Wir müssen uns einen anderen Weg zum Gipfel suchen. Jetzt verstehen wir, warum man hier mit einem Allradvehikel oder einem Mietauto fahren soll. Die Straße ist schlechter als schlecht. Aber es lohnt sich. Der Ausblick auf die Berge im goldenen Licht der Abenddämmerung und die blühenden wilden Sträucher, die tatsächlich an einen Garten erinnern, lassen uns genüsslich innehalten.

Am nächsten Tag fahren wir Richtung Westen. Vorbei an kleinen Städten mit Sandstränden und beeindruckender Brandung geht es nach Mossel Bay. Eine nette Stadt mit kleinem Schifffahrtsmuseum, welches das in Originalgröße nachgebaute Schiff des portugiesischen Seefahrers Bartolomeu Dias beherbergt. Dieser hat bereits im 15. Jahrhundert Südafrika bis in den Indischen Ozean umrundet und damit den Seeweg nach Asien begründet. Er nannte das Kap bezeichnender Weise „Kap der Stürme“. Dem König von Portugal gefiel das nicht, weil es den Seeleuten und Investoren Angst machte, deshalb benannte er es in „Kap der guten Hoffnung“ um. Klingt gleich viel netter. An den Stürmen ändert es freilich nichts.

Etwas unterhalb von Mossel Bay liegt der „Point of Human Origins“. Beim Bau einer Golfanlage wurden von Geologen Gesteinsuntersuchungen gemacht, wobei sie zufällig auf mehr als 160.000 Jahre alte Artefakte gestoßen sind. Das sind die ältesten Zeichen des modernen Menschen, die je gefunden wurden. Wir bewundern Pfeilspitzen, Steinwerkzeuge, Malfarben und Muscheln in der Höhle. Von Südafrika aus hat der Homo Sapiens den ganzen Globus bevölkert. Die Menschen hatten damals bereits eine relativ hohe Lebensqualität und waren intelligent, sowie äußerst anpassungsfähig. Wir betrachten ehrfürchtig die Hinterlassenschaften unserer Urahnen in der „Wiege der Menschheit“.

Nächster Stopp: Swellendam. Es ist die drittälteste Stadt Südafrikas mit entsprechend vielen historischen Bauten und dem sympathischen kleinen Drostdy Museum. Dann machen wir uns auf zum Kap Agulhas. Es ist zwar weniger bekannt als das Kap der guten Hoffnung, aber der südlichste Punkt Afrikas, wo der Indische Ozean auf den Atlantik trifft. In der Seefahrt nicht weniger berüchtigt als das Kap der guten Hoffnung. Der Leuchtturm ist riesig. Er weist allen Schiffen und bald auch uns den Weg um die Südspitze Afrikas. In Bredasdorp statten wir dem Schiffswrack-Museum mit Artefakten unzähliger Wracks einen Besuch ab. Wracks gibt es leider viele in der Gegend.

Ein Zwischenstopp in Calitzdorp belohnt uns mit einem kleinen Weingut mit herrlicher Aussicht und hervorragendem Essen. Zufällig erfahren wir, dass der spätberufene Weinbauer und Besitzer Graham früher als Skipper auf allen Weltmeeren unterwegs war. Noch drei Stunden nach Lokalschluss tauschen wir als einzige Gäste Geschichten mit dem sympathischen Weltenbummler aus. Bei Schiffbruch mit seiner Yacht an der Wildcoast rettet er zuerst den Hund und dann erst seine Frau, was ihm spöttische Zeitungsartikel in den lokalen Magazinen bescherte. Immerhin wurden die Weine der beiden nach kurzen fünf Jahren als Neo-Weinbauern bereits mit Goldmedaillen ausgezeichnet.

Über Passstraßen mit herrlicher Aussicht gondeln wir nach Oudtshoorn, dem Zentrum der Straußenfarmen. Das dortige Museum zeigt die Geschichte der Straußenfarmer, die Ende 19. Jahrhundert zu Reichtum gekommen sind. Federn, Eier, Leder und Fleisch sind auch heute noch begehrt.  Straußeneier sind ähnlich einem Hühnerei, allerdings mit 23-mal so viel Inhalt.

Mit vielen schönen Eindrücken kehren wir nach Knysna zurück, wo wir wieder Ausschau nach einem Tag halten, um die Heads mit Infinity sicher verlassen, sowie Kap Agulhas und das Kap der Stürme sicher passieren zu können. Wir sind guter Hoffnung.

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