Von Fernando de Noronha segeln wir zwei Tage nach Jacare an die Ostküste Brasiliens. Das Festland scheint sich mit aller Gewalt gegen unsere Ankunft zu sträuben. Regen, Gegenwind, Gegenstrom, tropische Hitze. Die Einfahrt in den Paraibo-Fluss wollen wir mit mitlaufendem Gezeitenstrom bei Tageslicht unternehmen. Das erfordert einen strikten Zeitplan. Schließlich müssen wir mit beiden Motoren gegen Wind und Strömung anlaufen, um das richtige Zeitfenster zu erwischen. Die Einfahrt ist ruhig, keine brechenden Wellen an der Barre und der Strom schiebt uns mit einem Knoten an Cabedelo vorbei zur Marina Jacare. Die Marina ist klein und ruhig gelegen. Angelegt wird wie im Mittelmeer mit Mooring-Leinen zum Bug und das Heck gegen das Schwimmdock. Dabei werden die Bugleinen mit einem kleinen Boot von den Marineros festgemacht. Die Strömung wechselt mehrmals täglich die Richtung mit den Gezeiten. Sie dürfte aber maximal drei Knoten betragen und der Wind ist in dieser Ecke kein Thema. Infinity liegt also sicher. Man fühlt sich ein wenig wie am Dorf. Pferde, Hunde und Katzen laufen auf den Straßen, der Straßenverkehr ist überschaubar. Es wird gegrüßt. Jacare bedeutet Kaiman. Angeblich gibt es keine, aber das braune Flusswasser lädt ohnehin nicht zum Schwimmen ein. Die Strände auf der anderen Seite der Halbinsel hingegen schon.
Die Marina wird vom Franzosen Nicolas betrieben, der auch gleichzeitig Küchenchef ist, was dem Marina-Restaurant sehr zugute kommt. Mit dem Taxi geht es zum Zoll und zur Hafenbehörde, um den Checkin für das Festland Brasiliens zu vervollständigen. Alle sind freundlich, aber außerhalb der Marina spricht niemand englisch. Sogar die Frage „do you speak English“ zaubert den Brasilianern einen verklärten Ausdruck ins Gesicht (Kuh, wenn es donnert). Aber der gute Wille ist da und mit Übersetzungs-App, Hand und Fuß ist letztlich alles kein Problem. Aufgrund der naheliegenden Millionenstadt Joao Pessoa sind wir hinsichtlich Kriminalität vorgewarnt. Wenn wir auf die Straße gehen, dann mit unserem schäbigsten Outfit. Vielleicht haben wir es übertrieben, denn die Leute scheinen sich vor uns zu fürchten. Naja, besser als umgekehrt.

















In Südafrika haben wir gelernt, dass uns beim Segeln warmes Wasser und schönes Wetter wichtiger sind als in die hohen Breiten zu segeln. Nachdem wir in Mittelmeer-Sommern seglerisch sozialisiert wurden, gehört es für uns einfach dazu, am Ankerplatz ins Wasser zu springen, zu schnorcheln und die Füße in den Sandstrand zu stecken. Deshalb haben wir entschieden, dass für uns in nächster Zeit weder die Magellanstraße noch der Beagle Kanal und schon gar nicht die Drake-Passage ein Thema sein werden. Das heißt nicht, dass wir Patagonien und Feuerland nicht liebend gerne sehen wollen. Wann also, wenn nicht jetzt, wo wir schon mal am richtigen Erdteil sind. Im Nordosten Brasiliens würde ohnehin nur die Regensaison auf uns warten und Infinity lassen wir mit gutem Gewissen in Jacare – also begeben wir uns zum Flughafen von Joao Pessoa.
Zunächst wollen wir in den Süden, da der Winter bevorsteht und es in Patagonien und Feuerland empfindlich kalt wird. Reisen in Hochgeschwindigkeit fordert ihren Tribut: Die Gepäcklogistik ist eine Herausforderung. Von Copacabana bis Feuerland muss alles in die Koffer. Gepäckvorschriften ändern sich von Transport zu Transport, also ist wie immer Flexibilität gefragt. Die erste Hürde ist die Ausreise aus Brasilien. Die Beamten sind entweder strafversetzt oder sehbehindert. Kerstin hat Glück. Nach zwei Stunden warten ergattert sie den ersehnten Ausreisestempel. Den brauchen wir für die Berechnung unserer erlaubten Restzeit des 90-tägigen Brasilien-Visums, sobald wir zurückkommen. Leider wurde dieser in Martins Pass vergessen, sodass er sich noch einmal ganz am Ende der Reihe anstellen muss und damit als Letzter ins bereits wartende Flugzeug steigt. Bei der Landung überrascht uns ein Retro-Klassiker im Flugverkehr: Das Flugzeuglandungsklatschen ist hier noch immer up to date. Die Einreise nach Argentinien, genauer gesagt Buenos Aires, verläuft erfreulich ereignislos. Die drei veranschlagten Tage zur Besichtigung von Buenos Aires sind aber knapp bemessen, da wir von hier noch einen Tagesausflug nach Colonia del Sacramento in Uruguay machen. Die Altstadt portugiesischen Ursprungs ist UNESCO-geadelt und hat sich seinen jahrhundertealten Charme bewahrt. Auch Buenos Aires hat entgegen mancher Meinungen einiges zu bieten. Besonders die Viertel San Telmo und Palermo gefallen uns. Das Tango-Flair ist überall allgegenwärtig. Tag und Nacht wird auf den Plätzen getanzt. Der Stadtteil Boca hat dagegen eine andere Atmosphäre. Hier im Arbeiterviertel begann Diego Maradona seine Fußballkarriere und das ganze Viertel ist in den Vereinsfarben der Boca Juniors blau-gelb getaucht. Argentiniens Fußballgötter Maradona und Messi sind allgegenwärtig: Hauswände, Statuen, Trikots, Hundebekleidung, ganze Straßenzüge; man entkommt ihnen nicht. Der ehemalige argentinische Papst Franziskus spielt angesichts der Fußballgötter eine Nebenrolle bei der Straßengestaltung – ist aber dort und da ebenfalls sichtbar. Das Bocas-Stadion erhebt sich wie ein blau-gelbes Alien aus den engen Gassen und ist durch seine steilen Tribünen angeblich jenes, mit der weltweit höchsten kollektiven Energie und der daraus entstehenden besonderen Atmosphäre. Leider steht diese Woche ein Auswärtsspiel an.






































Unser Tipp ist der Friedhof La Recoleta. Er besteht ausschließlich aus überdimensionalen Mausoleen. Man könnte meinen, hier baut man Häuser für die Toten – mit Türen, Fenstern, Kellern, Entlüftungsschornsteinen und allem was dazugehört. Die Särge sind teilweise von außen sichtbar. Der Friedhof übt eine morbide Faszination aus. Berühmte Persönlichkeiten wie „Evita“ Eva Peron sind hier bestattet.


















Unser nächster Flug bringt uns nach El Calafate. Von hier aus sind die berühmten Gletscher Perito Moreno, Upsala und Spegazzini am größten See Argentiniens, dem Lago Argentino erreichbar. Unwirklich bläulich schimmern die ins Meer ragenden Gletscherzungen und die davor treibenden Eisberge. Die Gletscher ragen bis zu 100 Meter über dem See auf. Als Krönung leuchtet nun noch ein Regenbogen über den See und die Eismassen. Wo sind die rosa Delfine? Leider hat der Klimawandel auch diese Region im Griff. Der Perito Moreno verliert seit einigen Jahren im Durchschnitt einen halben Kilometer pro Jahr. Bei 30 km Gesamtlänge kann man sich leicht ausrechnen, wann er verschwunden sein wird. Argentinien wird ab hier ziemlich teuer. Allein ein Tageseintritt in den Gletschernationalpark kostet pro Person umgerechnet 27 Euro, ohne Transport oder Boot, auch zum bloßen Wandern. Am besten kommt man mit Bargeld in Euro her. Dann sind immer mindestens zehn Prozent Rabatt drin. Am Bankomaten Pesos zu holen ist keine gute Idee. Schlechter Wechselkurs und überhöhte Gebühren sind die Folge. Kreditkarten werden ohnehin überall akzeptiert. Restaurants sind in der Nachsaison nicht mehr alle geöffnet. Kulinarisch steht hier Fleisch ganz oben. Der hier typische Holkohlegrill Parrilla bietet dicke Steaks, am Spieß gegrilltes Lamm und die heimische Lamaart „Guanaco“. Dazu gibt es hervorragenden Malbec. Das Nationalgetränk Mate-Tee wird überall und zu jeder Tageszeit getrunken. Die Unterkünfte sind großteils auf Sommertourismus eingestellt: Wände dünn, Heizungen überlastet. Dicke Socken werden plötzlich überlebenswichtig.































Pumas haben wir leider noch nicht entdeckt, aber Lamas, wilde Pferde, Kondore, Chile-Flamingos, Adler, neugierige Schopfkarakas, entspannt klopfende Spechte in verschiedenen Farben, einen Buntbinsen-Tyrann, der auf Krümel hofft und natürlich Katzen und Hunde. Eine Mutterkuh ruft das Kalb bei Sonnenuntergang vom Hügelkamm ins Tal. Die beiden verständigen sich muhend über den langen steilen Weg, bis das Euter schließlich entlastet wird.
Mit dem sehr bequemen Linienbus fahren wir weiter nach El Chalten zum Wander-Mekka Patagoniens. Wir sind die ältesten Touristen. Die meisten Wanderer sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Für unsere Seebeine sind Wanderungen mit einem Höhenunterschied von 400 Metern bereits eine Herausforderung. Wettermäßig haben wir Glück. Am strahlend schönsten Herbsttag mit beinahe wolkenlosem Himmel wandern wir zum Capri See mit dem wunderschönen Blick auf den Berg Fitz Roy, dem Highlight des Gebietes. Ein weiterer schöner Tag bringt uns zum Aussichtspunkt auf den Torre Cerro – einer spektakulär spitzen Felsnadel. Jetzt ist erst einmal Schlechtwetter angesagt. Für uns heißt das Wäsche waschen, rasten, und auf den Bus nach Puerto Natales warten. Das liegt auf der Westseite der Anden und damit bereits in Chile.























