Segeln um Kap Agulhas und das Kap der guten Hoffnung

Mike vom Knysna Yachtclub hat die Heads bereits 3000-mal passiert. Es handelt sich dabei also um seine Westentasche. Sein Haus befindet sich am Hügel, wo er die Bedingungen mit dem Fernglas überwachen kann. Außerdem gibt es mittlerweile eine öffentlich zugängliche Webcam, die die Ausfahrt live via Videostream ins Internet überträgt. Zwei Stunden vor Hochwasser gibt Mike via WhatsApp sein okay. Sogleich verlassen Moana, Oda und Infinity hintereinander den Steg des Knysna Yachtclub. Gegen die einlaufende Strömung geht es Richtung Heads. Die Wellen scheinen über die gesamte Ausfahrt der Knysna Heads zu brechen. „Uiuiui“, das sieht gar nicht gut aus. Erst als wir näherkommen, sehen wir eine schmale Schneise nicht brechender Wellen. Genau die visieren wir an. Bei der Ausfahrt ist die Ideallinie noch enger an den westlichen Felsen wie bei der Einfahrt. Das heftige Stampfen des Bootes kennen wir bereits von den Pässen in den Pazifikatollen und den Bahamas. Das Essgeschirr bleibt diesmal vollzählig und wir atmen auf, als wir die respekteinflößenden Felsen mit den tosenden Wassermassen passieren. Draußen geht die Post ab. Mit 27 Knoten Wind von hinten düsen wir westwärts. Irgendwie fühlt es sich gut an, wieder Richtung Sonnenuntergang zu segeln und nicht nur nach Süden – so wie die letzten Monate. Die Strömung ist noch immer günstig, nimmt aber deutlich ab. Die Vorhersage verheißt abnehmenden Wind, sodass wir das Kap der guten Hoffnung in ruhigem Wetter passieren sollten. Es stimmt. Mit Vollzeug geht es bei herrlichem Sonnenschein um das Kap Agulhas und in der Nacht runden wir mit Gennaker das Kap der guten Hoffnung. Im fahlen Mondlicht sehen wir die steilen Felsen spektakulär aufragen. Gottseidank bei unspektakulären Verhältnissen.

Nach fünfeinhalb Jahren haben wir den dritten der drei großen Ozeane überquert. Eines der drei großen Kaps der Welt umrundet (Kap der guten Hoffnung, Kap Hoorn, Kap Leeuwin), die heikle Wild Coast hinter uns gelassen, und sind von Osten ankommend wieder am gleichen Längengrad gelandet, den wir 2020 in der Adria Richtung Westen verlassen haben. In Längengraden haben wir also die Welt umsegelt. Dabei haben wir 40.000 Seemeilen (74.000 km) – das ist knapp zwei Mal die Länge des Äquators – zurückgelegt. Wer hätte das gedacht? Wir jedenfalls nicht! Ein riesengroßes Dankeschön an alle, die uns mit Gedanken, Worten und Werken unterstützt haben.

Nur nicht zu früh freuen. Erstmal in die Houtbay südlich von Kapstadt einlaufen. Sie ist umgeben von Bergen und die Winde im Kessel spielen verrückt. Von einer Sekunde auf die andere dreht der Wind und nimmt um 20 Knoten zu. Wir sind froh, das Groß bereits geborgen zu haben. Jetzt haben wir alle Mühe, die Genua zu reffen. Schlussendlich laufen wir bei heulendem Wind unseren Liegeplatz an. Wir müssen mit dem Heck voraus in den engen Liegeplatz. Bei starkem Wind möchte man lieber umgekehrt mit dem Heck gegen den Wind anlegen, da die hinten liegenden Propeller den Fixpunkt darstellen und der Bug damit nicht so leicht vertreibt. Gut, dass der Stegrand gepolstert ist, denn als wir langsamer werden, drückt der Wind sofort den Bug zur Seite und wir kommen etwas quer. Mit quietschendem Steggummi kommen wir schadlos zu stehen. Geschafft.

Der fauchende Wind in der Houtbay Marina bleibt in den folgenden Tagen stets über 20 Knoten stark. Die Böen gehen in die Vierziger. Es ist verdammt laut. Zu den klappernden Fallen gesellen sich das dumpfe Brummen des an den Rumpf anprallenden Winds und das Heulen in den Riggs. Viele Yachten haben neue Festmacher und wir verstehen nur zu gut warum. Angeblich heult der Sturm hier manchmal mit bis zu 67 Knoten von den Bergen herunter. Infinity vertäuen wir in alle Richtungen an verschiedenen Klampen wie eine Spinne im Netz mit sämtlichen Festmachern. Das Schwimmdock sieht manchmal aus wie ein sich schlängelndes Reptil und man hat Mühe, gerade aus zu gehen. 

Mit Verena und Tim von der Moana stoßen wir auf die Rundung der beiden Kaps an, und wir erkunden gemeinsam das Städtchen mit Fischereihafen, Fischhändlern, Restaurants, Markthalle und Cafes. Am schönen Strand sieht man wegen des quertreibenden Sands im Starkwind und wohl auch wegen der niedrigen Wassertemperatur keine Schwimmer. Einige Robben räkeln sich dort und da. Eine streckt unter Wasser treibend eine Flosse heraus und segelt damit langsam durch die Marina. Seevögel müssen zum Starten bloß ihre Flügel ein klein wenig Entfalten und schon „explodieren“ sie förmlich ohne einen einzigen Flügelschlag mit dem fauchenden Wind in die Luft. Strandspaziergänge enden mit zusammengekniffenen Augen alles festkrallend, was fliegen könnte. Die Luft ist erfüllt von Salz und Sand. Das Kap der Stürme hat seinen ursprünglichen Namen also nicht umsonst bekommen. Wie gut, dass wir sicher in der Marina liegen. Auch die Youtuber „Sailing Nandji“ liegen hier und Yoshi schildert uns lebhaft sein aktuelles Motorprojekt. Alter Motor raus, neuer rein. Eine ziemlich große Aufgabe.

Nach wenigen Tagen machen wir früh morgens unseren Liegeplatz frei für Happy Days, den australischen Katamaran mit der sympathischen kinderreichen Familie „Sailing with six“. Das erste Mal haben wir uns auf den Malediven getroffen. Um 6:00 Uhr morgens geht es dank der soeben einsetzenden Flaute noch schnell an das 24 Stunden verfügbare Tankdock. Es passt nicht viel Diesel rein, doch wir nutzen diese bequem verfügbare Nachfüllung, damit wir nicht woanders Kanister schleppen müssen. Außerdem ist ein bis an die Kante gefüllter Stahltank besser, um nicht dem Kondenswasser und damit auch der Dieselpest den Weg zu ebnen. 

Der kurze Törn nach Kapstadt beginnt so wie der letzte geendet hat. Mit plötzlich auftretenden Böen in der Houtbay. Sobald wir draußen sind, segeln wir in ruhigen Verhältnissen nach Norden bis die Fallwinde von den Bergen in Stärke und Richtung so stark variieren, dass wir die Segel einholen und die letzten Meilen mit Motor zurücklegen. Der Anblick Kapstadts mit dem 1000 Meter hohen flachen Tafelberg bei der Ankunft von See aus ist atemberaubend. Kaum stecken wir die Nase um die Ecke vor der Hafeneinfahrt von Kapstadt, schnellt der Wind von drei auf 30 Knoten hinauf und wir machen uns wieder auf ein stressiges Anlegemanöver gefasst. Doch im Hafenbecken der V&A Marina hinter den beiden für uns geöffneten Hebebrücken herrscht angenehme Ruhe und wir landen sanft in diesem begehrten Hafen im Zentrum Kapstadts. Schon vor einem Jahr haben wir uns hier um einen Liegeplatz „beworben“ und schließlich mit einiger Hartnäckigkeit auch einen bekommen.

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