Auf Richtung Malediven

Die Wartezeit auf unser fünftägiges Wetterfenster für die Fahrt auf die Malediven versüßen wir uns mit Müßiggang. Strandspaziergänge, Strandbars, Strandrestaurants und so weiter. Wir genießen erstaunlich exzellente gegrillte King-Prawns und Barsche, sowie erstklassiges Sushi und Krabbencocktails. Eine Woche bevor unser Visum ausläuft, wird Wind in die richtige Richtung prognostiziert. Vorher und nachher für eine lange Zeit nichts. Diese Chance ergreifen wir selbstverständlich. Auf geht es zum örtlichen Markt für Proviant. Besonders innovativ finden wir den Marktstand mit dem Wild. Zwischen den Gemüseständen läuft ein lebendiger Hirsch herum und sammelt das verdorbene Gemüse vom Boden auf. Frischeres Wild gibt es nirgendwo. Das Ausklarieren ist problemlos und wir freuen uns auf die frische Brise auf See. Als wir den Anker in der Brühe von Trincomalee hochholen, entdecken wir eine bronzefarbene Verfärbung unserer Edelstahlankerkette und tiefrote Flecken auf Ankerwirbel und Anker. Wir hoffen, dass unsere Ankerkette nicht die schiffseigenen Propeller mittels galvanischer Korrosion verdaut. Die Opferanoden sind intakt. Eine Anfrage beim Hersteller läuft.

Die erste Nacht südwärts an der Ostküste Sri Lankas ist geprägt durch Gegenstrom und Ausweichmanöver um unzählige Fischerboote mit ausgelegten unbeleuchteten Netzen. Die Taktik ist, auf Rufweite zum Fischerboot hinzusegeln und dorthin zu manövrieren, wo die Taschenlampen der Fischer uns wie ein Flugzeug nach der Landung einweisen. Man weiß nie, ob das Netz gerade am Bug oder am Heck des Schiffs ausgelegt ist und die Lichterführung der Fischer ist ohnehin nicht regelkonform, sodass man von größerer Distanz keine Richtung erkennen kann. Das ist eine gute Segelübung. Erst eine Q-Wende, dann eine Halse und so weiter und so fort. Fischereislalom. Zu allem Überfluss kommen wir gegen Morgen in ein heftiges Gewitter. Das unaufhörliche Donnergrollen sorgt ganz ohne Subwoofer für die perfekte Soundkulisse. Immerhin wird das Boot durch den Platzregen mal wieder hochdruckgereinigt. Die zugehörige Blitzaktivität hätten wir nicht gebraucht aber das kann man sich nicht aussuchen. Immerhin gibt es Wind zum Segeln. Am nächsten Vormittag können wir einer herannahenden dunkelschwarzen blitzenden Front gerade noch ausweichen. Dann fahren wir 36 Stunden durch tiefhängende Wolken. An der Südseite Sri Lankas haben die Fischerboote und deren Netze alle AIS. Dadurch wird das Ausweichen einfacher und die Strömung ist nun eineinhalb Knoten mit uns. Der Wind kommt direkt von hinten, was uns zum Setzen des Gennakers bewegt. Die Wettervorhersage hat maximal 23 Knoten Wind vorausgesagt und deshalb lassen wir das große Vorwindsegel auch nachts draußen, was wir bald bereuen sollten. Die Großschifffahrt ist rege und an der Südwestküste Sri Lankas gibt es sogar ein Verkehrstrennungsgebiet. Bei diesem Törn fühlen wir uns geschlauchter als bei den meisten vorangegangenen. Man muss eben immer auf der Hut sein. Fast wie Autofahren mit Gegenverkehr, aber dafür ohne Straßengraben. Unsere Schleppangel bleibt wie so oft fischtechnisch unberührt. Dafür schlägt bei neun Knoten Fahrt ein morscher Baumstamm an unserem Steuerbordrumpf ein und bricht an unserem Ruder entzwei nachdem wir ihn einige Meter mitgeschleift haben. Nachdem wir keinen Wassereinbruch feststellen, gehen wir mit der Situation entspannter um, als bei unserem ersten Baumstamm. 

Die in Neuseeland eingebauten Sicherungen für unsere Solarpanele stellen sich als die falschen heraus. Sie fliegen nämlich immer häufiger und eine Anfrage bei unserem Elektroprofi Ben in Phuket bestätigt, dass es sich dabei um Wechselstromsicherungen handelt, wir aber Gleichstromsicherungen brauchen. Alles was man nicht selber macht… Wir werden sie bei nächster Gelegenheit ersetzen müssen und bestellen sie bei Elektro Lehner in Schönau, da wir bald Gäste aus Österreich bekommen. 

Endlich segeln wir uns frei von der Küste und der Verkehr lässt nach. Dafür überholt uns in der Nacht eine am Radar unsichtbare Front, die mit beinahe doppelt so viel Wind aufwartet als prognostiziert. Da freut sich unser Rigg und der gesetzte Gennaker, den wir jetzt beim besten Willen nicht mehr einrollen können. Das Ungeheuer tobt am Vorschiff und wir surfen bei knapp 30 Knoten Windgeschwindigkeit mit elf Knoten Bootsgeschwindigkeit durch die Nacht. Wir fieren die Schoten und lassen Druck aus dem Segel. Stolz sind wir wieder einmal auf unseren Autopiloten Fredl, der unbeeindruckt 180 Grad vor dem Wind steuert wie befohlen und das Boot geradeaus surfen lässt. Froh sind wir auch über unser rechtzeitiges Auswechseln der Schothalterungen am Gennaker, denn diese wären spätestens jetzt gerissen und ein unkontrolliert flatterndes Ungetüm würde vor uns herfliegen. Das Rigg und die Schoten halten die Belastung aus, aber mit zunehmender Dauer treibt uns die Belastung des Segeltuchs die Sorgenfalten auf die Stirn. Der böige Wind macht das Bergen nicht einfacher. Wir wollen den Gennaker jetzt unbedingt in einer kurzen Phase schwächeren Windes so weit es geht einrollen. Dafür starten wir beide Motoren. Vollgas vorwärts, um den scheinbaren Wind und damit den Druck auf das Segel von hinten zu verringern. Wir leiten beide Schoten auf den Steuerstand um, sodass sie kontrolliert von einer Person gefiert werden können und die andere Person währenddessen am Vorschiff die Rollanlage bedienen kann. So kommen auch unsere Rettungswesten wieder einmal zum Einsatz, die wir sonst kaum brauchen, weil wir uns nicht vom geschützten Steuerstand wegbewegen müssen. Warten auf einige Knoten weniger Wind und los. Beim Lärm von Wind und Wellen muss man aus voller Brust schreien, um sich über einige Meter Entfernung verständigen zu können. Der Gennaker lässt sich mit viel Mühe bis zur Hälfte einrollen. Dann klemmt die Rollanlage. Martin zieht nach Leibeskräften und schließlich bekommen wir das zappelnde Tuch im Zeitlupentempo Zentimeter für Zentimeter ganz eingerollt. Wie wir am nächsten Tag feststellen, hat die Rollanlage zwar blockiert aber bei der Gewaltaktion wie durch ein Wunder keinen Schaden genommen. Mit gesetzter Genua reiten wir die Front weiter aus. 

Am nächsten Tag folgt schwacher Wind mit hoher Dünung, was zu nervigem Segelschlagen führt. Wir gönnen dem Rigg eine Pause, rollen die Segel ein und starten für einige Stunden einen Motor. Den Rest der Strecke können wir dank nachlassender Dünung relativ bequem ohne häufig auftretende Fischerboote und bei gutem Wetter segeln. Der schwache Wind gegen Ende beschert uns schwer erträgliche 30 Grad ohne Lüftchen an Bord, da der Fahrtwind den wahren Wind vernichtet und es dadurch am Boot praktisch windstill ist, aber damit können wir gut leben.

Die 750 Seemeilen bewältigen wir in den geplanten fünf Tagen und der Anker fällt in kristallklarem Wasser vor einem weißen Sandstrand in zirka 20 Metern Tiefe zwischen einigen anderen Segelbooten vor der Westküste von Uligan im nördlichsten Atoll der Malediven. Auch in diesem moslemischen Land ist der Freitag ein Feiertag. Noch dazu ist gerade Ramadan. Trotzdem kommen die freundlichen Offiziellen mit unserem Agenten Asadhulla nach dem Mittagsgebet an Bord und das Einklarieren ist in kurzer Zeit erledigt. Die Szenerie erinnert uns an die Tuamotus in der Südsee. Ein riesiges Atoll gesäumt mit kleinen Postkarten-Inselchen, Sandstränden und Riffen. Sonnen- und Mondaufgang sind episch, das Leben unter Wasser rege. Morgens kommt eine Delfinherde am Ankerplatz vorbei. Andauernd platscht es irgendwo im Wasser. Beim Schnorcheln entdecken wir zwei große schlafende Stachelrochen im Sand, jede Menge Fische und leider ein nicht mehr intaktes Korallenriff. Ein großer Barrakuda besucht uns beim Putzen der Propeller. Der Baumstamm hat einige heftige Schrammen am Rumpf und am Ruder hinterlassen aber es fühlt sich alles stabil an. Stoßgebet! 

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