Segeln durch die nördlichen Malediven

Nach der ermüdenden Passage lassen wir es wieder ruhiger angehen. Neben uns liegen die beiden Boote Fourstar und Second Sun. Die begrüßen uns gleich nett. Mukund von der Fourstar bringt zum Einstand ein gekühltes Bier vorbei. Erfahrungen, Neuigkeiten und Scherze werden ausgetauscht. Es gibt wieder Leben auf einem Ankerplatz. Daran sind wir gar nicht mehr gewöhnt. Entweder waren wir das einzige Boot oder aber wie in Phuket eines von vielen Booten. Im letzteren Fall kehrt interessanter Weise auch wieder Anonymität ein. Gemeinsam mit den anderen Crews machen wir einen Ausflug auf die Insel Ihavandhoo zum Einkaufen, Bummeln und Essen gehen. Schon Uligan ist aufgeräumt: neue Straßen mit Kanalisation und Neubauten, eine Marina für Fähren und Touristenboote wird gerade erweitert. Ihavandhoo ist schon eine Stufe weiter. Es gibt einen großen Kinderspielplatz und einen Bankomaten. Hier gibt es mehrere Geschäfte, die fast alles bieten, was man so braucht oder auch nicht, wie zum Beispiel Überraschungseier und Haribo. Die Geschäfte sind neu, zum Teil noch gar nicht fertig. Asad von der Agentur zeigt uns die Fortschritte und geht mit uns spazieren. Um fünf vor halb sieben kommen wir ins Restaurant, wo schon die Tische samt Speisen gedeckt sind. Getränke werden gebracht und um Punkt Sonnenuntergang greifen Asad und unser Ausflugsbootskapitän zu. Während Ramadan ist für Moslems von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang Fastenzeit. Kein Essen und keine Getränke während dieser Zeit.  

Hier im nördlichsten Atoll ist der Tourismus noch nicht so verbreitet, es gibt nur vereinzelt Ressorts. Da die Regierung nun Tourismus auch auf Einheimischen-Inseln erlaubt, versucht man vielerorts die kleinen Inseln attraktiver für Touristen mit kleinerer Geldbörse zu machen. Es entstehen kleine Pensionen und Hotels. Leider macht sich auch hier die Klimaerwärmung bemerkbar. Die Korallen im flacheren Wasser sind fast alle kaputt. Erstaunlicherweise wimmelt es hier trotzdem von Fischen in allen erdenklichen Größen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Netzfischen zwischen den Korallen kaum möglich ist. Speerfischen ist verboten, worum sich die Einheimischen aber nicht kümmern. 

Am Folgetag geht es mit den beiden anderen Schiffsbesatzungen für einen Grillausflug auf eine unbewohnte Insel im Atoll. Wie gut, dass wir Schnorchel-Ausrüstung mitgenommen haben, denn zuerst geht es zu einem Riff. Während wir Fischchen schauen, schießen die Einheimischen mit Harpunen das Grillgut innerhalb einer Stunde für elf Personen. Jeder Schuss ist ein Treffer. Manchmal gibt es sogar zwei Fische mit einem Schuss. Während wir Gäste Fischspießchen bekommen, darf die Crew vor Sonnenuntergang nur zuschauen. Am Schluss werden die Papierbecher und das Holzbesteck ins Feuer geworfen. Die Teller sind aus Porzellan. Die Verschmutzung der Strände hier ist geringer als in den Ländern zuvor, allerdings findet sich auch hier auf sämtlichen Stränden angeschwemmter Plastikmüll.

Wir beginnen mit Asad, Noforeignland und weiteren Informationen aus dem Internet die Route vom Norden bis in den Süden der Malediven zu planen. In zwei Wochen bekommen wir Besuch von Freunden in Male. Bis dort sind es etwas über 200 Seemeilen. Unseren ersten Stopp machen wir schon nach fünf Meilen. Eine unbewohnte kleine Insel mit Riff und schönem Sandstrand ganz für uns alleine und gelegentlich Delfine. In der Nacht wird es laut und hell. Es stellt sich heraus, dass ein größeres Fischerboot zirka 100 Meter neben uns steht. Hier wird auch mit Netz gefischt. Am Morgen sehen wir dann einen Fischschwarm, der sich unter unserem Boot versteckt. Dieses Mal haben sie Glück gehabt. Besonders blaue Doktorfische und Fledermausfische halten sich gerne beim Boot auf. 

An unserem nächsten Stopp, der Insel Naavaidhoo, lebt der von Asad empfohlene Tauchguide „Manch“. Hier gibt es zu den „normalen“ Attraktionen in der Unterwasserwelt eine große Kaverne zu sehen. Der Ankerplatz ist nicht ideal aber machbar. Wo wir schon in Dorfnähe ankern, besuchen wir die Insel natürlich. Auch hier ist vieles neu. Der Tauchshop ist gerade neu eingerichtet, der Lebensmittelhändler stellt noch einige Regale auf. Der Händler berichtet, dass gerade erst das Versorgungsschiff aus Male vorbeigekommen ist. Alles da. Zum Sonnenuntergang machen wir uns mit einer Dose Eiskaffee auf zum westlichen Strand. An Kitsch kaum zu überbieten. Feinster weißer Sand zwischen Palmen. Mülleimer mit Holzverkleidung vervollständigen den Eindruck dieses sauberen Strandes. Die Familien versammeln sich bei Sonnenuntergang allmählich zum Picknick. Die Frauen breiten das Essen am Strand aus, die Kinder laufen durchs Wasser und im Hintergrund grillen die Männer. Kaum ist die Sonne untergegangen bricht Betriebsamkeit aus. Wasserflaschen werden verteilt, Essen aus den Behältern geschöpft. Alle essen gemeinsam. Ein schöner Brauch. Die schwarz verschleierten Damen schwitzen hoffentlich nicht allzu sehr.

Am nächsten Tag startet Martin ganz früh zu seinem ersten Tauchgang. Hier kann man noch zu vernünftigen Preisen tauchen und Manch ist ein supernetter kompetenter Guide und gleichzeitig Inhaber des örtlichen Tauchcenters auf Naivaadhoo. Er organisiert das Boot, füllt die Flaschen und verleiht bei Bedarf auch Equipment. Die Unterwasserwelt ab einer Wassertiefe von 15 Metern ist noch intakt und wunderschön. Der Fischreichtum erstaunlich. Die größte Kaverne der Malediven wartet mit schönem farbigen Moosbewuchs und seltenen großen Muscheln sowie haufenweise Fisch auf. Alles in allem sehr schön. Vor dem zweiten Tauchgang frischt der Wind wie vorhergesagt von Osten auf, was uns zum Umankern veranlasst. Wir fahren zum Nachbarriff, wo wir zumindest vor den Wellen geschützt sind. Die vorhergesagten 11 Knoten verdoppeln sich gleich einmal in einem lokalen Squall. Wir sind froh über den Ortswechsel, besonders auch, da im Riff Delfine leben. Dort ziehen sie ihre Kreise, fangen gemeinsam Fische, die sie mit dem Klatschen ihrer Schwanzflossen aufs Wasser aufscheuchen. Zwischendurch spielen sie. Zwei Riffhaie schlafen auf dem Sandboden, viele bunte kleine Fische scharen sich um die verbliebenen Bommies mit erhaltenen Korallen. Die beiden Haie lassen sich beim Schnorcheln durch unser Klatschen auf das Wasser kurz anlocken, legen sich aber gleich wieder hin. Im glasklaren Wasser kann man den 25 Meter tiefen Pool, der sich nach hinten zu einem geschlossenen Riff verjüngt gut erkennen. In der Nacht strahlt auch noch die Milchstraße zwischen großem Wagen und Kreuz des Südens. Wir halten inne und sind dankbar, dass wir das erleben dürfen. Das nächtliche Gewitter lässt den Ankeralarm erschallen. Wir ankern in 23 Metern mit 60 Meter Kette. Fehlalarm.

Der Weg zum nächsten Ankerplatz beträgt 35 Seemeilen, sodass wir früh morgens aufbrechen. Die Seekarten sind falsch und wir verlassen uns seit langem wieder lieber auf OpenCPN mit Satellitenbild und Augapfelnavigation. Die größere Strecke versuchen wir außerhalb des Atolls ohne Hindernisse zu segeln. Es gibt großteils schwachen Wind von Nordosten, was das Segeln von größeren Strecken mit Abfahrt und Ankunft zwischen 10.00 und 15.00 wegen des Lichts beim Ankern fast unmöglich macht. Beinahe täglich sehen wir Gewitter. Manchmal erwischt es uns und nach einem kurzen Anstieg der Windgeschwindigkeit und einem Platzregen ist alles wieder ruhig. Während wir unterwegs sind, kontrollieren wir die Squalls mithilfe des Radars und weichen so gut es geht aus. Zwischendurch Segel reffen und Luken dicht machen gehört hier genauso zur Tagesordnung wie Motorfahrten mangels Wind. 

Hurasfarahura ist ein langgezogenes unbewohntes Eiland mit einem kilometerlangen Sandstrand. Ankern in drei Metern Wassertiefe mit entsprechender vorsichtiger Annäherung sind in diesem Revier normal, wie auch Ankern in mehr als 20 Metern Tiefe. Dazwischen gibt es nicht viel. Das Farbenspiel von Wasser, Luft und Land verblüfft uns jedes Mal aufs Neue. Der Sand ist so weiß, dass man ohne Sonnenbrille nicht viel sieht. Vögel machen sich beim Landgang Sorgen um ihr Gelege und schwirren um uns laut schreiend herum. Landwirtschaftsarbeiter der Nachbarinsel machen an ihrem freien Tag ein Picknick auf der Insel. Sie laden uns ein, in ihren Hafen zu kommen und wollen uns Obst schenken. Das Inselleben ist nicht sehr abwechslungsreich und man ist über jeden Gast froh und sehr gastfreundlich. Das nette Angebot würden wir gerne annehmen, aber wir müssen weiter nach Süden, um bald unsere Gäste in Empfang zu nehmen. 

Nach einem weiteren langsamen Segeltag entdecken wir in Dholhiyadhoo das riesige verfallende Ressort. Es wurde anscheinend nie in Betrieb genommen. Die Ruinen zeugen leider von einer riesigen Geldvernichtung. Beim Schnorcheln am Außenriff werden wir durch die Strömung sehr rasch wieder ins Innere gespült und wir machen uns auf nach Fodhdhoo, wo wir ein Tauchcenter empfohlen bekommen haben. Wir wollen nicht über 80 Euro pro Tauchgang auf den Ressort-Inseln zahlen und suchen deshalb unbekanntere Inseln mit einheimischen Tauchbetreibern aus und sind sehr zufrieden damit. Wir dürfen eine Boje direkt an der senkrecht abfallenden Wand neben dem kleinen Dock nehmen. Der Anblick hinter dem Boot unter Wasser ist spektakulär. Eine 30 Meter abfallende Wand mit unzähligen Fischen, die für unsere Essensreste dankbar sind. Das Fodhdhoo Dive Center wartet wieder mit einem neuen kleinen Gebäude am Strand auf und die Tauchplätze begeistern. Die Wand im Osten mit schönem farbenprächtigem Bewuchs und Überhängen, Riffhaien, Napoleonfischen, Schwärme von großen Doktorfischen, Adlerrochen und im Westen ein selten schöner Korallengarten mit tollem Riff und jeder Menge Rifffischen. Direkt vom Dock oder vom Strand erreichbar. Wir bekommen eine Inselführung vom freundlichen Betreiber des Tauchcenters, der uns mit Melone und Trinkkokosnüssen versorgt. Das Restaurant bietet tagsüber Getränke für Touristen und nach 20.30 Uhr werden wir mit hervorragenden günstigen Speisen verwöhnt. Einzig die Getränke sind ungewöhnlich teuer. 

Die Malediven überraschen uns. Wir waren schon zweimal hier, hatten aber nie die Möglichkeit, die Inseln der Einheimischen zu besuchen. Schönheit der Natur, Freundlichkeit der Bewohner und Unterwasserwelt sind toll. Auf jeder Insel, die wir besuchen, wird ein Abwasserkanal und eine Wasseraufbereitungsanlage gebaut. Die staatlichen Einrichtungen sind nagelneu. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis auf diesen Inseln mit kleineren Hotels und Bed-and-Breakfast-Angeboten ist ausgesprochen gut. Es gibt nicht nur mehr superteure Ressortinseln wie eine, an der wir eine ankernde Superyacht entdecken. Hotelpreis laut Internet 7.500 US Dollar pro Nacht. Da haben wir heute Nacht auf unserem Boot ja richtig gespart. Es drängt sich der Vergleich mit den Tuamotus in der Südsee auf. Nur gibt es in den Atollen der Malediven weniger Strömung, weniger Wind, die Distanzen sind kürzer und die Besiedelung dichter. Nach drei Nächten auf Fodhdhoo im Noonu-Atoll machen wir uns auf ins nächste Atoll namens „Baa“. 30 Seemeilen nach Südwesten.

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