Nachdem wir im Vorfeld angeben mussten, welche Insel wir wann und für wie lange besuchen wollen, machen wir uns zur vereinbarten nächsten Insel auf und ankern vor North Passage Insel. Dort gibt es Mangroven, trübes Wasser, damit möglicherweise Krokodile und eng benachbarte unbewohnte Inseln. So verbringen wir den Tag an Bord und lassen die Seele baumeln. Hier gibt es einen spektakulären tiefroten Sonnenuntergang, an dem wir uns nicht satt sehen können. Auch nach vielen schönen Sonnenuntergängen sticht dieser besonders heraus und die darauffolgende Nacht sollte eine der stillsten sein, die wir jemals vor Anker verbracht haben. Kein Vogelgeschrei, keine Tiergeräusche, kein Blätterrauschen in den Bäumen, keine Brandung, keine Wellen, einfach nur „Nichts“. Herrlich.
Weiter geht es zur Long Island. Unser Agent hat die Insel angepriesen und wir haben dort drei Tage veranschlagt. Es gibt sogar einen Fähranleger. An Land spazieren Ziegen um ein strahlend neu gestrichenes Gebäude herum. Die Post. Mit Stufen, behindertengerechter Rampe und großem Schild. Ist allerdings geschlossen. Am Ende des Weges kommen wir zum Forest House. Anscheinend ausschließlich für Forstarbeiter. Stufen führen einen Hügel zur Funkstation hinauf. Vor einer zwei mal zwei Meter großen Hütte auf Stelzen steht ein großes Schild mit der Aufschrift: „Very High Frequency Radiostation.“ Unser späterer Versuch, die Küstenwache anzurufen, um die Änderung unseres Reiseplanes mitzuteilen, bleibt allerdings unbeantwortet. Allgemein scheinen Planänderungen kein Problem zu sein, wenn man sich an die Regeln hält und die verbotenen Inseln auslässt.
Auf dem Hügel gibt es Zelte, die mit Wellblech überdacht sind. Vor jedem dritten Haus sind Schilder angebracht, um die Bedeutung der Gebäude zu erklären. Es sind fast ausschließlich verfallene Holzhäuser, die ihren Glanz sicher schon seit vielen Jahrzehnten vermissen lassen. Wir können nicht glauben, dass auch in den schlimmsten Bretterverschlägen wer wohnt, aber fast überall hängt die Wäsche vor der Tür. In den Gärten wird Obst und Gemüse für den Eigenbedarf angebaut. Kühe, streunende Hunde, Katzen und Ziegen scheinen ein gemütliches Leben zu führen. Ihnen begegnet man überall. Der ein oder andere Inder sitzt vor der Tür und sinniert. Ansonsten sind die Straßen menschenleer. Außer uns scheint es keine Weißen zu geben, genauso wenig wie Internet. Irgendwo hier muss Dornröschen selig schlummern. Vorbei am Boat Yard ohne Boote und am laut dröhnenden Powerhouse mit der Generator-Stromversorgung schlendern wir an der Schule und an der verwahrlosten Sanitary Station entlang. Davor gibt es ein vorbildliches neues Behinderten-WC.































In einem kleinen Geschäft erstehen wir Obst, Gemüse und Kekse und vernehmen fröhlichen Lärm. Es scheinen alle Bewohner der Insel auf dem naheliegenden Sportplatz zu sein, der gleichzeitig auch Dorfplatz und Kuhweide ist. Die Jugend bestreitet ein Cricket-Spiel. In schönen Dressen wird dieses Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit direkt mit den lebendigen Rasenmähern, den grasenden Kühen, Ziegen und gackernden Hühnern sowie stolzierenden Hähnen gespielt. Hunde und ältere Inder beobachten das Treiben manchmal mehr und manchmal weniger gelangweilt im Schatten. Die jüngeren feuern von einer improvisierten Tribüne aus an. Aus leeren Plastikflaschen gebastelt steht „I Love Long Island“ am angrenzenden Strand. Hier geht es beschaulich zu. Sympathisch.
Drei Tage auf der Insel erscheinen uns zu viel, sodass wir uns auf den Weg nach North Button Island machen. Ein kleines Inselchen mit Riff, entsprechend viel Wind und Schwell. Wir finden im Süden eine Sandbank und ankern im klaren Wasser. Da es sich bei den Button Islands um ein Naturschutzgebiet handelt, darf man nicht an Land. Martin erschnorchelt das Riff, findet viele bunte Fische und leider auch viele kaputte Korallen.
Den eigentlichen Plan, die nächste Button Insel „Middle Button“ zu besuchen, verwerfen wir. Ankern ist hier auch nicht besser und vom Riff erwarten wir uns nicht mehr als von North Button. Und das ständige Schaukeln vor Anker im Schwell finden wir auf Dauer anstrengend. Unterwegs prustet ein Wal keine hundert Meter vom Schiff entfernt kurz ein „hallo“ und verschwindet wieder in den Tiefen des blauen Wassers. Wir segeln zurück nach Havelock. Nach einigen Tagen ohne Verbindung zur Außenwelt können wir wieder einen Wetterbericht herunterladen und uns auf den neuesten Stand bringen, was so alles in der Welt passiert ist. In letzter Zeit wollen wir das aber gar nicht mehr so genau wissen.
Dieses Mal ankern wir im Norden von Havelock. Der Ankerplatz ist zwar auch dort nicht gemütlich, da der Wind aus Nordosten und damit auf den Ankerplatz bläst, aber hier kommt man direkt am Dorf mit dem Dinghi an Land. Zwischen Mangroven, Steinen und Korallen versuchen wir Mitzi bei Niedrigwasser so nach hinten und vorne im knietiefen Wasser zu verankern und vertäuen, dass sie nicht an die Steine kommt. Uns bleibt ein kleines Zeitfenster auf der Insel, damit wir bei steigender Tide noch zu Fuß zum Beiboot gelangen können. Immerhin können wir im netten Lokal „Something Different“ an Land speisen, eine kleine Abwechslung zur Bordküche. Am frühen Morgen besucht uns die Wasserpolizei. Sie möchten an Bord kommen aber wir winken ab. „Kein Fender“ lassen die Polizisten als Ausrede gelten. Wir übergeben ihnen die Papiere mit ausgestrecktem Arm und bekommen sie nach zehn Minuten zurück mit den Worten: „Gute Reise“.
Beim nächsten Landgang fahren wir mit Mitzi zu einem besser zugänglichen Strand. Wir rudern in der Brandung rückwärts mit angehobenem Außenborder an Land, damit der Bug gegen die brechenden Wellen zeigt und wir möglichst wenig Seewasser übernehmen. Wir machen uns auf die Suche nach einem Schwimmbad mit Poolbar, weil das Meer auf der Nordseite nicht sehr einladend aussieht. Da es in den Ressorts ausschließlich indische Gäste gibt, fallen wir auf. Meist werden wir nicht behelligt, wenn wir uneingeladen durch die Hotelanlagen spazieren und plötzlich, blitzartig entkleidet, im Hotelpool zur Abkühlung auf und ab schwimmen. Wenn man erst im Wasser ist, wird man auch nicht mehr verscheucht. Die meisten Hotelanlagen stehen in einem relativ dichten Palmenwald direkt am schmalen Strand mit vorgelagerten Felsen und Mangroven, was den Anlagen ein spezielles Ambiente durch das Spiel von Licht und Schatten verleiht.
Einmal noch segeln wir zum westlichen Ankerplatz von Havelock bevor wir am nächsten Tag zu Neill Island weitersegeln. Ankern mit Landgang geht laut Satellitenbild aufgrund Korallen und Felsen nur im Norden der Insel, was bei den derzeit vorherrschenden Nord-Ost-Winden wieder nicht ideal ist. Nachdem wir in der Wettervorhersage in Kürze einen Windschwenk nach Südosten entdecken, wagen wir das Experiment und legen uns zunächst auf Legerwall zwischen zwei Riffs und warten ab, ob wir an Land gehen können. Die Korallen am Riff sind diesmal schön und fischreich. Dutzende kleine Glasbodenboote schaukeln Touristen in den stattlichen Wellen umher. Niemand steigt aus zum Schnorcheln. Mit einigen Stunden Verspätung dreht der Wind und wir wagen einen Landgang.
Mit Tuktuk lassen wir uns quer über die kleine Insel kutschieren. Bei Niedrigwasser findet man außerhalb des schmalen Sandstrands im Süden eine mit Mangroven durchsetzte Felswüste vor dem mit Gewalt am Riff brechenden Wellen des blauen tiefen Wassers. Die einfachen Strandrestaurants befinden sich im allgegenwärtigen Wäldchen rund um die Insel, genau wie die Hotels. Hunde und Katzen sorgen für kurzweilige Auftritte. Was hier vorbildlich gelingt, ist, dass die meist niedrigen hölzernen Gebäude im Wald vom Meer und vom Strand aus kaum auszumachen sind. Dadurch behalten die Inseln ihr ursprüngliches Aussehen ohne Beton und Glas.

































Am überraschend großen Gemüse-Markt verproviantieren wir uns für die nächsten unbewohnten Inseln. Am frühen Morgen segeln wir 40 Seemeilen Richtung Süden, zu den Cinque Islands. Mit günstigem Wind und einiger Strömung erreichen wir die kleine Inselgruppe wie geplant eine Stunde vor Sonnenuntergang. Wir freuen uns leider umsonst auf einen Ankerplatz ohne Schwell. Auf der Seekarte ist ein geschützter Ankerplatz am Strand im Süden von Middle Cinque eingezeichnet. Leider stellen wir fest, dass es hier viele Korallen gibt und Martin muss den Anker in acht Meter Tiefe gleich wieder von Hand klarieren. Wir fahren in die Mitte der großen Bucht und ankern auf 17 Metern. Es ist zwar Sand, aber mit schlechtem Halt. Wir bringen jeden Zentimeter unserer 70-Meter langen Ankerkette aus. Immerhin haben wir nach hinten genügend freien Seeraum, sodass wir im Fall des Ertönens des Ankeralarms genügend Reaktionszeitraum haben. Bei Hochwasser kommt Schwell über das Riff und der Wind pfeift. Leider ist es schon kurz vor Sonnenuntergang und wir haben keine Zeit mehr, einen besseren Ankerplatz zu finden. Wieder keine ruhige Nacht.
Früh morgens haben wir von der schlimmen Schaukelei die Schnauze voll, dass wir sofort nach South-Cinque-Island fahren und vor einem perfekt kitschigen Strand mit Dünen auf acht Metern Tiefe in gut haltendem Sandgrund ankern. Die Cinque Islands gehören wieder zum Naturschutzgebiet. Um an Land zu dürfen, benötigt man ein Permit, das in unserem Fall 40 Euro kosten würde. Darauf verzichten wir, denn schwimmen, schnorcheln und ankern geht auch ohne. Zum Naturschutz würde unserer Meinung nach aber auch gehören, dass man das Ankern auf Korallen verbietet und gegebenenfalls Murings ausbringt. Das gibt es hier noch nicht aber immerhin gibt es erste zarte Versuche von Naturschutz an Land. Auch haben wir gehört, dass dort und da Schnorcheln verboten ist, da die Touristen leider wider besseren Wissens immer wieder auf Korallen steigen. Viele Inseln sind aber nicht nur wegen des Naturschutzes tabu, sondern wegen der Eingeborenen auf den Andamanen und Nicobaren. Dabei handelt es sich um Stämme wie zum Beispiel auf North Sentinel Island. Dort leben ungefähr 100 Ureinwohner, die sich nicht sehr von den afrikanischen Ureinwohnern aus der Zeit der Wiege der Menschheit unterscheiden sollen. Nicht nur aus diesem Grund ist es sehr verlockend, hinzufahren. Dennoch ist man besser beraten, man lässt es bleiben. Dort wird man nämlich mit fliegenden Pfeilen begrüßt. Man kann es den Ureinwohnern nicht verdenken, wenn man die indischen Bürokraten und die Touristenmassen mit ihren Viren, gegen die die Einwohner nicht immun sind, kennt. Der Staat beschützt die Ureinwohner und verbietet Landgänge streng. Auch seine vorgehaltene Bibel hat den Amerikaner vor einigen Jahren nicht vom Tod im Pfeilehagel bewahrt, als er North Sentinel besuchen wollte. Das Verbot und die vorherige Warnung der Einwohner hat er leider in den Wind geschlagen. Die Fischer, die den Amerikaner zur Insel gebracht haben, wurden schwer bestraft.
Wir sind auf jedem Ankerplatz die einzige Yacht. Sehr idyllisch nach dem Trubel von Thailand. Leider kann man hier überall beobachten, dass die Strände beträchtlich schrumpfen und der Meeresspiegel steigt. Zwischen den Inseln gibt es speziell bei Neumond und Vollmond gewaltige Strömungen, die mit 15 Knoten Wind zu richtigen steilen Stromschnellen mutieren. Meist können wir den schlimmsten davon ausweichen.
Früh morgens verlassen wir South Cinque Island, um auf den Sister Islands zu ankern. Martin schnorchelt und dirigiert Kerstin mit dem Schiff zu den vielversprechendsten Sandspots. Leider hält trotz allen Bemühungen der Anker nicht. Die Sandschicht über dem Fels ist zu dünn. Sehr schade aber dann muss Plan B herhalten: weitere 35 Meilen bis zur Hut Bay auf Little Andaman vor Sonnenuntergang.
