Auf dem Sprung nach Sri Lanka

Unterwegs lüften wir den Gennaker und kommen vor Sonnenuntergang noch auf Little Andaman an. Wir ankern nah an Land, um möglichst viel Schutz vom langen Wellenbrecher beim Fährdock zu bekommen. Jetzt sind wir komplett abseits von ausgetretenen Pfaden angelangt. Leider viel Müll am Strand. Es gibt einige Fischer und ansonsten Hütten aus Wellblech sowie eine Straße mit Marktständen, die hier als „Bazar“ bezeichnet wird. Es wird gefühlt rund um die Uhr Cricket gespielt. Restaurants sind im besten Fall überdachte kleine Terrassen neben der Straße. Es scheint kaum Kühlschränke und ebenso wenige Klimaanlagen zu geben. Das Essen ist also immer frisch und setzt sich aus viel Gemüse, etwas Fisch, Hühnchen und Reis zusammen. Alles schmeckt gut aber durch die verwendeten Saucen auch immer relativ gleich und natürlich ein wenig scharf. Zwei Mahlzeiten kosten umgerechnet drei Euro. Der Tee, den Einheimischen mit Milch und Zucker genießen, 10 Eurocent. Die Inselbewohner haben das Bier ausgetrunken. Auf die Frage, wann es wieder welches gibt, deuten sie auf das Dock, wo gerade ein kleiner Containerfrachter entladen wird. „Morgen gibt es wieder Bier“, jeder weiß es, als hätten alle wochenlang sehnsüchtig auf diesen Augenblick gewartet. 

Der Hafenmeister möchte einen Stempel von uns haben und bekommt ihn auch. Er ruft uns öfter am Telefon an. Es gibt nicht viele Schiffe zu klarieren und die Langeweile greift um sich. Kühe sind allgegenwärtig. Die sympathischen Wiederkäuer tummeln sich gemütlich auf Bootsstegen, am Strand, mitten auf der Straße, neben der Straße, praktisch überall. Manchmal möchte man meinen, dass es vielen Kühen in Indien besser geht als so manchen Menschen. Wir machen einen Halbtagsausflug auf der relativ großen Insel, die allerdings nicht weit mit Straßen erschlossen ist. Es gibt bezaubernde Strände mit Felsumrandung, Dschungel, Palmenhaine in Kokos und Dattel, Wasserfälle, märchenhafte Flussmündungen, Stämme der Ureinwohner und natürlich Krokodile. Wir besuchen ein Dorf der Ureinwohner. Die seit einiger Zeit nicht mehr gestrichenen Häuser aus Holzbrettern sehen im Vergleich zu jenen der Inder relativ modern aus. Auf Sentinel Island sind die Einwohner seit 60.000 Jahren isoliert. Hier ist das nicht der Fall. Die Missionare haben wieder einmal ganze Arbeit geleistet und es gibt zehn Kirchen, wohingegen die später angesiedelten Inder meist Hindus sind. Autos gibt es wenige. Tuktuks und Mopeds sind die Mittel der Wahl, wenn es um Fortbewegung geht. 

Ein Fischer besucht uns in seinem langen hölzernen Ruderboot am Ankerplatz und verkauft uns Barrakudas und eine große Bernsteinmakrele. Er filetiert sie gleich auf seinem Boot und wir bekommen die Fische gleich mundgerecht zum Einfrieren. Nachdem wir die Schnitzel vom Stammtisch aufgegessen haben, kommt uns das sehr gelegen. Die Windvorhersage zeigt uns einen kleinen Windschwenk von Nordosten nach Osten an. Wenn das Wetter schon günstig ist, kommt es, wie soll es anders sein, leider in der Nacht. Nachdem so ein Winddreher nicht häufig vorkommt, verproviantieren wir uns am Bazar mit Gemüse und Obst und nutzen das Wetterfenster. Hart am Wind können wir – wenn auch langsam – fast die ganzen 42 Seemeilen nach Middle Cinque Island segeln. Das Wasser fluoresziert an den Bügen und am Heck. Wir gleiten wie auf Millionen Glühwürmchen durch die mondhelle Nacht. Leider lässt sich dieses Schauspiel auf keiner Kamera einfangen. Am Vormittag fällt der Anker in einem großen Sandfleck – umgeben von Korallenbommies – in der bilderbuchartigen Bucht von Middle Cinque mit alten Bäumen und einem nicht enden wollenden gelbweißen Sandstrand. Es gibt eine Rangerstation in der Bucht. Obwohl nachts das Licht angeht, scheint sie nicht besetzt zu sein. 

Die Sonnenuntergänge haben durch den zunehmenden Dunst etwas von ihrem Farbenreichtum eingebüßt. Aber das ist jammern auf hohem Niveau. Das Schnorcheln stellt sich vom Fischreichtum als sensationell heraus. Man merkt, dass auf dieser unbewohnten einsamen Insel nicht sofort jeder kleine Fisch gegessen wird, denn die Tiere werden hier gut und gern auch einen Meter groß. Ein gewaltiger Napoleonfisch versucht, sich zu verstecken, was ihm durch seine schiere Größe in den Korallen nicht gelingen will. Riesige Papageienfische knabbern an den Korallen und produzieren fleißig Sand. Schwärme von Doktorfischen, Makrelen und anderen bunten Riffbewohnern tummeln sich 50 Meter hinter unserem Schiff. Neugierig kommen sie an uns Schnorchler heran, als würden sie uns die Kiemen putzen wollen und sehen uns an, als wollten sie fragen: „Wo bekommt ihr bloß so viel Futter her?“. Ungefähr 50 Doktorfische folgen Martin wie kleine Enten der Mutter bis zum Schiff zurück. Wahrscheinlich meinen sie, dass bei einem Tier dieser Größe beim Fressen was für sie abfällt. Und sie sollen recht behalten. Wie immer sind wir das einzige Boot am Ankerplatz. Raubvögel kreisen über den Baumkronen, das Wasser schimmert in allen Tönen von türkis bis blau. Wenn der Mond in der Nacht den Sandstrand beleuchtet, reflektiert er weiß. Auch die Textur des Meeresgrunds ist bei Mondlicht in acht Metern Wassertiefe noch auszumachen. Der Sternenhimmel spottet ohnehin jeder Beschreibung. Zum Frühstück besucht uns eine Herde Delfine in der Bucht. Sie klatschen mit der Schwanzflosse ins Wasser und schwimmen zickzack alle Bommies ab. Wahrscheinlich frühstücken sie ebenfalls gerade. 


Kurzvideo: Delfine in der Bucht

Aber auch die schönsten Plätze haben für uns ein Ablaufdatum. Wir schielen auf die Windvorhersage, denn unser 30-tägiges Visum in Indien läuft bald aus. Zusätzlich teilt uns unser Agent mit, dass einige Inseln unseres vorher übermittelten Reiseplans nun plötzlich zu den verbotenen gehören. Die Bürokratie in Indien ist also dynamisch. Was vor einigen Wochen erlaubt war, ist jetzt auf einmal anders. Im gleichen Moment geht leider unser AIS ebenso dynamisch wieder einmal kaputt.


Kurzvideo: Schnorcheln bei Middle Cinque Island

Nachdem es so aussieht, als würde der Wind nachlassen, beschließen wir, die Überfahrt nach Sri Lanka um einige Tage früher anzutreten als ursprünglich geplant und machen uns auf den Weg zurück nach Port Blair. Wir kommen an den Twin Islands vorbei. Ein traumhafter verbotener Platz zwischen zwei kleinen Postkarteninseln. Leider ist die Strömung so stark, dass an Schnorcheln momentan nicht zu denken ist. Fischer kommen vorbei und wir fahren lieber weiter, als uns bei Rangern oder Küstenwache verpetzen zu lassen. Es geht durch die MacPherson Strait. Sehr malerisch die naturbelassenen Inselchen am Wasserwegesrand. Nachdem wir hier eigentlich nirgends ankern dürften, suchen wir uns am Satellitenbild einen Sandfleck, der relativ weit von allen Inseln weg ist und nicht auf der Liste der verbotenen Inseln steht. Wahrscheinlich ist sie zu klein für einen eigenen Namen. Nächsten Morgen besuchen uns wie erwartet die Ranger und ersuchen uns höflich, gleich weiterzufahren, was wir ohnehin vorhatten. Am Weg nach Port Blair senden wir die unterschriebenen Dokumente an unseren Agenten Ashraf, damit er das Ausklarieren über das Wochenende vorbereiten kann. Am Montag geht es los. Die Windvorhersage verheißt schwachen achterlichen Wind. Wenn wir nicht in eine starke Gegenströmung geraten, sollte es für genug natürlichen Vortrieb mit dem Gennaker reichen. Nächster Stopp: Trincomalee auf Sri Lankas Ostküste.

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