Unterwegs zu den Andamanen

Die ewige Geschichte unserer neuen Polster neigt sich dem Ende zu. Bei der sechsten Iteration passen nun alle neune. Jetzt bereiten wir uns auf den dreitägigen Törn zu den Andamanen vor, welche zu Indien gehören. Starlink wird aktiviert. Es funktioniert auch gleich und wir befestigen die Schüssel einfach mit Saugnäpfen und Gummibändern unter einer Luke. Es geht gut, auch wenn die Luke geschlossen bleibt. Damit brauchen wir keinen Geräteträger und die hässliche Schüssel bleibt versteckt. Außerdem ist sie damit vor Wind und Meerwasser geschützt. Leider sollte das Vergnügen erst mal von kurzer Dauer sein, da Starlink in Indien verboten ist und deshalb automatisch zwölf Seemeilen vor der Küste der Andamanen deaktiviert wird. Es ist trotzdem von unschätzbarem Vorteil, auch unterwegs einen vernünftigen Internetzugang zu haben und nicht minutenlang auf eine Wettervorhersage warten zu müssen. 

Zuvor wird sich auch um den mit höherer Temperatur laufenden Backbord-Motor gekümmert. Dazu nimmt Martin den Wärmetauscher auseinander, da dieser mit dem Infrarot-Fieberthermometer gemessen den größten Temperaturunterschied zum anderen Motor aufweist. Keine gröberen Auffälligkeiten. Er wird auch nochmal mit Phosphorsäure gespült und das Thermostat überprüft, sowie die Kühlflüssigkeit gewechselt. Das alles bringt nichts. Läuft er halt mit höherer Temperatur. Mal sehen wie und wann sich das Problem auswächst. Das wird sicher an einem denkbar schlechten Zeitpunkt sein, aber unsere Möglichkeiten sind jetzt erstmal ausgeschöpft. Es klärt sich auch das Phänomen des doppelten AIS-Signals des eigenen Schiffs auf. Angeblich ist irgendwo in der Nähe von Phuket eine AIS-Landstelle falsch konfiguriert, sodass jedes Schiff sich am Plotter selbst verfolgt und dauernd Alarme wegen Kollisionskurs ausgibt. Wenigstens ist bei uns nichts kaputt. Beim letzten Check vor der Abfahrt finden wir in der Rollrefftrommel der Genua eine verrostete Inbus-Schraube. Sie wird herausgebohrt und durch eine Edelstahlschraube vom riesigen Segelmachergeschäft in Phuket „Rolly Tasker“ ersetzt. Das Geschäft alleine ist ein Erlebnis. Eine unglaublich dimensionierte Halle voller Segel und Rigg-Ersatzteilen.

Swiss Lady kommen zum Essen an Bord. Unsere Wege trennen sich nun, da Theres und Claude über das rote Meer nach Italien fahren und ihr Schiff verkaufen und wir die Südroute nach Südafrika nehmen. Nach dem gelungenen feuchtfröhlichen und etwas wehmütigen Abschieds-Abend ist ein Großeinkauf ist fällig, da die nächsten Länder nicht berühmt für ihre Verproviantierungsqualitäten sind. Auch in den Stammtisch gehen wir ein letztes Mal. Wir bestellen dort 24 Gerichte, die wir am Folgetag fein säuberlich einzeln verpackt abholen können. Sogar Senf, Ketchup für die Bratwürstel und die Limetten für die Schnitzel sind dabei. Ab jetzt wird gevöllert. 

Am Zustand der thailändischen Gastlandflagge erkennen wir, dass wir nun doch schon länger in diesem Land verweilen. Mit etwas Wehmut geht es zum Ausklarieren nach Chalong. Dort entdecken wir an einem Dock unsere alte Mitzi. Als wollte sie uns noch auf Wiedersehen sagen, schaukelt sie zufrieden vor sich hin. Die Strapazen weiter Reisen bleiben ihr jetzt wohl erspart. Thailand wird uns definitiv fehlen, das wissen wir jetzt schon. Die freundlichen Menschen, die schöne Landschaft, die „alles geht“ Mentalität, die Straßenrennen mit den Mopeds, das gute Preis-Leistungsverhältnis. Wie immer ist bei uns das Klarieren problemlos. Unverhofft treffen wir aus Rebak bekannte Freunde, die zur gleichen Zeit einklarieren wollen. Bei ihnen findet die neue Regelung, dass alle Gäste 60 Tage in Thailand Aufenthaltsrecht bekommen keine Anwendung. Bei Crew-Mitgliedern gelte das nicht, behauptet die junge Offizielle. Wenn andere Beamte Dienst haben geht das aber sehr wohl. Bei ihr geht es auch, aber mit einem Aufpreis von 2.000 Baht ohne Rechnung. Da haben wir Glück gehabt, dass wir keine korrupten Beamten erwischt haben. 

Der Wind ist günstig und die Wellen scheinen sich etwas gelegt zu haben. Wir segeln nach langer Zeit wieder mal über mehrere Tage und Nächte und sind gespannt, wie es uns damit gehen wird. Nach einigen Stunden Fahrt starten wir den Wassermacher und merken, dass er nicht richtig funktioniert. Das war ja klar. Hoffentlich liegt es nur an der Dichtung des Vorfilters, die durch das viele Auf- und Zuschrauben beim Putzen wegen des Dreckwassers in Thailand in Mitleidenschaft gezogen wurde. Nachdem wir wegen der Gewichtsverteilung bei längeren Segelstrecken eher mit weniger als halbvollem Tank starten, rationieren wir das Wasser gleich mal. Zur Not hätten wir aber genug Bier mit. Scherz beiseite, die Andamanensee begrüßt uns mit wolkenlosem Himmel, 15 Knoten Passatwind mit einem guten Windwinkel. Der Indik begrüßt uns aber auch mit den berüchtigten Strömungen, die unangenehme steile Wellen produzieren und uns etwas einbremsen. Infinity wird gleich ordentlich abgewatscht und uns würfelt es drinnen richtig herum. Daran müssen wir uns erst wieder gewöhnen. Die 0,5 bis 1 Knoten Gegenstrom sind uns egal, weil wir trotzdem schnell sind. Wir lassen die ganze Strecke die volle Besegelung draußen, bis auf ein kurzes Stück, wo um Mitternacht das erste Reff eingerollt wird. 

Am zweiten Tag bemerken wir, dass das Trinkwasser aus dem Wassertank plötzlich sichtbare Schwebeteilchen enthält. Dazu kommt, dass Salzwasser in der Backbordbilge schwappt. Wir verfluchen für kurze Zeit diese vermaledeite Segelei. Wir könnten es nämlich auch schön haben. Nach einigen Seufzern geht es an die Fehlersuche. Der O-Ring des Vorfilters wird mit etwas Sikaflex eingekleistert und mit zwei Plastikfolien vorsichtig in den Filter eingeschraubt. Am nächsten Tag entfernen wir die Folien und schrauben den Filter fest. Zumindest können wir jetzt Wasser machen, wenn auch immer wieder Luft ins System kommt. Wir leiten die Produktionsleitung des Wassermachers in einen Kanister und stellen fest, dass die Qualität einwandfrei ist. Also müssen die Teilchen vom Wasser tanken in Phuket in den Tank gekommen sein und durch die Schaukelei werden diese nun aufgewirbelt. Müssen wir es halt filtern, bis das Zeug weg ist. Hatten wir noch nie, ist aber halb so schlimm. 

In der Backbordbilge legen wir in einigen Abständen trockene Tücher aus, um den Wassereintritt zu lokalisieren. Wir wissen, dass es ohne Grundberührung wohl kaum aus einem Loch im Rumpf kommen kann und auch die Wassermenge ist nicht beängstigend. Wir können das Problem so eingrenzen, dass es vermutlich aus irgendeiner Leitung aus der Schiffsmitte kommen muss. Wahrscheinlich WC oder Schwarzwassertank. Die weitere Fehlersuche verlegen wir auf den nächsten Ankerplatz, denn bei der Hitze und Schaukelei in der Bilge herumkriechen ist nicht gerade magenschonend.

Mittlerweile haben wir die Strömung mit uns und rauschen mit acht Knoten auf unser Ziel zu. Der Agent in Port Blair wird mittels Starlink-Internet über unsere voraussichtliche Ankunft informiert und wir senden ihm gefühlte tausend Dokumente. Darunter Bestätigungen, dass wir keine Waffen und Haustiere und Drogen haben, wieviel von welchem Proviant an Bord ist, welche Medikamente wir mithaben, die vorher bestellten e-Visas, wieviel von welchem Alkohol wir mithaben, wieviel Liter Wasser, Benzin, Diesel und Öle, den Zeitplan wo wir auf den Andamanen wieviele Tage verbringen wollen, die letzten zehn Häfen, Crewliste, Fotos der Pässe, Schiffsregistrierung, Versicherungsbestätigung, Funkregistrierung, Schiffsdetails, Listen persönlichen Eigentums, Währungen, Sicherheits-Equipment, Gas, Liste der Gegenstände auf dem Schiff, und so weiter und so fort. Man sitzt stundenlang, damit man alle Informationen beisammenhat. Das alles muss mit dem Schiffsstempel versehen und unterschrieben werden. Indien ist halt ein bürokratischer Staat. Dazu senden wir dem Agenten auch gleich ein Foto des kaputten O-Rings mit einem Messschieber. Wir staunen nicht schlecht, als er uns bei der Ankunft eröffnet, dass er den O-Ring vom Festland bestellt hat und er mit Flugpost bereits eingetroffen ist. Das ist nun wirklich eine positive Überraschung.

So weit sind wir aber noch nicht. 50 Seemeilen vor dem Ziel fängt uns die indische Marine ab und leitet uns um, da es angeblich vor der Haustüre der Hauptstadt Port Blair Schießübungen gibt. Martin versucht das indische Englisch am rauschenden Funk zu enträtseln und erklärt, dass ein Segelboot nicht gegen den Wind segeln kann. Nachdem wir schon öfter mit indischen Taxifahrern verhandelt haben, wissen wir wie der Hase läuft. Man wiederholt einfach das gleiche Argument so oft, bis es dem Gegenüber zu blöd wird. Wir verhandeln aus, dass wir nicht 40 Seemeilen nach Norden fahren müssen, sondern 25 Meilen nach Nordwesten fast in unsere Richtung. Wir gehen für einige Meilen hart an den Wind und runden das „Invisible Reef“ vier Meilen nördlich. Wieder funkt uns ein indisches Kriegsschiff an und meint wir wären in der Gefahrenzone. Nachdem sich die Kriegsschiffe nicht mit Namen melden, meinen wir ursprünglich, es handle sich um das gleiche Schiff, das uns vorher angefunkt hatte. Dementsprechend wundern wir uns über den Gesinnungswandel was nun Gefahrenzone ist und was nicht. Es dürfte aber diesmal ein anderes Kriegsschiff gewesen sein. Wieder wird verhandelt und entnervt sagt der kriegerische Inder am Funk, wir sollen einfach Kurs halten und nach Port Blair fahren. Funktioniert es bei Taxis, funktioniert es auch bei der Marine. Wir sehen oder hören übrigens die ganze Nacht keinen einzigen Schuss. Beim ersten Morgenlicht laufen wir in den Naturhafen Port Blair ein. Erste Sichtung der Umweltverschmutzung zeigt, dass hier mehr Glasflaschen verwendet werden. Davon schwimmen so viele im Wasser, dass man sich fragt, ob dies der übliche Postweg sein könnte. Über Funk will man sowohl vom Hafenkapitän als auch von der Küstenwache jedes Detail wissen. Wir buchstabieren minutenlang unsere Namen und erfundene Nummern, die die Inder wissen wollen, wir aber nicht haben. Es ist einfacher, irgendeine Nummer durchzusagen als zu beteuern, dass es diese Nummer bei österreichischen Schiffen nicht gibt. 

Den Agenten samt dem Immigration-Beamten müssen wir an einem Betonsteg abholen und mit dem Beiboot relativ weit zum Ankerplatz fahren. Da werden beide leider etwas durch überkommendes Spritzwasser nass. Der Agent hat ungelogen einen zehn Zentimeter dicken Papierstapel von unzähligen Kopien unserer Dokumente mit und verteilt sie gleich großzügig an die Immigration. Unser e-Visum müssen wir nachher persönlich im Amt in ein richtiges Visum umwandeln lassen. Das kann ja heiter werden. Das e-Visum war bereits eine Heidenarbeit, da man dafür die Fotos in einem bestimmten Format nur in einer bestimmten Auflösung hochladen darf und das Online Formular abstürzt, nachdem man alles eingegeben hatte. Zusätzlich will man hier immer die Namen der Eltern und alles andere wissen. Der Immigration Beamte wird zurückgebracht und wir müssen Fingerabdrücke an einem nicht funktionierenden Scanner machen und wieder ein Foto aufnehmen. Der Zoll ist heute gottseidank zu beschäftigt für den Besuch bei uns. Das darf der Agent für uns am Amt erledigen. Trotzdem müssen wir Starlink und Iridium-Telefon „verplomben“. Das sieht so aus, dass man einfach einen Papierstreifen drüberklebt. Hier funktioniert das Zeug ohnehin nicht. 

Jetzt kommt noch die Küstenwache an Bord. Sie gehen mit ihrem zehn Meter langen Stahldampfer längsseits bei uns. Zwei Personen kommen an Bord. Einer in einer weißen Uniform wie aus einem Hollywoodstreifen und der andere mit einem Stern auf der Schulter in einem schwarzen Strampler mit Zip-Verschluss von oben bis unten. Ein Bild für Götter. Sie machen ein Foto mit uns. Wahrscheinlich müssen sie damit in der indischen Bürokratie jemandem beweisen, dass sie da waren. Niemand schaut sich das Schiff an. Wieder werden fleißig Zettel verteilt, gestempelt und unterschrieben. Immerhin wird unser Schiffsstempel heute circa 50 Mal auf indischen Papiermüll niederdonnern. Hat er sich schon ausgezahlt. Wir müssen auch den Reiseplan genau einhalten, dürfen keinesfalls auf die Nicobaren, die von Stämmen bewohnt werden und Touristen umbringen. Angeblich wird dort noch Kannibalismus betrieben. Wie zufällig sagen die Beamten schon im Stehen, dass man auf den Andamanen besser nur „vorsichtig“ schwimmt, eventuell dort, wo auch viele andere Leute schwimmen – ähm, wegen der Krokodile. Etwas besorgt fragen wir, wie schlimm die Situation sei und ob es auch Salzwasserkrokodile gäbe. Natürlich wäre die Situation überhaupt nicht schlimm, und stolz betonen sie, dass es hier ausschließlich Salzwasserkrokodile gäbe. Na wunderbar. Die haben einen Radius von 600 Kilometern, können sechs Monate ohne Fressen auskommen und können sechs Stunden unter Wasser bleiben. Wie soll man da bitte vorsichtig schwimmen? Ist nicht unser erstes Krokodilgebiet, wir werden sehen.

Nur noch den Agenten wieder an den Steg bringen und dann haben wir endlich frei. Unseren Agenten Ashraf Jadwet von islandtravels.com können wir wirklich empfehlen. Mit ihm konnten wir innerhalb von vier Stunden an Land gehen. Ohne ihn hätten wir wahrscheinlich drei Tage gebraucht. Wir sind ziemlich fertig. Die Prozedur dauert bis am Nachmittag und wir hatten ja zuvor nicht wirklich viel geschlafen. Als kleine Belohnung gibt es jetzt für uns Fleischlaibchen mit Bratkartoffeln vom Stammtisch und zwei Ankerbier. Danach schlummern wir selig ohne das Segel-Geschaukel ein.

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