Der Tod in Varanasi und das Leben in Mumbai

In Varanasi steht den Hinduisten das Himmelstor immer weit offen. Deshalb wollen alle nach ihrem Ableben hier verbrannt werden oder zumindest ihre Asche von Varanasi aus in den Ganges gekippt wissen. Dann muss man nicht mehr in das Leid der Erde wiedergeboren werden, sondern kommt direkt in den Himmel der Hinduisten – ins Moksha. Über 100 Personen werden an zwei Stellen in Varanasi am Gangesufer an 24 Stunden jeden Tag im Jahr feuerbestattet. Der Ganges ist bereits eine stinkende braune Brühe, bevor er in Varanasi ankommt. Immerhin fließt er schon vorher durch Metropolen wie Delhi und durch Industriegebiete, wo Schwermetalle und andere Chemikalien ungeklärt in den Fluss laufen. Die Konzentration von schädlichen Darmbakterien reicht aus, um alleine vom Baden Infekte zu bekommen. Das hält die Hinduisten nicht davon ab, ihre rituellen Waschungen hier durchzuführen. Die Ironie will es, dass man dreimal in einem der schmutzigsten Flüsse der Welt untertaucht, um reingewaschen zu werden. 

Nach der Regenzeit liegt meterhoch Schlamm auf den Ghats. So werden die Stufen und Plattformen am Gangesufer genannt. Die Feuerbestattungen finden derzeit auf dem getrockneten Schlamm zwischen angeschwemmtem Müll statt. Ungefähr 300 Kilogramm Holz benötigt man für eine einzige Bestattung. Dafür werden ganze Wälder abgeholzt und mit Schiffen hergebracht. Am besten ist Sandelholz, das sich nicht jede Familie leisten kann. Die Toten werden in ein Tuch gehüllt von Trägern durch die engen Gassen der Altstadt getragen, bevor sie mit Gangeswasser gewaschen werden und auf den vorbereiteten Scheiterhaufen kommen. Der Mund wird mit Butter gefüllt, damit der Verbrennungsgeruch nicht allzu unangenehm ist. Die Hitze wabert von den gut ein Dutzend Feuern herüber, Rauch steigt auf. Überall fliegen Ascheteile, die sich in unseren Haaren verfangen. Die Luft ist stickig, die Stimmung ist schwer zu beschreiben. Kaum irgendwo wird man so direkt mit dem Tod konfrontiert wie hier am Gangesufer. Traurigkeit sucht man bei den Angehörigen vergeblich. Immerhin kann man es nicht besser erwischen, als in Varanasi verbrannt zu werden. Frauen sieht man allerdings keine, denn sie wären „zu emotional“ erklärt uns ein Inder. 

Viele übersiedeln zum Sterben wegen dem ständig offenen Himmelstor bewusst hierher, um nicht noch einmal in diese Welt geboren zu werden. Ärmere Familien können sich oft nicht genug Holz leisten und die Leichen verbrennen nicht ganz. Die Reste werden dann von den Angehörigen dem Ganges übergeben – nicht immer mit Gewichten beschwert. Es kommt regelmäßig vor, dass sterbliche Überreste in Form von Knochen von den rundherum lauernden Hunden entwendet werden. Eine eigene Berufsgruppe in Badehosen widmet sich den Goldzähnen und dem Schmuck, der aus dem undurchsichtigen Wasser-Asche-Schlamm-Gemisch mit bloßen Händen herausgewühlt und ausgewaschen wird. Da kommt man schon ins Grübeln. Auch im Tod gibt es verschiedene Klassen. Die erste Klasse Verbrennung findet auf einer eigenen Plattform oberhalb statt, die zweite Klasse bekommt ein Gitter um den Verbrennungsplatz, die dritte Klasse wird auf dem Schlamm verbrannt. Die Klassen sind in Indien noch bestehende Kasten, die früher auch an der Bekleidung sichtbar waren, jetzt aber eher an den Tätigkeiten erkennbar sind. Totenverbrenner gehören zur untersten Kaste.

Der Hinduismus ist mit 4.000 Jahren die älteste bekannte Religion der Welt und Varanasi eine der ältesten durchgehend besiedelten Plätze weltweit. Der Gott Shiva selbst soll – den Hinduisten nach – noch immer regelmäßig in Menschengestalt durch die Gassen von Varanasi wandeln. Und diese Gassen sind unbeschreiblich. Einerseits die Aura der „heiligen“ Stadt und andererseits die heruntergekommenen alten Gebäude, die uralten Tempel, die Begeisterung der Pilger, das Gewirr von Menschen, das dröhnende Hupen und Brummen des Verkehrs. Keine Gasse ist zu schmal für Mopeds. Man ist nirgends sicher vor ihnen. Der Müll wird ohne Müllsäcke auf die Gassen gekippt. Hunde, Kühe, Ratten, Menschen, Wohlgerüche, Fliegen, Exkremente, Gestank, Mitgefühl, Bewunderung, Ekel – alles vermischt sich für uns zu einem verwirrenden Durcheinander. Betelnüsse werden immerzu gekaut. Überall an Hauswänden und am Boden findet man den ausgespuckten rötlich gefärbten Speichel. Seitdem wir uns eingestehen, dass Ekel ein Gefühl ist, das man hier zulassen darf, geht es uns besser. An manchen Tagen müssen wir uns überwinden, das Hotel zu verlassen, um mit Shiva durch die Gassen zu streunen. Rückzugsorte zum Rasten und Verarbeiten sind rar. Auf die Dauer ist es anstrengend, all die Geschäftemacher abzuwehren. Nur ja nicht stehenbleiben und den Slalom durch Menschen, Müll, Mopeds und Exkremente stetig fortsetzen. An jeder Ecke wird man angesprochen. Überall soll man kaufen, spenden und Dienstleistungen beanspruchen. Verständlich bei der zum Teil unfassbaren Armut, die hier sichtbar wird. Manchmal wird ein Blick freigegeben ins Innere der Räume im Erdgeschoss. Man hofft im Sinne der darin befindlichen Menschen, dass es sich dabei nicht um ihre Wohnräume handelt. Hinduisten essen im Allgemeinen kein Fleisch und trinken keinen Alkohol. Hanf ist hingegen nicht ganz verboten. Er wird in Form von Bangh-Lassis genossen. Das ist ein Joghurtgetränk, bei dem Cannabis beigemischt wird. Wir verspüren allerdings keine berauschende Wirkung und belassen es bei einem dieser süßlichen Drinks. Das Essen ist geschmacklich meist sehr gut, wenn auch scharf. Viele Gerichte schmecken durch die Verwendung der immer gleichen Würze ähnlich. Alkohol und Fleischgerichte mit Ausnahme von Huhn werden in Restaurants selten angeboten. Die überall verfügbaren vielfältigen fleischlosen Gerichte sind dafür paradiesisch für Vegetarier. Der oft für Indien prognostizierte Pflichtdurchfall bleibt bei uns aus obwohl wir auch frischen Salat, Eis und Eiswürfel genießen.

Wir besuchen Tempel, Moscheen, Hospize, Ausgrabungsstätten von uralten Klöstern und die Stätte, wo Buddha 528 vor Christus nahe Varanasi nach seiner Erleuchtung die erste Unterweisung seiner Jünger durchgeführt haben soll. Ein versteckter Stufenbrunnen im Gewirr der Gassen gilt als Fruchtbarkeitsquelle. Dort stellen oder besser „legen“ sich einmal im Jahr 17.000 Paare in einer kilometerlangen Schlange Tag und Nacht an, um sich einige Sekunden waschen zu dürfen und damit Kindersegen zu erbitten. Für die Anstehenden wird eine eigene Spur auf der Straße eingerichtet. Eine 400 Jahre alte Weberei, die bis heute Lochkarten für die Erstellung der Muster am Webstuhl verwendet, ist noch immer in Betrieb. Die Lochkarten erinnern uns an den Jahrhunderte später erfundenen Computer. 

Der Ganges ist die Lebensader für unzählige Menschen. Das Wasser muss aufbereitet werden, damit es verwendbar ist. Die Bootsfahrt darauf ermöglicht einen neuen Blickwinkel auf die Stadt. Die Totenfeuer lodern von den Ghats. Jeden Abend sind Tausende auf den Booten und auf den Plätzen am Ganges unterwegs, um den hier stattfindenden hinduistischen Aarti Zeremonien beizuwohnen. Dabei handelt es sich um eine Art Messe mit mehreren Priestern, durch Lautsprecher dröhnende Mantras und einer Choreographie mit Gefäßen und Kerzen, die wir einmal vom Boot und einmal von einer Plattform aus betrachten. Diese Zeremonien dürften hier einen ähnlichen Stellenwert haben wie für christliche Pilger eine Messe im Vatikan. Bei einer dieser Zeremonien, die jeden Tag zu Sonnenaufgang und -untergang zelebriert werden, lodert unwirklich ein Coca-Cola-Werbespot von einem riesigen Farbbildschirm in den Nachthimmel. 

Irgendwie sind wir froh, als sich unser Abreisetag nähert. Nach der ältesten Stadt möchten wir nun eine der moderneren indischen Städte kennenlernen – Mumbai. 

Als Wirtschafts- und Finanzzentrum liegt Mumbai auf einer Halbinsel an der Westküste Indiens. Auf der Halbinsel hat es mit seinen 26 Millionen Einwohnern freilich nicht mehr Platz. Daher erstreckt sich Mumbai mittlerweile weiter ins Landesinnere hinein. Die Stadt erstickt im wahrsten Sinne im Verkehr. Durch die Smogglocke sieht man keinen Kilometer weit und die mit Bauruinen gemischten Wolkenkratzer lassen sich im Dunst nur schemenhaft ausmachen. Wir verstehen, dass manche Besucher in Indien nur mit Ohropax auf die Straße gehen. Das ohrenbetäubende Dauerhupen der im Verkehr feststeckenden Gefährte wird nur manchmal durch den Motorenlärm derselben übertönt. Durchgehend begehbare Gehsteige sind nicht vorhanden und Zebrastreifen sind nur unter Lebensgefahr passierbar. Ampelfarben sind Empfehlungen und Bodenmarkierungen werden grundsätzlich ignoriert. 

Begibt man sich in die Straßen der Innenstadt, wird Geschichte sichtbar. Riesige quirlige Straßenmärkte, Tempel, Moscheen, Kirchen und bezaubernde viktorianische Gebäude und Gärten verdrängen das neblige Bild aus der Ferne. Berühmt ist der Bahnhof von 1878. Sowohl von außen als auch von innen ein echtes Kunstwerk viktorianischer Zeit. Aus diesem Grund gilt er und andere Gebäude aus diesem Zeitalter als Weltkulturerbe. Mumbai ist auch die Stadt der Bollywood-Studios. Dazu gehören die prestigeträchtigen Villen der Stars, die Kinos und die Premieren. 

Unglaublich ist auch Dhobi Ghat, die größte Freiluft-Wäscherei der Welt, mehr als 130 Jahre alt, im Dharavi Slum gelegen. Um die 5.000 Menschen waschen rund um die Uhr auf 700 Waschplätzen mit der Hand Kleidung. Hotels, Krankenhäuser, aber auch Textilfabriken lassen hier ihre Wäsche waschen. Hunderte Jeanshosen, tausende Bettlaken hängen zum Trocknen in der Sonne. Gebügelt wird hier übrigens mit heißen Kohlen mit Bügeleisen, die es in Europa nur mehr im Museum gibt. 

Taxifahren in Indien ist immer ein Erlebnis. Zum Teil die Gefährte selbst und zum Teil die Fahrer oder die Fahrweise und manchmal alles zusammen. Des Englischen kaum mächtig kennen sie ihre eigene Stadt oft nur rudimentär. Oft können sie – sei es durch ihre Weitsichtigkeit mangels Brille oder durch mangelnde Vertrautheit mit der GPS-Technologie – nicht einmal dem Strich am Navi nachfahren. Dafür wird erst mal ein Vielfaches des gerechtfertigten Preises verlangt. Teuer ist es aber trotzdem nicht. Am besten ist es, man schaut zuerst in Uber, was die Fahrt ungefähr kosten kann. Dann schlägt man etwas drauf und sucht sich seinen Taxifahrer selber. Wenn man nämlich ein Taxi mit Uber bestellt, finden die Fahrer oft nicht den Abholort und man muss das Taxi dann auch noch suchen gehen. Hat man den Fahrer, verhandelt man den Preis und staut sich über mehr oder weniger große Umwege seinem Wunschziel entgegen. Am besten hält man sein eigenes Mobiltelefon mit der Route hin. Man muss jederzeit wissen wo man hin muss und Hilfestellung geben, damit nicht falsch abgebogen wird. Nach dem Motto „probieren kostet nichts“ versuchen die Fahrer auch hin und wieder, einen früher zum Aussteigen zu bewegen, obwohl man noch kilometerweit vom Bestimmungsort entfernt ist. Wir interpretieren das als Unwissenheit und nicht als Böswilligkeit. Geduld ist hier eine notwendige Eigenschaft.

Vögel kreisen über einem Wald hinter dem Park der hängenden Gärten. Dort befinden sich die Türme, wo Zoroastrier sich bestatten lassen. Angehörige dieser Religion, die auf den iranischen Priester Zarathustra zurückgeht, lassen ihre sterblichen Überreste nach ihrem Ableben oben auf den Tower of Silence legen, wo er dem Verwesungsprozess und den Tieren ausgeliefert ist. Manch ein aasfressender Vogel soll angeblich schon mal kleine Teile beim Flug über der Stadt verlieren. Na Mahlzeit! Der Zutritt ist außer für Angehörige streng verboten. Angeblich kann man es abends mit Trinkgeld für den Wächter trotzdem schaffen. Wir lassen dieses schaurige Erlebnis aber gerne aus. Berühmte Angehörige dieser Religion, die in Indien „Parsen“ heißen, sind zum Beispiel Zubin Mehta oder der verstorbene Freddie Mercury. 

Vorbei am Cricket-Stadion geht es über die noch nicht ganz fertiggestellte riesige Brücke zum Juhu Beach. Die braune Brühe, der Müll am Strand und der Blick auf die Ölplattformen lassen bei uns keinen Wunsch aufkommen, in die Fluten zu steigen. Lieber erholen wir uns in einem klimatisierten Café vom Straßenlärm.

Am Gate of India, das für die Ankunft König George’s gebaut wurde, lassen wir uns zur Elephanta-Insel einschiffen. Wie überall in Indien trübt der allgegenwärtige Müll das Erlebnis. Besonders bei der Bootsfahrt zur Elephanta-Insel mit den gleichnamigen Höhlen wird das Müllproblem wieder sichtbar. Quer durch die Bucht durchfährt man einen langgezogenen Müllteppich nach dem anderen. Dabei sieht man meist nur den Müll an der Meeresoberfläche. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auch die halb abgesunkenen Plastikteile im braunen Wasser. Der Kapitän gibt immer wieder den Gang heraus, damit sich nichts im drehenden Propeller verwickelt.

Skurriler Weise bringt uns ein ratternder kleiner Bummelzug auf Schienen vom Steg zum Einstieg des mit bunten Verkaufsständen gesäumten hinaufführenden Wegs zu den Elephanta-Höhlentempeln. Die Elephanta-Höhlen wurden im sechsten und siebten Jahrhundert aus dem Felsen gehauen. Vier der sieben sind begehbar. Die Höhlen erscheinen nunmehr als Gebäude mit einer eindrucksvollen ebenso aus Stein gemeißelten Säulenhalle. Renovierungsarbeiten wurden mit Stahlbeton durchgeführt, der nun rostender Weise zum Vorschein kommt. Ob das die UNESCO von seinem Welterbe weiß?

Wir finden, Indien muss man einmal gesehen haben. Die Gebäude, das reiche kulturelle Erbe, das farbenfrohe Zusammenleben der verschiedenen Religionen, das Chaos, die Menschen – alles unvorstellbar. Wir verstehen alle, die wiederkommen wollen. Bei uns wird es wohl bei einem Besuch bleiben.

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