Durch das wilde Rajasthan

Weiterhin so imposante Bauten wie das Taj Mahal zu finden, erscheint uns unwahrscheinlich. Wir stellen uns bei unserer Weiterreise also auf einen Abwärtsvergleich ein. Weit gefehlt!

Erster Stopp ist Fatehpur Sikri. Die Stadt wurde 1569 innerhalb von fünf Jahren vom Großmogul Akbar I. als Hauptstadt erbaut, blieb es allerdings nur für 14 Jahre und wurde dann verlassen und vergessen. Aus diesem Grund und dank aufwändiger Restauration durch britische Archäologen vor der indischen Unabhängigkeit wirken viele Bauten wie neu. Besonders der Königspalast ist beeindruckend und auch die dazugehörige Moschee, welche das Mausoleum des Scheichs Salim Chishti beherbergt. Dieser soll dem kinderlosen Mogul prophezeit haben, dass er drei Söhne bekommen würde. Da sich die Prophezeiung bewahrheitete, ließ der Mogul die Stadt zu seinen Ehren erbauen. Das Mausoleum wurde mit feinsten Marmorarbeiten ausgestattet und ist nach wie vor ein beliebtes Ziel für kinderlose Frauen, um Kindersegen zu erbitten. 

Nicht minder imposant ist unser nächstes Ziel. Das Chand Bawdi in Abhaneri ist ein Stufenbrunnen aus dem 8. und 9. Jahrhundert mit 3.500 Stufen zum Wasser. Es ist in die Erde hinein gebaut wie eine riesige umgekehrte Pyramide und diente als Wasserspeicher. Faszinierend. Die Stufen sind geometrisch von allen Seiten über 13 Stockwerke in die Tiefe fein säuberlich angeordnet. Eine architektonische Meisterleistung der antiken Baukunst in Indien. 

Was uns alles auf Indiens Straßen und Autobahnen begegnet, ist schlichtweg: „sagenhaft“. Kühe, Schafe, Ziegen, Kamele, noch mehr Kühe, knietiefe Schlaglöcher, Menschen zu Fuß, Fahrbahnschwellen mit Achsbruchpotential aus heiterem Himmel. Diese könnten locker bei höherer Anlaufgeschwindigkeit ganze Mondraketen ins All befördern. Busse mit ganzen Schulklassen auf dem Dach, abenteuerlich beladene Laster und Traktoren, unwirkliche Gefährte und – hatten wir schon Kühe überall erwähnt?  Ach ja, dann wären da noch die Geisterfahrer, die auch auf getrennten Richtungsfahrbahnen an der Tagesordnung sind. 

Man wird als Verkehrsteilnehmer nirgendwo dazwischen gelassen, da hilft kein Blinken, Dauerhupen, Winken oder sonst etwas. Dafür lässt man aber auch keinen anderen vor sich rein. Das ist ganz normal. Jeder schaut rücksichtslos auf sich selbst und die anderen müssen sehen wo sie bleiben. Gehupt wird die ganze Zeit von jedem, aber es gibt keine unfreundlichen Gesten der Fahrer. Man schaut gezielt aneinander vorbei. Wahrscheinlich um niemanden zu signalisieren, dass eine geringe Wahrscheinlichkeit bestünde, jemanden vorzulassen und vielleicht auch, um niemanden zu provozieren. Die Freigabe einer Fahrzeug-Überprüfungsstelle würden hier wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der Fahrzeuge bekommen. Es gibt kein Fahrzeug ohne Scharten, egal ob Fahrrad oder LKW. Wir bewundern unseren Fahrer Ramesh für das gleichmütige Abspulen der vielen Kilometer mit derartigem Adrenalinpotential und für den vergleichsweise perfekten Wartungszustands unseres Gefährts. 

Die Kühe trotten berechenbar und unbeirrt überall in alle Richtungen. Zum Beispiel auf der Autobahn am Mittelstreifen gegen die Fahrtrichtung. Nichts kann sie aufhalten. Fährt man durch eine Herde, macht man es wie bei Kreuzungen: man hält einfach voll drauf als wäre nichts, bis auf Tuchfühlung – oder besser „Blechfühlung“. Danach sortiert sich alles wie von selbst. Wir brechen beim Fahren auf Indiens Straßen ob der gesichteten Neuheiten regelmäßig in Lachen aus und fürchten tun wir uns natürlich auch. Richtige Todesangst haben wir aber immer nur kurz. Laut Statistik liegt Thailand bei Verkehrstoten pro Einwohner noch weit vor Indien.

Der Ranthambhore-Nationalpark ist bekannt für seine Tigersafaris. Am frühen Morgen geht es los. Wir sehen Rotwild, eine Antilope, einen Lippenbären, einen Mungo, Wildschweine, ein Süßwasserkrokodil, Pfaue und andere Vögel in freier Wildbahn, aber keinen einzigen Tiger. Das vermuten wir auch schon ab dem Zeitpunkt, als uns Leute zu Fuß im Nationalpark entgegengehen. Da geht es uns genauso wie mit den Seekühen, die sich ebenfalls bisher vor uns erfolgreich versteckt haben auch wenn sie uns noch so oft versprochen wurden. 

Um unseren Fahrer zu schonen, machen wir einen Zwischenstopp in Bundi, einer kleinen Stadt in den Weiten Rajasthans. Reiseführer haben für die Stadt nicht einmal einen Satz übrig. Umso mehr sind wir von den Sehenswürdigkeiten positiv überrascht. Der Garh Palast ist ein Märchenpalast aus dem 17. Jahrhundert ohne Einfluss von Mogul-Architektur. Schade, dass der Palast vernachlässigt wurde. Wertvolle Freskenmalereien in einer für Bundi bekannten Art sind ungeschützt und unbewacht zugänglich. Jay zieht uns in sein Café. Er sieht ein wenig aus wie Freddie Mercury, dessen Eltern auch aus Indien stammen. Um ins „Café“ zu kommen, geht man an Schwester und Mutter vorbei durch sein Schlafzimmer. Oben auf der Terrasse wird serviert. Sehr nett.

Unser Privatquartier hat nicht nur einen tollen Blick auf den Palast, sondern auch auf den direkt daneben liegenden Hindutempel. Wir erfahren, dass ein mehrtägiges Hindufest „Dussehra“ am Laufen ist. Dabei werden 9 Tage lang 24 Stunden pro Tag ununterbrochen Gebete gesprochen beziehungsweise gesungen. Um nur ja keine Lücke aufkommen zu lassen, wechseln sich die Vorbeter vor den angeschlossenen Megafonen regelmäßig ab. In der Nacht gibt es eine dreiminütige Pause! Am nächsten Tag efahren wir, dass der Strom kurz ausgefallen war. Der Besitzer unserer Herberge meint, er mietet sich für die nächsten Tage woanders ein weil er es nicht mehr aushält. Es ist Tag vier.

Wir würden ja noch gerne die eine oder andere Sehenswürdigkeit besichtigen, aber die nächste Destination Udaipur, früher Eschnapur genannt, steht schon auf dem Programm. Einen Ausflug zum Haus von Rudyard Kipling, der hier das berühmte Dschungelbuch innerhalb von zwei Nächten geschrieben haben soll, lassen wir sausen. 

Gegen Mittag kommen wir in Udaipur an. Zunächst machen wir uns auf den Weg zum City Palace. Dieser wurde innerhalb von 400 Jahren gebaut und liegt bei der zweiten Sehenswürdigkeit, dem Pichola-See. Um vor aufdringlichen Passanten geschützt zu sein, entschließen wir uns, einen Führer anzuheuern. Unser Führer hat einen Sprachfehler, bei dem das ohnehin schon schwer verständliche indische Englisch zu einem unverständlichen Kauderwelsch verkommt. Wir nicken brav und die Passanten lassen uns trotzdem in Ruhe.

Während der Palastbesichtigung hören wir unerwartet Dudelsackmusik. Tatsächlich stehen im Hof drei Dudelsackspieler in britischer Manier. Dazu „marschieren“ zirka 40 Männer in Camouflage Hosen und unterschiedlichen T-Shirts mit Plastikgewehren hin und her. Ja, das sei normal hier. Die britische Besatzung von Indien endete 1947 aber man hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass die alltägliche Flaggenparade für den Union Jack nicht mehr existiert. 

Zum Schluss bringt uns unser Führer noch zu einem Shop seines Cousins wo wir wie immer nichts kaufen, weil wir am Schiff nichts brauchen können. Mittlerweile haben wir es einigermaßen geschafft, uns die aufdringlichsten Verkäufer vom Hals zu halten. Martin geht mit finsterer Miene schnellen Schrittes unbeirrt und wortlos voraus, sodass die heranstürmenden Inder nach fünf Metern aufgeben. Bei der hinterdrein stapfenden Kerstin reicht dann schon ein müdes Lächeln für Frieden rund um uns.

Kühe gehen auch in der Stadt spazieren, allerdings gibt es natürlich kein Gras, womit sie gemeinsam mit den streunenden Hunden den Plastikmüll auf der Suche nach Futter durchwühlen. Angeblich kehren sie am Abend zu ihren Besitzern zurück und erhalten dort richtiges Futter – für sie wird sogar zum Teil gekocht. Mager wie sie sind, kann das nicht besonders viel sein. Die schönen Blumen, die überall verkauft werden, werden in die Hindutempel getragen und vor Steinstatuen gelegt. 

Früh morgens brechen wir zum Kumbhalgarh Fort auf. Die imposante Festung gehört gemeinsam mit einigen anderen indischen Höhenfestungen zum Weltkulturerbe.

Die Festung aus dem 15. Jahrhundert ist riesig. Es handelt sich um die zweitgrößte von Menschenhand errichtete zusammenhängende Mauer nach der chinesischen. In der Festung findet man 360 Tempel, ehemalige Wohnhäuser und natürlich das obligatorische Schloss an der höchsten Stelle. Die 46 Kilometer lange acht Meter dicke Mauer wurde als Bollwerk gegen den vordringenden Islam gebaut. Sie wurde jedoch einmal eingenommen, weil das Trinkwasser ausging.

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