Der Abschied von der Heimat fällt nicht leicht. Die ÖBB will uns noch nicht weglassen und hat unseren Zug wegen Hochwasserschäden mehrmals verschoben und die Zugfahrt verlängert. Zur Ablenkung genießen wir am Flughafen in Wien ein letztes Leberkässemmerl mit Ottakringer vom Fass. Jetzt wollen wir die zugelegten Kilos aber wieder los werden. In Indien ist die Küche meist vegetarisch, deshalb sollte es nicht allzu schwerfallen. Außerdem steht wieder mehr Bewegung auf dem Programm. Der Flug vergeht wie im Flug und wir tauchen in das Leben in Neu-Delhi ein.
Es ist voll, es ist laut, es ist heiß, es hupt überall. Dass Linksverkehr herrscht, erkennt man nur daran, dass in die richtige Richtung im Durchschnitt mehr Fahrzeuge fahren als in die falsche. Wir sind ja von Südostasien verkehrsmäßig schon abgehärtet aber ein derartig tobendes Chaos haben wir bisher noch nie erlebt. Zwischen all den Autos, Mopeds, Tuktuks, Bussen und LKWs gehen die Menschen todesmutig über die Straßen. Wer schaut, hat Nachrang. Eine Smog-Glocke hängt über der zweit-bevölkerungsreichsten Stadt der Welt, überall Müll und Staub. Geruchlich ist es hier auch abwechslungsreich. Die Kanalisation scheint überfordert zu sein.
Nach jeder Tuktuk-Fahrt dankt man sämtlichen Göttern, welche hier zahlreich zur Verfügung stehen. Mit Hilfe von John von Indus Adventure Tourism planen wir einen Trip zu den Sehenswürdigkeiten in Delhi und einen weiteren Trip durch Rajasthan.
Der Temperatursprung von 10 auf 30 Grad ist leichter verdaulich als umgekehrt. Das rote Fort in Delhi ist Weltkulturerbe wie einige andere Bauten hier. In der Dämmerung wirkt diese im 17. Jahrhundert gebaute Mogulfestung aus rotem Sandstein imposant. Die reguläre Öffnungszeit ist vorbei, aber mit den Eintrittskarten für die Licht- und Soundshow, bei der die Geschichte des Forts abwechslungsreich erzählt wird, gelangen wir auch jetzt noch in das Fort.


























































Am nächsten Tag geht es auf Stadttour mit Ramesh, unserem Fahrer. So geht es zunächst zu einer der größten Moscheen in Asien, der Jama Masjid. Erbaut unter dem Mogul Shan Jahan, der auch das Mausoleum Taj Mahal bauen ließ. Die Eintrittskarten für Ausländer kosten das 15-fache von jenen für Inder. Inder zahlen 45 Cent, Ausländer 6,75 Euro.
Qutb Minar, ein 73 Meter hoher Sieges- und Wachturm vom Ende des 12. Jahrhunderts gehört zu den höchsten Turmbauten in der islamischen Welt. Dazu kommen Stufenbrunnen, Mausoleen, Tempel sowie ein Bummel über einen Markt. Aufdringliche Händler und Guides, die einen nicht und nicht in Ruhe lassen trüben den Genuss der fantastischen Bauten etwas. Ebenso die unvorstellbare Menge an Müll und Dreck auf Straßen, in Flüssen, Seen, Städten und Dörfern.
Morgens werden wir wieder von Ramesh aufgegabelt und starten unsere achttägige Rundreise. Zuerst geht es nach Agra, der früheren Hauptstadt, dessen Hauptattraktion Taj Mahal ist. Zunächst besuchen wir das Rote Fort von Agra. Dieses ist im 16. Jahrhundert erbaut worden. Eine riesige Festung aus rotem Sandstein. In dieser Zeit bis Mitte des 19. Jahrhunderts regierten muslimische Großmogule, die ihre Gebiete fast auf den gesamten indischen Subkontinent ausdehnten. Nach Schätzungen lebten im Jahr 1700 in Indien 100 bis 150 Millionen Menschen, was damals knapp 30 Prozent der Weltbevölkerung ausmachte. Im Jahr 2023 sind es mit 1,4 Milliarden „nur noch“ 18,3 Prozent.
Shan Jahan war der fünfte Großmogul. Er interessierte sich für Architektur und übernahm früh Aufgaben im Reich seines Vaters, welcher opium- und alkoholsüchtig war. Die Lieblingsfrau von Shan Jahan war Mumtaz Mahal, die ihn stets begleitete und bei der Geburt des 14. Kindes verstarb. Der trauernde Ehemann ließ für sie daraufhin in 22 Jahren mit 20.000 Arbeitern das Taj Mahal, ein riesiges zauberhaftes Mausoleum, bauen. Aus Marmor und Edelsteinen liegt es eingebettet in Gärten und weiteren Gebäuden am Flussufer. Ein äußerst aufwändiges Symbol der Liebe. Das Ende seiner Herrschaft wurde durch seinen jüngsten Sohn herbeigeführt, der alle Tronfolger vor ihm töten ließ und den Vater im roten Fort bis zu dessen Tod gefangen hielt. Immerhin hatte dieser von dort einen schönen Blick auf Taj Mahal. Verwehrt blieb ihm der Bau eines zweiten schwarzen Mausoleums für ihn selbst – auf der anderen Seite des Flusses. Das Fundament dafür ist noch immer sichtbar. Der Vater wurde allerdings aus Spargründen neben seiner Angetrauten im Taj Mahal beigesetzt. Am Sterbebett musste er ihr versprechen, keine weitere Frau zu heiraten, auf die Kinder aufzupassen und ein Andenken an sie zu errichten. Wunsch eins wurde erfüllt, bei Wunsch zwei kläglich versagt und der Wunsch drei wurde aus unserer Sicht etwas übererfüllt.
Der Besuch dieses beeindruckenden Monuments geht schon um halb sechs in der Früh los. Wir werden von Ramesh abgeholt und sind vor Sonnenaufgang an Ort und Stelle. Ramesh bringt einen Guide mit, welcher gutes Englisch spricht und kein nervöser Dauerquassler ist. So brauchen wir uns nirgends anstellen, können den Sonnenaufgang genießen, interessante Details kennenlernen und die besten Fotopunkte nutzen. Die schiere Größe, die vollendete Form und die Handwerkskunst der Steinmetze, die erst sichtbar wird, wenn man näher kommt, lassen einem den Mund offen stehen. Dem weißen Marmor merkt man wegen seiner außergewöhnlichen Härte seine 400 Jahre nicht an. Er reflektiert bei Tagesanbruch gelb, tagsüber weiß, bei Sonnenuntergang rot und bei Vollmond grünlich. Ein Gesamtkunstwerk, das unsere hohen Erwartungen nicht enttäuscht.


































