Heute ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen von Tibet. Durch eine enge Schlucht geht es in Serpentinen zur Grenze und wir bedanken uns bei unserem Fahrer und unserem Tourguide. Tibeter bekommen nur mit großen Hürden einen Reisepass von den Chinesen. Für sie ist hier Endstation. Danke für alles. Zu Fuß gehen wir über die Grenze. Alles wird von den Chinesen bei der Ausreise ganz genau gecheckt. Es dauert pro Person ungefähr fünf Minuten. Fingerabdruck, Gesichtsfoto, elektronischer Gepäck- und Körperscan, manuelle Passkontrolle, Visumskontrolle, Zollkontrolle. Manche Pässe werden ins Hinterzimmer befördert und noch einmal gecheckt. Bestanden, wir dürfen ausreisen! Nicht, dass wir da bleiben wollten aber schön war es schon in Tibet.
Jetzt machen wir einen Zeitsprung in die Vergangenheit. Das Gepäck wird auf nepalesischer Seite nicht elektronisch gescannt. Nein, wir müssen unsere Rucksäcke ausräumen in einer kleinen Blechhütte am Straßenrand. Die Pässe werden kritisch beäugt, aber in Summe geht die Einreise in Nepal schneller als die Ausreise aus China. Zwei indische Tata-Jeeps aus dem letzten Jahrtausend warten schon auf unsere Reisegruppe. Der Zeitsprung im Straßenbau von China zu Nepal ist noch einmal um eine Potenz größer. Durch den nächtlichen Regen wird die belaglose Straße zu einer schlammigen Buckelpiste. Google Maps schlägt die 170 Kilometer lange Route von der Grenze nach Kathmandu mit einem 8.150 Kilometer langen Umweg über Vietnam, Thailand und Myanmar vor. Wir ahnen jetzt, warum wir für 170 Kilometer acht Stunden Fahrzeit brauchen sollen: wir werden mit dem Auto nicht schneller sein als mit dem Fahrrad. Auf dem kurzen Stück bis zur Visastelle wundern wir uns schon, dass wir noch nicht steckengeblieben sind, denn bei unserem Fahrzeug handelt es sich nicht um einen Allradantrieb. Noch mehr wundert uns, dass die anderen LKWs und Fahrzeuge, die uns auf der einspurigen teilweise knietiefen schlammigen Bergpiste entgegenkommen, nicht hängengeblieben sind. Auch Mopeds fahren hier rauf. Wenn ein mehrspuriges Fahrzeug steckenbleibt, wird es ruhig für die Grenzbeamten. Dann geht nämlich nichts mehr.






















































Das Visum für Nepal kostet 30 US-Dollar. Wenn man es in der falschen Währung oder nicht genau hat, ist man auf gute Geister in der Umgebung angewiesen, die wechseln oder man zahlt viel zu viel. Bei der Visastelle bietet man uns einen Hubschrauber an. Mit dem wäre man in 30 Minuten in Kathmandu – heißt es. Das Angebot ist verlockend, aber einerseits wollen wir Land und Leute kennenlernen und andererseits hat die nepalesische Luftfahrt den schlechtesten Ruf der Welt. In anderen Ländern dürfen diese Vögel gar nicht mehr landen. Wir schließen vom Wartungszustand unseres Jeeps auf jenen des Hubschraubers und lehnen dankend ab. Die Vorderreifen sind so abgefahren, dass die Fransen aus den Reifen herausragen. Den Rest kann man sich ungefähr ausmalen. Wenn beim Jeep was kaputtgeht, ist man nicht zwingend gleich tot, beim Hubschrauber eher schon. Fahren tut der Jeep aber gar nicht schlecht. Liegt wohl am Fahrer. Wir bleiben nicht stecken, es passiert keine der unzähligen hier gefürchteten Hangrutschungen und wir bewegen uns mit Schritttempo über schmale Bergwege Richtung Hauptstadt Nepals.
Kurzvideo: Straße in Nepal
Die Ausblicke sind genauso atemberaubend schön wie furchterregend. Die Hügelwände sind beinahe senkrecht steil. Ein Fahrfehler – null Überlebende – und das garantiert. Üppiges dschungelartiges Grün mit rotbrauner Erde, Reisterrassen, Flüsse, Wasserfälle, Schlaglöcher in Elefantengröße. Lastkraftwagen, Mopeds, Autos mit Pannen, Dörfer, juhu 200 Meter Asphalt, schon wieder aus. Mittagspause. In Summe sind wir heute 12 Stunden unterwegs und heilfroh, dass wir in einem Stück in Kathmandu ankommen.
Hier ist es wieder ganz anders als in Tibet. Eine pulsierende Stadt mit einem Straßenverkehr, wo sich aber schon überhaupt niemand an eine einzige Verkehrsregel hält. Die 1,4 Millionenstadt kommt ohne Ampeln aus. Dabei sind die Straßen in der Stadt marginal besser als am Land. Aus den Auspuffen kommt dunkelschwarzer Rauch. Ein sagenhaftes Durcheinander, bei dem jeder fährt, geht, schiebt, rollt bis er ansteht. Manchmal auch ein Stückchen weiter. Es gibt kein Fahrzeug ohne Dellen. Uns kommt das ziemlich gefährlich vor. Die Fahrer scheinen bewusst nicht hinzusehen, wenn sie ohne Vorrang einbiegen. Denn dann müssten sie vielleicht stehen bleiben. Erstaunlicherweise fließt der Verkehr irgendwie ohne gröbere Zwischenfälle. Statt Ampeln stehen Polizisten in schönen blauen Uniformen mitten auf der Kreuzung. Manchmal winken und pfeifen sie wie verrückt und manchmal lassen sie dem Verkehr einfach freien Lauf und starren entrückt in ihr Mobiltelefon während rund um sie das Chaos tobt. Viel Unterschied konnten wir zwischen Kreuzungen mit aktiven und inaktiven Verkehrspolizisten jedenfalls nicht feststellen. Ein Erlebnis für sich. Aber jetzt kommen erst die vielfältigen bunten Geschäfte, die unterschiedlich bunt gekleideten Menschen, Restaurants und Bars in mehreren Stockwerken dazu. Eine atemberaubend lebhafte Stadt. Sympathisch und frei. Hier scheint alles möglich zu sein. Nichts regt jemanden auf. Hinduisten, Buddhisten, Moslems, Christen teilen sich friedlich und bunt die Stadt auf 1.400 Metern Seehöhe. Jeder kann englisch, jeder ist freundlich. Dort und da ein bunter lauter Umzug mit der typischen Blasmusik, die sofort fröhlich macht, weil sie für unsere Ohren gelinde gesagt „ein wenig unorganisiert“ klingt. Die Hotels mit Nächtigungspreisen im einstelligen Eurobereich enttäuschen uns nicht und die Preise sind generell weit unter den europäischen.
In und um Kathmandu gibt es sieben Weltkulturerbestätten, die wir an zwei Tagen mit dem preisgünstigen Taxi besuchen. Tempel, Heiligtümer, gut erhaltene uralte Stadtteile mit der typischen Ziegelstein-Architektur, die mit feinen Holzschnitzereien in Dachstühlen, Fenstern und Türen durchsetzt ist. Öffentliche Wasserstellen an vielen Ecken. Man könnte wochenlang durch diese Stadt gehen und man würde immer etwas Neues zu entdecken. Oft hat man das Gefühl, man muss an die gleiche Stelle wieder zurückkehren, um alles aufnehmen zu können. Vieles ist durch ein schweres Erdbeben 2015 zerstört worden, aber der Wiederaufbau läuft. Bei den Sehenswürdigkeiten verlangt man von den Touristen Eintritt in manche Stadtteile. Geht man 20 Meter weiter ein und aus, kostet es nichts.
Kurzvideo: Festlicher Umzug in einem nepalesischen Bergdorf
Kurzvideo: Nepalesische Blasmusikkapelle in Aktion
Aus den Socken haut uns dann letztendlich der Pashupatinath Tempel am Fluss. Ohne zu wissen wo wir hier genau gelandet sind, bekommen wir gleich einmal einen dicken roten Batzen auf die Stirn geklatscht. Massenauflauf. Fröhliches Treiben, Picknick, Open Air Theater. Schaut gar nicht aus, als ginge es hier sehr religiös zu. In den alten Hindu-Tempel dürfen wir als Ungläubige nicht rein. Es ist einer der wichtigsten hinduistischen Tempel für die Nepalesen aus dem 15. Jh. Gehen wir halt außen herum zum Flussufer. Schlendern wir anfangs noch unbedarft an den großen überdachten Feuerstellen vorbei, jagt es uns jäh einen Schauer über den Rücken, als zwei Männer mit Stöcken ein eindeutig menschliches Bein samt Fuß im Feuer zu wenden versuchen. Das Bein will partout nicht in die Glut. Jetzt dämmert uns erst, wo wir sind. Am Flussufer werden Menschen ohne Sarg aufgebahrt. Diese werden bloß als Transportmittel verwendet. Kühe liegen daneben. Eine Witwe schreit und windet sich vor Trauer und wird von den Angehörigen festgehalten, um sich nicht zu verletzen. Es kommt tatsächlich vor, dass ein leerer Sarg auf dem Fluss vorüberschwimmt. Dieser wird von Kindern vorübergehend als Boot benutzt und das Holz schlussendlich anderweitig weiterverwendet. Der Verschiedene liegt am Boden in Tücher gewickelt. Er wird mit Wasser vom Fluss gereinigt und zum Abschied gibt ihm jeder noch eine Handvoll Wasser in den Mund. Da im Hinduismus der Körper nach dem Tod seelenlos ist, weil die Seele schon wieder auf die Wiedergeburt wartet, ist der pietätvolle Umgang mit dem leblosen Körper überflüssig. 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche werden hier die Toten verbrannt, mit einem Aufpreis auch gegenüber des Tempels. Passanten gehen keinen Meter davon entfernt vorbei. Zehn Meter weiter springen Kinder schreiend und lachend in den Fluss und lassen sich ein Stück treiben um das Ganze immer wieder zu wiederholen. Leben und Tod, glücklich und traurig, Betroffene und Passanten – alles auf einem Haufen – live und in Farbe. Wir wissen nicht, ob wir lachen oder weinen sollen. Es sollte einige Tage dauern, bis wir die Eindrücke verarbeitet haben.

























































































In Kathmandu buchen wir eine fünftägige Rundreise durch Nepal. Das kostet hier die Hälfte dessen, was es über das Internet zuhause kosten würde. Es ginge noch billiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln und auf eigene Faust. Da wir aber bereits den Weiterflug für unseren Österreich-Aufenthalt im August gebucht haben, leisten wir uns die planbarere aber noch immer günstige Variante mit eigenem Fahrer über einen hiesigen Reiseveranstalter, den wir empfehlen können: Adventure Himalaya Circuit Treks & Tours in Kathmandu. Herr Basu Lamsal stellt maßgeschneiderte Pakete nach individuellen Wünschen zusammen. Sei es wandern, Rundflüge, Safaris, klettern oder einfache Rundreisen mit dem Auto. Vom Selberfahren nehmen wir in Nepal ganz bewusst Abstand.
Wir sind in der Monsun-Zeit in Nepal, womit es immer wieder Regen gibt, der zwar hauptsächlich in der Nacht kommt, die Straßen allerdings zu Schlamm- und Geröllhalden werden lässt. Auch trübt es die Aussicht auf den Himalaya, der sich nahezu permanent hinter den Wolken versteckt. An jeder Straßenecke versucht man uns etwas zu verkaufen: Ton oder Kaschmir, Yak-Wolle, Metall oder Holz. Schließlich müssen die Handwerker auch in der Nebensaison von etwas leben. Nach dem bunten Treiben der Stadt freuen wir uns schon auf unsere Landtour, die sich hoffentlich etwas ruhiger gestaltet.
