Pünktlich in der Früh werden wir von unserem Fahrer für die Rundreise abgeholt. Für die 150 km bis Bandipur, unseren ersten Stopp, werden fünf Stunden veranschlagt. Damit wissen wir wie die Straße ausschaut. Die Chinesen wurden bereits beauftragt, Straßen und Tunnel zu bauen. Das wird noch einige Zeit dauern. Bis dahin fährt man in den Baustellen zickzack. Da es ausnahmsweise nicht geregnet hat, wälzen sich dichte Staubwolken über die Schlaglochbahn und wir sind froh über die Klimaanlage. So können wir die Fenster geschlossen halten und es gibt einen Filter zwischen uns und dem Giftcocktail aus Staub und Abgasen. Zwischendurch kommen uns Zweifel, ob wir nicht doch im Flieger besser aufgehoben wären. Dann verkündet unser Fahrer, dass gerade ein Flugzeug auf der Startbahn in Kathmandu einen Unfall hatte. Es gab 18 Tote.
An einer Tankstelle hält ein Bus, welcher gerade eine Ziege aus dem Kofferraum auslädt. Der Besitzer geht gemütlich mit ihr von dannen. Unterwegs können wir Zeugen des nepalesischen Raumfahrtprogramms werden: Da sitzt doch tatsächlich jemand auf der Ladefläche eines mit Gasflaschen beladenen Lasters und raucht. Bei einem Überholmanöver des Gegenverkehrs wird unser Außenspiegel demoliert. Unser Fahrer sammelt seine Reste und die des Unfallgegners ein und kehrt um. Der andere wartet, da ihm ein Teil seines Spiegels fehlt. Es wird diskutiert, und die Kontaktdaten werden ausgetauscht.




























Bandipur liegt auf einem Berg. Es wurde gerade eine Seilbahn hinauf fertiggestellt. Das macht Sinn, da die Straße auf den Berg hinauf schmal ist und das Dorf ohnehin autofrei ist. Jetzt in der Nebensaison gibt es kaum Besucher im Ort, der historische romantische Ortskern ist mit Cafés und Hotels gesäumt. Die Aussicht auf die umliegenden kleineren steilen Berge ist wunderschön. Von der Fahrt sind wir geschlaucht, Kerstin plagt eine Magen-Darm-Verstimmung, in der Nacht schüttet es wie aus Eimern und der Strom fällt immer wieder aus. Überhaupt haben wir seit Tibet laufend Verdauungsprobleme. Wie überall auf der ganzen Welt essen und trinken wir alles, was bisher kein Problem war. Das müssen wir jetzt überdenken.
Nächster Stopp ist Pokhara, die Stadt am Phewa-See und am Fuße des über 8.000 Meter hohen Annapurna-Massivs, einem Teil des Himalaya. Die Annapurna will sich uns nicht zeigen. Zu bewölkt ist es hier in der Monsunzeit. Am besten kommt man zwischen Oktober und Februar her. Am ersten Tag zeigt sich die Sonne nicht zum Untergang, der Ausblick von der World Peace Pagode ist trotzdem sehr schön. Heute steht ein Sightseeing-Tag in Pokhara an. Aufgrund des Regens starten wir im International Mountain Museum, welches die Entstehung, Geologie, Bewohner und das Bergsteigen der Himalaya-Region bebildert. Das Museum ist selbst schon museumsreif, aber trotzdem interessant. Man erfährt die Geschichte der Besteigungen der 14 Achttausender, Pioniere und Sherpa, Sauerstoff und Müll.
Weiters gibt es in Pokhara eine tiefe Schlucht, Höhlen, Wasserfall und natürlich den See zu sehen. Heute ist Montag, Shiva-Tag im Juli, alles hüpft und singt, fastet und feiert. Mittwoch ist Ganesha-Tag, dann feiert und fasten die Hindus für ihn. Ein letztes Mal machen wir uns zu einem Aussichtspunkt auf. Auf einer Hügelkuppe steht ein neuer Shiva-Tempel mit grandioser Aussicht auf Pokhara, See, Reisterassen in sattem Grün und Wolken vor Annapurna. Die Serpentinen hinauf sind wieder ein Erlebnis für sich. An steilen Stellen wird die Klimaanlage ausgeschalten, damit wir nicht stehenbleiben. Kurz vor dem Ziel werden wir von einem Polizisten kontrolliert, der Führerschein des Fahrers wird konfisziert und eine Strafe aufgebrummt. Die Firma hat das Auto, mit dem wir fahren, privat angemeldet. Für einen Tourismusbetrieb ist das nicht erlaubt. Den Führerschein können wir erst am nächsten Tag abholen.
Fünf Stunden weiter Straße hoppeln bis zum Chitwan Nationalpark. Nepals erster Nationalpark und gleichzeitig Weltnaturerbe. Er beherbergt unter anderem bengalische Tiger, Nashörner, Krokodile und jede Menge weiterer Tiere in freier Wildbahn. Wir lesen im Internet eine Rezension zu einer vorhergehenden Dschungelsafari. Es wurde nur ein Stern von fünf vergeben. Der Grund dafür ist, dass der mit einem Stock bewaffnete Guide beim Dschungelspaziergang von einem Tiger gefressen wurde. Auch in Chitvan gibt es wenige Touristen in der Monsunzeit. Das Hotel, in dem wir untergebracht werden, ist praktisch leer. Wir werden gleich von einem Guide in Empfang genommen. Der erste Dschungel-Spaziergang führt uns erst einmal an den angeketteten Elefanten der Armee vorbei, die hier gezüchtet und trainiert werden. Die in freier Wildbahn lebenden Elefantenbullen werden in die Nähe der Elefantendamen zum Züchten gelockt. Elefantenbullen kämpfen um ihr Revier. Derzeit ist der Bulle Ronaldo zuständig und begattet alle Elefantenkühe in der Gegend. Es gibt immer wieder andere Bullen, die ihn herausfordern. Er ist der Vater der einzigen bekannten Zwillingselefanten in Nepal, welche auf dem 1000-Rupien-Schein verewigt wurden. Einen der Zwillinge dürfen wir kennenlernen.





















































Der „Spaziergang“ geht dann in Graslandschaft und Dschungel über, wo der Boden durch den Regen aufgeweicht ist. In sicherer Entfernung sehen wir eine große Herde Rotwild und daneben tatsächlich eine Nashornmama mit Nachwuchs. Als wir bei einem Nashornklo ankommen – die machen immer auf die gleichen Haufen – fragen wir unseren Guide, ob es denn nicht manchmal zu Unfällen mit den Wildtieren kommt. Irgendwie ist uns etwas mulmig geworden. Immerhin scheint es ja vor Krokodilen, Nashörnern und Tigern zu wimmeln. Der Guide rückt damit heraus, dass jährlich ungefähr vier Einheimische durch Tiger sterben, Ronaldo hat alleine 22 Menschen auf dem Gewissen und die anderen Elefantenbullen noch einmal so viele. Wenn Ronaldo Kohldampf auf Reis hat geht er ins Dorf und trampelt Hütten, samt darin befindliche Bewohner nieder. Auch Krokodile fordern Opfer. Ein Freund unseres Guides wurde vor drei Monaten bei der Arbeit von einem Nashorn getötet. „Können wir jetzt bitte endlich weggehen vom Nashornklo?“ Die Einwohner halten sich nicht immer an das Betretungsverbot und holen Futter für ihre Tiere aus dem Nationalpark. Dadurch werden sie leider zu Opfern. Naturschutz gilt hier nicht für Menschen.
Wir sind froh, als wir am Sonnenuntergangspunkt in Sicherheit sind. Von hier aus kann man die Krokodile beobachten. Fischfressende Schnabelkrokodile und alles andere fressende Süßwasserkrokodile sind schön in Ufernähe zu erkennen. Der Sonnenuntergang endet jäh in einem sintflutartigen Regenschauer. Der Haus- und Hofhund des Hotels schließt uns ins Herz, Martin wegen des Fütterns, Kerstin wegen Kraulens. Daher wacht er vor unserem Bungalow und hält uns durch sein Gebell wach.
Heute geht es nahe an die Krokodile. In einem kippeligen Einbaum treiben wir in einer Kleingruppe über den Fluss und sehen zahlreiche Krokodile, ab und zu Eisvögel oder Kraniche. Weiter geht es zur „Breeding Station“ der Militärelefanten. Die Kühe sind angebunden, werden dann von Soldaten begleitet in den freien Dschungel gelassen. Dort hinterlassen sie ihre Duftspuren für die Bullen und kommen dann zurück. Die Haltung der Tiere sieht für uns Laien nicht artgerecht aus. Die Strecke für die Jeep-Safari ist in einem besseren Zustand als die Hauptstraßen. Dabei sehen wir Rotwild, noch mehr Krokodile, Pfaue und andere Vögel. Von Tigern und Nashörnern leider heute keine Spur. Das ortsansässige Tiermuseum ist fürchterlich. Wir ekeln uns durch die in Flüssigkeiten eingelegten und schlecht ausgestopften verstaubten Tiere. Nichts wie raus hier.
Zum Schluss bleiben uns noch zwei Tage in Kathmandu. Dieses Mal quartieren wir uns mitten in der Altstadt von Patan ein, in einem alten Haus mit Tempeln vor der Haustür. Das Gästezimmer im Privathaus liegt allein auf einer Dachterrasse, alt und gemütlich. In Nepal bekommt man generell für ein Doppelzimmer immer nur ein einzelnes Handtuch. Die mittelalterliche Matratze schafft es, alle bisherigen Matratzen beim Härtegrad in den Schatten zu stellen. Nur noch einmal schlafen, dann geht es nach Hause in die weichen Daunen. Am meisten freuen wir uns schon, unsere Familie und Freunde in Österreich wiederzusehen, bevor es im September wieder zurück nach Asien geht.
