Von Hangzhou bis Xi‘an

Nun freuen wir uns auf Hangzhou, dessen Westsee berühmt ist. Man kann ihn ganz leicht zu Fuß umrunden. Da kann die Stadt ja nicht so groß sein. Tatsächlich sind es wieder 12 Millionen Einwohner. Den Weg zum Hotel am Westsee nehmen wir mit der Metro. Eine zuvorkommende Dame am Bahnhof sucht für uns die richtige U-Bahn-Linie und wir erreichen die Station problemlos. Kaum draußen aus der Metro folgen wir Google Maps zum entsprechenden Punkt. Nach 20 Minuten finden wir zwar den angegebenen Punkt, das Hotel ist allerdings weit und breit nicht zu sehen. Nachdem wir mehrfach Passanten erfolglos nach dem Weg befragt haben, entschließen wir uns für eine Fahrt mit dem Taxi. Die kopierten chinesischen Schriftzeichen der Adresse bringen uns ans richtige Ziel. Das Hotel befindet sich direkt am Ausgang der Metrostation, bei der wir rausgekommen sind.

Unser sehr preisgünstig gebuchtes Hotel begeistert wieder. Eine Neuigkeit ist der vorgewärmte WC-Sitz samt waschen und föhnen. Kurz ausgeruht machen wir uns auf zum Westsee. Bei Nieselregen zeigt er sich nicht gerade von seiner schönsten Seite. Das hält allerdings die Massen chinesischer Touristen auch nicht ab. Der See und seine zum Teil künstlich angelegten Inseln gehören zum Welterbe. Die ersten Anlagen wurden bereits im 8. Jahrhundert gebaut. Schon Marco Polo sagte bei seinem Besuch im 13. Jahrhundert, dass der Westsee der eleganteste und schönste Platz der Welt sei. Nunja, er war halt nie im Salzkammergut. Dieser See ist ein beliebtes Ziel für Hochzeitsreisen, was nicht für alle erschwinglich ist. So hat man einfach 36 Westsee-Kopien in China und anderen asiatischen Ländern angelegt. Jetzt wundert es uns auch nicht mehr, dass die Chinesen Hallstatt in China nachgebaut haben. Die Massen an Touristen, die wir hier vorfinden, würde Hallstadt auch nicht verkraften. Die Kulturlandschaft umfasst den zum Teil künstlich ausgegrabenen See, Wege, Brücken, Pagoden, Tempel, Inseln, Pflanzen und so weiter. Es ist schön hier und das Alter der Anlagen ist bemerkenswert aber für uns als gelernte Österreicher bietet die Landschaft keine großartigen Neuheiten.

Tags darauf geht es weiter nach Huangshan, auch die „gelben Berge“ genannt. Sie gelten als heilig und jeder Chinese sollte sie mindestens einmal im Leben besteigen. Unser Quartier befindet sich in Tangkou, einem kleinen Bergdorf, wo alle freundlich grüßen. Beim Stammwirt genießen die Einheimischen am Abend ein oder zwei Bierchen (zu viel) und schlafen am Tisch ein. Fast wie in den Alpen. Da es für die Bergwanderung bereits zu spät ist, besuchen wir einen Wasserfall in der Nähe. Die Wege bestehen fast ausschließlich aus Stufen. Ein Schild warnt, nicht mit hohem Blutdruck hinauf zu gehen. Keiner lässt sich den Anblick entgehen, der von Dichtern besungen und Künstlern gemalt wurde.

Die Bergwanderung am nächsten Tag weicht etwas von unserer Vorstellung ab. Unser Herbergsvater zeigt uns eine einfache Tour von zirka elf Kilometern und erklärt uns, dass wir dafür acht Stunden brauchen würden. Schließlich fahren wir mit der Doppelmayr-Seilbahn rauf. Wieder in einem Pulk Touristen gefangen, starten wir unsere Tour. Reiseleiter schreien aus Bluetooth-Lautsprechern ihre Gruppen zusammen. Stimmung wie am Jahrmarkt. Nicht nur die religiöse Bedeutung und der Status als Naturerbe zieht die Menschen hierher sondern auch Fans vom Film Avatar, da die hiesigen Felsen als Vorbild für den Film gedient haben. Es sind wirklich schöne Granitformationen, unzählige Felsnadeln, Felsen von Gletschern poliert, von der Urkraft der Erde über Jahrmillionen aufgefaltet und wieder wegerodiert. Hier sind die Wanderwege breit. Es gibt Geländer in Form von Betonästen. Beton-Baumstämme verkleiden Abflussrohre. Alles liebevoll gemacht. Das Anlegen der Wanderwege muss Jahrzehnte gedauert haben. Wir entdecken sogar feuerrote Hydranten im Wald.

Wir laufen mit der Masse – „go with the flow“. Die fotografierte Karte mit empfohlener Route ist etwas schwer zu lesen. Treppab-treppauf geht es bis zum nächsten Gipfel. Hier ist wieder Einbahnstraße. Allmählich realisieren wir, dass der Wanderweg ein einziges Stiegenhaus ist. Gut, dass wir am Vortag ein wenig trainiert haben. Natürliche Wege gibt es auf dieser Strecke nicht. Die Wege und Stufen sind meist in die Felsen gehauen. Je länger die Wanderung dauert, desto mehr Menschen verstopfen keuchend die Stiegen. Auch wir bilden da keine Ausnahmen. An Engstellen geht es so langsam in der Menschenschlange vorwärts, dass der Luftmangel kein Problem mehr darstellt. Auf einem Gipfel stehend kann man Touristen wie in Ameisenstraßen laufen sehen. Der höchste Gipfel, den wir bezwingen, ist der Brightness Peak auf 1860 Meter Seehöhe. Wer denkt, jetzt geht es nur mehr treppab, vertut sich. Der schöne Ausblick, der sich hinter jeder Ecke auftut, entschädigt aber für das Stiegensteigen. Zum Ende hin humpelt schon der eine oder andere Chinese mit festem Griff an Stock und Geländer. Wir nehmen nicht jeden Gipfel und entspannen uns nach sechs Stunden im einzigen Kaffeehaus des Tales. Die gelben Berge sind auf jeden Fall einen Besuch wert.

Heute geht es weiter nach Luoyang. Obwohl wir nicht den schnellsten Zug haben, benötigen wir nur knapp sechs Stunden. Mit dem Flugzeug würden wir sieben brauchen. In dieser Sechs-Millionen-Einwohner-Stadt gibt es nur zwei U-Bahn-Linien. Leider passt keine für unser Hotel. Wieder dauert es seine Zeit, bis der Taxi-Fahrer versteht wo er hinmuss. Als wir ankommen, wollen uns die Rezeptionistinnen nicht aufnehmen. Alle laufen zusammen. Niemand kann englisch. Gäste werden hinzugezogen und alle erklären sich gegenseitig warum wir nicht bleiben können. Schließlich sagt Martin, dass wir das Hotel gebucht haben, dass eine Stornierung nicht mehr möglich ist und dass wir jetzt einfach dableiben. Dann ging es plötzlich doch.

Luoyang wurde von mehreren Dynastien als Hauptstadt gewählt, weil sie strategisch günstig in der Mitte des ehemaligen Reichs liegt und von Bergen und Flüssen geschützt ist. Alleine darauf haben sich die Chinesen nicht verlassen. Die Stadtmauern und -tore sind gewaltig. Sie wurden mit einem Palast und einer Pagode wiederaufgebaut und erstrahlen effektvoll beleuchtet in der Nacht.

Die Sehenswürdigkeiten liegen etwas auswärts. Während der Fahrt kommen wir durch viele kilometerlange Alleen. Dabei ist nicht nur eine Baumreihe gepflanzt, sondern gleich zwei auf jeder Seite. Auch der Mittelstreifen ist mit einer doppelten Baumreihe und akkurat geschnittenen Sträuchern geschmückt. Das Shaolin-Kloster hier ist das erste, in dem Kung Fu gelehrt wurde. Auch gilt es als Geburtsstätte des Chan-Buddhismus, dem Vorläufer des Zen-Buddhismus. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurde die Tempelanlage im Zuge der Kulturrevolution zerstört und die Shaolin-Mönche wurden vertrieben. Dann kamen Kung Fu-Filme in westlichen Ländern auf, die eine neuerliche Belebung des Klosters brachten. Das Kloster wurde originalgetreu wieder aufgebaut und Kung Fu wird seit dem auch wieder gelehrt. Regelmäßig werden Kung Fu Shows vorgeführt. Das geht von Meditation über schlangenmenschenartige Vorführungen bis zu Sprüngen und Holzstöcken, die über den Kopf gedroschen werden und dadurch abbrechen. Historisch interessant ist der hinter dem Kloster befindliche Pagodenwald, in dem seit Jahrhunderten Mönche begraben werden. Jede Pagode markiert ein Grab. Mit der Zeit entstand ein Wald an Pagoden.

Auch die Longmen-Grotten befinden sich in der Nähe von Luoyang. Der Name stammt aus der chinesischen Mythologie und bedeutet Drachentor. Die Grotten sind zwischen dem 5. und 9. Jahrhundert entstanden, tausende Steinmetze haben im Laufe der Jahrhunderte um die 100.000 Buddha-Statuen in den Kalkstein gemeißelt. Dabei sind die kleinsten gerade einmal zwei Zentimeter groß, die größte ist 17 Meter hoch. Eine handwerkliche Meisterleistung.

Als wir spät am Abend in Xi´an ankommen, stellen wir fest, dass es im Hotel tatsächlich einen Rezeptionisten gibt, der englisch spricht. Geht alles gleich viel schneller. Bei sonnigem Wetter mit Temperaturen über 30 Grad bemühen wir uns nächsten Tag, nicht zu spät zur größten Attraktion in Xi´an zu kommen. Zur berühmten Terrakotta Armee. Erstmal eineinviertel Stunden unter der Acht-Millionen-Stadt vom Zentrum zum Stadtrand fahren und dann noch ein Stück mit dem Taxi. Der damals 13-jährige König und später zum ersten Kaiser gewordene Qín Shihuangdis hat im dritten Jahrhundert vor Christus beschlossen, dass er in einem großen Mausoleum mit einer Armee bestattet werden möchte. Also haben 700.000 Sklaven in 30 Jahren 7.000 Krieger aus Terrakotta getöpfert, dazu Pferde, Unterhaltungskünstler und seine Lieblingstiere – Wasservögel. Alles in erstaunlicher Detailtreue. Jeder Krieger ist eine Einzelanfertigung und hat individuelle Gesichtszüge. Zur Qualitätskontrolle hat jede Figur die Schriftzeichen seines Handwerkers. Dieser Kaiser hat in weiterer Folge China geeint und viel zur Entwicklung des Landes beigetragen. Schon damals war China ein großes Reich. Die „lebendige“ Armee umfasste eine Million Soldaten. Da nehmen sich die 8.000 Terrakotta-Krieger richtig bescheiden aus. Besonders erstaunlich ist, dass die gefundenen Waffen mit Chrom veredelt waren. Wissenschaftler können sich heute noch immer nicht erklären, wie das mit der Technik von vor 2.200 Jahren möglich war. In Europa wurde die Technik erst im 19. Jahrhundert erfunden. Generell waren die Chinesen dem Abendland voraus. Schießpulver, Kompass, Nudeln, Speiseeis und so weiter, gab es in China zuerst.

Leider ist das Englisch unseres Führers kaum verständlich, was auf die Dauer anstrengend wird. Man darf ja auch nicht dauernd in Gelächter ausbrechen. Das Areal umfasst viele Quadratkilometer. Die Terrakotta Figuren waren einst bunt bemalt. Leider zersetzt sich die Farbe, sobald die Scherben ausgegraben sind und die Figuren zusammengesetzt werden. Eine Methode, die Farbe gut zu konservieren, wurde noch nicht gefunden. Deshalb dauern die Grabungsarbeiten auch sehr lange. Es gibt verschiedene Grabungsstellen. Das meiste ist noch gar nicht ausgegraben. Auch beim eigentlichen Mausoleum wurde noch nicht viel freigelegt. Auch das Grab selbst wurde bewusst noch nicht freigelegt. Man feilt noch an den Methoden, um bei den Grabungsarbeiten nichts zu zerstören. In der Nähe des Grabes wurden Vögel aus Bronze, Sonnenschirme, Leder, Seide und Pferdegeschirre gefunden. Zwei Gespanne aus Bronze sind ausgestellt. Die Nachbildungen der Gespanne sind halb lebensgroß, da die Figuren aus Bronze zu schwer geworden wären. Auch hier sind wieder unzählige Besucher  unterwegs und wir stauen uns von einer Grabungsstätte zur nächsten. Unser Guide meint, es wäre ein ruhiger Tag. Im Sommer kämen pro Tag 65.000 Besucher her. Ein junger Deutscher hat sich vor Jahren als Terracotta Soldat verkleidet unter seine Kollegen geschmuggelt und blieb mehrere Minuten unentdeckt. Seitdem stehen überall Wächter.

Am späten Nachmittag nehmen wir uns die Stadtmauer vor. Mit einer Länge von ungefähr 13 Kilometern, die Altstadt vollständig umschließend, ist sie angeblich die größte geschlossene Stadtmauer der Welt. Sie ist rechteckig mit vier großen Toren und wurde im 14. Jahrhundert gebaut. Wir borgen uns Fahrräder auf der Stadtmauer beim Südtor aus. Die Mauer ist so breit, dass man problemlos zwei Autospuren nebeneinander unterbringen könnte. Am Abend freuen wir uns auf ein kühles Bier und werden in einer Kneipe von Franziskaner Bräu angelächelt. Der Besitzer der Bar hat in Kanada studiert und gesellt sich zu uns. Er schafft es, das EM-Eröffnungsspiel für uns am Fernseher wiederholen zu lassen. Durch seine Zeit in Kanada kennt er auch das politische System des Westens. Seitdem sieht er im Einparteiensystem von China mehr Vor- als Nachteile. Er meint: Durch die engmaschige Überwachung gibt es angeblich praktisch keine Kriminalität. Wohnungen sind leistbar. Der Fortschritt ist evident. Er spricht die Elektroautos an, wo China führend ist. Es gibt ein geflügeltes Wort in China, dass das Hinterherhinken der europäischen Autoindustrie bei der Elektrifizierung aufs Korn nimmt: „Wenn du nicht brav lernst, musst du später einmal Mercedes fahren“.

Kommentar verfassen