Nach der größten geschlossenen Stadtmauer kommen wir jetzt zur ältesten geschlossenen Stadtmauer. Noch interessanter ist die Stadt innerhalb der Stadtmauern. Pingyao war seit dem 16. Jahrhundert ein bedeutendes Finanzzentrum mit Banken, die Wechsel ausstellten sowie Silber und Gold für ihre Kunden handelten und lagerten. Für den Schutz der wertvollen Transporte vor Überfällen wurden hier die ersten Begleit-Unternehmen gegründet. Mit der Entwicklung von Shanghai und Hongkong verlor die Stadt ihre Bedeutung und geriet in Vergessenheit, was sich im Nachhinein als positiv herausstellt. Somit ist die Stadt innerhalb der Stadtmauern praktisch unverändert geblieben. Vom Bahnhof lassen wir uns vom Taxifahrer zum Hotel bringen. Dieser setzt uns vor einem Stadttor ab und gibt uns zu verstehen, dass wir den Rest zu Fuß gehen müssen. Innerhalb der Mauern dürfen nur kleine elektrisch betriebene Fahrzeuge fahren, obendrein gibt es eine große Fußgängerzone.
Wir freuen uns auf ein Zimmer in einem der vielen historischen Gebäude. Weiße sehen wir wie immer keine. Deshalb dürfen wir an jeder zweiten Ecke für Selfies herhalten. An der Rezeption ist man mit unseren ausländischen Pässen überfordert und es dauert eine ganze Weile, bis wir das Zimmer bekommen. Das Bett dürfte auch historisch sein, denn es hat keine Matratze. Wir nennen es Zwei-Brett-Zimmer. Mit einem Ticket kann man viele Gebäude von innen besichtigen. Unter anderem eine große Bank und eine Begleit-Service-Firma. Nach dem fünften Haus schauen alle gleich aus, sodass wir versehentlich in einige Häuser doppelt gehen. Der Ticket-Scanner erkennt für uns, dass wir schon da waren. Anscheinend ist Essig aus dieser Region eine Spezialität. Der wird überwiegend zum Würzen von Speisen verwendet, verdünnt mit Wasser und Honig aber auch getrunken. Wir kosten ihn in einem ehemaligen Club für Banker, welcher mittlerweile zu einem Hotel geworden ist. Dort lassen wir uns auch einen Tee zeremonieren. Kaffee zu bekommen ist nämlich gar nicht einfach. Nächsten Tag gibt es kein Leitungswasser. Aus Peking kommen Schwärme von Tagestouristen mit Tourguide. Am Abend wird es ruhiger und die beleuchteten Gebäude schaffen eine eigene Atmosphäre. Ein schöner Ausflug in eine andere Zeit. Mit dem Schnellzug geht es weiter nach Peking.










































Peking ist riesig. Wie beinahe immer stimmt der GPS-Punkt für das Hotel in keiner von vier verschiedenen Apps und wir starten wieder die Odyssee. Beim Hotel hebt keiner das Telefon ab. Durch die vorherige einstündige Recherche konnten wir schon eingrenzen wo es ungefähr sein muss. Die Passanten sind hilfsbereit, stellen aber bloß Vermutungen an und schicken uns meist prompt in die falsche Richtung. Langsam dämmert uns wo das Hotel sein muss. Wir sind nicht weit entfernt, bestellen aber trotzdem zur Sicherheit ein Taxi, da wir schon ein paar Kilometer mit Gepäck bei 33 Grad gelaufen sind. Da kommt unser letzter Tippgeber wieder dahergelaufen und meint, es wäre die falsche Richtung gewesen, die er uns vorher mitgeteilt hat. Seine Frau hat mit ihm geschimpft und ihm aufgetragen, er muss uns sofort suchen und uns in die andere Richtung schicken. Danke, wir sind ohnehin schon dorthin unterwegs. Volltreffer, endlich sind wir da.
Peking ist nichts für Anfänger. Die Distanzen zwischen den Sehenswürdigkeiten sind riesig und die umgeleiteten Besucherströme undurchsichtig. Die Schlangen sind so lang, dass man manchmal gar nicht weiß wofür man sich da eigentlich anstellt. Man kommt nirgendwo einfach so rein. Auch nicht auf den Platz des himmlischen Friedens. Wir fahren einfach hin und wollen auf den zentralen Platz Pekings. Von der U-Bahnstation werden alle zu Fuß zwei Kilometer (!) umgeleitet um in einer Schlange zu landen. Als wir endlich am Eingang sind, sagt man uns, der Eintritt auf den Platz sei zwar gratis aber man müsse reservieren. Für heute wäre kein Platz mehr frei. Die App für die Reservierung können wir aufgrund mangelnder Chinesisch-Kenntnisse nicht bedienen. Dann eben nicht. Uns schwant Böses. Wie wird das erst für die verbotene Stadt und die chinesische Mauer sein? Wir haben nur drei Tage Zeit. Erst einmal lassen wir uns mit dem Taxi zum Eingang der verbotenen Stadt fahren obwohl er in Luftlinie nicht weit weg ist. Es sind aber überall Absperrungen und einfach über die Straße gehen ist nicht möglich. Der Taxifahrer verlangt einen viel zu hohen Preis und will das Taxameter nicht einschalten. Wir fahren trotzdem mit. Beim Aussteigen zahlen wir nur das was wir für richtig halten und sagen ihm er könne gern die Polizei rufen, wenn er meint es sei zu wenig. Brumm, und weg war er. Eigentlich nicht „brumm“, sondern „ssst“ denn fast alle Taxis in China fahren vollelektrisch. Ist viel billiger sagen die Taxifahrer.
Am Eingang der verbotenen Stadt suchen wir das Ticket-Büro. Eigentlich hätte man vor sieben Tagen die Tickets online reservieren müssen, hören wir. Darauf hätten wir früher kommen können. Die Dame an der Rezeption hat wieder ein Einsehen mit uns und verkauft uns zwei Tickets für sofortigen Eintritt. Wir sind erleichtert. Wäre sehr schade, Peking verlassen zu müssen, ohne die verbotene Stadt zu sehen. Wieder heißt es anstellen, Handtasche scannen, Passkontrolle und wir sind drin. Die verbotene Stadt hat gigantische Ausmaße. Es handelt sich immerhin um den größten Palast der Welt. Hier wohnten seit dem 14. Jahrhundert die Kaiser, ihre Familien und 3.000 Angestellte. Es gibt einen eigenen Palast für alles. Der „Esszimmerpalast“ fasst 6.000 Gäste an einer Tafel. Der Zeremonienpalast ist noch größer. Die Wohnpaläste sind etwas kleiner. In Summe läuft man kilometerlang durch, von Süden nach Norden. In die meisten Gebäude darf man nur von außen hineinschauen. Wir lösen noch Zusatztickets für die Schatzkammer und sehen die Kunstschätze der verschiedenen Dynastien in langen Gängen effektvoll ausgestellt. Am Nordende der verbotenen Stadt angekommen besteigen wir noch den Hügel im Jingshan Park mit Blick auf die verbotene Stadt. Auch für jeden Park muss Eintritt gezahlt werden. Es ist zwar nirgends übermäßig viel aber es ist etwas nervig, weil jeder Ticketverkäufer unsere beiden Namen und die Passnummern in das System eingeben muss und meist kontrollieren sie auch noch den Einreisestempel im Pass, den sie aufgrund unserer vielen Stempel oft lange nicht finden. Der Blick auf die verbotene Stadt ist aber jede Wartezeit wert.












































Den Lama-Tempel mit seiner 16 Meter hohen Buddha-Statue, die mittelalterlichen Gassen von Nan Luo Gu Xiang, ein hippes Lokalviertel und die breite Fußgeherzone Qianmen Street besuchen wir ebenfalls noch an diesem Tag. Wir kommen jeden Tag auf zehn bis 14 Kilometer auf Schusters Rappen. Dabei fahren wir trotzdem mit U-Bahn und manchmal Taxi zu den Attraktionen. Unsere Hotelrezeptionistin hilft uns bei der Reservierung eines Timeslots für den Platz des himmlischen Friedens für übermorgen. Der Besuch der chinesischen Mauer ist unerwartet komplikationslos. Wir fahren mit dem Bus, der vor unserem Hotel hält bis zur Endstation und steigen dort in den nächsten Bus, der uns in zwei Stunden zu einer der drei Besuchsstellen für die chinesische Mauer bringt. Wir wählen den weniger überlaufenen aber leicht zugänglichen Eingang „Mutianyu“.
Mit der Gondelbahn schweben wir vom Parkplatz hinauf in die Hügel. Über 21.000 Kilometer war sie lang, die Mauer. Sie verlief zum Teil doppelt. Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass man sie mit bloßem Auge aus dem Weltall sehen kann. Das stimmt nicht. Die entsprechende Aufnahme stammt von einem Teleobjektiv. Trotzdem ein gewaltiges Bauwerk. Unvorstellbar, wie die einzelnen Teile über die Jahrhunderte gewachsen sind. Der Kaiser, der im dritten Jahrhundert vor Christus auch die Terrakotta Armee bauen ließ, ließ die verschiedenen, damals bereits bestehenden Mauern miteinander verbinden. Der Teil auf dem wir uns befinden, stammt aus dem 15. Jahrhundert nach Christus. Sie schlängelt sich durch die bewaldeten Hügel und das Auge vermag kein Ende der grauen Riesenschlange mit den zahlreichen Wachtürmen und Festungen von einem Horizont zum anderen zu finden. Sie sollte als Schutz vor den einfallenden Reitervölkern dienen. Vom Wachturm Nummer 12 gehen wir einige Kilometer auf der Mauer bis zur Nummer 20. Zwischen 19 und 20 geht es über 473 Stufen steil nach oben. An klaren Tagen sieht man angeblich das 70 Kilometer entfernte Peking. Heute nicht. Peking scheint dauernd in einer Dunstglocke eingehüllt zu sein. Der Ausblick auf die umliegenden Hügel, Berge und Täler ist dennoch erhebend.



























Zurück in Peking besuchen wir noch den Himmelsaltar. Eingebettet mitten in einen riesigen Park, zahlen wir zuerst Eintritt für den Park und danach nochmals für das runde hohe pagodenartige Gebäude aus dem Mittelalter. Den Eintritt schaffen wir wieder nur mit viel Durchsetzungsvermögen. An unserem letzten Tag in Peking geben wir dem Platz des himmlischen Friedens noch einmal eine Chance. Wir wissen ja bereits wo die Schlange ansteht und steigen vorher aus dem Bus aus. Die Chinesen drängeln beim Anstellen und versuchen sich trotz der vielen Ordner nach vor zu schummeln. Viele sind mit Kapuzenjacke und schwarzer Hose sowie Sonnenschirm bei Temperaturen über 30 Grad unterwegs. Gebräunte Haut hatten in Asien früher vor allem Arbeiter und Bauern. Man möchte heute interessanter Weise noch immer um jeden Preis bleich sein. Rund um den Platz tritt das Trauma Chinas mit dem Massaker 1989 Platz deutlich hervor. Die Menschenschlange steht stundenlang in der Hitze. Man muss vorher dreimal den Pass vorweisen und das Gratisticket mit dem richtigen Timeslot. Für das Mao-Mausoleum muss man sich dann nochmals extra anstellen. Da wollen wir gar nicht, denn hier warten zusätzliche Hürden. Keine Taschen und nur lange Kleidung. Für die Abgabe der Taschen nochmals anstellen. Der Platz selbst ist praktisch leer. Bei den Demonstrationen 1989 waren hier eine Million Menschen. Heute sind es vielleicht einige hundert. Kein Wunder bei diesen Hürden. Der Platz selber bietet außer einer riesigen Fläche und den Blick auf das Südtor der verbotenen Stadt, das Nationalmuseum, den Volkspalast und das Mao-Mausoleum sowie die Gedenksäule nichts, außer viel Platz. Das Drama von 1989 will man keineswegs wiederholen. Eine größere Menschenmenge kann friedlich gar nicht mehr auf den Platz gelangen.
Nachdem wir schon mal da sind, versuchen wir uns beim nahegelegenen Nationalmuseum. Wieder hätten wir vor sieben Tagen reservieren sollen. Anders als bei der verbotenen Stadt gibt es keinen Ticketschalter mit verständnisvollen Angestellten. Der Eintritt ist gratis aber man muss wieder online einen Timeslot reservieren. Der Wächter am Eingang erweist sich als unnachgiebig und wir geben auf. Überall werden über Megaphone mit Dauerbeschallung Botschaften geschrien, die wir nicht verstehen. Vermutlich wird etwas ähnliches durchgesagt wie: „Bitte nur mit Ticket anstellen“ oder „Bei uns gibt es die beste Peking-Ente“.
Das Essen mit Stäbchen sollte man vor einer Chinareise üben, denn Besteck außer Löffel haben wir keines gesehen. Die Speisen schmecken anders als beim Chinesen zuhause. Auch sehr gut. Interessanter Weise essen die Chinesen gar nicht so viel Reis. Zum Frühstück gibt es aber bereits Sachen, die wir nur zu Mittag oder zu Abend essen würden. Generell ernähren sich die Chinesen gesund. Suppen kommen oft gleich als riesiger Topf. Man lässt auch gerne etwas übrig. Dazu gibt es warmes Wasser oder Tee zu trinken. Man schmatzt laut beim Essen. Hingegen ist schnäuzen bei Tisch verpönt. Dafür darf man auf die Straße oder in ein Sackerl spucken. Die Euro 24 wird im staatlichen TV übrigens auch übertragen und in Lokalen gezeigt. Die Chinesen sind durchaus fußballinteressiert. Einige chinesische Unternehmen wie BYD oder Ali sind Hauptsponsoren.
China ist unbedingt eine Reise wert. Wir würden beim nächsten Mal nicht viel anders machen. Hangzhou und den Platz des himmlischen Friedens würden wir weglassen und die Haupt-Attraktionen würden wir einige Tage vorher online reservieren. Unsere erlaubten 15 Tage ohne Visum in China neigen sich dem Ende zu und wir schielen schon nach Japan.
