Shanghai und Suzhou

Die Ankunft in China klappt problemlos. Man nimmt Gesichtsfoto und Fingerabdrücke am Self-Serviceterminal des Flughafens auf und füllt das Ankunftsblatt aus. Die Chinesen wollen die Hoteladresse wissen und ein Ticket für die Ausreise sehen. Dazu möchten sie die Flugnummer. Die erhält man normalerweise erst, wenn man ein Ticket gezahlt hat und nicht, wenn man bloß ein Ticket im Online Portal auswählt. Das heißt ein Fake-Screenshot von einer nicht abgeschlossenen Flugbuchung würde wahrscheinlich nicht akzeptiert, falls man bei der Einreise noch nicht genau weiß, von wo man wegfliegen wird.

Wir erahnen die Dimensionen der 26 Millionen Einwohner Metropole als wir mit dem Taxi eine Stunde lang 60 Kilometer durch die Stadt zum Hotel fahren. Hotels und Taxis sind nicht teuer. Die Restaurantpreise aus Südostasien, wo man auch in Hauptstädten nur 19 Euro für zwei zweigängige Menüs und 4 Getränke zahlt, sind aber leider vorbei. Dafür ist das Klima wieder kreislauffreundlich. Wir haben uns von der feuchtschwülen Hitze der Tropen in das Klima, vergleichbar mit dem mitteleuropäischen Frühsommer katapultiert. Das tut richtig gut. Die Klimaanlage bleibt aus. Man kann das Fenster aufmachen und in der Nacht hat es sogar unter 20 Grad.

Über die Plattform Agoda buchen wir Hotels im Preisbereich von 20 bis 30 Euro pro Nacht. Meist gibt es Sonderangebote von neuen Hotels, die sich über den Preis die ersten positiven Internetrezensionen erhoffen. Wir staunen nicht schlecht, als wir in einem neuen Vorstadtviertel von Shanghai in der Lobby des nagelneuen Viersterne-Hotels stehen. Hier sieht es aus wie am Google-Campus in Kalifornien. Toll. In den meisten Hotelzimmern in Asien sind übrigens Steckdosen montiert, wo alle Stecker weltweit reinpassen. Stromadapter brauchen nur die anderen bei uns. Das ganze Stadtviertel ist hipp.

Generell ist Shanghai eine mondäne Stadt, die den Vergleich mit keiner Metropole dieser Welt scheuen muss. Die Architektur reicht von chinesisch über Jugendstil bis modern. Man sieht hier mehr Maybachs als in Berlin und mehr Teslas als in San Francisco. Kein Wunder, immerhin ist China das Land mit den zweitmeisten Millionären der Welt. Jedes vierte Auto in der Innenstadt fährt vollelektrisch. Mit Verbrenner motorisierte Mopeds gibt es keine. Während bei uns diskutiert wird, ob man das Verbrenner-Aus in der Zukunft jetzt wieder aufweichen soll, ist in ganz China seit 2015(!) Realität, dass in Stadtzentren keine Mopeds mit Verbrennungsmotoren mehr fahren dürfen. Man sieht auch außerhalb der Stadtzentren fast nur mehr Elektromopeds. Das merkt man an der Luftqualität und am Geräuschpegel in der Stadt. An der Ampel tratschende Menschenmassen sind lauter als der vorbeirollende Innenstadtverkehr der neuen Fahrzeugflotte. Ein vor Superlativen strotzendes Elektroauto der chinesischen Marke Xiamo SU7, das auch der „Porsche-Killer“ genannt wird, kostet hier mit 13 Prozent Mehrwertsteuer umgerechnet 37.500 Euro. Auch Vietnam produziert übrigens eigene Elektroautos. Das kleinste Modell von „Vinfast“ in der Größe eines VW Polo kostet dort 8.500 Euro plus Batteriemiete und erfreut sich großer Beliebtheit.

Die Skyline der Stadt ist nicht umsonst berühmt und wurde auch bewusst so geplant. Der Fernsehturm und die Wolkenkratzer präsentieren sich bei Tag und Nacht als Hingucker. Bei Nacht noch etwas spektakulärer, weil die Lichtanimationen an den Gebäuden ein buntes Farbenspiel bieten, das die Massen anzieht. Es müssen wohl zehntausende sein, die sich an der Promenade am Flussufer im Stadtteil „Bund“ bei Sonnenuntergang einfinden, um das am anderen Ufer gebotene Immobilienlichterspektakel zu bestaunen. Derartige Menschenmassen kennen wir sonst nur von Rockkonzerten. Diese Massen wollen gebändigt werden. Sehr diszipliniert und geduldig lassen sich die unzähligen Chinesen von den omnipräsenten Sicherheitskräften dirigieren. Wie Richtungsfahrbahnen auf Autobahnen werden die Menschen jeweils nur in eine Richtung geleitet um das Chaos zu verhindern. „Geistergeher“ haben wir keinen entdeckt. Erstaunlich. Dabei geht man ziemlich lange Umwege, aber die Masse bleibt in Bewegung und jeder kommt irgendwann dort hin wo er will. Die Polizei marschiert in Reih und Glied zum Einsatz. Überall gibt es Kameras. Auch das Militär ist vor Ort. Man versteht schon, dass man hier besser brav ist. Das wird einem auch an den Bildschirmen in der U-Bahn, im Zug und so weiter vorgezeigt. Menschen in Uniformen erklären, wie man sich verhält. Zum Beispiel nicht am Gehsteig sitzen, nicht zwischen die automatischen Türen der U-Bahn geraten, und so weiter. Abwechslung bieten Kurzvideos von Kochshows, bei denen der Kochvorgang gezeigt wird ohne jemals das Gesicht des Kochs oder der Köchin preiszugeben. Gleichheit scheint hier noch ein Thema zu sein. Für viele Berufsgruppen gibt es Arbeitsuniformen und Häuser in Dörfern sehen oftmals ziemlich gleich aus, ganz zu schweigen von den Hochhäusern am Stadtrand. Im Zentrum von Shanghai gibt es alles von modernen Einkaufszentren über chique Rooftop-Bars mit parkendem Rolls Royce davor bis zur Stadttour mit dem BigBus.

Wenn man China auf eigene Faust bereist, scheint man immer noch so etwas wie ein Exot zu sein. Viele Passanten starren einen ungläubig an. Manche wollen ein Foto mit uns machen. Die Weißen, die wir in China pro Tag an frequentierten touristischen Orten treffen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das mag seine Gründe haben, denn das Reisen in China stellt auch uns als Reisegeübte vor ziemliche Herausforderungen. Es spricht kaum jemand englisch. Wir können die chinesischen Schriftzeichen nicht lesen. Google, Google-Mail, Google-Übersetzer, Google-Maps, WhatsApp, etc. sind in China gesperrt. Es gibt zwar für alles eine Alternative, aber nicht alle Apps sind in englisch oder einer anderen Sprache verfügbar. Deshalb erhält man mit der Sim-Karte vom Mobilfunkbetreiber gleich eine App, mithilfe der man die oben erwähnten Apps trotzdem so recht und schlecht benutzen kann. Sonst wäre eine selbstständige U-Bahnfahrt schon schwierig. Für China-Interessierte empfehlen wir folgende Apps vor der Reise zu installieren: Alipay für Zahlungen aller Art und zum kontaktlosen Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel. Es wird nämlich in den Städten kaum Bargeld verwendet. Leaf, damit die Apps von zuhause trotzdem funktionieren. Leaf muss man ausschalten, wenn man chinesische Apps verwendet. Mit WeChat und der Übersetzungsfunktion kann man mit anderen in Kontakt treten. Zum Registrieren benötigt man einen anderen We-Chat Benutzer. Dafür reicht ein Passant. Ganz wichtig ist eine Übersetzungs-App. Und mit Maps.Me kann man den Weg durch den Stadtdschungel mit öffentlichen Verkehrsmitteln finden. Mit Trip.com kann man Zugtickets buchen. DiDi ist das chinesische Uber. Taxis fahren mit Taxameter aber auch zu einem fairen Preis. Agoda ist die führende Hotelbuchungs-App. Busse kann man nicht online buchen aber mit etripchina.com kann man Busfahrplähne ansehen. Alles in allem ist das Reisen hier machbar aber es kostet uns mehr Zeit und Nerven um Ausflüge, Tickets und U-Bahnfahrten zu organisieren als in allen anderen Ländern bisher. Manchmal ist es zum Verzweifeln aber nach drei Tagen geht das meiste schon ganz gut.

Wer Angst hat, dass uns China überholt, braucht sich nicht mehr fürchten. Das ist bereits geschehen. Dabei lassen wir die bekannten Kritikpunkte der westlichen Welt an China einmal bewusst außen vor. Wir berichten nur über das was wir auf unserer Reise beobachten können. China ist das Land, das anteilsmäßig am meisten für Infrastruktur ausgibt. Das sieht man auch. Es wird nach wie vor gebaut, was das Zeug hält. Überall stehen Kräne. Die meisten Flughäfen und Bahnhöfe sind derartig gigantischen Ausmaßes, dass man vielfach von einem Ende der Halle das andere Ende kaum sieht. Die U-Bahnen, Bahnhöfe und Straßen sind sehr gut. Bei jeder Zugfahrt wird das Gepäck gescannt. Deshalb empfiehlt es sich, eine halbe Stunde vor der Abfahrt am Bahnhof zu sein. Man bucht am besten das Ticket vorher online. Das geht nur mit Reisepass. Der Reisepass wird in der Folge als Ticket für diese Zugfahrt auch beim Ein- und Aussteigen gescannt. Ohne Reisepass kein Einsteigen. Das heißt, big brother weiß immer, in welcher Stadt sich jede Person befindet. Und durch die vielen Kameras findet man den näheren Aufenthaltsort in der Stadt mit Gesichtserkennung vermutlich ebenfalls in Sekundenschnelle. Denn Autofahren ist Touristen derzeit nicht erlaubt. Die Hotels melden ihre Gäste automatisch bei der Bezirksbehörde an. Trotz der überall auftretenden Menschenmassen müssen wir uns nie lang anstellen. Es ist alles hervorragend organisiert. Alles ist sauber. Überall wuselt Putzpersonal und es liegt nirgendwo auch nur ein Papierchen am Boden oder am Gehsteig. Man sieht auch generell sehr viel mehr Sicherheitspersonal als in anderen Ländern.

Das Fahren mit den Schnellzügen genießen wir. Das Erlebnis beginnt schon im Bahnhof, wo man sich selber regelmäßig beim Grinsen ertappt, weil die Ausmaße der Gebäude allein schon so riesig sind. Diese Dimensionen sind in einem Land mit 1,46 Milliarden Einwohnern auch zweifellos von Nöten aber für uns ungewohnt. In den neueren Bahnhöfen fühlt man sich manchmal wie in einer Raumstation. Vor einer Bahnhofstoilette steht ein Bildschirm, der mit einer animierten Grafik anzeigt, wie viele WC-Kabinen frei sind und wo sie sich befinden. Wir wollen gar nicht wissen woraus diese Information generiert wird. Kindgroße Putzroboter bahnen sich den Weg durch die Massen. In einem Hotel beobachten wir, wie der Putzroboter von der Ladestation in der Lobby selbstständig in den Lift fährt, um in einem anderen Stockwerk putzen zu fahren. Große Lieferdrohnen mit angehängter Last sind im Gebirge zu sehen.

Im Zug sind auch die Sitze in der zweiten Klasse bequem. Es gibt Service im Zug und auch hier ist alles blitzsauber. Die Züge beschleunigen regelmäßig und unbemerkt auf 340 Kilometer pro Stunde. So wird auch dieses große Land relativ klein. Die Schienentrassen der Schnellzüge sind wie Brücken gebaut. Manchmal kreuzen drei verschiedene Schienentrassen übereinander. Dadurch gibt es auch kaum Weichen und man kommt sich nie mit den Autos in die Quere, die ihr Dasein im Keller des hiesigen Verkehrs fristen müssen. Die längste Brücke der Welt befindet sich übrigens in der Nähe von Shanghai. Sie ist 165 Kilometer lang. Damit könnte man ganz Oberösterreich in seiner Ost-West-Erstreckung von Niederösterreich bis Salzburg überbrücken.

Zugfahren ist günstig, bequem und kurzweilig. Landschaft, Dörfer, Hügel und Täler rasen vorbei. Manchmal hat man nicht einmal die Zeit, das Handy für ein Landschaftsfoto aus der Tasche zu holen. Zack, schon vorbeigesaust am Motiv. In den Zügen ist es ruhig und nichts ruckelt. Ein randvolles Glas würde nicht überschwappen. Gespenstisch. Neidvoll blicken wir auf die Mobilfunknetzabdeckung der Bahn. Vor jedem der vielen Tunnels steht ein Sender. Das Netz bricht im Tunnel nicht ab. In den Ballungszentren hat man allerdings abends seine liebe Not. Da ist die Internetgeschwindigkeit wegen Überlastung zur Stoßzeit meist ziemlich gedrosselt.

Die Leute lächeln nicht freundlich wie wir es zum Beispiel von Thailand oder Malaysien gewohnt sind, sie sind aber hilfsbereit. Leider scheitert es oft grundlegend an der Kommunikation. Selbst unsere Gesten scheinen hier so weit hergeholt, dass man auf die einfachsten Fragen mit Hand und Fuß keine Antwort bekommt. Einen handfesten Beweis von Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit erfahren wir in Suzhou, einer mittelalterlichen Gartenstadt, die ihre Ursprünge bereits im 9. Jahrhundert hat. Die Gärten gehören zum Weltkulturerbe und wir fahren naiver Weise sonntags mit dem Zug aus Shanghai hin und möchten vor Ort ein Ticket kaufen. Ticketschalter wegen Überfüllung geschlossen. Schlange am Eingang: ungefähr ein Kilometer Chinesen. Martin hält dem Wächter am geschlossenen Ticketschalter mit dem Handy die chinesische Übersetzung des folgenden Satzes hin: „Wir kommen von weit her aus Österreich und heute ist der einzige Tag, an dem wir uns die Gärten ansehen könnten. Gibt es eine Möglichkeit, ein Ticket zu bekommen?“ Der Gatekeeper überlegt fünf lange Sekunden, lächelt und weist eine Dame an, uns zwei Tickets zu verkaufen. Die Kilometermenschenschlange bewegt sich stetig und bleibt nie stehen. Deshalb sind wir trotzdem relativ rasch drin. Beim Anstellen merken wir erst so richtig, dass es nicht viele übergewichtige Chinesen gibt. Die hiesige Mischung aus Ernährung und Disziplin scheint dabei zu helfen.

Die Gärten sind bemerkenswert schön mit Bächen und Seen angelegt, durchsetzt mit hölzernen Pagoden und Teehäusern sowie Felsen. Brücken und Wege sind mit Granit gepflastert. Unglaublich, in welcher Qualität alles über die Jahrhunderte erhalten geblieben ist. In dieser Stadt haben sich seit dem Mittelalter pensionierte Militärs und Regierungsbeamte niedergelassen und Erholungsgärten gebaut. Wer sich Blumen erwartet, ist fehl am Platz. Hier gibt es vor allem Gräser, Seepflanzen, Bäume und ein augenkitzelndes Ensemble an Gartenarchitektur. Darüber hinaus ist der historische Stadtkern mit Kanälen, Brücken und Häuschen gesäumt. Die Menschenmassen schieben sich dermaßen durch die winzigen Gässchen, dass es einem den Anblick verderben kann. Der Wassergraben und die mittelalterlichen gewaltigen Stadttore sind intakt. Überall lassen sich junge Frauen mit altertümlichen Gewändern und Trachten in Posen mit verträumten Gesichtern fotografieren. Dabei ist es gar nicht einfach, ein Foto zu bekommen auf dem keine anderen Menschen drauf sind.

Wir ahnen schon voraus, dass gegen Abend das Verkehrschaos ausbrechen wird, wenn sich zehntausende Chinesen mit ihrer lautlosen Fahrzeugflotte Richtung Shanghai stauen werden und machen uns bereits zwei Stunden vor unserer Abfahrtszeit auf den Weg Richtung Bahnhof. Auch Suzhou hat 12 Millionen Einwohner und rund um das historische Zentrum steht der gesamte Verkehr wie vorhergesehen. Zum Bahnhof sind es 20 Kilometer durch die Stadt. Mit einem Taxi oder Bus kommen wir nicht voran und zu Fuß schaffen wir es auch in zwei Stunden nicht. Jetzt brauchen wir ein kleines Wunder. Wir entfernen uns zu Fuß vom Zentrum und das Wunder hält neben uns in Form einer kleinen Mopedrikscha. Sie dürfte selber aus Alu zusammengeschweißt worden sein und scheppert bei Bodenwellen derartig, dass Gehörschutz angebracht wäre. Gut, dass nur der erste und der zweite Gang funktionieren. Die dafür aber immer mit Vollgas. Der Fahrer nimmt die Herausforderung an und rast wie ein Wilder über rote Ampeln, Fußgängerwege, Radwege, ja sogar über die Autobahn ortskundig an sämtlichen Staus vorbei und wir sind eine Stunde zu früh am Bahnhof! Auch wenn wir uns während der Fahrt mehrmals „Adieu schönes Leben“ gesagt haben, verabschieden wir uns vom verschmitzt grinsenden Fahrer mit einem respektvollen „Good bye Verstappen“.  

 

2 Kommentare

  1. Danke für diesen hochaktuellen Bericht!! Ich habe den mal auf meiner Facebook-Gruppe China-Reisen vorgestellt. Ich hoffe, das ist Euch recht.
    Gute Reise
    Ulrike

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