Santiago, Wein und Valparaiso

Santiago de Chile ist eine Großstadt, die durch ihre Aussicht auf 6.000 Meter hohe Anden-Gipfel besticht. Der Blick vom Hügel über die Stadt zu den Anden scheint durch den immensen Höhenunterschied unwirklich. Der Verstand will es nicht zulassen, dass das in schierer Höhe vom Auge Wahrgenommene über der Smogglocke noch Bergrücken sein sollen. Die Hauptstadt von Chile ist wie alle Städte in der neuen Welt rasterartig angelegt. Im Zentrum scharen sich Kolonialbauten um den zentralen Platz und die Fußgängerzonen. Viele Gebäude sind mit Streetart bemalt. Die meisten davon verdienen sich durch ihre kunstvolle Gestaltung auch wirklich die Bezeichnung „Art“. Gondelbahnen und das höchste Gebäude Südamerikas – ein über 300 Meter hoher Wolkenkratzer – zeugen von der aktuellen Entwicklung der Metropole. Chile zählt zu den fortschrittlicheren Ländern Südamerikas und die Kriminalitätsrate ist niedriger als in anderen Staaten. An jeder Straßenecke gibt es Cafés, Restaurants und Bars und das Treiben in den Strassen ist geschäftig. Weiter draußen erscheinen die Gebäude zunehmend baufällig.

Da wir durch den Zwischenstopp schon einmal hier gelandet sind, erkunden wir mit dem Mietauto die nahe gelegene Weinregion Casablanca und das an der Küste gelegene Weltkulturerbe Valparaiso. Casablanca hat durch seine Weißweine Berühmtheit erlangt. Die Weingüter sind marketingwirksam gestaltet und eine Weinverkostung mit drei Weinen und einer Führung kostet schnell einmal 60 US-Dollar pro Person. Die Grenzen nach oben lassen sich je nach verkosteten Weinen beliebig verschieben. Hier wird der Besuch eines Weingutes nicht als verkaufsfördernde Maßnahme für den hergestellten Rebensaft betrachtet, sondern stellt an sich schon ein verkaufbares Event dar. Einige hiesige Weingüter landen regelmäßig in den Top Ten der Welt beim Besuchserlebnis.

Der historische Pazifikhafen Valparaiso wartet mit steiler Topographie und bunten Häusern auf 42 Hügeln auf, sowie mit Kultur und berühmter Strassenkunst. Viele Häuserwände werden laufend kunstvoll übermalt, und die Stadt hat eine ausgeprägt alternative, künstlerische Atmosphäre. Sie ist berüchtigt für ihre steilen Hügel, verwinkelten Straßen und die Mischung aus modernen Gebäuden im Tal und historischen Vierteln darüber. Es ist keine klassische Postkarten-Stadt sondern ein wilder Mix mit Charakter. Die Architektur wirkt manchmal wie: „Wir hatten noch drei Wände übrig und der Statiker war auf Urlaub.“ Dann geht man eine Straße runter, „cool, geradeaus zum Hafen“ – und plötzlich steht man vor einer Treppe, die aussieht wie eine Teststrecke für Bergziegen. Google Maps zeigt manchmal komplett falsche Fußwege an, weil eine 40 Meter Tiefe Schlucht kurzerhand als Gehsteig uminterpretiert wird. Dazu kommt der unberechenbare Wind in den Hügeln, der die Frisuren-Lotterie in Gang setzt. Du verlässt das Hotel geschniegelt und kommst 20 Minuten später als Seefahrer oder als Pudel zurück. Der kühle Humboldtstrom trifft hier auf wärmende Sonnenstrahlen – dementsprechend dunstig ist es speziell morgens. Man sieht kaum zum nächsten Stadtviertel und die Umrisse des Hafens sehen im Nebel plötzlich gespenstisch aus. 

Zu einigen Hügelkuppen gibt es kleine historische Schrägaufzüge, die durch ihre archaische Bedienung und Konstruktion Kultstatus besitzen. Die berühmten Ascensores sind mehr historische Zeitmaschinen als zuverlässiges Verkehrsmittel. Manche knarzen so überzeugend, dass man kurz überlegt, ob man gerade im 19. Jahrhundert angekommen ist. Wieder einmal frieren wir. Zentralheizung ist auch hier ein Fremdwort. Im Hotel ist das Heisswasser aus und eine Kellnerin in einem Café verteidigt den Heizstrahler mit ihrem Leben. Gäste müssen leider frieren – und dabei ist noch nicht einmal Winter. 

Hier ist „kurz mal zum Supermarkt“ ein Cardio-Workout. Du brauchst kein Fitnessstudio – nur Einkaufstaschen. Auch das schöne Marinemuseum muss man sich verdienen. Es thront auf einem Hügel ohne Aufzug, bietet aber einen tollen Überblick über die Geschichte der Seefahrt in Chile. 

Mit sieben Stunden Verspätung starten wir die Weiterreise per Bus von Santiago über die Anden nach Mendoza in Argentinien. Die Passstraße windet sich von 500 auf 3.200 Meter Seehöhe. Der 14.00 Uhr Bus wird leider wegen Wintereinbruch gestrichen und so müssen wir eben mit der  Nachtfahrt vorlieb nehmen und auf die Aussicht auf den beinahe 7.000 Meter hohen Anden-Gipfel Aconcagua verzichten. 

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