Die 370 Seemeilen lange Überfahrt nach Borneo teilen wir in drei Teilstrecken. Die erste führt uns zur kleinen Insel Katopat, wo wir einen langen genüsslichen Schnorchelausflug zum Außenriff unternehmen und uns zwei Mal durch einen Pass in das Atoll über Korallen und sonstige Meerestiere hinein treiben lassen. Nach einem weiteren schönen Segeltag samt vor dem Bug spielender Delfinherde kommen wir im Norden der Insel Bawean an. Das in der Bucht liegende Dorf ist sehr ursprünglich und alle Passanten wollen Fotos mit „Queen“ Anna-Maria machen. In einem ortsüblichen kleinen Restaurant kehren wir ein. Hier sitzt man am Boden vor niedrigen Tischen. Die Einrichtung ist rustikal und wir verständigen uns über Übersetzungs-App und mit Hand und Fuß. Prompt kommt die doppelte Menge Fisch – ein kleines Missverständnis. Das Essen ist sehr gut und rechtfertigt nicht die Sorgen, die wir uns aufgrund der im Gebälk wuselnden Ratten und sonstigen Ameisenstraßen quer durchs Lokal gemacht hatten. Die international bekannten aus Indonesien stammenden Speisen „Nasi Goreng“ – gebratener Reis mit Gemüse und „Bami Goreng“ – gebratene Nudeln mit Gemüse zählen hier überall zu den Standardgerichten. Dazu gibt es herrlich schmeckenden „Wasserspinat“. Die Kosten für ein fürstliches Mahl belaufen sich auf wenige Euro, wenn überhaupt. Alleine kulinarisch ist Indonesien schon eine Reise wert.
Nach unserem Schlafstopp in Bawean geht es an die gemeinsam mit Anna-Maria und Werner letzte und 190 Seemeilen lange Etappe Richtung Kumai im Süden Borneos. In der Nacht fahren wir wie immer Slalom zwischen den Fischerbooten. Glücklicherweise haben wir entgegen den Erwartungen guten Wind und wir sind schneller als vorhergesehen. Nachdem wir zu früh ankommen und im Dunkeln nicht in die Kumai Flussmündung fahren wollen, bleibt uns nichts anderes übrig als vor Einbruch der Dunkelheit den Anker zu werfen und das dreistündige heftige Gewitter auf fünf Metern Wassertiefe auf offener Reede abzuwettern. Die Gegend hier ist generell seicht. Wie fast überall in Indonesien hält sich die Höhe der Wellen in Grenzen. Trotzdem schlafen wir bei diesem Getöse schlecht. Unser eingefahrener Anker hält wie immer bombig. Nur der seit dieser Nacht etwas verbogene, aus hochfestem Edelstahl geschmiedete Kettenhaken, der den Hahnepot hält, lässt die unglaublichen Kräfte erahnen, die in der Nacht auf unser Ankergeschirr gewirkt haben. Morgens fahren wir in die seichte Flussmündung, die navigatorisch etwas herausfordernd ist, weil uns zusätzlich an der engsten und seichtesten Stelle große Frachtschiffe passieren. Die in den Seekarten verzeichnete „grüne“ Tonne ist rot – wahrscheinlich vom Rost. Ansonsten stimmen die Angaben des „Cruising Guide Indonesia“, den wir für eine Indonesien-Seereise empfehlen können.






























Der Anker fällt nach acht Stunden motoren im Kumai Fluss vor der gleichnamigen wenig charmanten Stadt. Die Muezzins toben sich ab vier Uhr morgens bis spät abends in voller Lautstärke aus. Es dürfen übrigens auch Kinder durch die Lautsprecher der unzähligen Moscheen plärren. Man kann sich ungefähr vorstellen was das heißt. Das Stadtbild ist geprägt von vielen riesigen Lagerhaustürmen. Hier wird aber nichts gelagert. Sie sind einzig und allein für die tausenden darin wohnenden Schwalben da, deren Nester nach China verkauft werden, damit sie dort zur Suppe verkocht werden können. Eine „Spezialität“, die wir gerne auslassen. Vor Ort ist diese auch gar nicht erhältlich. Alle Indonesier verziehen das Gesicht, wenn man sie nach dieser Spezialität fragt.
Nach Kumai kommt man wegen der weltweit einzigartigen Orang-Utan-Kolonie. In ganz Borneo leben ungefähr 60.000 Exemplare. Borneo beheimatet drei Länder: Brunei, Malaysien und Indonesien. Der indonesische Teil heißt Kalimantan und im hiesigen Naturreservat leben 6.000 Orang-Utans. Davon einige hundert ausgewilderte Tiere. Die wilden ernähren sich von Termiten, Baumrinde und Blättern. Die ausgewilderten werden mit Süßkartoffeln, Melonen, Papayas, Bananen und Zuckerrohr gefüttert. Dabei darf man zusehen. Zu diesem Zweck buchen wir eine dreitägige Dschungeltour mit einem hiesigen Boot. An Bord sind nur wir vier Gäste, eine Köchin, ein Helfer, ein Kapitän und der Tourguide. Im trüben Wasser des Flusses gibt es Krokodile, Flussfische und darüber schweben wunderschöne bunte Eisvögel, allerlei Affenarten und natürlich die berühmten Orang-Utans. Sie sind eine von drei Arten, die den Menschen am ähnlichsten sind. Gorillas und Schimpansen gehören ebenfalls dazu. Orang-Utans sind intelligent. Sie wurden dabei beobachtet wie sie die Menschen beim Schneiden eines Baumes mit einer Säge oder beim Paddeln in einem Kanu imitieren. Sie wissen wohl nicht recht, wozu das alles gut sein soll aber sie können es. Da haben sie wohl eine Gemeinsamkeit mit so manchem menschlichen Bürokram. Die Weibchen haben meist ein Baby im Gepäck und alle sehen sehr drollig aus. Wir machen Halt bei der ersten Fütterungsstation. Von einer Anlegestelle am Fluss gehen wir über Holzbrücken eine halbe Stunde zur Fütterungsplattform in den Dschungel. Bereits vor Fütterungsbeginn beginnen plötzlich die Bäume in der Ferne zu erheblich zu schwanken und man sieht die braunen Riesen, wie sie sich von Baum zu Baum schwingen bis sie schließlich oben in den Ästen über der Fütterungsplattform verharren und die Touristen beäugen. Ein Männchen herrscht über einen Quadratkilometer. Der stärkste gewinnt und der Verlierer muss aus dem Revier abziehen. Die ansässigen Weibchen samt ihren Kindern bleiben. Für eine gesunde Durchmischung der Gene ist also gesorgt. Das Männchen, meist ein wohlgenährtes Muskelpaket, nimmt seinen Platz an der Fütterungsplattform ein und bestimmt welche der Weibchen und Kinder wieviel vom Futter bekommen. Meist sind sie großzügig und alle greifen zu. Manche Orang-Utans trauen sich nicht auf die Plattform. Sie greifen sich verstohlen Bananen und verschwinden rasch wieder. Andere wiederum werden von den Rangern außerhalb der Plattform gefüttert. Wenn es dem Männchen zu viel wird, klopft er den anderen auf die Finger wenn sie sich Futter holen. Alle Orang-Utans haben Namen und sind den Rangern „persönlich“ bekannt. Natürlich gibt es mehr Fütterungsstellen im dichten Dschungel, die aber von den Touristen nicht besucht werden können. Insgesamt sehen wir Fütterungen an drei verschiedenen Stellen. Die Orang-Utans sind jeweils andere aber die Prozedur und das Schauspiel der braunen National-Geographic-Darsteller ist jedes Mal ähnlich.
Die verspätete Regenzeit kündigt sich mit täglichem kurzen Starkregen an und die Matratzen auf dem Holzboot werden von unserer Crew vor Regen penibel geschützt. Wir schlummern selig in Ferrari-Bettwäsche mitten im Dschungel auf dem rundum offenen Boot unter Moskitonetzen. Die Szenerie samt Geräuschkulisse bei den Übernachtungen ist einprägsam und einzigartig. Die Köchin kocht hervorragende lokale Speisen. Bei einer Nachtwanderung werden vom Ranger eine Tarantel und ein Skorpion aus ihren Löchern gelockt, so dass wir einen kurzen Blick darauf erhaschen können, genau wie auf die in der Nacht am Zweig wie Statuen verharrenden Vögel und die Frösche. Würgeschlangen und Vipern lassen sich an diesem Abend nicht blicken, dafür sehen wir aber bei der Rückfahrt am braunen Flussufer im ebenso farbigen Fluss ein riesiges Krokodil, das für uns sogar sein Maul weit aufreißt.
Leider kommt unweigerlich der Tag, an dem Anna-Maria und Werner wieder zurückfliegen müssen. Nachdem wir sie mit vielen schönen Erinnerungen und einzigartigen Erlebnissen schweren Herzens am Flughafen verabschiedet haben, geht es für uns wieder zum Alltag über. Also mit Kanistern zur Tankstelle für Diesel und zum Lebensmitteleinkauf auf die Märkte und in den Supermarkt.

Außer der Tierwelt bietet Kumai nichts, deshalb nichts wie weg aus der Flussbrühe Richtung Belitung. Beim Anker-auf Manöver ziehen wir nach mehreren Versuchen eine riesige Plastikfolie voll mit Schlamm aus dem Fluss und wir staunen nicht schlecht, dass unsere Ankerwinsch das schafft. Akustisch macht sich bemerkbar, wie ihr die sprichwörtliche Zunge raushängt. Leider ohne Wind motoren wir mit kurzen Segelversuchen und Gegenstrom Richtung Belitung. Das Plastik am Anker sollte auf unserer zweitägigen Reise nicht das einzige Hindernis bleiben. Im Wasser treiben ganze Ölfässer, jede Menge Fischereizeug, Plastik, eine Schaufensterpuppe und Holzstämme. An diesem Tag haben wir das volle Programm. Nachdem Martin das Plastik aus dem Propeller entfernt hat rammen wir einen quer treibenden Baumstamm mit sechs Knoten Fahrt durchs Wasser, hüpfen mit beiden Bügen darauf. Daraufhin rumpelt unter beiden Kielen durch und bleibt an den beiden Rudern mit einem weiteren Rumpler hängen. Das alles dauert nur 2 Sekunden. Wir rechnen mit dem Schlimmsten und reißen alle Bilgen auf. Kein Wassereintritt. Martin geht ins Wasser. Acht Meter lang und ein halber Meter Durchmesser samt zugehöriger Fischpopulation. Die Ruder scheinen nicht beschädigt und das Steuerrad lässt sich frei bewegen. Wahnsinn, kaum zu glauben, Schwein gehabt! Gut, dass die Saildrives hinter dem Ruder ansetzen, denn die hätten das wohl kaum überstanden und dann hat man gleich mal ein riesiges Loch im Schiff mit den zugehörigen Komplikationen. Worüber wir noch nie nachgedacht hatten: wie kriegt man einen riesigen Baumstamm unter dem Schiff hervor. Er hat ziemlichen Auftrieb und ist zu lange, als dass wir ihn schräg zwischen Ruder und Kielen herausbekommen könnten. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, binden wir an einem Ende eine Leine und führen diese unter beiden Rümpfen durch auf die andere Seite. Dort stemmt sich Martin mit beiden Beinen an der Wasserlinie außen gegen die Schiffswand, zieht wie ein Esel am Seil und Kerstin schubst den hölzernen Koloss auf der anderen Seite nach unten weg vom Rumpf. Zentimeter für Zentimeter schiebt sich der Baumstamm unter den Rümpfen durch bis er schließlich längsseits zwischen den Rümpfen schwimmt und nach hinten wegtreibt. Einige Fische können sich schwer entscheiden ob sie weiter bei ihrem Baumstamm bleiben oder doch lieber mit uns kommen.

Nach diesem Schreck und dem Manöver fühlen wir uns um Jahre gealtert und treten müde und dankbar, dass nichts weiter passiert ist, unsere Weiterreise nach Belitung an. Wir haben von anderen Schiffen gehört, die die Kollision mit Treibgut und Baumstämmen in Indonesien nicht glimpflich überstanden haben und deren Reise dadurch eine jähe Wendung nahm. Unser Mitgefühl gehört euch. Kaum erwähnenswert dagegen ist, dass in diesem Seegebiet große ausweichpflichtige Frachtschiffe und Marineschiffe auf Kollisionskurs nicht reagieren und wenn sie sich am Funk überhaupt melden, nicht englisch sprechen. So oft ausweichen wie in Indonesien mussten wir die vorherigen vier Jahre nie. Irgendwie verstehen wir, dass die Versicherungen in diesem Land passen.
Die Freundlichkeit der Einwohner ist legendär. Jeder findet jederzeit ein freundliches Lächeln und ein freundliches Wort trotz Sprachbarriere. Alle sind unabhängig von Religionszugehörigkeit sehr gastfreundlich. Es gibt praktisch keine Kriminalität an den Destinationen wo wir Stopps eingelegt haben. Missverständnisse bezüglich Piraterie erklären wir uns folgendermaßen: viele Fischer sind neugierig und halten mit ihren Booten auf Yachten zu, um besonders knapp daran vorbeizufahren und freundlich zu lachen und zu grüßen. Gegen die Sonneneinstrahlung haben sie oft Gesichtsmasken auf, bei der nur die Augen ausgeschnitten sind. Sie reagieren nicht auf Funk und Handzeichen. Insgesamt entsteht der Eindruck einer lupenreinen Piratenattacke – ist aber nett gemeint.
