Von Belitung über die Straße von Singapur nach Malaysia

Glücklich in Belitung angekommen bestaunen wir bereits bei der Einfahrt zum Ankerplatz riesige vom Wasser geformte Granitformationen. Hier in Kelajang geht es wieder touristischer zu. Der feine weiße Sandstrand ist von Warongs, den Lokalen der Einheimischen gesäumt. Alle sind wie immer in Indonesien freundlich und grüßen von Weitem.  Unser Dinghi machen wir am Fischersteg fest, die Betonstufen halb abgebröckelt und scharfkantig. Wegen Vollmond ist extremes Niedrigwasser und der Weg zwischen Infinity und Land ist mit Untiefen und Korallen gespickt. Man tut gut daran, den Weg aufzuzeichnen um bei schlechterem Licht wieder zurückzufinden. Kaum am Steg angelegt, kommt uns Eddy entgegen. Zotteliger langer Kinnbart, überschwängliche Freude, um endlich wieder mit jemandem ins Geschäft kommen zu können. Wir bestellen für den nächsten Tag ein Auto mit Fahrer, der uns mit den leeren Kanistern zur Tankstelle bringen soll und zu einigen Geschäften. Direkt am Strand befindet sich auch das „Rock and Wreck“ Ressort. Es ist von einem Amerikaner gut geführt, gemütlich, aus altem Treibholz gebaut mit Pool und guter Speisekarte. Man soll es kaum glauben, aber nach dem vielen guten asiatischen Essen freuen wir uns wieder über einen Burger. 

In der Zwischenzeit sind die Wasa und die Pazzo angekommen und wir feiern ein freudiges Wiedersehen. Und wir beschließen, es mal krachen zu lassen, Wasas Dinghi bleibt an Land und wir vier fahren nach Lokalschluss noch auf einen Absacker zur Infinity. Es beginnt wieder einmal zu schütten wie aus Eimern, aber bei uns ist es gemütlich und so bleiben alle bis zum Morgen an Bord. Da die Wasa ohne Kühlschrank auskommt, schmeckt für Paul und Jannis ein Frühstück mit kalter Butter und Marmelade auf selbst gebackenem Vollkornbrot ein bisschen wie zuhause. Nächsten Tag steigen wir vier ins Taxi. Etwas irritiert fahren wir an mehreren Tankstellen vorbei, obwohl dort unser gewünschter Diesel angeschrieben ist. Stimmt wohl nicht, da der Fahrer sicher nicht freiwillig eineinhalb Stunden zur Tankstelle fährt. Zwischendurch muss er noch Luft in den Reifen nachfüllen. Schlussendlich können wir alles problemlos erledigen und bereiten uns schon wieder auf die Weiterreise vor. Cindy und Chris von der Pazzo lassen sich noch etwas Zeit, Wasa muss ausklarieren und fährt von hier aus gleich nach Malaysien. Beim Versuch, das Regenwasser aus dem Dinghi auszuschöpfen, fällt Martin vom Betonsteg, weil er sich am Fender-Reifen des Stegs festhält, der nur lose oben lag, weil er an der untersten Stufe befestigt war, die mittlerweile aufgrund des Niedrigwassers frei liegt. Dabei wird der linke Fuß durch die scharfen Kanten der Stufen in Mitleidenschaft gezogen. Wie gut, dass die Ärztin immer dabei ist. Damit ist trotzdem erst mal für einige Wochen humpeln angesagt. 

Wir starten für 300 Meilen zu unserer letzten Destination in Indonesien, der Nongsa Point Marina auf Batam. Die Fahrt ist nicht gerade gemütlich. Meist ist zu wenig Wind, sodass der frisch eingefüllte Diesel nur so durch die Motoren sprudelt, dann kommen immer wieder Squalls mit starkem drehenden Wind und heftigen Regenschauern. Die Sicht sinkt während den zweistündigen Duschen auf wenige hundert Meter. Die Fischer spielen zum Teil mit uns fangen, bei Kurswechseln ändern sie auch ihren Kurs. Die Schleppfischer werden immer mehr. Ein unbeleuchtetes Netz von einem Kilometer Länge verfehlen wir nur knapp. Die hinter uns fahrende Vitia, der wir seit Französisch-Polynesien immer wieder begegnen, freut sich über unsere Warnung und bleibt hinter uns. In der Zwischenzeit überqueren wir zum vierten Mal den Äquator – den zugehörigen roten Streifen im Wasser haben wir leider wieder nicht entdecken können. Nicht weit vor der Nongsa Point Marina frischt der Wind auf und wir segeln mit acht Knoten Slalom zwischen den ankernden Frachtschiffen. Was für ein Spaß. Nur das plötzlich auftretende metallische Scheppern macht uns darauf aufmerksam, dass die Halterung der Dirk im Großbaum abgegangen ist und diese damit lose ist. Wie gut, dass wir das Großsegel draußen haben. Sonst wäre nämlich der Baum mit Schwung auf unseren neuen Solarpaneelen gelandet, was für mindestens eines davon den sofortigen Tod bedeutet hätte. Die Ursache für die lose Halterung war, dass sie sich seit fünf Jahren langsam von selbst abgeschraubt hat. Durch die im Baum innen liegende Schraube fällt das auch nicht auf. Nachdem die lose Schraube mit dem Bootshaken aus dem Baum gekitzelt ist, geht die Reparatur recht rasch. Naja, immerhin das erste, das seit Neuseeland vor einem guten halben Jahr auseinanderfällt. Wenn es so bleibt, sind wir hochzufrieden. Die 300 Seemeilen haben wir zu einem Drittel segelnd, zu einem weiteren Drittel motorsegelnd und zum letzten Drittel rein mit Motor bestritten. 

Die Nongsa Point Marina hat alles. Vom Sandstrand über den Pool bis zum Restaurant und ein Wrack, das mitten in der Einfahrt liegt. Die Einfahrt ist etwas verwirrend und ein Segelschiff hat in der Nacht die Betonnung verwechselt. Mitten in der Einfahrt ragen jetzt deshalb zwei Masten aus dem Wasser. Deswegen vermeiden wir das nächtliche Ankommen in Gebieten, wo die Betonnung und die Karten zweifelhaft sind. Ganz tückisch ist, wenn man im Segelführer so wie hier liest, dass die Seekarte nicht stimmt und dann wurde sie aber inzwischen berichtigt. Man ist am richtigen Weg laut Karte und beginnt aufgrund des Segelführers zu zweifeln. Am Satellitenbild in Open CPN ist zwar nicht immer jedes Riff sichtbar aber in diesem Fall nimmt sie uns die Zweifel bei der Einfahrt und wir landen wohlbehalten am Steg. Das Marinapersonal übernimmt hier auch das Ausklarieren, sodass man sich den Weg zu drei Behörden spart. In der Zwischenzeit können wir den schönen Weg um das Kap spazieren und uns von der Fahrt zwischen den Regenschauern am Pool erholen. 

Das Queren der Straße von Singapur liegt vor uns mit starken Strömungen und noch stärkerem Schiffsverkehr. Die Aussicht von Nongsa Point auf den Verkehr ist respekteinflößend. Ein riesiger Frachter nach dem anderen fährt durch das Verkehrstrennungsgebiet. Es sieht ein wenig aus wie der LKW-Verkehr auf der Westautobahn. Schließlich planen wir die Querung mit günstiger Strömung und queren die Straße an der in der Seekarte verzeichneten Kreuzung. Leider ohne Ampel. Aber unser AIS zeigt auf dem Kartenplotter jene Bereiche, in denen man anderen Schiffen zu nahe kommen würde, als rote Flächen an. Und so navigieren wir zwischen den roten Flächen bis zur anderen Seite hindurch. Fast wie im Computerspiel – nur aufregender, denn wenn man einen Fehler macht verliert man nicht ein Spiel, sondern wahrscheinlich das Schiff und möglicherweise das Leben. Und davon gibt es im Unterschied zum Computerspiel nur eines. Damit es nicht zu einfach ist, gibt es auch noch schnelle Fähren ohne AIS, die kreuz und quer durch die Straße fahren und dann sind da noch die Fischer, die todesmutig wenige hundert Meter entfernt von den Riesen wie verrückt schaukelnd fischen. Fischer, Fähren und Fahrzeuge im Verkehrstrennungsgebiet haben Vorrang. Und so sind wir die, die praktisch immer ausweichen müssen. Schließlich schaffen wir es mit beiden Motoren so schnell es geht ohne Funkspruch und ohne angehupt zu werden, die Straße von Singapur zu überqueren. Jetzt heißt es nur mehr, den ankernden Tankern auszuweichen und jenen, die das gerade vorhaben. Hier wird auch mal gehupt, weil man nicht immer errät was die paar tausend Tonnen schwimmenden Stahls rund um einen gerade vorhaben bevor sie zu einer Kurve ansetzen. 

Unterwegs realisieren wir, dass wir keine Gastlandflagge für Malaysia haben. Kurzerhand wird von Kerstin die ähnlich aussehende US-Flagge übermalt und es fällt niemandem auf bis zum ersten Regenguss. Letztlich kommen wir erleichtert und erschöpft, Fischern und treibendem Gerümpel ausweichend in der Einfahrt der Puteri Harbour Marina in Malaysien an. Vorher gibt es noch einen spannenden Moment. Die „Second Link“ Brücke zwischen Malaysien und Singapur queren wir nämlich ebenfalls. Von der bereits vorausgeeilten Ibex-Crew wissen wir, dass die Angabe in der Karte mit 25 Meter Höhe bei Hochwasser stimmt. Danke für eure Infos! Auch danke an Swiss Lady für die Tipps und an Hermann von der 2fast4you, der uns als Revierkenner ebenfalls regelmäßig mit Infos versorgt. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen. Unser Mast hat samt Antennen 22 Meter Höhe. Eine Brückendurchfahrt ist trotzdem immer spannend, denn im Moment kurz bevor man hindurch fährt, sieht es von unten so aus als würde sich das nie und nimmer ausgehen. 

In der Marina angekommen läuft alles wie geschmiert. Durch unsere vorherige Ankündigung per Mail und Telefon sowie kurz vorher über Funk, wartet man schon auf uns und unsere Dokumente werden in der gleichen Minute zum Einklarieren abgeholt. Etwas später können wir einige hundert Meter weiter durch die Immigration beim Fährenterminal gehen und dürfen sogar noch im zugehörigen Duty-free-Shop bayrisches Weißbier erstehen. Immerhin sind wir ja gerade ins Land eingereist. Alles läuft sehr professionell ab und man konzentriert sich hier nicht auf Stempel mit dutzenden Formularen, sondern darauf, was die Behörden eigentlich machen sollen: Auf die Überwachung der Grenzen. Bei Annäherung an die Küste von Malaysien wurden wir von einem Polizeiboot kurz verfolgt und wir hörten über Funk, dass man sich über uns unterhält und wohl alles in Ordnung ist. Auf der anderen Seite der Meerenge liegt in Schwimmdistanz Singapur. Dort stehen hohe Zäune und riesige rote Warnschilder die einen zweifelsfrei erkennen lassen, dass hier scharf geschossen wird. Auch hier gibt es Flüchtlinge. Über Singapur kreisen sogar Abfangjäger. Bei der Größe des Stadtstaates wohl auf Standgas.

Nachdem wir in Windeseile einklariert wurden und dazu noch günstige Sim-Karten für die Mobiltelefone ergattert haben, die in der gleichen Sekunde funktionieren, machen wir uns per Taxi im allnachmittäglich vorhersehbaren strömenden Regen auf den Weg in ein nahegelegenes Einkaufszentrum. Hier sieht es fast so aus wie zuhause. Die gleichen Marken, angereichert mit einigen lokalen Marken, Weihnachtsschmuck überall und Shoppingwahn. Wie gut, dass wir nichts brauchen. Obwohl die Christen in diesem Land in der Minderheit sind, wird uns versichert, dass hier Angehörige aller Religionen gemeinsam feiern. Die Weihnachtsferien beginnen bald und auch diese gelten für alle Kinder, egal ob Moslems, Hindus oder Christen. 

In Malaysia müssen wir uns über verschmutzten Diesel keine Sorgen mehr machen, da es hier Diesel der gleichen Euro5-Qualität wie in Europa gibt. Der Liter kostet 70 Euro Cent. Das Problem ist eher der Bio-Anteil, der wenn er länger steht, Algen im Tank verursacht. Was zur Folge hat, dass die Dieselfilter oder schlimmer Teile des Motors verstopft werden und dann der Jockel meist im ungünstigsten Moment versagt. Deshalb geben wir immer dafür vorgesehene Chemikalien in den Tank, wenn wir länger keinen Motor verwenden. Vorerst besteht dafür aber keine Gefahr, nachdem die Straße von Malakka bekannt für ihren schwachen Wind ist. 

Malaysien ist ein aufstrebendes Land. Im lokalen Hardrock-Cafe finden sich prestigeträchtige Gitarren von B.B. King und Eric Clapton und überall wird ambitioniert gebaut. Man möchte meinen, hier wird versucht, es Singapur gleichzutun. Autobahnen mit vier Spuren in jede Richtung mit prestigeträchtigen Autos. Vieles funktioniert, aber nicht alles. Eine Wohnstadt mit Wolkenkratzer für 700.000 Einwohner wurde in unmittelbarer Nähe zu Singapur hochgezogen, nur ist sie nicht bewohnt und zur berüchtigten Forest-City-Geisterstadt geworden. Viele pendeln täglich von Malaysien nach Singapur zur Arbeit. Nachdem wir schon mal hier sind, schließen wir uns dem Pendlerstrom an. 

Singapur ist eine tolle Stadt mit rund 5 Millionen Einwohnern, mit 50 % Grünflächen und hohen Wolkenkratzern. Ein internationales Finanzzentrum als steuerliches Geldversteck für die Reichen. Dahinter gefühlte tausend ankernde Frachtschiffe und Öltanker. Interessant sind die Verbote und die strengen Strafen bei deren Verletzung. Die skurrilsten für uns sind die Verbote für Kaugummi kauen und öffentliches Zeigen von Zuneigung – zum Beispiel Händchen halten oder küssen. Auch die strengen Strafen für Wegwerfen von Müll auf der Straße verfehlen ihre Wirkung nicht. Hier findet man weit und breit kein einziges Papier und natürlich auch keine Kaugummiflecken auf Gehsteig, Straße oder Platz. Sehr schön und der Kontrast zu Indonesien könnte kaum größer sein. An zwei Tagen spazieren wir laut Schrittzähler-App 40 Kilometer auf Schusters Rappen. Der botanische Garten mit seiner Orchideen-Abteilung sucht seinesgleichen. Er ist nicht umsonst UNESCO Welterbe. Das neue Viertel „Marina Bay Sands“ mit dem berühmten längsten auf 200 Metern Höhe gelegenen Schwimmbad der Welt ist ebenso atemberaubend wie das darunterliegende Einkaufszentrum. Auch hier Weihnachtsbäume so weit das Auge reicht. Dessen nicht genug, ragen künstliche in der Nacht bunt beleuchtete Riesenstahlbäume in den Himmel auf, die mit einem Weg in schwindelerregender Höhe miteinander verbunden sind und den Blick auf den darunter liegenden Weihnachtsmarkt freigeben, für dessen Eintritt man sich eine Stunde anstellen muss. Dann gibt es daneben gleich den größten Indoor-Wasserfall der Welt. Nicht kleckern sondern klotzen ist die Devise. Zeitgleich findet die internationale Komikmesse „Comicon“ statt und überall finden sich verkleidete Comic-Stars. Die unzähligen Lokale sind so abwechslungsreich wie deren Küche. Porsches, Lamborghinis und Ferraris fahren brav mit 50 Kilometer pro Stunde durch die Stadt. Die Strafen sind empfindlich. Übertretungen sind hier keine Kavaliersdelikte. Der Singapur Sling Cocktail wurde natürlich in Singapur erfunden. In der Long Bar des Raffles Hotels. Schmeckt wirklich gut.

Unser kostengünstiges Hotel mit fensterlosem Zimmer in einem alten Theater unterbietet sogar noch die niedrigsten Erwartungen. Die Frage nach einem Staubsauger wird mit einem Kichern quittiert. Müll außen wird bestraft, drinnen offenbar nicht. Für das nächste Hotelzimmer geben wir wohl etwas mehr aus. Zurück geht es mit dem Pendlerbus nach Malaysien. Anstellen, durch die Singapur-Grenzkontrolle mit einer chinesischen Reisegruppe. Die Chinesen werden vom Grenzbeamten angebrüllt, was nichts bringt weil sie ihn nicht verstehen. Eine Stunde. Ein Stück über die Brücke, dann die malayische Grenzkontrolle. Eine weitere Stunde und zurück zur Marina, eine dritte. Nach einem netten Abend mit unseren in der Zwischenzeit angekommenen Freunden von der Wasa und Olena geht es weiter nach Norden in der Straße von Malakka zur gleichnamigen berühmten Stadt. 

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