Fakarava – eine Klasse für sich

Die Einfahrt durch den Tumakohua Pass im Südosten des Atolls klappt problemlos, die Sicht zum Ankerplatz ist ausreichend und betonnt. Den Anker lassen wir samt „Kettenschwebe-Fender“ schon viel routinierter fallen. Auf Anhieb gräbt er sich gut ein und die Kette schwebt oberhalb sämtlicher, wenn auch bereits kaputter Korallen. Anders verhält es sich dort, wo weder Yachten noch Dinghis hinkommen, da es viel zu flach ist. Dort sieht man dafür viele Fische und bunte Korallen.

Der Südpass ist berühmt für seine Haie, insbesondere Grauhaie, die im Pass tagsüber vor sich hin dösen, nachts auf die Jagd gehen, tausende von Zackenbarschen stehen als Futter bereit. Es leben zirka 700 Haie innerhalb eines Kilometers im Pass, die die Strömung nutzen, um sich mit wenig Bewegung über die Kiemen mit Sauerstoff versorgen zu lassen. Dieses Schauspiel dürfen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Der Pass ist von Wissenschaftlern und Tauchern erforscht worden. Die dazugehörige Dokumentation „700 Haie in der Nacht“ von Arte können wir empfehlen. Die Bilder sind unglaublich. Für Interessierte: weitere Interessante filmische Dokumentationen zum Korallensterben und zur Fischerei sind „Chasing Coral“ und „Seaspiracy“.

Vom Ankerplatz geht es mit dem Dinghi an Land, wobei es gar nicht so einfach ist, einen Weg zwischen den Untiefen und Korallen zu finden. Direkt nördlich vom Pass befindet sich das Tetamanu Village mit kleinen Hütten, einem Restaurant und dem Tauchcenter. Das Restaurant steht auf Holzpflöcken direkt im Wasser. Rundherum tummeln sich Schwarzspitzenriffhaie, lassen sich von Fischabfällen füttern und durch die Strömung in der flachen Bucht treiben. Dazwischen schwimmen kleinere bunte Rifffische, auch Papageienfische und riesige Napoleonfische. Wer sich nicht ins Wasser traut, sieht hier schon von Land aus ein kleines Unterwasserparadies. Wie man in Polynesien häufiger erlebt, ist man auch in diesem Restaurant zurückhaltend, wenn ein Kunde mit Auftrag droht. Die Köchin sagt, wir können zu Abend essen, der Chef sagt aber nein. Wir müssen uns anmelden und dürfen in zwei Tagen noch mal fragen. Das Arbeiten wurde hier nicht erfunden, dafür geht es allerdings sehr gemütlich zu. Das ist schließlich auch ein Grund, warum wir hier sind. Die Swiss Lady ist auch wieder mit uns am Ankerplatz und so treffen wir uns zum gemütlichen Kaffee. Da das Atoll durch kleine mit Meerwasser gefüllte Canyons unterbrochen ist, stehen größere Wanderungen nicht auf dem Programm. Aber hier geht es auch in erster Linie um das Leben im und unter Wasser. 

Ein Tauchguide organisiert für uns ein privates Abendessen. Getränke bringen wir selber mit, Alkohol wird nicht ausgeschenkt. Der Abend ist wieder ein Erlebnis. Wie üblich gibt es Fisch, Huhn, Reis und Kochbananen. Die Mahlzeit ist frisch und schmeckt sehr gut. Neben den allgegenwärtigen Menschen, Katzen und Hunden lebt hier auch ein kleines Hausschwein. Im wahrsten Sinne des Wortes „Hausschwein“, denn es hat wie Menschen, Katzen und Hunde Zugang zu Terrasse und Haus.

Als Attraktion wird südlich des Passes ein pinkfarbener Strand angepriesen, den wir mit unserer Mitzi erkunden. Der Strand ist sehr schön aber „pink“ ist eine glatte Übertreibung. Jedes Atoll braucht schließlich Attraktionen, damit die Touristen gegen Einwurf von Scheinen herumgeschippert werden können. So gibt es in mehreren Atollen einen Strand in pink und eine Lagune in blau als Ausflugsort ungeachtet ihrer tatsächlichen Farben.

Die Tauchgänge im Pass sind spektakulär. In 30 Metern Tiefe gibt es ein kleine Höhle, in der man vor der Strömung des Passes in Deckung gehen und die Wand aus Haien betrachten kann. Eine gewaltige Anzahl von Haien zieht langsam vorbei oder steht in der Strömung. Deshalb zählt dieser Pass zum UNESCO Biosphärenreservat. Ein Hai frißt in der Woche ungefähr 5 Kilogramm Barsch. Bei den 700 Haien im Pass sind das ungefähr 14 Tonnen Barsch, die hier im Monat verschlungen werden. Die wilde Jagd in der Nacht will man sich gar nicht vorstellen. Einen weiteren Tauchgang versuchen wir mit unserem Dinghi. Bei einlaufendem Wasser fahren wir zu zweit an die Boje im Außenbereich des Passes und starten den Tauchgang. Mit einer 20 Meter langen Leine lassen wir uns und samt Dinghi in den Pass treiben. Allerdings geht das aufgrund der Strömung so flott vonstatten, dass wir in 10 Minuten bereits im Inneren des Passes sind. Der Wind zerrt derartig am Dinghi und an damit an uns, dass wir sofort wieder auftauchen müssen, um unsere Mitzi nicht auf dem Riff parken zu lassen. Das wäre somit der kürzeste Tauchgang unserer Karriere.


Kurzvideo: Wall of Sharks im Fakarava Südpass

Den Pass kann man auch in der Nacht betauchen, was angeblich bald verboten sein soll. Martin geht mit einem Tauchguide bei Sonnenuntergang ins Wasser. Die Anweisungen sind so knapp wie präzise. Erstens: Nahe am Riff und beim Guide bleiben, sonst wird man von der Strömung aus dem Pass hinausgespült. Bei Dunkelheit ist das kaum angenehm. Zweitens: Die Lampe nur nach unten richten, sonst werden durch den Lichtkegel Beutefische angezogen und die Meute der jagenden Haie kommt mit vollem Speed hinterher – im besten Fall kommt man mit blauen Flecken davon. Drittens: die Haie mögen Tuchfühlung und berühren dich sanft; nicht streicheln, denn der Hubschrauber braucht einfach zu lange für den Blutverlust. Gesagt, getan, hinunter geht es in die pechschwarzen Fluten. Sofort sind im Lichtkegel fortan Haie zu sehen, die einen mitunter berühren. Ein unvergessliches Erlebnis. Haie merken durch ihr feines Sensorium, dass Menschen kein Futter sind. Zu Unfällen kommt es hauptsächlich bei Verwechslungen, die allerdings äußerst selten sind. Diese Nacht wird treffsicher nur nach Fischen geschnappt. Danke.

Wir mögen Abwechslung. So empfiehlt man uns, beim Nachbarresort Motu Aito wegen eines Abendessens zu fragen. Der Weg mit dem Beiboot dorthin ist ganz schön trickreich. Wir kehren mehrfach wieder um, da wir zwischen den Korallen in einer Sackgasse landen. Ein Tauchboot weist uns den Weg. Im Resort ist es gemütlich, irgendwie familiär. Es gelingt uns, ein Bier zu ergattern und wieder fragen wir nach einem Abendessen. Der Chef hält Mittagsschlaf, damit heißt es warten. Die Mitarbeiterin würde für uns mitkochen, traut sich aber nicht zuzusagen und den Chef bei seiner Mittagsruhe zu stören. Jede Menge Lebensmittel stapeln sich in der Küche. Nachdem wir den Chef nach einigen Stunden warten aufwecken, erklärt er uns, dass die Logistik schwierig sei und so weiter und so fort. Gefriertruhe öffnen ist halt nicht jedermanns Sache. Die Restaurantbetreiber hier brauchen kein Geld. Man kann es ohnehin nirgends ausgeben. Oder vielleicht einfach unausgeschlafen?


Kurzvideo: Nachttauchen mit Haien im Fakarava Südpass

Obwohl es uns hier sehr gefällt, zieht es uns weiter zum nächsten Hotspot: Fakarava Nord. Dafür heißt es, einige Stunden durch das Atoll mit vielen Untiefen zu segeln. Wir sind gewarnt.

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