Kuba auf Umwegen

Green Cay zeigt uns wieder, warum wir uns so manche Strapaze antun. Bis auf einzelne Wasserflugzeuge und Fischerboote sind wir auf der traumhaften Insel alleine. Dann kommt ein kleines Fischerboot ohne Deckshaus und Schlafgelegenheit und scheint neben uns übernachten zu wollen. Sehr seltsam. Martin ist übervorsichtig und für alles bereit. Er baut ein Hindernis mit einem Topf auf, damit wir hören falls jemand an Bord kommen sollte. Besonders ruhig liegt man hier nicht, teilweise schaukelt es ganz schön heftig. Plötzlich scheppert es über uns. Martin stürmt mit Machete bewaffnet an Deck und sondiert die Lage. Es war aber gottseidank nicht die Topfalarmanlage sondern die Bratpfanne mit dem restlichen Bratensaft in der Küche. Immerhin ist das kleine Boot in der Zwischenzeit wieder weg, sodass wir keine weiteren Störungen außer Bratensaft am Fußboden mehr fürchten müssen. Von jetzt an fixieren wir am Ankerplatz alles so als würden wir 30 Knoten am Wind segeln um weitere Bratensafterlebnisse am Fußboden zu vermeiden.

Jetzt öffnet sich das ersehnte Wetterfenster Richtung Kuba. Auf der Nordseite von Kuba gibt es immer wieder Kaltfronten aus Nordwesten und diese sollte man tunlichst vermeiden. Wir studieren unsere Bücher von den Bahamas, Kuba und Navionics, und wir stellen fest, dass wir vor der Fahrt hierher besser vorausplanen sollen hätten. Das südliche Ende der Tongue of the Ocean ist mehr oder weniger als Sackgasse verzeichnet. Zurückzufahren würde einen Umweg von mehreren hundert Seemeilen bedeuten. Diese Zunge endet in flachen Gewässern im Süden. Eine empfohlene Wegstrecke führt 6 Stunden über ein Gebiet, dass man nur mit Ausguck und entsprechendem Licht durchqueren kann. Andere Strecken werden nicht empfohlen. Ganz im Süden gibt es ein paar Kanäle, die allerdings alle mit Hindernissen beschrieben sind. Erschließen tut sich das uns nicht, da im sogenannten Blossom Channel durch die Tongue of the Ocean keine wirklichen Untiefen zu finden sind. Also machen wir uns wie die frühen Entdecker auf um einen neuen Weg nach Kuba zu erforschen. Kerstin macht die Gallionsfigur, hält Ausguck und nach zwei Stunden sind wir problemlos durch den flachen Kanal. Interessant, dass diese dritte Route nach Kuba neben der Straße von Florida und von Great Inagua aus nirgends beschrieben ist.

Bis zum Old Bahamas Channel und damit tiefem Wasser sind es zwar noch 70 Seemeilen, aber ab hier können wir wieder problemlos ohne besonderen Ausguck mit Raymarine und Navionics weitermachen. Kerstin schläft und Martin schaut auf den Plotter. Gerade noch zeigt er 8 Meter Tiefe an, dann zack, ist der Tiefenmesser weg und kurz darauf die Anzeige des wahren Windes. Ohne Tiefenmesser in Kubas Buchten zu segeln wäre unverantwortlich. Im Internet können wir nicht nachschlagen, da es auf See für uns kein Internet gibt. Telefonieren mit dem Satellitentelefon ist mühsam, da immer wieder Worte oder Wortteile nicht ankommen. Auch buchstabieren ist äußerst schwierig. Mit Zeitverschiebung ist unser Raymarine-Experte in Österreich Firma Ober telefonisch und per Mail erreichbar und gibt uns Tipps, was wir tun können. Martin baut den Unterwassersensor aus, der gerade ein Jahr alt ist und probiert einige Dinge aus. Jetzt fällt auch noch der scheinbare Wind aus. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir uns entscheiden statt nach Havanna nach Key West zu segeln, denn in Kuba gibt es keine Ersatzteile. Jetzt geht es wieder über den Golfstrom zurück in die USA. Also muss die amerikanische Flagge wieder her. Unser unbewusster Widerwille gegen eine Rückkehr in die USA zeigt sich dadurch, dass wir die Flagge nicht mehr finden. Zum Glück haben wir zufällig eine zweite davon. Wind und Wellen sind dieses Mal auf unserer Seite, sodass wir in der Nacht vor Key West ankommen und ankern. Segelführer warnen vor der nächtlichen Einfahrt wegen komplizierter Lichterführung. 

Tatsächlich blinkt und blitzt es schon von der Weite in rot, grün und weiß. Da sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Wir nehmen den ersten Ankerplatz, den wir ansteuern können. Dabei stürzt plötzlich der Plotter ab. Auch das noch. Also Umsteigen auf Handynavigation. Es liegt hier keine andere Yacht vor Anker, das macht uns ein bisschen stutzig, aber der Anker hält und wir schaukeln uns in den Schlaf. Leider funktioniert auch die elektronische Ankerwache von Raymarine nicht mehr. Aber da wir allein auf weiter Flur sind, machen wir uns nicht allzu viele Sorgen. Die Moral der Mannschaft ist mittlerweile ziemlich am Boden. Erschöpfung und Frust macht sich breit.

Am Morgen machen wir uns mit Mitzi sofort zur Marina auf und suchen das erste Café mit Internet auf. Ein kleiner Marineshop erklärt sich bereit, über Internet bestellte Ersatzteile für uns anzunehmen. Die Bestellung läuft recht problemlos. Da unsere Anoden schon wieder deutliche Verbrauchsspuren zeigen, bestellen wir auch diese gleich in einem Volvo-Shop auf der Nachbarinsel. Dann sehen wir uns einmal das Städtchen an. Wir überlegen, ob wir uns noch einmal eine Simkarte kaufen sollen und man schickt uns zur Drogerie Walgreens. Dort finden wir zwar keine Simkarte, allerdings kann man sich hier ohne Termin gegen Covid impfen lassen. Hier bekommen wir gleich unseren Moderna-Booster-Shot. Wahrscheinlich bestehen wir mittlerweile nur noch aus Antikörpern, aber so kommen wir hoffentlich leichter durch sämtliche Länder. Walgreen ist in einem alten Kino untergebracht, lauter prachtvoll renovierte Häuser säumen die Straßen. Hier befindet sich schließlich auch das Winterdomizil von vielen reichen Amerikanern. Erste Kreuzfahrtschiffe schwemmen wieder ein paar Kunden an Land. Entsprechend gibt es genügend hochpreisige Geschäfte, die diese bedienen sollen. Es ist laut, die Einflugschneise für den Flughafen liegt direkt über der Altstadt. Anwohner und Touristen schmücken alles weihnachtlich. Einige tragen bereits Rentiergeweihe im Haar und auf den Autos. In einem Auto sitzt sogar eine Grinchfigur in Lebensgröße angeschnallt auf dem Beifahrersitz.

In der gesamten Altstadt gibt es kein einziges Lebensmittelgeschäft. Touristen essen in Restaurants. Unsere Opferanoden sind im Volvo-Geschäft angekommen. Dorthin fahren wir mit Lyft. Die acht Zinkanoden gibt es dann zum zum Apothekenpreis von 550 Dollar. Des Seglers Leid ist des Händlers Freud. Unser kubastämmiger Fahrer erzählt, dass hier kleine Wohnungen 2.000 Dollar im Monat Miete kosten. Er bringt uns noch zu einem Supermarkt, damit wir noch einmal frische Lebensmittel bunkern können. 

Die Ersatzteile von Raymarine sollten eigentlich auf Gewährleistung laufen. Schließlich sind sie erst im letzten Jahr installiert worden. Immerhin kommen sie planmäßig an und Martin baut sie ein. Tatsächlich funktioniert wieder alles. Nur die Anzeige am Steuerstand funktioniert noch nicht. Einmal drüber schlafen und die Lösung findet sich im Traum. Jetzt ist alles wieder in Ordnung. Die Moral der Mannschaft steigt. Um die Geräte zu kalibrieren, fahren wir zu einem anderen Ankerplatz, der zwar eher schlecht bewertet ist, aber dafür näher an der Marina ist. Wir haben auf dem ersten Ankerplatz den berühmten Sonnenuntergang am südlichsten Punkt der USA mehrfach in erster Reihe genießen können. Am jetzigen Ankerplatz wird es dann unruhiger. Boote und Jetski fahren knapp an uns vorbei und von der Ankerkette kommen beunruhigende Geräusche. Dort liegt so einiges am Boden und wir hoffen, dass wir nur über einen versunkenen Schiffsrumpf scheuern und der Anker sich nicht irgendwo verhakt. Der Ankerplatz liegt vor der Wisteria Insel. Dort leben Obdachlose und in den Booten davor zum Teil auch. Das ist auf so kurzer Distanz zum reichen Key West ein wirklich krasser Unterschied.

Ein kleiner Exkurs für alle die sich schon einmal gefragt haben was wohl passieren würde wenn man in einem Land nicht ordnungsgemäß ein- und ausklariert: Wir halten uns an die Regeln unserer Gastländer, weil wir dankbar sind, dass wir dorthin reisen dürfen. Allerdings sind mit Covid in manchen Ländern die Anforderungen derartig gestiegen und deren technische Möglichkeiten zum Upload von Dokumenten so schlecht umgesetzt, dass man schon mal halbe Tage mit abstürzenden Webformularen verbringen kann. Nachdem wir den Prozess für die Bahamas wieder redlich versuchen aber nichts funktioniert, reisen wir ohne vorherige Erlaubnis ein. Aufgrund der schieren Höhe des Wertes unserer Covid Antikörper sind wir sicher, dass wir niemanden anstecken können. Wir machen die Probe aufs Exempel und ankern neben der Zollstelle der Abacos auf den Bahamas und später auch in Key West in den USA ohne einzuklarieren. Was passiert? Gar nichts. Niemanden interessiert wer wo ankert oder mit der Yacht ein- oder ausreist. Weder auf den Bahamas noch in den USA. Wir empfehlen das nicht und werden in Zukunft selbstverständlich wieder überall ordnungsgemäß ein- und ausklarieren aber die Probe aufs Exempel hat uns schon interessiert. Und verwundern tut uns schon, dass es eigentlich egal ist. Umso mehr, als die US-Grenze zu Mexiko solche Schlagzeilen macht. Wir hatten auch zuvor in sämtlichen US-Zollstellen schon den Eindruck, dass wir eher lästige Arbeit verursachen.

Beim Start Richtung Kuba ist es uns doch ein wenig mulmig. Wer weiß, was als nächstes kaputtgeht. Ob es wohl wirklich so etwas wie eine Pechsträhne gibt? Aber wir lassen uns nicht unterkriegen. Das Wetter meint es wieder gut mit uns und wir machen uns hoffentlich für lange Zeit zum letzten Mal auf, den Golfstrom zu überqueren. Der Sternenhimmel zeigt sich von seiner prachtvollsten Seite. Im Kielwasser lassen wir die biolumineszierenden Meerestiere, die den schönen leuchtenden Feenstaub im Wasser produzieren. Jetzt segeln wir nach Kuba, komme was wolle.

Bei Sonnenaufgang starten wir den Backbordmotor um etwas Energie zu laden und noch einmal Wasser zu machen. Plötzlich geht der Auspuffhitzealarm an. Es kommt wieder kein Kühlwasser aus dem Backbordauspuff. Motor aus. Fieberhaft werden alle Komponenten des Seewasserkühlkreislaufes gecheckt. Mit einem einzelnen Motor sind Anlegemanöver mit einem Katamaran nur unter bestimmten Wind- und Strömungsbedingungen möglich, weil das Ruder bei langsamer Fahrt nicht wirkt und ein einzelner laufender Propeller auf der Steuerbordseite das Schiff unvermeidlich in eine Linkskurve schickt. Die Einfahrt in die Marina Hemingway macht zum Glück eine 90 Grad Linkskurve und der Wind kommt von Südosten und wird uns Richtung Zollmole drücken. Nachdem alle Rettungsversuche des Auspuffsystems scheitern, bitten wir das Marinapersonal über Funk, ein Schlauchboot zur Unterstützung loszuschicken um uns gegebenenfalls damit bugsieren zu können. Aber als Antwort kommt leider: „Die Marina besitzt kein Boot“?! Wir überlegen kurzerhand die Einfahrt und das Anlegemanöver durch und kommen zum Schluss, dass es mit dem Steuerbordmotor alleine gehen müsste. Wäre der andere Motor ausgefallen, wäre die Einfahrt möglicherweise rückwärts geglückt aber viel schwieriger geworden. Jetzt volle Konzentration, alles muss beim ersten Mal passen. Sanft landen wir am Zollsteg von Havanna. Puh, jetzt erst einmal durchatmen und die Behördenrallye kann losgehen. „Bienvenido a Cuba!“ schallt es freundlich vom Steg.

2 Kommentare

  1. Haben uns schon Sorgen gemacht wegen der Hurricans. Wir trinken einen Rum auf eure Gesundheit und einen zweiten auf die Standfestigkeit der Infinity
    LG aus dem verschneiten Linz
    Andreas

Kommentar verfassen