Endlich wieder barfuß!

Nachdem wir ausgeschlafen sind, packen wir unsere Einkaufsliste und unsere Gasflaschen zusammen und sind bereit, die Insel Great Abaco zu erkunden. Eigentlich sind wir wegen der guten Infrastruktur hergesegelt. Der Reiseführer preist die Hauptstadt Marsh Harbour als das Segel-Mekka auf den Abacos an. 

Schon vom Boot aus zeigt sich leider ein Bild der Zerstörung. 2019 hat hier ein Hurrikan gewütet. Er wurde rechtzeitig angekündigt, sodass die meisten Leute mit Fähren und Flugzeugen flüchten konnten. Einige sind in ihren Häusern geblieben. Andere waren mit dem Auto am Weg zum Flughafen. Diesen haben sie allerdings im Stau nicht mehr erreicht. Mindestens 300 Menschen starben laut Regierung. Die Inselbewohner sprechen unter vorgehaltener Hand von mehr als tausend. Die Insel ist von einer Flutwelle überschwemmt worden. Was nicht vom Wind verweht wurde, wie zum Beispiel die Dächer und Holzhäuser, wurde durch das Wasser zerstört. Unser Gelegenheitsfahrer Manfred, der uns die meiste Zeit über die Insel kutschiert, ist kurz nach dem Hurrikan auf die Insel gekommen, da es viel zum Aufräumen gab. Er kann sämtliche Baumaschinen bedienen und zeigt uns Wiesen, wo früher Straßenzüge standen. Das einzige was stehengeblieben ist sind gemauerte Wände und gepflasterte Fußböden von Häusern. Der schrecklichste Anblick für Manfred bei den Aufräumarbeiten waren waren die Leichen unter den Trümmern. Autos und Boote lagen im Wasser. Häuser und Marinas samt Stegen werden derzeit wieder aufgebaut, Zelte und Container dienen noch immer als vorübergehende Notunterkünfte. Manche Küchen geben immer noch gratis Essen aus. 

Viele Menschen sind arm, haben zum Teil nicht einmal Material für den Wiederaufbau, geschweige denn Geld. Der Tourismus als Haupteinnahmequelle kommt schleppend in Gang. Bahamas-Feeling, wie wir es von den anderen Inseln kennen kommt hier nicht auf. Das Wasser ist trüb, das Wetter ist schlecht und die Umgebung trostlos. Aber wir haben den Ort ja nicht ausgesucht, weil er so schön ist. Hier ist einer der wenigen Stellen auf dem Weg nach Kuba, wo man auch mit europäischen Flaschen Gas bunkern kann und Abaco liegt günstig auf unserer Route. 

Und da war sie wieder: Die unglaubliche Reise unserer leeren Gasflaschen. Mit dem vollgeladenen Dinghi machen wir in einer Marina an Holzpfählen fest. Strömung und Gezeiten machen das Anlanden und Festmachen nicht ganz einfach. Da stehen wir, wieder ohne Simkarte und damit praktisch von aktuellen Informationen abgeschnitten. Eine nette Dame ruft uns ein Taxi, das in Form eines Trucks mit Baumaterial auf uns zukommt. Die Lenkerin Sherilee versprüht gute Laune und Entspannung, trägt einen Glitzerhut und lässt uns in einen Kleinbus steigen der gegenüber der Marina parkt. Auf dem Auto ist ihre Telefonnummer aufgedruckt samt Doktortitel. Sie ist Doktorin der Haarkunde, sprich Friseurin. Wie auf anderen Inseln ist es hier so, dass jeder mehrere Jobs ausfüllt. Sherilee bringt uns erst einmal zur Telefongesellschaft, wo wir wieder mit dem Internet verbunden werden sollen. Während sich Martin um die Sim-Karte kümmert, fahren Sherilee und Kerstin zum Gashändler. Der hat um vier Uhr nachmittags allerdings schon zu. Wir erfahren später, dass am Nachmittag meist das Gas ohnehin schon aus ist. Kein Problem, sagt Sherilee, sie fährt einfach am nächsten Tag in der Früh hin und bringt uns die gefüllten Flaschen zur Marina. Sie zeigt uns die einzige Bar am Strand und wir entschließen uns spontan, zu bleiben. Hier ist es bunt, fröhlich, Reggae kommt lautstark aus den Boxen, Rastafari prägen wieder die Karibikidylle. Es ist Happy Hour und die Tischnachbarn aus den USA schenken uns ihren Conch-Salat. Jetzt machen wir uns mit Schwung auf den Rückweg. Wind und Welle machen sich bemerkbar, sodass wir pitschnass zu Infinity zurückkommen. 

Nächsten Tag erfahren wir, dass man vor dem Hurrikan europäische Gasflaschen abfüllen konnte. Das Equipment hat allerdings der Hurrikan verblasen und es gibt derweil kein neues. Wir schließen damit das Projekt Gas bunkern bis Kuba oder vielleicht sogar bis Panama ab und leben ab jetzt auf Sparflamme. Amerikanische Gasflaschen wollen wir keine kaufen, da wir die Gasanlage am Schiff mangels Kompatibilität nicht umbauen wollen. Weil Sherilee Doktorpreise fürs Taxifahren verlangt, gehen wir zu Fuß zum Supermarkt. Der ist neu und sehr gut sortiert. Kerstins im Supermarkt verlorenes Smartphone findet sich dank Ortungs-App rasch wieder. 

Unser aktuell größtes Projekt ist das Loch im Rumpf. Das Panzerband hat die Fahrt auf die Bahamas tadellos überstanden, aber das ist gewiss keine längerfristige Lösung. In die Marina zu fahren, um die Reparaturarbeiten dort zu erledigen fällt aus. Zum einen ist die Wassertiefe der Zufahrt wegen der am Meeresgrund liegenden Autos und Stege etwas abenteuerlich, zum anderen kann man von diesen Stegen aus nicht arbeiten weil sie für das Loch zu hoch sind. Also heißt es bei Wind und Welle vom Dinghi aus zu werken. Nach fernmündlicher Anleitung unserer guten Geister Nikola, Oliver und Christian wird Epoxidharz angerührt, mit Glasfasern versehen und dick aufgetragen, wobei wir mehrere Schichten aufbauen. Die Flüche, die aus dem Dinghi kommen werden hier nicht wiedergegeben. Jetzt kommt das Gelcoat an die Reihe. Wir tragen einige Schichten auf und schließen nach der letzten Schicht mit einer Folie ab, damit das Gelcoat aushärten kann. Das geht nur unter Luftabschluss und dauert zirka 4 Stunden. Nun geht es an die Kosmetik. Die kann noch etwas warten. Nach dem ersten Anschliff beschließen wir, erst einmal ruhigeres Wetter und einen Steg für den Feinschliff abzuwarten. 

Während wir auf das Aushärten des Gelcoats warten gibt es eine weitere Premiere. Zum ersten Mal reißt sich Mitzi vom Mutterschiff los und verschwindet ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Mit starker Welle und starkem Wind hat sich das Dinghi gelöst. Nun heißt es schnell sein um es nicht zerschmettert an Land entsorgen zu müssen. Mit dem Fernglas können wir die Ausreißerin nicht ausmachen. Martin ruft unseren Taxifahrer Manfred an und bittet ihn, die Küstenstraße abzufahren.  Auch über Funk bitten wir um Hilfe. Mick, der Nachbarlieger am Ankerfeld hat uns gehört und holt Martin mit seinem Schlauchboot ab. Ein Bauarbeiter hat unser Dinghi an Land gefunden und an alten Pfählen angebunden. Mick und Martin finden es rasch, da sich Dinghis immer mit dem Wind verabschieden. Der Bauarbeiter bekommt unsere letzten Bahamas-Dollars als Dankeschön. Das Ganze ist noch mal glimpflich verlaufen. Vorne ein kleines Loch, das sich leicht flicken lässt und einige Kratzer, die nur kosmetischer Natur sind. Wir laden Mick zu uns aufs Boot ein. Mick stellt sich als sehr kurzweilige Gesellschaft heraus. Er ist kanadischer Fallschirmsprung-Trainer, der auch als Basejumper schon auf der ganzen Welt unterwegs war. Ein riskanter Sport mit hohem Verletzungsrisiko. Einige seiner Basejumper-Freunde leben nicht mehr. Nun geht er es mit Bootfahren ruhiger an. 

Jetzt kommt das ersehnte Wetterfenster. Vor Kuba möchten wir noch einen Zwischenstopp einlegen. Ankerplätze sind auf dem Weg allerdings rar. Auf Andros Islands gibt es nur ungeschützte, die schwer erreichbar sind. Nach Nassau möchten wir nicht mehr fahren. Östlich von Andros auf der gegenüberliegenden Seite der „Tongue of the ocean“, dem drittgrößten Riff der Welt liegt Green Cay, eine kleine Insel, die auch Schutz vor Nord- und Ostwinden bietet und leicht anzusteuern ist.

Somit kann es losgehen. Der Man-O-War-Cut auf Great Abaco ist bei starkem Ostwind nicht einfach zu passieren. Am besten bei diesen Bedingungen wäre bei Flut, Hoch- oder Niedrigwasser. Diese Bedingungen verpassen wir leider knapp. Wind gegen uns und Welle mit uns lassen uns ziemlich durch die Wellen springen und wir sind froh, als wir endlich aus dem Cut heraus sind. Dann werden die Segel gesetzt und der Wind meint es gut mit uns. Schöne lange Atlantikwellen gibt es zwar nicht, aber wir gewöhnen uns schnell wieder an die wilde Fahrt. Jetzt gehen wir noch mal durch, was man nicht nach Kuba einführen darf. Darunter fallen in erster Linie Hühnerfleisch, rohe Eier und Zitrusfrüchte. Daran haben wir beim letzten Einkauf nicht gedacht und die doppelte Portion Hühnerschenkel steht gleich am Speiseplan. Dazu finden wir in den Tiefen der Gefriereinheit noch Hühnerfilet und Putenschenkel. An Angeln brauchen wir also nicht zu denken. Beim knusprig Braten brüllt unser Rauchmelder in der Küche, dass die Hähnchen durch sind. Gut, dass er funktioniert.

Bei der Ansteuerung des Ankerplatzes auf Green Cay piept plötzlich ein anderer unbekannter Alarm aus unserem Schaltpanel. Schnell erkennen wir, dass die Auspufftemperaturanzeige des Backbordmotors über 60 Grad anzeigt und sich damit eine drohende Überhitzung des Motors ankündigt. Der Kühlwasser-Strahl ist nicht mehr vorhanden. Schnell den Motor gestoppt, Seeventil schließen, öffnen, schließen, öffnen. Irgendetwas hat wahrscheinlich das Kühlwasser-Seeventil verstopft. Möglicherweise das hier treibende Sargassokraut. Mit neuerlichem Starten des Motors sieht man im Sekundentakt wie die Auspufftemperaturanzeige sinkt. Die Investition in den Sensor hat sich wirklich bezahlt gemacht. Der Auspuff bekommt als erster den Temperaturanstieg mit. Wenn vom Motor der Temperaturanstieg gemeldet wird, ist es oft schon zu spät um Schäden zu vermeiden. 

Der Anker fällt bei Green Cay auf 5 Meter in glasklarem Wasser auf Sand und wir genießen unseren ersten Urlaubstag mit Karibikfeeling seit Mai. Die Wollsocken kommen in die Wäsche und wir schwimmen im warmen Wasser. Wir befinden uns hier am Rand der „Tongue of the ocean“, die von wenigen Metern innerhalb kurzer Distanz bis auf mehr als 1.000 m Tiefe abfällt. Martin schnorchelt wie immer das Unterwasserschiff und den Anker ab und stellt fest, dass die Opferanoden an beiden Propellern fast aufgebraucht sind. Dabei wurden sie vor nicht langer Zeit getauscht und wir hoffen, dass wir kein Elektrikproblem haben. Also macht sich Martin auf ins Wasser um die Anoden auszutauschen. In der Zwischenzeit macht Kerstin den Abwasch. Dabei gelangen noch Reste von der letzten Mahlzeit ins Wasser. Anscheinend reicht das, um einen stattlichen Grauhai neugierig immer engere Kreise um Martin drehen zu lassen. Daher bleibt der Rest des Abwaschs kurzerhand stehen und Kerstin geht auch ins Wasser, damit Martin während der Schrauberei unter dem Boot nicht auch noch den Hai auf Distanz halten muss. Scheinbar hat allerdings der Stopp des Abwaschs schon gereicht, damit er das Interesse an uns verliert und abzieht. 

Jetzt nehmen wir uns die Zeit, den Ankerplatz in uns aufzunehmen. Täglich besucht uns eine Delfinherde und eine Menge Fische. Auch ein Baby-Adlerrochen ist unter den Besuchern. Die Insel Green Cay ist eine kleine einsame Schönheit. Leider hat Martin schnorchelnder Weise die Kamera nicht mitgenommen um Eindrücke der Insel zu fotografieren. Im Süden gibt es einen menschenleeren Postkartentraumstrand mit weißem Sand und türkiser Lagune. Die Insel ist nicht bewohnt, bewachsen und hat eine Piratenhistorie. Angeblich wurde hier ein Teil einer Piratenmannschaft wegen Differenzen unter Piraten ausgesetzt. Die Piraten kamen mit dem Schiff zur Insel zurück um den Ausgesetzten Munition und Werkzeug zu bringen und um deren inzwischen gebautes Floß zu zerstören. Als die Inselpiraten es sich in Hütten heimelig gemacht und einige Tiere erlegt hatten, kamen die Piraten mit dem Schiff wieder zurück, zerstörten die Hütten, aßen alles auf und hinterließen diesmal nur Rum mit dem Versprechen, nie mehr wiederzukehren. Das Versprechen hielten sie, denn sie wurden kurz darauf von den Spaniern festgesetzt. Zu guter Letzt wurde von einem Freund ein Schiff entsandt, um die Ausgesetzten zu retten. 

Endlich sind wir wieder auf unserem Weg Richtung Barfußroute. Dazu kommt, dass uns das Logbuch darauf aufmerksam macht, dass wir seit dem Start unserer Reise in Trogir 10.000 Seemeilen zurückgelegt haben. Auf dieses Jubiläum stoßen wir mit einem Glas Wein an und genießen den Sonnenuntergang.

2 Kommentare

  1. Es ist so schön, euch auf dieser Reise begleiten zu dürfen. Danke dafür und gute Reise weiterhin. Heute ist Nikolausabend, das Wetter passt auch dazu..ein bisserl schneit es. Ganz liebe adventliche Grüße von eva und Gerhard.

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