Havanna – Zigarren, Mojito und Hemingway

Am Zollsteg in der Marina Hemingway werden wir von einem Komitee empfangen. Als erstes kommt die medizinische Begutachtung. Die Ärztin lässt sich unsere Impfzertifikate zeigen und schaut einmal das ganze Schiff an. Mit ihrem Okay kommen dann auch die restlichen 4 Beamten von 4 unterschiedlichen Institutionen an Bord. Es gibt jede Menge Papierkram, die Beamten sind freundlich, der Zoll versiegelt die Signalraketen, die Spiegelreflexkamera wird extra begutachtet und für unbedenklich befunden. Aufgrund der fehlenden Kühlung des Backbordmotors sind wir manövrierbehindert. Wir versuchen die Beamten zu überreden, uns so lange am Zollsteg zu lassen, bis wir den Backbordmotor wieder richtig einsetzen können. Keine Chance, Vorschrift ist auch hier Vorschrift. Immerhin bekommen wir einen Liegeplatz, auf den wir praktisch gerade zufahren können, sobald wir vom Steg wegkommen. Vier Beamte stoßen unsere Infinity vom Steg weg, aber nur das kurze Starten des zweiten Motors bringt uns auf Spur. Am Liegeplatz warten schon einige Männer, die uns beim Anlegen helfen. Obwohl eigentlich alle nur spanisch können und wir nur kleine Brocken verstehen, gelingt uns mit Google-Übersetzer ein gegenseitiges Verstehen. Mehr oder weniger durch die Blume wird Trinkgeld erbeten, dieses bitte in Form von Euro oder Dollar. Süßigkeiten für Kinder werden eher skeptisch beäugt. Es ist sicherlich schwer zu sehen, dass die Boote mit für sie zum Teil unerreichbaren Dingen vollgestopft sind, auch Lebensmittel. Das Tolle an der Marina Hemingway ist, dass rund um die Uhr sieben Tage die Woche, Mechaniker und Elektriker zu erreichen sind. Außer morgen, da fahren alle zur Auffrischungsimpfung. Aber Martin hat der Ehrgeiz gepackt, „eigentlich kann das Kühlsystem des Motors nicht viel haben“. Erneut macht er einen Mechanikerkurs mit Büchern und Satellitentelefon. Abends machen wir uns dann auf, etwas zu essen und ein WLAN-Netz zu finden. Der offizielle Wechselkurs ist 1 Euro zu 25 Pesos. Daher staunen wir nicht schlecht, als wir feststellen, dass das Bier 125 Pesos kostet. Ohne Pesos muss man in den sauren Apfel beißen und den angebotenen Kurs akzeptieren. Trotzdem genießen wir das Essen in vollen Zügen. Schrimps mit Reis und Gemüse ist extrem lecker und ein wunderbarer Kontrast zu den Burgern aus USA. Der inoffizielle Wechselkurs ist 1 Euro zu 80 Pesos. Jeder wechselt gerne, da man bestimmte Dinge hier nur mit Euros kaufen kann. Damit wird auch das Leben hier wesentlich billiger. Für Internet gehen wir in das einzige in der Nähe befindliche Hotel. Um wenig Geld kann man dort eine Stunde surfen. Diese nutzt Martin zu Seewasserkühlungs-Recherchen im Netz. 

Am Morgen beginnt Martin wieder mit Motorraum-Yoga. Alle Leitungen werden mit Hilfe unserer Dinghi-Pumpe durchgeblasen. Alles ist frei. Der eigentlich noch gutaussehende Impeller und die Seewasserpumpendichtung werden getauscht. Aber nichts bewegt sich. Danke für die zahlreichen Tipps von Christian, Oliver und Ananda. Ein Tipp bringt die Lösung: Seeventil schließen, Wasser in den Seewasserfilter, Motor starten, Unterdruck erzeugen, Seeventil aufmachen und die Kühlung funktioniert wieder! Zufriedenheit macht sich breit und wir können endlich daran denken, den Liegeplatz zu verlegen, hier gibt es nämlich nur selten Wasser am Steg und außerdem ist er etwas abgelegen. 

Jetzt treffen wir endlich Franziskus und Anna von der Tula, die zufällig gemeinsam mit uns von Key West nach Havanna gesegelt sind. Wir haben uns in Deltaville kennengelernt und freuen uns über das Wiedersehen. Sie nehmen hier Bruder mit Freundin an Bord und empfehlen uns Alejandro aus Havanna. Er ist Reiseleiter mit hervorragenden Deutschkenntnissen und hat sie schon durch Havanna geführt. 

Wir freuen uns jetzt schon auf Havanna mit seiner UNSECO-gekürten Altstadt. Auch wir nehmen Kontakt mit Alejandro auf, fahren zu ihm, er hilft uns noch am gleichen Tag, Simkarten zu besorgen. Auch der Friseur wird hier gleich mit Familienanschluss erledigt. Die nette Familie lebt in einem kleinen Stadthaus mit vier Generationen in vier Zimmern, einer Küche und einem Bad. Das Haus ist 100 Jahre alt und dringend zu renovieren. Allerdings fehlt es an Geld und Material. Alejandro erzählt, dass er wegen Corona nicht als Touristenführer hat arbeiten können. So geht es hier vielen Menschen. Der Durchschnittslohn in Kuba beträgt pro Monat rund 40 Euro, was kaum für das Notwendigste reicht. 

Für nächsten Tag wird gleich die Stadtführung mitsamt Oldtimerfahrt angesetzt. Alejandro (c7.vladimiralejandro@gmail.com, Tel: +53 78743308) fährt uns mit seinem Fahrradtaxi ins Zentrum, erzählt gewandt und mit Begeisterung von seinem Land und seiner Stadt. Die Revolution kommt nicht zu kurz und auch die eine oder andere Diskussion führt er mit uns. Die Atmosphäre in dieser 3 Millionen Einwohner Metropole ist elektrisierend. 

Durch die prachtvollen Gebäude der Altstadt ist die spanische und amerikanische Vergangenheit allgegenwärtig. Viele Gebäude sind schön restauriert. Viele andere jedoch verfallen oder sind zumindest baufällig. Zahlreiche Bronzefiguren berühmter Einwohner säumen die Plätze. Virtuose Musiker spielen an vielen Ecken und Bars kubanische Rhythmen. Eine gute Mahlzeit kostet in Havanna umgerechnet ca. 6 Euro. Man bekommt allerdings nicht alles. In einem Lokal erfahren wir, dass Kaffee angeblich momentan aus ist, in ganz Kuba! Dafür stapeln sich in jedem Geschäft Red Bull Dosen. Auch Literaturnobelpreisträger Hemingway ist in Havanna noch allgegenwärtig. Wir besuchen die Bars, in denen der Daiquiri und der Mojito erfunden wurde. Mit einer kubanischen Zigarre genießen wir die lokalen Erfindungen. Natürlich war Hemingway dort auch Stammgast. Eine Inspiration für den Literaturnobelpreisträger. 

Ein schön renovierter Oldtimer bringt uns in die neue Stadt mit den Regierungsgebäuden. Bei den Autos wird die Not zur Tugend gemacht. Ersatzteile oder neue Autos gibt es kaum. Deshalb werden die alten repariert so lange es geht. Die meisten Autos werden nur noch aus purer Liebe zusammengehalten. Man kann sich gut vorstellen, wie Fidel Castro in der neuen Stadt zu einer Million hellhörigen Kubanern gesprochen hat. Auf den Gebäuden sind die Silhouetten der damaligen Revolutionsführer angebracht. Mit einer Handvoll Personen wurde von Fidel in Mexiko die Revolution im Exil vorbereitet. Mit nur 85 Personen ist Fidel aus Mexiko nach Kuba zurückgekehrt und hat in einem mehrjährigen Guerilla-Krieg die damalige Regierung gestürzt, amerikanische Investoren enteignet und verjagt. Seitdem ist die Beziehung der beiden Nachbarländer schwer belastet. Seit der Trump-Regierung gibt es neue Sanktionen für Kuba. Durch ein Handelsembargo kommen kaum mehr Waren aus dem Ausland. Es dürfen zum Beispiel auch keine amerikanischen Kreuzfahrtschiffe mehr anlegen, was die wichtigen Devisen vom Land fernhält. 

Alejandro erzählt uns, dass 75 % der Kubaner neben ihrer meist christlichen Religion auch an Voodoo glauben. Am Ufer des einzigen Flusses in Havanna werden Rituale mit Tieropferungen und allerlei zweifelhaften Zutaten abgehalten um die verschiedensten Personen und Zustände zu beschwören. Die dort ansässigen Geier freuen sich über die Reste.

In Havanna gibt es unzählige tolle Museen. Wir beschränken uns auf das Oldtimer-Museum und das interessante Nautik Museum. Havanna war zur Kolonialzeit der Brückenkopf der Spanier für Handel und Transport zwischen neuer und alter Welt. An Kubas Küste liegen heute noch hunderte Galleonen schwer beladen mit Schätzen und Handelswaren auf Grund. 

Zurück in der Marina widmen wir uns den Gelcoat-Ausbesserungen auf der Steuerbordseite. So ganz gefällt es uns das Ergebnis noch nicht aber fürs Erste lassen wir es einmal gut sein. Plötzlich bekommen wir im Steuerbordrumpf keinen Strom mehr vom Steg. Die Sicherung ist gefallen. Zur Fehlersuche geben wir die Sicherung wieder rein und … jetzt alles ist aus. Es scheint das Netzteil des Ladegeräts für unseren Akkuschrauber die Ursache für die gefallene Sicherung gewesen zu sein. Jetzt kommt gar kein Strom mehr. Bitte nicht schon wieder die nächste Reparatur! Entnervt gehen wir die Fehlersuche mithilfe von Christian und Oliver aus der Ferne an. Herzlichen Dank an dieser Stelle. Mit unserem Kabel kann das Nachbarschiff Tula problemlos laden. Die Spannung kommt bei uns am Sicherungskasten und am Trenntrafo an. Danach scheint nichts weiter zu gehen. Wir machen uns schon gefasst auf einen Ausfall des Ladecontrollers und einen teuren Schaden. Wir finden heraus, dass der Strom nur nachts nicht bei uns am Schiff ankommt, tagsüber sehr wohl. Wir checken noch einmal die Spannung und merken, dass die Spannungsschwankungen am Steg sehr hoch sind. In der Nacht messen wir 269 Volt am Eingang des Ladecontrollers. Tagsüber sind es um die 250 Volt. Ein Check im Handbuch sagt uns, dass unser Ladecontroller bei 265 V abriegelt. Erleichterung macht sich breit. Es scheint nichts kaputt zu sein. Laden wir halt tagsüber. Das Netzteil für unseren Akkuschrauber ist trotzdem kaputt, das ist aber verschmerzbar. 

Nach einer Woche Aufenthalt in Havanna denken wir sehnsüchtig an die wundervollen Ankerplätze der Südküste Kubas. Nachdem wir das Schiff vorbereitet haben, wollen wir in der Marina vor Einbruch der Dunkelheit noch eine warme Mahlzeit zu uns nehmen. Leider sind die Service-Kräfte sonntags überfordert. Nach einer Stunde Wartezeit machen wir uns hungrig auf den Weg, da man im Dunkeln die Marina nicht verlassen darf. Vorher wollen wir noch Diesel bunkern. Wer weiß wo es das nächste Mal Diesel ohne Schleppen von Kanistern gibt. Beim Anlegen an die Tankstelle haben wir stärkeren ablandigen Wind. Also werfen wir eine Heckleine um einen Poller und arbeiten uns mit dem Vorwärtsgang langsam seitlich an die Mole. Die Poller sehen gelinde gesagt „etwas korrodiert“ aus. Als wir fast an der Mole sind, reißen wir den Poller ab. Er war so verrostet, dass er einfach in der Mitte auseinandergebrochen ist. Der zweite Poller hält dann. Der Tankstellenwart muss über seine eigenen Gegebenheiten am Steg lachen. Wir lachen mit. Den Diesel filtern wir zur Sicherheit durch einen zusätzlichen Filter bevor er in unseren Tank gelangt. Eine Inspektion des Filters zeigt aber keine Verunreinigungen. Der Liter Diesel kostet hier umgerechnet 33 Euro-Cent. 

Nun geht es an das Ausklarieren. An der Zollmole angelangt muss Martin lange mit den Offiziellen verhandeln, damit wir an den gewünschten Ankerplatz dürfen. Mehrere Telefonate sind notwendig. Schließlich wird uns eine Nacht vor Anker in einer derzeit nicht überwachten Bucht gewährt. In Kuba werden die Ankerplätze und Marinas überwacht, damit sich kein Schleppertum entwickelt. Viele Kubaner träumen von Miami. Dementsprechend wird auch das Schiff vor dem Ablegen noch einmal durchsucht. Schließlich bekommen wir im Halbdunkel den Segen und sputen uns, die korallengesäumte Ausfahrt im letzten Tageslicht passieren zu können. In 36 Stunden werden wir in Maria La Gorda sein.

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