Savannah – das Südstaaten-Juwel

Mit der richtigen Strömung, wenn auch wenig Wind kommen wir in Savannah an. Laut Information in der elektronischen Seekarte kann man für einige Tage am städtischen Dock gratis festmachen. Da wir an einem Montag kommen, sind keine Ausflugsboote unterwegs und wir haben das Dock fast für uns alleine. Strom gibt es gratis dazu. Martin checkt bei der Dock-Verwaltung ein, und meldet den neuen Aufenthaltsort per Telefon bei der Customs and Border Police. Alles kein Problem. Der Officer kommt später vorbei, schaut sich unsere Cruising Licence an und wünscht uns einen guten Tag.

Dann kommt ein Rückschlag: Unsere in Puerto Rico für USA ausgestellte Cruising Licence gilt bis 23.5.2021 und diese kann nicht verlängert werden, wenn man erst einmal im Land ist und bereits eine hat. Dadurch ergibt sich die spannende Situation, dass wir als Personen bis Ende Juli im Land bleiben können aber unser Schiff nur dann, wenn wir es an jedem Ankerplatz und Liegeplatz an- und abmelden. Dazu muss man jedesmal mit dem Taxi zur nächsten Zollstelle fahren und 19,90 Dollar zahlen. In bar und genau. Es gibt kein Wechselgeld. Sollte man auf das Wechselgeld verzichten, gilt das als Bestechungsversuch. Eine Erneuerung beziehungsweise Verlängerung der Cruising Licence ist nur möglich, wenn das Schiff 14 Tage außerhalb amerikanischer Gewässer war. Was für eine sinnlose Bürokratie. Wir werden also nach dem 23.5. so wenige Stopps wie möglich machen und es war ohnehin geplant, das Schiff von Juni bis Oktober in der Chesapeake Bay zu lassen. Im Herbst geht es dann in einem langen Schlag von dort zurück in die Karibik und es heißt: „Goodbye Bürokratie“. 

Wir bemerken nicht nur an unserer Position in der Karte, dass wir immer weiter in den Norden kommen. Derzeit gibt es hier Temperaturen von 11 bis 13 Grad in der Nacht. Wie gut, dass wir Landstrom haben. Damit können wir unseren Heizlüfter aus den Tiefen der Bilgen hervorholen und starten. Statt barfuß gibt es Wollsocken und der Bikini wird durch lange Hose und Pullover ersetzt.

Wir lassen uns dadurch aber nicht den Aufenthalt in Savannah vermiesen. Die Stadt hat einen ganz besonderen Charme. Überall sind Alleen mit großen Eichenbäumen, die mit sogenanntem spanischem Moos behangen sind. Das Moos ist allerdings kein Moos und eigentlich kommt es auch nicht aus Spanien. Was soll’s, schön aussehen tut es allemal. Alle Bäume in der Stadt stehen unter dem Schutz der Stadtverwaltung und dürfen nicht geschnitten oder gefällt werden, auch wenn sie auf einem Privatgrundstück stehen. Die Straßen der Stadt sind wie fast alle Städte in den USA schachbrettartig angelegt, wobei nach jeder dritten Straße ein kleiner Park integriert ist. Der bekannteste von ihnen ist wohl der Chippewa Square. Dort wurde die Szene gedreht, wo Forrest Gump auf einer Bank seine Lebensgeschichte erzählt. Die Bank war allerdings nur eine Requisite und ist damit heute dort nicht mehr vorhanden. Savannah wird sehr oft als Filmkulisse verwendet, auch derzeit wird hier für Netflix gedreht. Ein anderer der vielen kleinen Gärten ist Kazimierz Pulaski, einem polnisch-stämmigen General gewidmet. Er gilt als Begründer der amerikanischen Kavallerie und hat in einer Schlacht das Leben von George Washington gerettet. Da man in Savannah die berühmten Toten der Stadt an einen Ort verlegen wollte, hat man auch Pulaski exhumiert. Bei der Genanalyse fand man heraus, dass er auch weibliche Geschlechtsmerkmale hatte. Das hat für das damals konservative Amerika etwas Humorvolles. Heute ist man sehr tolerant. In Savannah leben viele gleichgeschlechtliche Paare.

Die Gebäude sind sehr schön und gepflegt. Viele der 300 Jahre alten Häuser stehen unter Denkmalschutz und man darf nur bestimmte Materialien und Farben zur Restaurierung verwenden. So kann man überall in der Altstadt spazieren gehen und hat immer wieder interessante Ein- und Aussichten. Da wir schon lange nicht mehr in einem Marinemuseum waren, besuchen wir das hiesige mit seiner tollen Ausstellung von Schiffsmodellen.

Das zweite hier von uns besuchte Museum hat uns allerdings noch mehr überrascht: das Prohibitionsmuseum mit neuen Einsichten zu den Folgen. Im neunzehnten Jahrhundert sind konservative religiöse Gruppierungen mit Predigern und vor allem die Frauen auf die Barrikaden gegangen um den Alkohol zu verteufeln. Er benebele das Gehirn und mache die Menschen böse. Außerdem fehle das für Alkohol ausgegebene Geld für die Ernährung der Familie. Jedenfalls wurden die meisten Staaten zu „trockenen“ Staaten gemacht. Damit wurden sämtliche Fässer mit alkoholischem Inhalt zerstört, auch Frauen stürmten die Lokale mit Äxten um alles kurz und klein zu schlagen. Es zeigte sich bald: Kein Alkohol ist auch keine Lösung. Die Prohibition hat dazu geführt, dass viele, die ihren Broterwerb durch Herstellung, Vertrieb und Ausschank von Alkohol hatten, arbeitslos wurden. Und Alkohol wurde nach wie vor getrunken – nur halt im Verborgenen. Bald brachte die Herstellung und der Schmuggel von Alkohol die ersten mafiösen Strukturen zu Tage. Mit den hohen Gewinnen der Mafia wurden Beamte bestochen und man war der Polizei lange einen Schritt voraus, was schließlich zur Gründung des FBI führte. Drogerien und Ärzte vertrieben medizinischen Alkohol, was unter anderem zur Entstehung einer der größten Drogerieketten in den USA führte. Coca Cola wurde durch die Abwesenheit von anderen, beliebten Getränken zum populärsten Getränk. Geheime Clubs öffneten und man tanzte Charleston mit neuen Frisuren und kürzeren Kleidern. Als schließlich Präsident Roosewelt verkündete, dass „Amerika jetzt einen Drink“ brauche und den Alkohol wieder legalisierte, nutzte er dies gleich für neue Steuern. Die Mehrwertsteuer war geboren. Bis heute ist es in einigen Bundesstaaten verboten, auf Straßen oder Plätzen Alkohol zu trinken.

In Savannah wird heutzutage mit alkoholischen Getränken gefeiert. Nicht selten haben Pubs 50 verschiedene Biersorten vom Fass. In einem Lokal gibt es sogar zwei verschiedene Stiegl-Radler vom Fass. Um den City Market und auf der Riverstreet gibt es die meisten Lokale. Nachdem wir direkt an der Riverstreet liegen, bekommen wir gerade am Wochenende die Feiernden lautstark mit. Besonders ein ausdauernder Straßen-Trompeter mit einem Repertoire von 10 verschiedenen Refrains ist über längere Zeit hinweg nicht jedermanns Sache. In vielen Lokalen wird am Eingang kontrolliert ob man über 21 Jahre alt ist. Man benötigt einen Ausweis mit Foto im Original. Ein Ausweisfoto auf einem Smartphone gilt nicht. Auch wir müssen einen Ausweis vorweisen, den wir nicht mithaben und so dürfen wir trotz unserer offensichtlichen nicht mehr ganz frischen 21 Jahren nicht ins Lokal. Tja, Vorschrift ist Vorschrift. Es lebe die Bürokratie.

Infinity liegt direkt an der Altstadt im Savannah River, an dem riesige Containerschiffe mit bis zu drei Lotsenschiffen in den viertgrößten Industriehafen der USA vorbei gequetscht werden. Das ist teilweise respekteinflößend, wenn sich die Sonne auf unserem kleinen Schiff durch einen solchen Riesen verdunkelt. Da wir mal wieder einen Versuch starten wollen, Ersatzteile zu finden, fahren wir in den nächsten West Marine Shop. Dort werden wir von sehr netten Mitarbeitern empfangen. Der Chef trägt zwar keine Maske, dafür aber ganz selbstverständlich eine Pistole am Gürtel. Wie im guten alten wilden Westen. Ersatzteile für unser französisches Schiff mit metrischen Komponenten finden wir hier im angloamerikanischen Maßsystem keine.

Wie immer bei den Reisen sind die Begegnungen mit anderen Menschen eine Bereicherung. Die Amerikaner sind besonders offen und freundlich. Möglicherweise liegt es auch daran, dass sie häufig ihren Wohnort wechseln und damit keinen so großen Freundeskreis in der näheren Umgebung haben. Den ersten Abend verbringen wir mit Jim und Denise, die mit einem Motorboot den Intracoastal  Waterway befahren. Jim war in Verona beim Militärdienst, hat dadurch auch einiges von Österreich und Deutschland kennengelernt. Zudem hat er Verwandte in Dänemark. Denise hat Verwandte in Belgien. Sie hatten früher eine Husky-Zucht mit 60 Hunden, die sie trainiert und für Schlittenhunde-Rennen ausgebildet haben. Teilweise in Alaska oder Sibirien mit Außentemperaturen von minus 40 Grad Celsius. Kein Wunder, dass sie sich jetzt auch mal gerne in warmen Gegenden aufhalten. In einem Pub treffen wir Claudia und Brad. Claudia stammt aus Bonn und freut sich, mal wieder deutsch sprechen zu können. Brad bleibt lieber bei seiner Muttersprache, wobei auch er Deutsch versteht, denn sie haben eine Zeit lang in der Schweiz gelebt. Zudem hat Brad auch Vorfahren in Südtirol, die sich weder als Italiener, noch als Österreicher fühlen, sondern als Tiroler. Nach mehreren Übersiedelungen haben sie sich nun für zwei Wohnsitze entschieden: Utah zum Skifahren und Georgia zum Baden. 

Paul und Selma sind Passanten und fragen, ob sie sich unser Boot anschauen könnten, sie würden demnächst auf dem gleichen Schiffstyp einen Familienurlaub machen. Die beiden sind passionierte Segler. Ganz spontan fragen sie was wir denn vorhaben. Als sie erfahren, dass wir die Stadt erkunden wollen, bieten sie sich gleich als Reiseführer an. Damit unternehmen wir einen gemütlichen Nachmittags-Spaziergang zusammen. Sie leben seit 5 Jahren in Savannah und wissen einiges über die Stadt zu erzählen. Auch sie sind mehrfach übersiedelt, haben hier ein kleines hübsches Haus aus dem 19. Jahrhundert, welches sie uns stolz zeigen. Sie sind viel in Europa gewesen und Selma berichtet, dass ihr schönster Segeltörn in Kroatien war. Pauls Großmutter ist aus Kroatien nach Kanada ausgewandert, da sie Probleme mit ihrem Cousin namens „Tito“ hatte. Ja, es war jener Tito, der später Jugoslawien regierte. Eigentlich alle haben innerhalb weniger Generationen Vorfahren in Europa und wissen darüber zu berichten. Entgegen vieler Gerüchte wissen die meisten Amerikaner, mit denen wir sprechen genau, wo Österreich und Deutschland liegt und viele davon waren auch schon dort. Tags drauf treffen wir im Cafe Paris einen New Yorker, der viel Zeit in Charleston verbringt. Er schenkt uns spontan einen Essensgutschein im Wert von 50 Dollar für sein Lieblings-Restaurant in Charleston als er erfährt, dass Charleston unser nächster Stopp wird. Mit allen werden Kontaktdaten ausgetauscht. Freunde zu finden, ist hier wirklich leicht.

Endlich kommt ein günstiges Wetterfenster für unsere Weiterreise nach Charleston und wir verlassen Savannah am Nachmittag um am nächsten Morgen in Charleston einzutreffen. 

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