Charleston – Eleganz und Sklavenhandel

Bei gutem Wetter und entsprechender Vorhersage arbeiten wir uns wieder ein Stück weiter gen Norden. Anfangs im schlammigen Savannah River müssen wir natürlich mit dem Motor fahren, bei Ebbe schiebt uns die Strömung mit bis zu 4 Knoten voran. Das zeigt uns einmal mehr, dass gegen die Strömung zu fahren ein ziemlich mühsames Unterfangen wäre. Die Wettervorhersage scheint hier an der Ostküste nicht so einfach zu sein. Alle Vorhersagemodelle sagen uns gute Winde vorher, allerdings müssen wir nach der Hälfte der Strecke mangels Wind wieder den Motor bemühen. 

Unterwegs ist uns das Anglerglück hold. Wir fangen eine schöne Makrele. Die zweite noch größere Makrele, die uns an diesem Tag an die Angel geht springt an Deck und Kerstin bekommt den zweiten Köderhaken in den Arm. Glücklicherweise verabschiedet sich kurz darauf die Makrele von alleine wieder vom Schiff, denn mit einer 80 cm großen und circa 1,5 Kilo schweren zappelnden Makrele zusammen am Haken zu hängen macht auf Dauer nicht glücklich. Der Haken wird mit einer Zange gekappt und aus dem Arm gezogen. Kerstin verarztet sich tapfer selber. Gelernt ist gelernt. Die am Schiff verbleibende Makrele schmeckt hervorragend.

Am frühen Morgen kommen wir durch den Kanal in Charleston an und ankern direkt vor der USS Yorktown, einem pensionierten Flugzeugträger. Delfine begrüßen uns. Der Verkehr im Kanal ist abenteuerlich. Ein Frachter, der uns in Savannah angefunkt hat, um mitzuteilen, auf welcher Seite er vorbeifährt, folgt uns zufälligerweise auch wieder in den Kanal von Charleston und funkt wieder zum gleichen Thema. Wie klein die Welt doch ist. Fischen scheint hier ein beliebter Volkssport zu sein, denn mit Anbruch der Morgendämmerung schwärmen große und kleine, private und kommerzielle Fischerboote aus Charleston aus wie aus einem Bienenstock. Zum großen Teil sind sie ohne AIS unterwegs, dafür aber mit schlechter Beleuchtung und mit mehr als 20 Knoten Geschwindigkeit. Daher lassen wir das Radar auch noch in der Dämmerung ständig an, da man nie so genau weiß, wie ausgeschlafen die Fischer zu dieser morgendlichen Stunde unterwegs sind. Der Ankerplatz gehört dafür praktisch uns alleine. Die meisten Schiffe liegen in den reichlich vorhandenen Marinas zu horrenden Preisen.

Von unserer USA Reise 2014 ist uns Charleston noch gut in Erinnerung. Dieses Mal können wir uns etwas mehr Zeit lassen und durch die wunderschönen Straßen und Häuser flanieren. Dabei entdecken wir auch sehr schön renovierte Häuser aus dem 17. Jahrhundert, was ja in den USA praktisch zu den ältesten historischen Gebäuden gehört, die noch stehen. Wie in Savannah gibt es hier noch viele Häuser, die mit Gaslaternen innen wie außen beleuchtet sind. Sie brennen den ganzen Tag, da das Anzünden der Lampen aufwändig ist und Energiesparen nicht das oberste Gebot bei den Amerikanern darstellt.

Bei der ersten Fahrt mit Mitzi, unserem treuen Dinghi, stellen wir fest, dass wir nicht mehr ins Gleiten kommen. Im Leerlauf dreht der Motor hervorragend, aber es geht trotzdem nichts weiter. Freie, kostenlose Dinghistege gibt es hier nicht. Also stellen wir uns beim Wassertaxi-Steg ganz in die Ecke, damit wir nicht stören. Dort stellen wir fest, dass Mitzi in der „Bilge“ mit Wasser vollgelaufen ist. Es ist also ein Leck in der Außenhaut, nachdem Mitzi in Port Canaveral bei zwei Gewittern malträtiert wurde. Mit provisorisch fixierter Pasarella zwischen den Rümpfen legt Martin sich unter Mitzi und streicht ein Notfalldichtmittel auf, dass anscheinend auch unter Wasser funktioniert. Wir sind gespannt. Tatsächlich strömt zunächst weniger Wasser ein und nach längerem Trocknen fast gar nichts mehr. Mitzi hat damit eine gute Erstversorgung, wobei wir sie natürlich liebevoll reparieren werden, sobald wir an Land kommen. In eine Marina werden wir das nächste Mal in der Chesapeake Bay fahren, ganze drei Monate nach dem letzten Marina-Aufenthalt in Sint Maarten.

Die Amerikaner bemühen sich, ihre kurze Geschichte in einer interessanten und kurzweiligen und manchmal selbstkritischen Art mit Museen nahezubringen. Nachdem wir direkt neben der USS Yorktown liegen, nehmen wir sie uns mit dazugehörigem Museum als erstes vor. Neben vielen Kriegseinsätzen insbesondere im zweiten Weltkrieg gegen die Japaner hat die Yorktown auch die Landekapsel der Apollo 8 aufgenommen, welche als erste bemannt den Mond umrundet hat. Während die Geschichte des amerikanischen Militärs und Einsatz im zweiten Weltkrieg noch mit Stolz präsentiert wird, finden sich für den Vietnamkrieg kritische Worte. In einer Dokumentation kommen ehemalige Soldaten zu Wort. Jeder Einzelne hat während des Interviews Tränen in den Augen. Ein Vietnam Camp mit entsprechender Geräuschkulisse lässt einen die Schrecken des Krieges erahnen. 

Im ehemaligen Sklavenmarkt, heute ein Museum, erfahren wir viel über die Geschichte der Sklaverei. Viele Afrikaner haben die Überfahrt zusammengepfercht in Ketten über den Atlantik nicht überlebt. Kurz vor dem Verkauf wurden die Sklaven in Gefängnissen gepflegt. Sie erhielten ausreichend Essen und Trinken und Kleidung. Damit konnten höhere Preise erzielt werden. Die Sklaven mussten auf Plantagen, im Bergbau und in Häusern ohne Bezahlung dienen, bis der amerikanische Bürgerkrieg die Sklaverei schließlich beendete.

Neben den vielen Geschäften gibt es auch schöne Lokale mit ausgezeichneter Livemusik. Viele haben hier Musik studiert und leben auch von den Auftritten. Die Musiker sind deshalb mehr als froh, dass die Corona-Regeln gelockert wurden. Im Bay Street Biergarten erfreuen wir uns an „Vienna“ Bier aus dem „Octoberfest“ Maßkrug mit Leberkässemmel und Bratwurst. Kulinarisch probieren wir gerne alles aus, was die lokale Küche zu bieten hat. Aber nach 15 Monaten in der Fremde und vielen Burgern freuen wir uns auch mal über was Heimisches.

Wir beobachten die Ankermanöver einiger amerikanischen Segelboote und wundern uns. Der Anker wird runtergelassen, man starrt zu dritt für drei Minuten auf die Kette, fertig. Die Anker werden nicht eingefahren und wir machen uns einige Sorgen, dass bei zunehmenden Wind diese Boote in unsere Richtung treiben werden, bleiben aber verschont.

Ein Amerikaner fragt uns am Dinghisteg wo wir herkommen. Als wir „Austria“ antworten, hält er uns einen Vortrag über Australien und er will gar nicht verstehen, dass Austria in Europa liegt. Nach einer Weile sagt er mit schallendem Gelächter, dass er nur Spaß macht, er Österreich sehr gut kennt und auch selbst schon in Österreich war. Scherzkeks.

Insgesamt ist Charleston ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann. Aber ein Wetterfenster nach Norden tut sich auf. Die Etappe mit 220 Seemeilen nach Beaufort in North Carolina steht an. Unsere amerikanische Cruising Licence läuft bald aus und das erste tropische Tief „Ana“ bildet sich im Atlantik. Bald beginnt die Hurrikansaison. Der Abschied wird uns erleichtert, da hier samstags viele Ausflugsboote um uns herumschwirren. Außerdem werden vom Marine-Museum aus Hubschrauberrundflüge angeboten, die ebenfalls über uns drüber fliegen. Also gehen wir bei Ebbe Anker auf und lassen uns mit der Strömung hinaus auf den Atlantik treiben.

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