Wir verabschieden uns vom karibischen Sommer in Cartagena und überfliegen den Äquator nach Rio de Janeiro. Ab jetzt heißt es Samba statt Salsa und portugiesisch statt spanisch. Caipirinha gibt es an jeder Ecke und eine gelb-grüne Unbeschwertheit liegt in der Luft. Das Klima ist gleich viel angenehmer, die Luft nicht so feucht und stickig, die Temperatur niedriger. Eine Parallele ist leider die bräunliche Smog-Schicht über Stadt und Wasser. Wir quartieren uns zwischen Copacabana und Ipanema ein, die zu den größten Stränden in Rio zählen. Sie sind wirklich überdimensional und nicht überfüllt. So schöne Strände mitten in der Stadt sieht man selten. Die Preise in Bars und Restaurants sind auf einem vernünftigen Niveau, kulinarisch fühlen wir uns in Brasilien auch wohler. Strandsessel und Sonnenschirme werden überall vermietet und Händler verkaufen alles von String Tanga bis zum Hut in den brasilianischen Nationalfarben. Kein Wunder – es ist Fußball-WM.
Wir machen uns auf zum Zuckerhut. Mit der Seilbahn werden die Touristen auf den Felsen geschaufelt. Wir sehen auch Kletterer, die in der senkrechten Wand hängen. Die Sicht ist recht gut, sodass wir die einzigartige mit Regenwald bedeckte Hügel-Landschaft rund um Rio und die herrlichen Buchten auf uns wirken lassen können. Die Häuser scheinen wie Bäche aus den vielen Tälern herauszufließen. Rio ist ziemlich groß, 13 Millionen Menschen leben im Ballungsraum. Angeblich 1,3 Millionen davon in den Favelas. Der Name Favela kommt von einer Pflanze, die die Hügel hinaufwächst, eben wie die Häuser in den Siedlungen. Es gibt mehr als 800 dieser Armenviertel in verschiedenen Größen.



























Die bekannteste Favela ist Rocinha, in der laut Tourguide 200.000 Menschen leben. Die Regierung meint, es wären nur 50.000, denn ab dieser Grenze müssten mehr öffentliche Einrichtungen darin gebaut werden. Für einen Besuch benötigt man einen lokalen Tourguide, der von der Mafia autorisiert wurde. Pro Tourist muss ein Schutzgeld von umgerechnet zwei Euro gezahlt werden. Hier herrschen Banden. Es gibt keine Polizei. Angeblich haben sich die Banden mit der Regierung arrangiert. Sie zahlen wöchentlich Millionen aus ihren zwielichtigen Einnahmen und werden daher in den Favelas in Ruhe gelassen. Dafür lassen sie ihrerseits den Rest der Stadt in Ruhe. An den Zugängen befinden sich mit Maschinengewehren bewaffnete Bandenmitglieder. Davon gibt es tausende in den Favelas. Wir werden jeweils als Beifahrer auf einem Motorrad bei Regen bis oben in die Hügel gebracht. Drogen werden ganz offen gehandelt. In einigen Gassen müssen wir Brillen und Handys verstauen, damit eventuelle Aufnahmen der Polizei keine Hinweise auf gesuchte Verbrecher liefern können. So muss es sich wohl in Medellin in den 80igern angefühlt haben. Die Bewohner sind großteils arm, Kinder beginnen nach der Pflichtschule meist als Friseur oder Nageldesigner, später arbeiten sie in der Gastronomie. Es ist schon unheimlich, wie nüchtern der Guide sein für uns ungewöhnliches Zuhause beschreibt. Vater und Onkel seien Gangster. Drogen werden aus den Anbauländern Kolumbien, Peru, Bolivien und Venezuela hergebracht. Brasilien ist Transitland. Wer es aus den Favelas schaffen will, braucht Glück und Talent. Viele berühmte Künstler und Fußballer sind in Favelas aufgewachsen. Die Kinder spielen in engen Gassen Fußball. Das erfordert mehr Trickreichtum als auf einem großen Feld. So verwundert es auch nicht, dass die berühmtesten brasilianischen Fußballer aus Favelas stammen. Auf diese sind die Bewohner besonders stolz. Wir dürfen den geheiligten Boden des Bolzplatzes betreten, auf dem der brasilianische Nationalspieler Vinicius Junior schon einige Male gespielt hat. Dieser Platz mit den Graffitis auf den umgebenden Mauern ist in einem Konsolen-Spiel verewigt. In den Achtzigern haben auch internationale Künstler die Favelas entdeckt. Michael Jackson hat 1996 in der Favela Santa Marta sein Musikvideo zu „They don´t care about us“ gedreht. Seine Statue ist mittlerweile ein beliebtes Fotomotiv.
Eine durch Smog getrübte Aussicht können wir dann vom Berg mit Cristo Redentor genießen. Die riesige Betonstatue von Jesus mit ausgereiteten Armen ist mit einer Zahnradbahn oder einem Shuttlebus erreichbar. Die Bahn können wir nicht empfehlen. Trotz Reservierung mit Timeslot warten wir bei Hin- und Rückfahrt mehr als eine Stunde auf einem Bahnsteig bei großer Hitze zusammengepfercht mit den anderen Wartenden. Der traumhafte Blick über die Stadt und die Bucht entschädigt etwas und die Statue ist wirklich riesig. Was einem aus der Ferne verborgen bleibt: Sie ist mit einem Mosaik aus winzigen Steinen überzogen.


































Die Altstadt Rios beschränkt sich auf einen kleinen Bereich im Stadtteil Santa Teresa. Die Kathedrale ist ein Beton-Kegel aus den 70er Jahren, koloniale Bauten findet man nur vereinzelt, das Aquädukt überdauert schon mehr als 260 Jahre und dient als Straßenbahntrasse. Gleich um die Ecke ist auch die Stiege Escadaria Selaron. Die vom gleichnamigen Künstler gestalteten Stufen sind mit 2.000 bunten Keramikfliesen aus der ganzen Welt beklebt. Sie gehören mittlerweile zu den Wahrzeichen Rios und sind ein beliebtes Fotomotiv. Rio ist ein besonderer Ort mit einem unverwechselbarem Charme – ein Platz zum Wohlfühlen.
Eine Samba-Show darf in Rio nicht fehlen. Nach einem Mini-Samba-Kurs für die Besucher werden in einem kleinen Musical tänzerisch die unterschiedlichen Regionen Brasiliens vorgestellt. Aufwändige Kostüme und eine professionelle Darstellung begeistern eine überschaubare Schar an Touristen. Nach dem WM-Sechzehntelfinale herrscht allerdings Staatstrauer, denn Brasilien verliert gegen Norwegen eins zu zwei und verabschiedet sich damit von der WM. Und wir verabschieden uns von einer der spektakulärsten Städte in Richtung der spektakulärsten Wasserfälle der Welt.
