Kaffee in Kolumbiens Bergen und Karibikfeeling in Cartagena

Mit dem Linienbus geht es in Serpentinen rauf und runter nach Salento. Die Qualität der Busse nimmt ab. Die Sitze eng, durch das Schaukeln muss man sich verkeilen. Die Klimaanlage beschert Kerstin einen ausgewachsenen Schnupfen und der Fahrer fährt über die Serpentinen der steilen Berghänge wie ein Henker. Aber das Ziel ist lohnend, denn Salento ist ein Dorf in den Kaffeebergen Kolumbiens. Das Dorf hat seinen typischen Charme mit den bunten Fassaden der alten Häuser bewahrt. Als 16-jährige  hätten wir uns über den Komfort des Hostels gefreut – knapp über einem Zelt aber wir sind ja nicht zum Schlafen hier. Am Ankunftsabend wird der Sieg des rechts-orientierten Kandidaten der Präsidentschaftswahl gefeiert. Lautes Hupen eines Autokonvois, der sich durch die Straßen schlängelt. Alles ist in Nationalfarben gehüllt – die Stimmung ist gut. 

Die alten Willy-Jeeps sind hier als Fortbewegungsmittel bereits legendär. Sie fungieren als öffentliches Verkehrsmittel mit stündlichen Fahrten. Von Salento aus fahren wir damit ins Cocora-Tal. Kommt man später, fährt man hinten auf der Stoßstange stehend mit. Die Straßen sind schlecht, die Strecke allerdings landschaftlich eine Augenweide: Sattes Grün überall in allen Formen. Im Tal schlängelt sich ein Flüsschen. Das Besondere an diesem Tal sind die Quindio-Wachspalmen. Mit bis zu 60 Metern die größten Palmen der Welt und der Nationalbaum Kolumbiens. Die Palmen wachsen in Bergregenwäldern zwischen 2.000 und 3.000 Meter Seehöhe – eine absolute Seltenheit. Wir sind tatsächlich wieder auf 2.600 Meter, das Klima ist allerdings beinahe tropisch. Kurze sonnige Phasen wechseln sich stündlich ab mit Nebel und leichtem Nieselregen. Eine nette Wanderung bringt uns durch die mit Palmen bewachsenen Hügeln zu einigen Aussichtsplätzen über dem Tal. 

Eine Kaffeetour gehört hier ebenfalls zum Pflichtprogramm. Wir schaukeln wieder mit einem Willy-Jeep meist in Schrittgeschwindigkeit zu einer Kaffee-Finca im UNESCO-geschützten Tal. Unser Guide erklärt vom Anpflanzen, Kultivieren, Ernten bis hin zum Fermentieren, Trocknen und Rösten alles sehr genau. Die Kaffeebohnen aus Kolumbien werden mit der Hand geerntet, weil das Gelände für Maschinen zu unwegsam ist. Eine Staude hat eine Lebensdauer von 21 Jahren. Pro Jahr gibt es zwei größere Ernten mit jeweils einem Kilogramm Kaffee pro Staude. Ein Arbeiter erntet mit schwerer Arbeit zwischen 60 und 90 Kilo pro Tag. Fast die gesamte beste Qualität wird exportiert – ein Wirtschaftsfaktor in Kolumbien. Geröstet wird erst im Exportland. Am Ende zeigt er uns noch die richtige Art der hiesigen Kaffeezubereitung. Hier in Kolumbien röstet man den Kaffee nur leicht bis mittel, damit mehr fruchtige Aromen hervortreten. Diese Röstung ist nicht für Espressomaschinen gedacht. Man gießt 85 bis 92 Grad heißes Wasser händisch langsam durch einen Filter mit Kaffeepulver. Fünf Gramm Kaffee für ungefähr 50 Milliliter Wasser – eins zu zehn also. Natürlich wäre Milch und Zucker eine Beleidigung für dieses Tröpfchen. Für unseren Gaumen schmeckt diese Kaffeevariante ungewöhnlich. Der Guide hält von den weit verbreiteten und auch bei uns erhältlichen dunklen Röstungen nichts, da der Kaffee dabei leicht „verbrannt“ wird und „bitter“ schmeckt. Er enthält dadurch auch weniger Koffein. „Und in den ebenfalls weit verbreiteten Kaffeekapseln sei ohnehin kein richtiger Kaffee drin“ sagt er. Aber am Ende ist es Gewohnheits- und Geschmackssache. Wir bleiben jedenfalls bei unserem „verbrannten“ Espresso.

Am nördlichsten Punkt unserer Landreise angekommen, befinden wir uns das erste Mal seit fünf Jahren wieder in der Karibik. Cartagena an der Nordküste Kolumbiens empfängt uns mit tropischen Temperaturen. Nördlich vom Äquator befinden wir uns jetzt auch offiziell im Sommer. Die nächste Gelegenheit nutzen wir, um Flip-Flops zu besorgen und gleich fühlen uns wieder in unserem Element. Das Meer rauscht auf die Küste zu, überall liegt karibisches Lebensgefühl in der Luft. Die Altstadt ist praktisch komplett im spanischen Kolonialstil erhalten. Die bunten alten gut renovierten Häuser mit den Holzbalkonen bieten einen einzigartigen Anblick. Straßenhändler drängen um die Besucher, überall schallt laute Musik aus den Bars. Pferdekutschen kommen ohne Pferd aus – der Elektromotor hat Einzug gehalten. Taxis und andere Gefährte, die sich im Dauerstau der kleinen Gassen befinden, hupen und stinken ohnehin schon genug. Nur am frühen Morgen herrscht Ruhe, ansonsten ist die Stadt eingehüllt in eine Geräuschwolke aus Hupen und Musik und Gezeter, die sich zu jeder Tageszeit etwas anderes gestaltet. Jedes Lokal stellt einen DJ aufs Dach, egal ob Gäste da sind oder nicht – und die tun ihre Pflicht. Immerhin müssen sie den Nachbar-DJ übertönen. Rabengeier kreisen über die Stadt, rasten auch gerne mal am Pool und nehmen einen Schluck Wasser.  Das Museum über die Geschichte der Kolonialisierung und Unabhängigkeit, sowie das maritime Museum und das Goldmuseum bieten mit den klimatisierten Räumen in den alten Mauern eine wohltuende Abkühlung. Das San Felipe de Barajas Fort und das Kloster de la Popa bieten eine herrliche Aussicht über Alt- und Neustadt. Die alte Stadtmauer bietet sich für Sonnenuntergänge bei kühler Brise an. Die Stadt trotzte dank ihrer ständig erweiterten Wehranlagen den meisten englischen und Piraten-Angriffen und konnte nie dauerhaft eingenommen werden. Cartagena war ein wichtiger Hafen für die Spanier. Auf der Passatroute kamen Stoffe, Wein, Olivenöl, Eisen, Waffen, Papier und Sklaven. Die Segelschiffe verließen Cartagena mit Gold, Silber, Smaragden, Kakao, Tabak, Baumwolle, Hölzern und Tierhäuten wieder Richtung Mittelamerika und Kuba um schließlich über die Azoren wieder nach Europa zu gelangen.  

Das Raubrittertum in der Karibik haben wir nicht vermisst. Jeder versucht irgendwie noch ein wenig mehr Geld aus den Touristen herauszuschinden. Das gibt es auf den pazifischen Inseln gar nicht und auch nicht in Südostasien und weniger im indischen Ozean. Anfangs mühsam, aber man gewöhnt sich langsam wieder an das intensive Handeln. Die Fußball-WM begleitet uns weiterhin. Bei Spielen mit Kolumbien wird schrill gekreischt, geflucht und sich die Haare gerauft. Frauen noch mehr als Männer. Ein Mann wirft sich beim nicht gegebenen Tor von Kolumbien auf den Restaurantboden, die Frauen springen in die Luft und kreischen den Schiedsrichter im Fernseher mit erhobenen Fäusten an. Ein US-Amerikaner ist mit seiner kolumbianischen Frau im Lokal. Am Ende ist Kolumbien weiter. Ihm sei es egal, meint er, „Hauptsache meine Frau ist glücklich“. Wie wahr: „Wife good, life good.“

Kurzvideo: Kolumbien spielt bei der Fußball-WM

Im tollen Cafe Havanna spielt allabendlich eine zwölfköpfige Salsa-Band mit 105 Dezibel Lautstärke laut Smartphone. Das klingelt ganz schön in den Ohren aber die Stimmung ist der Hammer. Niemanden hält es auf den Sitzen. Das ganze Lokal tanzt, obwohl es eigentlich gar keine Tanzfläche gibt. Wo ein Wille, da ein Platz zwischen Stühlen und Tischen. Sonntags herrscht sowieso Ausnahmezustand auf den Straßen. Sie sind übervoll mit Fußgängern, der Verkehr kommt heute komplett zum Erliegen und nach Sonnenuntergang wird bei kühlerer Luft draußen lautstark gefeiert was das Zeug hält. Ein Stromausfall führt dazu, dass sich das Leben komplett auf die Straßen verlegt, leise wird es trotzdem nicht, denn vor jedem zweiten Lokal wird ein Generator angeworfen und man hat auch soundmäßig vorgesorgt: Batteriebetriebene Lautsprecher wummern in unverminderter Lautstärke aus jeder Ecke. Cartagena ist anders als alle Städte, die wir bisher in Südamerika gesehen haben. Ein wilder fröhlicher, bunter und lauter Mix aus Südamerika und Karibik. Aus indigener, afrikanischer und spanischer Kultur. Sehr schön hier.

Kurzvideo: Salsa in Cartagena

Kommentar verfassen