Bei der Ankunft in Kolumbien spürt man gleich eine Veränderung. Der Rhythmus der Polka-Musik lädt zum Mitwippen ein, die Menschen sind fröhlich. Hier weht ein anderer Wind als am Hochland. Man nennt Medellin aufgrund des guten Klimas die Stadt des ewigen Frühlings, und das zu Recht. Die Luft hat ganzjährig um die zwanzig Grad. Die Stadt breitet sich über mehrere Hügel aus, und bietet immer interessante Ausblicke. Unser Hotel liegt am Rande des Viertels El Poblado, wo es eine große Auswahl an Lokalen gibt. Die dortige Fußgängerzone ist gerade jetzt während der Fußball-Weltmeisterschaft voll mit Touristen und Einheimischen, die die Spiele verfolgen. So kommen auch wir mehr oder weniger freiwillig in den Genuss spannender Spiele. Am Abend, an dem Kolumbien spielt, befinden wir uns mitten im Hexenkessel. Die Leute feiern, rufen, singen, trommeln und tröten wie im Stadion. Es ist kein einziger Sitzplatz frei. Eine unglaubliche Atmosphäre der Begeisterung schwappt über als Kolumbien Tore schießt.


































Medellin ist mittlerweile die sicherste Stadt Kolumbiens. In den 80igern und 90igern hat es hier allerdings komplett anders ausgesehen. Medellin war die Heimat des gleichnamigen Drogenkartells mit Pablo Escobar als Führungsperson. Die Kokainproduktion machte Medellin zur gefährlichsten Stadt der Welt mit dem Krieg zwischen Kartellen, paramilitärischen Gruppen, DEA, Armee und Polizei. In dieser Zeit hatte die Region unvorstellbare 40.000 Tote zu beklagen – viele davon unschuldig. Die Kartelle verdienten dutzende Milliarden Dollars durch Produktion und den Schmuggel von Kokain in die USA. Die Finanzierung der Schlägertruppen und Informanten verschlang 10 Millionen Dollar pro Woche. Escobar war in der Stadt trotzdem beliebt, weil er den vielen armen Menschen Geld gab. Kolumbien ist angeblich noch immer Kokain-Exportland Nummer eins in der Welt. Heute wird wahrscheinlich sogar ein Vielfaches der Menge von damals produziert. Öffentliche Gewalt gibt es neuerdings allerdings wenig. Wenn man den Einheimischen glaubt, ist der Grund dafür, dass die Unterwanderung bis in Regierungskreise reicht. Aktuell fiebert die Bevölkerung der Präsidentschafts-Stichwahl entgegen. Es steht wie in vielen anderen Ländern auch auf Messers Schneide. Der rechte Kandidat ist für ein hartes Vorgehen gegen die Drogenproduktion mit Luftangriffen und Besprühen der Felder, der linke Kandidat für eine moderate Vorgehensweise. Spricht man mit den Menschen, bekommt man das Gefühl, dass viele Menschen damals und auch noch heute noch direkt oder indirekt von der Schattenwirtschaft betroffen sind. Kein Wunder, ist Kokain angeblich vor Erdöl das Exportgut mit dem größten Umsatz in Kolumbien. Ein Teil der Einnahmen scheint vor Ort reinvestiert zu werden. Die Stadt ist wohlhabend, modern, sauber und aufgeräumt. Es gibt heute angeblich nur ein Viertel, in das die Polizei nicht reingeht.
Wir nehmen an einer Escobar-Tour teil. Praktisch jeder hat hier Freunde und Verwandte, die für oder gegen Escobar gearbeitet haben. Ein Guide berichtet von seinem Vater, der wie andere Bauern auch Kokain produziert hat. Durch die involvierten Chemikalien ist er schwer erkrankt. Um das Kokain aus der Koka-Pflanze zu extrahieren und zu reinigen, braucht es unter anderem Salzsäure, Kerosin, Ammoniak und Aceton. Zu Escobars Zeiten war es verboten, Kokain in Medellin zu verkaufen, da es „gesundheitsschädlich für die Menschen sei und sie verrückt macht“. Selbst hat Escobar auch keines konsumiert. Ein weiterer Guide berichtet von seiner Tante, die früher Kokain geschmuggelt hat. Das giftige Zeug war ausschließlich für „die Gringos“ bestimmt. Dafür gönnte sich Escobar häufig eine halbe Dose Heineken Bier und einen Joint. Bis heute gibt es „Wallfahrer“ an seinem Grab in Medellin, die es ihm dort abends gleichtun. Die Hälfte des Doseninhalts wandert dabei auf das Grab. Der unheimliche Berg an Bargeld aus den Drogengeschäften musste schließlich an verschiedenen Orten vergraben werden, weil man es nirgendwo sicher unterbringen konnte. Schließlich ging man dazu über, das Geld in Goldbarren und Diamanten zu konvertieren, da die Geldscheine unter der Erde – auch in Plastik gehüllt – zu Staub zerfielen. Schatzsucher sind heute immer noch hinter dem Gold und den Diamanten her. In einem der Escobar-Museen steht die Nichte Pablos und ihr Sohn für Fragen und Fotos zur Verfügung. Der Gedenkpark für die Kartell-Opfer mit 40.000 Lichtern und der in Stein gemeißelten Chronologie der Anschläge verstärkt unser Unverständnis für die vielen Escobar-Verehrer.
Ein herausragendes Beispiel positiver Stadtentwicklung ist das Viertel Comuna 13. Es mauserte sich vom Kriegsgebiet, in das tausende Soldaten einmarschierten, hin zu einem bunten Viertel, welches heute wohl in erster Linie vom Tourismus lebt. Durch die am Hang liegende Comuna 13 winden sich Rolltreppen von ganz unten bis ganz oben auf den Hügel, was es trotz des steilen Geländes zu einem Besuchermagneten macht.














Vor unserem Hotel fragen wir den Security-Mann, ob es gefährlich ist, bei Dunkelheit zu Fuß durch die Stadt zu gehen. Anstelle einer Antwort schaut er erst auf die Uhr: „Jetzt noch nicht, erst ab Mitternacht“. Daran halten wir uns und fühlen uns nicht unsicherer als in anderen Städten. Bei vielen Restaurants ist man in Medellin bei der Rechnung kreativ. Es zahlt sich aus, zu kontrollieren.
Wenn man in Medellin ist, muss man auf jeden Fall einen Ausflug zum bunten Ort Guatapé und dem Felsen El Peñol machen. Der Ort ist farbenfroh und jedes Haus hat am Sockel Stuck-Symbole, die die Familienzugehörigkeit signalisieren. Wirklich schön anzusehen beim Spazierengehen. Der Ort liegt an einem riesigen Stausee, der die Stromversorgung von Medellin und der ganzen Region sicherstellt. Nach den 740 Stufen hinauf auf den Felsen hat man einen herrlichen Ausblick auf den weit verzweigten Stausee, dessen Ufer heute Villen von Fußballstars, Sängern und anderen berühmten Persönlichkeiten säumen. Auch die ausgebombte „Villa Manuela“ Escobars ist dort noch zu sehen. Doch jetzt genug zum Kokain, wir widmen uns jetzt dem nahegelegenen Kaffee-Anbaugebiet.
