Nach elf Tagen Wartezeit vor Anker bei Ilha de Fogo geht ein Wetterfenster auf, das uns mindestens bis Linga Linga in Mosambik, wenn nicht sogar bis nach Richards Bay in Südafrika blasen sollte. Brot und Kuchen wird vorgebacken, alles gut verstaut. In Rauschefahrt sausen wir mit der Strömung von zwei bis vier Knoten an der Küste von Mosambik entlang südwärts. Der Himmel und das Meer spielen in der Dämmerung die schönsten Farben. Hier am afrikanischen Kontinent sind die Farben wieder etwas anders als bisher. Ein paar Pilotwale tummeln sich schnaubend um unser Boot und fallen schließlich zurück. Wir wagen es und segeln an Linga Linga vorbei. Die geplante Ankunftszeit gibt uns einige Stunden Reserve bis das nächste zerstörerische Tief von Süden heranrollt. Spätestens dann müssen wir im Hafen sein. AIS und Funk schalten wir jetzt wieder an, da wir wissen, nicht mehr in Mosambik zu ankern. Wir sind nun nicht mehr im Unsichtbar-Modus unterwegs. Die letzten zehn Stunden vor Richards Bay haben es noch einmal in sich. Um die 30 Knoten Wind von hinten bauen auch mit der gleichen Strömungsrichtung erstaunlich steile Wellen im Agulhas Strom auf. Mit wenig Genua und geborgenem Groß schießen wir Richtung Ziel. Das erste Mal in unserer Reise fliegt die Gischt der brechenden Wellen auch von hinten bis zur geschlossenen Cockpit-Tür, sowie auf den in drei Metern Höhe befindlichen Steuerstand hinauf. Schließlich segeln wir bei Dunkelheit in die gut betonnte Einfahrt des Industriehafens von Richards Bay. Wir machen an der Zollmole fest und schlafen erst einmal beruhigt mit Decke ein. Mittlerweile kühlen die Nächte auf 18 Grad ab. Aus mit den Tropen.






















Früh am Morgen kommt Elmarie vom südafrikanischen Segelverein OSASA vorbei. Ehrenamtlich betreut sie alle Ankömmlinge in Richards Bay. Wir werden sehr herzlich empfangen. Die Offiziellen kommen bereits am Vormittag zu uns. Zwei junge Hunde werden an Bord gebracht. Die beiden sind etwas überfordert und fürchten sich, weil es ihr erster Schnüffel-Ausflug auf einem Boot ist. Sie sind trainiert auf Elfenbein, Munition, Drogen, seltene Meerestiere und so weiter. Nachdem einige schwarze Schuh- und Pfoten-Abdrücke am Schiff hinterlassen wurden, sind wir einklariert und dürfen das Schiff endlich verlassen. Bis auf wenige kurze Spaziergänge waren wir in den letzten sechs Wochen fast ausschließlich in unserer Nussschale – Bewegungsarmut. Das Herumspazieren fühlt sich ein wenig an wie eine Freigang im Gefängnis. Wir sollen aber aus Sicherheitsgründen im überwachten Bereich der Mole und am Strand bleiben. Überfälle stehen leider in Südafrika an der Tagesordnung. Dazu kommt die nicht immer wohlgesonnene Tierwelt. Angeblich sonnt sich einmal monatlich ein riesiges Krokodil am Strand und ein Bullenhai zieht seine Kreise. Das scheint die Einheimischen nicht zu beunruhigen – ihre Kinder toben im Wasser herum. Wir genießen die ausgelassene Wochenendstimmung mit Musik und hervorragendem Essen. Alles zu erschwinglichen Preisen. Bei diesen Speisekarten fühlen wir uns wie im Schlaraffenland.
Leider ist das Boot innerhalb von zwei Tagen am Zollsteg voller Ruß und wir visieren unseren reservierten Liegeplatz im Zululand Yachtclub an. Irrtümlicher Weise bekommen wir einen Liegeplatz für Einrumpfer zugewiesen. Mit vereinten Kräften der Steg-Nachbarn schaffen wir es trotzdem unbeschadet ins Nadelöhr, was die Yachtclub-Vertreterin anerkennend bemerkt. Hier herrscht rege Betriebsamkeit. Heute Abend steht „Bring and Braai“ im Yachtclub an, der Grillabend der Südafrikaner. Die Crews der Yachten, die gerade wie wir den indischen Ozean überquert haben, tauschen sich bis spät in der Nacht bei Steak und Bier aus.
Im überdimensionalen Einkaufszentrum sind wir leicht überfordert. Hier gibt es mindestens vier große Supermärkte mit allem was das Herz begehrt und einen Metzger, dessen riesige Dimensionen unsere kühnsten Vorstellungen übersteigt. Eine vergleichbare Auswahl hatten wir das letzte Mal in Phuket vor zehn Monaten. Auch die Infrastruktur für Yachten ist gut. Unser Großsegel wird zum Maßnehmen für ein neues abgeholt. Holztische, Stufen und Sitze wollen wieder einmal abgeschliffen und neu lackiert werden. Die Feuerlöscher werden gewartet. Ein neuer Ankerhahnepot wird gespleißt und unsere Risse im Boot werden einhellig als kosmetisch und nicht strukturell befunden.
Neben diversen Reparaturen buchen wir gemeinsam mit Verena und Tim von der Moana eine Safari im nahegelegenen Hluhluwe-iMfolozi-Park. Nach der zweistündigen Fahrt durch riesige Ananas- und Eukalyptus-Monokulturen (für Bauholz) treffen wir im traumhaften Kwalucia Private Safari Retreat ein. Und schon werden wir zur Sunset Safari in den iSimaliso Wetland Park gebracht. Das Programm an den drei Tagen ist dicht. Eine Safari jagt die nächste. Obwohl wir für unsere Verhältnisse warm angezogen sind und Decken bekommen, ist uns auf dem offenen Pickup mit dem Fahrtwind saukalt. Die Natur entschädigt aber reichlich dafür. Schon in der Stadt sehen wir die ersten Warzenschweine am Straßenrand spazieren. Nashörner mit gekappten Hörnern (wegen der Wilderer), Elefanten, Geparden, Giraffen, Büffel, Zebras, verschiedene Antilopenarten, Vögel in allen Größen und Farben, Störche, Zebras, Krokodile, Flusspferde und sogar einen scheuen Leoparden entdecken wir in der beeindruckenden Landschaft. Wir sind richtig geflasht von den Eindrücken und der Nähe der wunderschönen Tiere in der freien Wildbahn. Als Draufgabe spazieren in der Nacht neben unserem Restaurant in St. Lucia seelenruhig sechs Flusspferde durch die Straßen und biegen in Richtung Hotel ab. Security-Personal räumt die Straßen, damit sie auf ihrem Weg zur Weide nicht gestört werden. Täglich zur gleichen Zeit läuft die gleiche Hippo-Familie von ihrem Aufenthaltsort im Fluss zur Weide und morgens wieder retour. Der kürzeste Weg geht eben mitten durch die Kleinstadt. Jedes von diesen tonnenschweren Tieren frisst täglich 80 kg Gras. Alles was ihnen in die Quere kommt, töten sie. Sie können 40 km/h schnell laufen. Zu Fuß oder schwimmend gibt es für Menschen kein Entkommen. Jährlich sterben in Südafrika 500 Menschen durch Flusspferde, was sie hier zu den gefährlichsten Tieren von allen macht.
Ganz nebenbei lernen wir etwas über die Kultur der hier ansässigen Zulus. Sie verbinden sich geistig in ihren runden mit Stroh gedeckten Hütten mit den entschlafenen Vorfahren und betrachten sich als Einheit mit ihnen. Ein Mann kann mehrere Frauen heiraten. Falls die Brautwerbung mittels Tanz nicht einvernehmlich verläuft, kann die Frau vom Bräutigam entführt werden und die Familien der beiden beginnen zu handeln. Ob das gute Voraussetzungen für die zukünftige Ehe sind?





























































Ein kurzer Tauchausflug in die etwas weiter nördlich gelegene Sodwana Bay offenbart kühles Wasser und interessante Meeresbewohner. Schon vom Strand aus kann man den Blas einiger Wale sehen. Spektakulär ist der „Surf-Launch“ der Motorboote. Vom Strand aus werden die stark motorisierten Tauch- und Fischerboote mit ihren am Rand sitzenden Passagieren durch die meterhohen brechenden Wellen hinaus- und wieder hineingesteuert. Sieht gefährlich aus – ist es auch. Um hier ein Boot zu steuern, braucht man ein Spezial-Training und die entsprechende Lizenz. Unser langhaariger tätowierter Tauchguide und Bootspilot spielt über die Lautsprecher jedes Mal in voller Lautstärke „Thunderstruck“ wenn es mit dem Schlauchboot vollgas durch die Brecher geht. Man krallt sich mit Händen und Füßen an drei verschiedenen Leinen fest. Ohne aufgesetzte Tauchmaske sieht man wegen des fliegenden Wassers gar nichts. Es fühlt sich an wie Rodeoreiten bei Platzregen. Nach der Rückfahrt wird beim Anlanden am Strand im richtigen Moment mit Vollgas an Land gebrettert. Während der Rumpf mit der Restgeschwindigkeit nach einigen Metern im Sand zum Stillstand kommt, werden gleichzeitig die Motoren hochgezogen – fertig. Sehr eindrucksvoll.
Im Yachtclub werden einmal wöchentlich bei einer Flasche Champagner die Neuankömmlinge vorgestellt: Startzeitpunkt, Herkunftsland, Route. Wir realisieren, dass wir schon bald sechs Jahre und 40.000 Seemeilen unterwegs sind – zwei Mal die Länge des Äquators. Wie die Zeit vergeht…
