Infinity wird seekrank – von Chagos zu den Seychellen

Wir liegen in Chagos vor Anker, mitten im türkisblauen Paradies, wo die Zeit langsamer tickt und die Palmen im Takt der Wellen rauschen. Die amerikanische Yacht Second Sun lädt uns zu Burgern ein – stilecht wie aus einem tropischen Grillparadies. Und während es noch bruzzelt, berichtet Familie Stone von der Rolling Stones (ja, sie heißen wirklich so), dass sie versehentlich einen Thunfisch gefangen haben. Nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht die Tatsache, dass er satte 53 Kilo wog – mit einem kleineren Bruder von 30 Kilo gleich mitgeliefert. Ein Teil des Giganten endet am Lagerfeuer – barfuß, schmackhaft, glücklich.

Währenddessen machen sich Andy und Martin mit dem Dingi auf, außerhalb des Riffs die Angel auszuwerfen. Plötzlich – Spannung auf der Leine, ein zäher Kampf beginnt. Ein zehn Kilo schwerer Wahoo hängt dran und zieht uns samt dem Dingi durch die Wellen, als wäre es ein Spielzeugboot. Doch schließlich liegt er drin – zappelnd, salzig, wertvoll. Zusammen mit einem Rainbow Runner reicht der Fang für sieben hungrige Mäuler – zwei Tage lang. Inklusive fettem Nachschlag.

Die Tierwelt um uns herum ist ebenso aktiv wie neugierig. Noddies – schwarze Seeschwalben mit neugierigem Blick – haben ein Faible für Boote entwickelt. Sobald ein Schiff den Anker lichtet, stürzen sie sich wie Immobilienmakler auf das nächste freie Deck. Unsere Versuche mit Plastiksackerln an der Reling als Vogelscheuchen enden darin, dass die Vögel diese als ideale Landeplätze betrachten. Ihre Logik: Wenn das flattert, dann setz dich drauf, dann stört es nicht mehr so. Punkt für die Noddies – wir geben auf. Sie waren schließlich zuerst hier.

Delfine spielen um unser Dingi wie Kinder auf einem Wasserspielplatz. Die ganz Kleinen dürfen in der Bugwelle mitreiten, und selbst beim Schnorcheln zeigen sie keine Scheu – solange die Babys bei Mama bleiben. Magische Momente, gespeichert für immer. Tintenfische beziehen unter Infinitys Rümpfen ihr Nachtquartier. Vor Vögeln sicher – vor Fischen weniger. Diese jagen direkt zwischen den Rümpfen. Die Tintenfische reagieren mit Salven von Tinte – reichlich davon landet auch an unserem Boot. Wir bereiten uns schon geistig aufs Schrubben vor. Der Dschungel auf den Inseln sieht aus wie aus einem Tropenprospekt, allerdings nicht, wenn man barfuß in ein Wespennest tritt. Martin testet das – sein Knie schwillt auf Ballongröße.

Nachts frischt der Wind auf, und Martin dreht seine Kontrollrunde. Dabei bemerkt er, dass der Anker des Nachbarboots slippt – direkt auf Kuschelkurs zu uns. Die sanfte Methode (Licht, Rufen) fruchtet nicht. Erst die Gashupe reißt das schlafende Schiff aus dem Schlummer. Die Second Sun verlegt sich umgehend. Und als wär’s ein Ritual: Nachbars Dingi geht wieder mal auf Drift – das dritte Mal in unserer Nähe. Es muss wohl an uns liegen. Martin gelingt schwimmend die erfolgreiche Rettung – Belohnung: Bier. „Fair enough. Bitte bald wieder.“

Und dann beginnt das große Geschaukel. Kurs: Seychellen. Wir wissen, der Törn wird kein Kinderspiel. Erst weit nach Süden, um dann den Passat im Rücken zu haben und dem Gegenstrom auszuweichen. Aber zuerst: Wind auf die Nase, Wellen wie Häuser, Dunkelheit. Eine feuchte Achterbahnfahrt, und tagsüber wird’s nicht besser, denn dann sieht man die Wellenberge. Aber immerhin: Wir rauschen jetzt für die nächsten 1.160 Seemeilen dahin, die wir in sieben Tagen wesentlich rascher als andere Boote hinter uns bringen sollten. Wenn auch mit Seekrankheitstabletten.

Unsere tapfere Infinity meldet sich zurück aus der Ankerpause – mit kleinen Zipperlein. Der Teaksessel, noch jung an Jahren, macht schlapp. Mit Holzleim und Improvisationstalent retten wir ihn vor den ewigen Jagdgründen. Der Ventilator in der Bugkabine entwickelt ein Eigenleben, reißt sich los und spielt mit einer Plastikfolie – ein ungewollter Partygast. Der Salzwasserkühlkreislauf des Backbordmotors verweigert den Dienst – wie schon zuvor. Wir kennen das Spiel: Seeventil zu, Wasser im Filter nachfüllen, starten, Ventil auf – läuft. Immerhin ein vertrautes Drama. Das Navigationslicht im Mast leuchtet nicht mehr durchgängig, die Funkantenne schwingt verdächtig hin und her. Wir vertagen die Reparatur auf ruhigere Gewässer. Dann reißt das Großsegel – einfach so, am Unterliek. Nicht übertakelt, einfach mürbe. Mit vier Metern Sailtape flicken wir’s notdürftig. Segelmacher? Ganz bestimmt.

Ein lautes metallisches „Klonk“ im Mast bringt uns den Atem zum Stocken. Fernglas? Keine Schäden sichtbar. Bei diesen kurzen steilen Wellen ist nicht daran zu denken, den Mast aufzuentern. Im Steuerbord-Motorraum schwappt Süßwasser. Verdächtig. Der Übeltäter: das Überdruckventil des Boilers – wohl beleidigt wegen seines zweiten Geburtstags. Eimer drunter. Passt schon.

Und obwohl wir stets moderat gerefft segeln, knacken wir unseren Etmal-Rekord: 194 Seemeilen in 24 Stunden. Poseidon bekommt dafür ein Dankeschön: 14 Liter untrinkbaren Wein aus Langkawi – lieber ins Meer als in den Magen. Nach sieben Tagen schlagen wir in Victoria auf – ein bisschen fertig. Der Hafenmeister erweist sich als keine große Hilfe: zwei Mal falsche Koordinaten für das Einklarieren, beide Male an Land. Funkkontakt in französisch gefärbtem Englisch – man versteht, dass man nichts versteht. Die zugewiesene Boje ist aus Stahl – gebaut für Tanker, nichts für uns. Wir kreuzen langsam durch die Bucht, bis die Gruppe Offizieller mit dreckigen Schuhen und grimmigem Blick auf unsere Yacht springt – und alles sehen will. Sogar Bargeld…

Willkommen auf den Seychellen. Der Health Officer erklärt Kerstin freundlich, dass „alles gleich jetzt erledigt wird“. Stimmt leider nicht. Eine Behördentour in Form einer Sieben-Kilometer-Schnitzeljagd steht noch aus. Jeder hat einen Stempel – aber keiner einen Plan.

Am Masttopp dann die Entdeckung: ein Toggle an der Want ist zur Hälfte gerissen – und wir hatten Glück, dass der Mast nicht mitten im Indischen Ozean beschlossen hat, sich zur Ruhe zu setzen. Traurig, erschreckend und vor allem fahrlässig, welch minderwertige Teile von der Werft im Rigg verbaut werden. Das ist bereits der zweite Stahl-Toggle, der kaputt geht. Weit unter der Maximalbelastung und weit unter seiner eigentlichen Haltbarkeitsdauer.

Das Gennakerfall? Gerade noch umgedreht und schon fast durchgescheuert. So viel Glück haben wir sicher den 14 Litern Wein für Poseidon zu verdanken. Auf der Insel gibt es zwei Rigger. Beide auf Urlaub. Dann halt später. Bis dahin wird der Mast mit dem neuen Gennakerfall zur Seite gesichert. Mit dem gebrochenen Toggle können wir unmöglich segeln. Martin reserviert Rigger, Ersatzteile, Segelmacher. Drei Mal wird er in den Mast gewinscht, repariert Navigationslicht und Antenne.

Mahé entschädigt. Karibik-Feeling im Indischen Ozean, kreolische Lebensfreude, Dreadlocks, Gewürze – und endlich: Bier zu fast normalen Preisen. Dazu Schweinsbraten. Der Magen ist versöhnt. Die Skipper auch. Und Infinity? Die tritt jetzt zwei Monate kürzer bis zur nächsten Herausforderung Richtung Madagaskar.

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