Wir kommen in Breves an. Damit ist die Hälfte unserer Runde um die Ilha de Marajó geschafft. Mit rund 55.000 Einwohnern ist Breves die größte Stadt auf unserer Route. Die Sehenswürdigkeiten sind überschaubar: kleine Plätze mit Kirchen und XL-Statuen. Breves hat mehrere Bootsanleger für Fähren, die nach Manaus pendeln. Die Distanzen sind gewaltig. 1.000 Kilometer Flußfahrt trennen Manaus von Breves. Die Passagiere bringen ihre eigene Hängematte mit, suchen sich unter Deck einen Platz und machen es sich gemütlich. Musik läuft, alles ist beleuchtet und die Stimmung ist gut. Stromabwärts dauert die Fahrt durchschnittlich fünf Tage, in die andere Richtung einen Tag länger, weil die Schiffe gegen die Strömung ankämpfen müssen. Eine Luxuskreuzfahrt ist das nicht gerade.
Das gesamte Marajó-Archipel, das wir umrunden, umfasst rund 104.000 Quadratkilometer und etwa 3.000 Inseln und Inselchen. Damit ist es größer als Österreich. Die Menschen leben überwiegend in Dörfern und Städten entlang der Hauptverkehrswege – und das sind hier die größeren Flüsse. Große Teile des Archipels bestehen aus Wald, Überschwemmungsgebieten und schwer zugänglichen Flusslandschaften. Aber dabei handelt es sich noch nicht einmal um den Amazonas selbst. Der Amazonas ist nicht einfach ein Fluss. Hier gelten andere Maßstäbe. Erst wenn man selbst auf diesem gewaltigen Strom unterwegs ist, bekommt man eine Vorstellung davon, was die Zahlen tatsächlich bedeuten. Das Amazonas-Flusssystem ist rund 6.900 Kilometer lang. Sein Einzugsgebiet umfasst ungefähr sieben Millionen Quadratkilometer – mehr als die gesamte Fläche der Europäischen Union. An seiner Mündung fließen durchschnittlich rund 210 Millionen Liter Wasser pro Sekunde in den Atlantik. Bei Hochwasser sind es noch deutlich mehr. Irgendwann hört man auf, den Amazonas als Fluss wahrzunehmen. Bei entsprechender Breite könnte man genauso gut glauben, auf einem Binnenmeer unterwegs zu sein.
Und obwohl die Oberfläche oft erstaunlich ruhig aussieht, steckt darunter ordentlich Bewegung. Die Strömung kann in Spitzen fünf bis sieben Knoten erreichen. Im Mündungsgebiet kommt die Gezeitenströmung dazu. Tidenunterschiede von bis zu fünf Metern machen Navigation und Ankern nicht gerade einfacher. Auf die üblichen Nautik-Apps ist hier nicht immer Verlass.
Auf der Suche nach einer Bademöglichkeit in Breves stoßen wir auf einen Wasserpark und ein Hotel mit Pool. Wir versuchen unser Glück beim Hotel und dürfen tatsächlich hinein. Ganz alleine sitzen wir an der Poolbar im klaren Wasser. Bei dieser Hitze ein Traum – wir bleiben gleich zwei Tage unter Wasser. Unser Dingi lassen wir tagsüber an einem bewachten Steg. Neben Türschloss und Wächter gibt es dort auch ein halbes Dutzend Wachhunde. Sicherer geht es nicht mehr. Am ersten Abend vernachlässigen die Vierbeiner ihre Pflichten aber sträflich. Wir rütteln an der Tür und müssen sogar rufen, damit uns jemand aufmacht. Am zweiten Tag sind die Hunde allerdings deutlich wacher als der Wächter. Einer von ihnen ist über unsere Anwesenheit überhaupt nicht erfreut und beißt Martin gleich einmal in die Wade – das hat man dann von der Bewachung des Beiboots. Unsere Tollwut-Impfung gibt uns Zuversicht. Eine Tetanus-Auffrischung landet gleichzeitig auf unserer To-do-Liste.






























Nach Breves beginnt der Abschnitt, den wir uns unter Urwald und Amazonas vorgestellt haben. Auf der Karte sehen die Flüsschen teilweise aus wie eine Sackgasse, weil die kleinen Wasserläufe kaum noch zu erkennen sind. Tatsächlich wird der Fluss aber selbst hier nicht schmäler als 100 Meter. Kinder kommen auf kleinen, bunten Booten herangepaddelt und rufen uns zu. Unser Anker fällt jedoch diesmal vor einer schwimmenden Polizeistation. Auf der Karte ist hier sogar ein Ankerplatz eingezeichnet. Ein Beamter findet allerdings, dass wir dort heute nicht ankern dürfen, weil wir von vorbeifahrenden Schiffen gerammt werden könnten. Nach kurzer Diskussion geben wir auf. Die Verständigung ist schwierig und des freundlichen Beamten Wunsch ist uns Befehl. Wir haben nicht viele Länder erlebt, wo konsequent keine einzige Fremdsprache gesprochen wird. Brasilien gehört dazu. Ohne Übersetzungs-App wäre alles wesentlich schwieriger gewesen. Also raus mit den Fendern, Anker auf und in der Dämmerung Infinity mithilfe der Beamten am rostigen Geländer des Polizeibootes festmachen. Hinter uns zwängt sich noch ein anderes Boot hinein. Zwischen den Booten bleibt gerade einmal ein Meter Platz. Zwischenzeitlich schrubben wir das Deck von den Polizeischuh-Abdrücken wieder sauber. Unser Moskitonetz im Cockpit erweist sich erfreulicherweise nicht nur als Moskitoschutz. Auch Beamte wagen sich nicht hinein.
Der gegenüber wohnende Polizeihund ist für Drogenschnüffeleinsätze zuständig. Er schnuppert beim Nachbarboot herum und wird anschließend wieder in seinen Verschlag gesperrt. In der Nacht wird Martin von seinem Gebell wach. Kurz darauf kracht es. Das rostige Geländer des Polizeibootes hat an einer weiteren Stelle aufgegeben und hängt nun schräg über dem Wasser. Unsere Springleine hat gewonnen und hält Infinity und das Geländer noch immer zusammen. Der Hund wusste das bereits bevor es passierte.
Sobald der Fluss wieder breiter wird, kommen die Frachter. Einer überholt uns knapp und schert direkt vor unserem Bug wieder ein. Wir kommen uns ein wenig vor wie auf der Autobahn mit rücksichtslosem LKW-Verkehr. Aber zwei Stopps später erreichen wir wohlbehalten Afuá. Dort treffen wir Mirinda und Mark von der ankernden Meraki. Sie berichten von ihren eigenen Amazonas-Abenteuern: Eines Nachts beginnt ihre Meraki plötzlich vom Ankerplatz wegzudriften. Ihr Anker hat einen großen hohlen Baumstamm geangelt. Anker samt Baumstamm müssen sie zuerst mit einer Arbeitswinsch heben, denn die Ankerwinsch schafft das Gewicht nicht. Anschließend kommt die Säge im Dingi zum Einsatz – und das alles bei driftendem Boot. Ein Feuerwehrmann zeigt ihnen Fotos von einem riesigen Krokodil und einer großen Schlange, die unweit der Stadt gefangen wurden. Auch im Dingi haben sie bereits eine kleine Schlange und eine große Spinne als blinde Passagiere mitgenommen. Manche Abenteuer muss man gottseidank nicht selbst erleben. Und mit dem Flussbaden fangen wir jetzt auch nicht mehr an.
Afuá ist eine Stadt, wie wir sie noch nicht oft erlebt haben. Die Stadt wurde auf Stelzen gebaut. Wasser gehört hier zum Alltag. Zwischen den Häusern verlaufen schmale Wege, Stege und Brücken. Afuá wird deshalb gerne als „Venedig des Amazonas“ bezeichnet. Es gibt kleine Straßen. Aber Autos sucht man vergeblich. Dafür gibt es Fahrräder. Sehr viele Fahrräder. Es ist das Verkehrsmittel Nummer eins: Einkäufe werden damit nach Hause transportiert, Handwerker sind unterwegs und selbst größere Lasten werden mit speziell konstruierten Fahrrädern bewegt – natürlich sind auch Rettung und Feuerwehr fahrradbetrieben. Immerhin treten dabei im Notfall zwei am gleichen Rad. Die Stadt wirkt einfach und gleichzeitig erstaunlich gut organisiert. Man hört keine Autos, kein Hupen und keinen Verkehrslärm. Stattdessen das Klappern von Fahrradketten, Stimmen und laute Musik aus Boomboxen. Überall liegen Boote an Stegen. Sie sind für die Bewohner ähnlich wichtig wie das Fahrrad. Die Motoren mit kurzem Auspuff ohne Schalldämpfer sorgen dafür, dass der fehlende Straßenverkehrslärm zumindest auf dem Wasser wieder mehr als wettgemacht wird. Nicht nur der Bootslärm wird über das Wasser an unseren Ankerplatz getragen. Mal ein Bingo-Abend vor der Kirche, mal eine Tombola anlässlich des Tags der Heiligen Monika. Und jeden Abend ungefähr zur gleichen Zeit kommt ein Schwarm von hunderten Vögeln herangesaust. Sie drehen als beeindruckender Schwarm noch ein paar kunstvolle Kreise über der Stadt, bevor sie gemeinsam wie der Blitz in einem einzigen Baum verschwinden. Nachtruhe? Nicht ganz. Neben dem Baum gibt der örtliche Trommlerverein sein Abendkonzert. Die Rollbahn eines Mini-Flughafens teilt die Stadt in zwei Hälften. Flugzeuge haben wir keine gesehen, dafür wird die Rollbahn allabendlich zum Joggen genutzt. Eine sympathische kleine Stadtgemeinde auf Amazonas-Art.











































Direkt gegenüber auf einer kleinen Insel steht der rund 200 Jahre alte „Muralha“ Baum. Muralha bedeutet Wand und kommt von seinen wandhohen Wurzeln, die sich vom Stamm wegschlängeln. Der Dschungelausflug dorthin geht über einen Pfad durch den Amazonas-Urwald. Teils knöcheltief im Schlamm und kniehoch durchs Wasser watend mit der obligaten seltsamen Geräuschkulisse des tropischen Regenwaldes. Wir wischen die Gedanken über gefährliche Tiere beiseite und beschreiten den Pfad immer tiefer in den Wald. Schließlich werden die Flipflops getragen und wir stehen knietief im Matsch. Aber es lohnt sich. Der Baum ist tatsächlich beeindruckend – vor allem wegen seiner wandhohen Wurzeln. Zwischen ihnen könnte man tatsächlich ein Häuschen einrichten.
Aber nun geht es ans Verproviantieren für die nächste Etappe. Zuerst zum Sprit. Mischt man den überall erhältlichen brasilianischen Marine-Diesel im Tank mit dem Diesel aus anderen Ländern, entsteht Schleim, der die Dieselfilter verstopft und die Motoren im ungünstigsten Moment verstummen lässt. Nachdem es hier keine Autos gibt, ist auch der verträglichere Auto-Diesel „S10“ in der gesamten Stadt nicht erhältlich. Also heißt es: Sprit sparen und segeln, was in den Flussläufen nicht immer einfach ist. Auch Trinkwasseranschluss in Stegnähe scheint es weit und breit nicht zu geben, aber wir dürfen beim städtischen Wasserwerk unsere Kanister füllen. Sie werden für uns sogar bis zum Bootssteg geradelt, sodass wir sie mit dem Dingi nicht so weit fahren müssen.
Am Ankerplatz treiben immer wieder Teile abgerissener Stege vorbei. Alle zwei Tage donnert es irgendwo am Rumpf, wenn Infinity wieder einmal einem mit der Strömung treibenden Baumstamm im Weg steht. Beunruhigend. Eines nachts donnert es besonders laut. Nicht einmal. Dreimal. Wir sind sofort an Deck. Der Fahrer eines Bootes von etwa sieben Metern Länge hat sich wohl aufgrund der Strömung etwas verschätzt und sein Gefährt landet an unserem Bug. Er begeht Fahrerflucht trotz mahnenden Rufen und hinterlässt uns einige rote Farbflecken am Gelcoat. Bloß „Blechschaden“ sozusagen.
Bevor wir unseren einwöchigen Aufenthalt beenden, müssen wir noch einen ganzen Busch vom Anker-Hahnepot entfernen. Schließlich kommt der Anker ohne Probleme hoch und es geht weiter – im inzwischen vertrauten Amazonas-Rhythmus. Navionics zeigt den von uns angepeilten Ankerplatz in 36 Seemeilen Entfernung an. Tatsächlich sind es aber mehr als 50 – ein Softwarefehler. Flott unter Segeln nähern wir uns dem angepeilten Ankerplatz. Dann wird es plötzlich flach. Der Tiefenalarm brüllt: „Zwei Meter!“ Auch die Tiefenangaben in den Karten stimmen hier um dutzende Meter nicht. Schnell in den Wind schießen, Schoten lose und mit Motor wieder ins tiefere Fahrwasser zurück. Im braunen Flusswasser ist die Wassertiefe unmöglich zu erkennen. Mittlerweile sind wir im Hauptstrom angekommen. Wenn man sich nicht mit den wenigen verzeichneten Ankerplätzen zufriedengeben will, fühlt es sich fast an wie eine Expedition. Die Suche führt uns zu einer Insel im Amazonas. Nur ist die Insel nicht dort, wo sie auf der Karte eingezeichnet ist. Sie liegt mehr als drei Seemeilen weiter stromabwärts. Irrtum ausgeschlossen. Drei verschiedene GPS-Geräte zeigen unsere Position unabhängig voneinander richtig an. Schließlich brauchen wir noch zwei Tage bis wir zur Amazonas-Ausfahrt gelangen. Ganz nebenbei überqueren wir dabei auch gleich nochmals den Äquator.
Jetzt kommt der unangenehme Teil: Motorsegeln gegen 14 Knoten Wind mit ungefähr drei Knoten mitlaufendem Gezeitenstrom – Wind gegen Strom. mit Hackwelle also. Nach sechs Stunden hat man dann Wind und Strom gegen sich. Als sich der Strom gegen uns dreht, werfen wir den Anker und machen ein Nickerchen während Infinity an der Ankerkette Rodeo reitet. Das Spiel wiederholen wir zwei Mal, bis wir schließlich segeln können und sich unsere Dieselsorgen schmälern. Der Amazonas spuckt uns regelrecht aus. Nach einigen Stunden Fahrt mit zweistelliger Bootsgeschwindigkeit über Grund, schläft der Wind ein und wir dümpeln mit 3 Knoten mehr oder weniger in die richtige Richtung nach Französisch Guyana.
