Amazonas-Delta – zwischen Büffeln und Bürokratie

Um in Soure an Land zu kommen, müssen wir Mitzi am Fährdock festmachen. Das Dock wird allerdings am Abend abgeschlossen – und so müssen wir schließlich einbrechen, um überhaupt wieder zu unserem Dingi zurückzukommen. Ein etwas ungewöhnlicher Landgang – nur ja niemanden fragen, denn das führt hier regelmäßig zu endlosen Fragen, Diskussionen und es werden mindestens fünf andere Leute involviert, um zu keinem Ergebnis zu kommen. Die Umgebung von Soure bietet drei Sehenswürdigkeiten, die sich tadellos an einem Nachmittag besuchen lassen. Dafür fragen wir bei einem empfohlenen Taxifahrer an, der sich ohne Widerstand auf die Hälfte des ursprünglichen Preises herunterhandeln lässt. Offenbar gehört das Handeln hier zum Service. Als Erstes geht es zu einem Gerber, der Büffelleder verarbeitet. Die Anlage wirkt beinahe historisch: Die Felle werden zunächst in Salz konserviert, anschließend in mehreren Becken gereinigt und danach mit einer natürlichen Substanz gegerbt. Ein beliebtes Souvenir sind Taschen ausgerechnet aus Büffelhodenleder. Souvenirs müssen nicht unbedingt erklärt werden. Als Nächstes geht es in ein buntes Fischerdorf mit Strand. Voller Vorfreude haben wir unsere Badesachen eingepackt und werden schließlich enttäuscht: „Schwimmen dürft ihr hier um Gottes Willen keinesfalls!“ Bei Niedrigwasser ist der Strandbereich ohnehin nur eine etwas größere Pfütze – Krokodile gibt es aber trotzdem. Das macht die Badeverbotsregelung ziemlich nachvollziehbar.

Unser Fahrer setzt uns am Strand in einem Restaurant ab, instruiert gleich die Kellnerin und gibt uns das WLAN-Passwort. In zwei Stunden holt er uns wieder ab. Wir kommen uns ein wenig wie Kinder vor, die zum Spielen ausgesetzt und pünktlich wieder eingesammelt werden (hihi, auch mal nett). Zum Schluss fahren wir zu einer Führung auf einer Büffelfarm. Es soll ein richtiges Rundum-Erlebnis sein. Allerdings wäre es dafür hilfreich, Portugiesisch zu können. Eine Gruppe von rund 20 Brasilianern und wir beide hören 45 Minuten der Führerin zu. Wir beide verstehen genau ein Wort: „Buffalo“. Danach werden drei erwachsene Büffel und zwei Kälber zu den Touristen gezerrt. Eines der Kälber liegt lethargisch auf dem Boden und wird einem Dauerkamerabeschuss ausgesetzt – inklusive regelmäßigem Umlagern für die jeweils optimale Selfie-Perspektive. Auf zwei Bullen darf man sich setzen und eine etwa 20 Meter lange Runde drehen, natürlich mit Fotostopp. Ein trauriger Anblick. Die Büffelkuh wird zum Melken in einen Verschlag gestellt und ihr Kalb geholt, damit sie sich bereitwillig melken lässt. Das Kalb wird in Sichtweite der Mutter angebunden, damit sie sich von ungeübten Händen ins Euter zwicken lässt. In der Zwischenzeit hat sich das Kalb beinahe selbst stranguliert. Kerstin eilt zur Rettung und bindet es los. Das Kalb hängt sich sofort wieder an die Mama. Die danach übrig gebliebene Milch spendet Kerstin der mageren Katze. Damit ist auch die Milchverteilung im Amazonas-Delta geregelt. Jetzt marschieren alle zum Buffet. Damit hat das Kalb freien Zugang zu den dekorativen Blumen. Soll es sich doch auch einmal richtig gut gehen lassen. Die von der Farm angebotenen Käse mit Brot und Kuchen sind gut, auch wenn wir den Rest des Erlebnisses lieber aus unserem Gedächtnis löschen würden. Wurde inzwischen eigentlich das „Blitzdings-Gerät“ erfunden?

Wir machen uns seglerisch gleich auf den Weg weiter zur Marina Club de Aéros e Náuticos. Die Flußarme sind hier so breit, dass man darauf noch tadellos segeln kann. Die Nebenarme des Amazonas verändern aber durch die gewaltige Strömung laufend ihre Sandbänke. Deshalb halten wir uns bei Mittelwasser akribisch an den von Delcio, dem Marina-Manager, geschickten Track. Hier im braunen Wasser ist „nach Gefühl fahren“ keine besonders gute Navigationsstrategie. Beim Anlegen gibt es einen Schreckmoment: Der rechte Motor schwächelt plötzlich beim Rückwärtsgang. Das Anlegen gelingt trotzdem. Martin hüpft sofort ins Wasser und findet den Übeltäter: ein dickes Knäuel aus Tauen und Fischerleinen, das sich um den Propeller gewickelt hat. Der Amazonas hat uns also gleich bei der Ankunft ein kleines Andenken mitgegeben. Die Marina liegt idyllisch und einsam an einem Seitenarm, umgeben von Wald. Es gibt einen einzigen Gastliegeplatz, den wir belegen dürfen. Ansonsten herrscht hier reiner Clubbetrieb. Nur am Wochenende ist das Restaurant geöffnet und der große Pool belebt. Ein Teil der Gäste reist sogar mit dem kleinen Privatflieger an – denn hier gibt es auch eine Landebahn.

Während der Woche haben wir den Club praktisch für uns allein. Die Ruhe mitten in der Natur tut gut. Na ja, fast. Eine Vogelarmee verwandelt Infinity jeden Morgen in einen Rummelplatz. Sie fahren auf dem Windanzeiger Ringelspiel, hüpfen Trampolin auf den Moskitonetzen und zwitschern, was das Zeug hält. Für uns heißt das Aufwachen und Frühstück mit Vogel-Animation. Eines Tages kommt ein Boot des Hafenmeisters auf Besuch und fordert uns höflich auf, einzuklarieren. Leider muss man das in Brasilien in jedem Bundesstaat. Das hätten wir uns zwar gerne gespart, trotzdem müssen wir nun per Uber in die Stadt Belém. Eine Stunde Autofahrt später stehen wir im Hafenamt und werden zum Warten in ein klimatisiertes Zimmer gesetzt. Nach langer Wartezeit erscheint jemand, der ein paar Zettel zum Ausfüllen bringt. Dann erfahren wir, dass wir eigentlich vorher zur Immigration müssen, auch wenn wir nicht aus dem Ausland einreisen. Der Beamte gibt uns gleich die falsche Adresse – am Flughafen, eine halbe Autostunde vom Hafen entfernt. Bei Behörden sind wir inzwischen immer misstrauisch genug, dass wir immer eine Zweitmeinung einholen – diesmal beim Marina-Manager per WhatsApp. Tatsächlich erfahren wir von ihm die richtige Adresse, praktischerweise in Fußnähe zum Hafenamt.

Nun stehen wir vor einem riesigen Gebäude und fragen uns zum Eingang der Policia Federal durch. Die sei im zweiten Stock. Es gibt allerdings zwei Gebäude. In dem einen finden wir zwar eine Treppe, aber keine Behörde. Im anderen gibt es keine Treppe. Niemand in beiden Gebäuden kennt die ominöse Treppe. Ein Mitarbeiter behauptet sogar, dass das Gebäude gar kein zweites Stockwerk habe, obwohl es offensichtlich von außen zu sehen ist. Wir fühlen uns erinnert an den Film „Being John Malkovich“. Nach mehrfachem Hin und Her zwischen den beiden Gebäuden findet sich schließlich außen hinter einem fast geschlossenen Tor eine Glastür. Presst man die Nase durch den Spalt ans Glas, erspäht man dahinter tatsächlich eine Treppe. Leider ist die Glastür versperrt. Im Inneren sieht alles dunkel und verlassen aus. Ein Zettel mit einer Telefonnummer klebt an der Tür. Martin erreicht darüber die Zollbehörde. Nach einer Weile kommt eine Dame und öffnet. Die Treppe führt in einen verlassenen Gang mit stickiger Luft. Die Dame klopft, mit uns im Schlepptau, an eine Tür. Und wie durch ein kleines bürokratisches Wunder dreht sich tatsächlich ein Schlüssel im Schloss. Ein verschlafener einsamer Beamter öffnet. Die brasilianischen Behörden haben sich also nicht nur eingemauert und niemandem gesagt, wo sie sind – sie haben sich auch noch eingesperrt. Praktisch unauffindbar – das perfekte Salzamt. Das kleine, fensterlose Amtszimmer wird mit zwei verschiedenen Klimaanlagen auf eine erträgliche Temperatur gebracht. Mit Übersetzungs-App kommunizieren wir miteinander. Eine Viertelstunde später rattert der Drucker unsere Bestätigung heraus. Natürlich ist mittlerweile Mittagspause. Wir müssen also auf die Nachmittags-Öffnungszeit des Hafenamtes warten. Dort geht es dann sogar flott, und wir erhalten auch vom Hafenamt unsere Bestätigung, dass wir nun auch wirklich in Belem sind. Wir hätten es zwar auch so gewusst, aber wenigstens kostet das Klarieren nichts für uns Besucher – außer Nerven. Das Beste daran: In zwei Tagen dürfen wir das Ganze noch einmal zum Ausklarieren machen, plus Zoll. Immerhin wissen wir jetzt schon, wo wir ins Amt einbrechen müssen. In unserer bis jetzt sechsjährigen Reise haben wir mehr als 40 Länder bereist. Mit sämtlichem Ein- und Ausklarieren, Formulare ausfüllen, hochladen, Wartezeiten, Taxifahrten und so weiter haben wir dafür ungefähr 80 Tage ver(sch)wendet. Kaum zu glauben, oder? Hatte das am Beginn unserer Seereise noch einen Hauch von Romantik und Witz, Beamte auf einer Insel zu suchen und sie wohlwollend an ihre Pflicht zu erinnern, nervt es uns jetzt nur noch. 

Wo wir schon einmal in Belém sind, schauen wir uns natürlich auch gleich die Stadt an. Der alte Fischereihafen mit seinem Markt hat seine beste Zeit viele Jahrzehnte zuvor während des Kautschukbooms gesehen. Dutzende Geier durchstöbern den Müll und sorgen für die passende Atmosphäre. Das Fort ist gut erhalten – und der Eintritt gratis. Die Gebäude, die noch vom ehemaligen Glanz zeugen, sind dagegen ziemlich heruntergekommen. Dann ist da noch das gerade zum UNESCO-Weltkulturerbe gekürte Theater: Jugendstil mit Amazonas-Note. Wir erstehen Tickets für ein Musical, das wir am Ausklarierungstag bestaunen. Das Theater hält auch von innen, was es von außen verspricht. Es ist sehr schön renoviert, und die Bühnendarbietung ist einwandfrei. Ein überraschend glanzvoller Kontrast zu manchem, was wir auf dem Weg dorthin gesehen haben.

Vor unserer Amazonasrunde wartet noch etwas Bootsarbeit auf uns. Außerdem schwimmen wir täglich in unserem unter der Woche ganz privaten Pool im Idyll des vom Wald umgebenen einsamen Clubs. Was für ein Luxus! Das Projekt „Propeller-Anoden wechseln“ endet allerdings abrupt. Im schlammbraunen Wasser hängt Martin mit Schnorchelmaske am Saildrive, die Nasenspitze praktisch am Propeller, und kann die gerade einmal drei Zentimeter entfernten Schrauben der Anoden trotzdem nicht erkennen. Haltet durch, ihr Anoden! Bis das Wasser wieder klar und Krok-frei ist, wird das Projekt verschoben.

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