Ankern am Ende der Welt – die stille Wildnis von Chagos

Im Südwesten des Addu-Atolls sammeln sich nur wenige Yachten – bereit für einen seltenen, fast verbotenen Kurs: Richtung Chagos Archipel. Nur wer strenge Auflagen erfüllt, darf diesen entlegenen Flecken Erde betreten – und das nur auf dem Weg zur sicheren Passage über den Indischen Ozean. Keine Touristen, keine Kreuzfahrer, nur unabhängige Segelcrews mit Sondergenehmigung. Wir sind eine davon.

Die Einreisevorgaben gleichen einer Mission: Kein Ankommen zu früh, kein Aufbruch zu spät. Versicherungsnachweise über Wrackbeseitigung und internationale Flugrettung sind nur zwei der vielen Voraussetzungen. Ankern ist ausschließlich an wenigen Stellen in nur zwei Atollen erlaubt. Keine Infrastruktur, keine Nachschubmöglichkeit – was wir nicht mitbringen, gibt es schlichtweg nicht. Also versorgen wir uns mit militärischer Präzision für vier bis fünf Wochen vollkommener Abgeschiedenheit mit Lebensmitteln und allem, was man so braucht.

Ein letztes Mal werden wir vom Muezzin geweckt, dann setzen wir Segel gen Süden – hinein ins Unbekannte. Das Chagos Archipel, offiziell „British Indian Ocean Territory (BIOT)“, ist das letzte britische Überseegebiet im Indischen Ozean. Ein Teil davon beherbergt einen US-Militärstützpunkt und ist strengstens tabu. Der andere Teil? Ein unbewohntes, streng geschütztes Naturparadies – zugänglich nur für wenige Segler wie uns. Die Beantragung des Permits kostet Nerven, Zeit – und Geld. Aber nichts davon bereuen wir.

Bei unserer Ankunft begrüßt uns eine Schule Delfine, die elegant durch das türkisfarbene Wasser tanzt. Sie begleiten uns bis zur Einfahrt ins Atoll der Salomon-Inseln. Die Happy Days kommt uns entgegen, über Funk wünscht sie wehmütig „Fair Winds“ – sie muss weiter. Vier Boote bleiben, und wir treffen uns am Abend zum Sundowner an einem palmengesäumten Strand. Ein Feuer flackert, der Grill wird heiß. Vier Boote, dreizehn Menschen, neun Nationalitäten – zwischen sechs und sechzig Jahren alt. Es wird gelacht, geteilt, gestaunt. Alle sind sich einig: Das hier ist einer der magischsten Orte unserer Reise.

Zu unserer großen Freude wird auch ein bisschen Bier geteilt – ein seltener Genuss, den wir seit Wochen auf den bierfreien Malediven vermisst haben. Da wir der einzige Katamaran vor Ort sind, verlagert sich der Sundowner kurzerhand zu uns an Bord. Während wir anstoßen, genießen die Kinder auf dem Nachbarschiff einen Kinoabend unter freiem Himmel – dank Projektor, Leinwand und windstiller Nacht ein echter Hit.

Die Beschränkungen haben eine Unterwasserwelt bewahrt, wie sie anderswo kaum noch existiert. Selbst Bioabfall darf nicht über Bord. Hier sind die Fische zahlreicher, größer, unerschrockener. Schildkröten, Haie, Delfine – sie alle gleiten mit uns durchs Wasser. Illegale Fischer werden konsequent verfolgt. Angeln ist erlaubt, aber die Chancen stehen gut für die Fische – wir sind schließlich keine Profis. Zum Glück haben wir eine voll gefüllte Tiefkühlbox.

Unter unserem Rumpf wohnt eine Großfamilie Tintenfische. Ein neugieriger Barrakuda zieht vorbei. Delfine schießen durch das Wasser, springen mit den Dingis um die Wette. Ein kleiner Hai kreuzt seelenruhig beim Sundowner am Strand durchs seichte Wasser. Nachts legt sich ein Sternenzelt über uns, in dem sich das Kreuz des Südens und der auf dem Kopf stehende Große Wagen gegenüberstehen. Wir blicken oft zum Himmel und sagen uns: „Was für ein Glück, das erleben zu dürfen.“

Auch über Wasser pulsiert das Leben. Drei Rotfußtölpel landen auf dem Bimini – ihre Miete zahlen sie mit einem Haufen Dung. Dennoch – zu süß, um ihnen böse zu sein. Weißkappennoddies übernehmen das Deck, lassen sich von Kindern streicheln. Auch bei anderen Booten kehrt die gefiederte WG ein. Ihr Spektakel beginnt, wenn Fische unter Infinity jagen: Wasser spritzt, Vogelschreie gellen – an Bord versteht man sein eigenes Wort nicht mehr.

An Land erinnert nur noch wenig an die einstige Nutzung. Die Briten hatten die einheimische Bevölkerung deportiert, um Raum für den Militärstützpunkt zu schaffen. Die Inseln, einst Plantagen für Kopraproduktion, wurden mit Kokospalmen bepflanzt. Heute wuchert der Dschungel ungebremst zurück. Dazwischen: Palmendiebe – riesige, landlebende Krabben mit über einem Meter Spannweite, bis zu vier Kilo schwer, fähig Kokosnüsse zu knacken und Gegenstände bis 28 Kilo zu heben. Ihre Scheren sind stärker als der Biss mancher Raubtiere. Wir begegnen ihnen mit Respekt und Abstand.

Auf Ile Boddam entdecken wir zwischen Spinnennetzen und Wildwuchs die Ruinen der alten Plantagengebäude. Die Natur erobert sich alles zurück. Unsere Tage bestehen aus Schnorcheln, Kochen, Reden, Staunen. Und das Schnorcheln? Vielleicht das Beste unseres Lebens. Früher lagen hier bis zu 90 Yachten – teils für Jahre. Erst hohe Gebühren und strengere Regeln begrenzten den Ansturm. Heute verirrt sich nur noch eine Handvoll Boote gleichzeitig ins Atoll – ein Glück für das fragile Paradies.

Als besonderes Privileg wird uns der Stempel in den Pass gewährt. Die Einreisebehörde – in Form einer jungen Französin – kommt an Bord. Sie kontrolliert die Fischer, kümmert sich nebenbei um uns Segler. Ihre Stempel setzt sie behutsam, beinahe ehrfürchtig. Und dann: Geschichte lebt. Während unseres Aufenthalts unterzeichnen Großbritannien und Mauritius den Vertrag zur Rückgabe des Chagos-Archipels. Jahrzehntelange Streitigkeiten finden ein Ende. Wir erleben, ohne den Ankerplatz zu wechseln, den Besuch zweier Länder – erst britisch, nun mauritisch. Klingt absurd? Ist es auch. Der Abdruck dieser Inseln – in unseren Pässen, aber vor allem in unseren Herzen – bleibt unauslöschlich.

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