Das echte Amazonasabenteuer beginnt für uns in Belém. Vor uns liegen nun noch 300 Seemeilen rund um die Insel Marajo bis zur Ausfahrt des gewaltigen Flussdeltas. Eine Strecke, die auf der Seekarte zunächst überschaubar wirkt, in Wirklichkeit aber eine völlig eigene Art des Reisens ist.
Wer dabei an unberührten Regenwald, absolute Einsamkeit, Anakondas, Krokodile, Piranhas und Millionen von Moskitos denkt, liegt falsch. Belegte Tierangriffe in dieser Region gehen meist auf Jaguare zurück. Das sind allerdings sehr wenige und für uns kein Thema, weil Miezen bekanntlich wasserscheu sind. Der Amazonas ist vor allem eines: eine lebendige Verkehrsader. Überall sind Menschen, Boote, Häuser und Bewegung. Vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang knattern ohrenbetäubend unzählige kleine Boote über das Wasser. Fähren kreuzen den Fluss und große Frachter schieben sich durch die schlammbraune Wasserwelt. Dazwischen fahren wir Zickzack durch riesige Fischernetze, die immer wieder quer im Fluss ausgelegt sind. Manchmal fühlt sich der Verkehr fast an wie auf einer Straße – nur eben auf einem Fluss, der stellenweise so breit ist, dass das gegenüberliegende Ufer kaum noch zu erkennen ist. Auch vermeintlich kleinere Seitenarme entpuppen sich als zweifache Donaubreite.
Besonders beeindruckend sind die Frachter. Sie tauchen oft langsam am Horizont auf und kommen dann näher, bis man ihre tatsächliche Größe erkennt. Viele von ihnen transportieren ganze Lastzüge aus Bargen vor sich her oder hinter sich her. In manchen Abschnitten fühlt sich das an, als würde ein Güterzug auf dem Wasser unterwegs sein.




































Die Ufer sind erstaunlich dicht besiedelt. Immer wieder stehen einzelne Häuser oder kleine Ansammlungen von Pfahlbauten direkt am Wasser. Dazwischen liegen Dörfer und Städte, jede Menge kleiner Kirchen und überall herrscht reges Leben. Eine der wichtigsten Einnahmequellen der Menschen ist die Açaí-Palme. Ihre kleinen dunkelvioletten Früchte wachsen in großen Büscheln und werden entlang des Amazonas geerntet und verarbeitet. Was bei uns meist als süße Açaí-Bowl bekannt ist, gehört hier zum alltäglichen Leben und wird oft ganz anders, beispielsweise zu Fisch und Maniokmehl, gegessen. Neben der Açaí-Ernte ist vor allem die Fischerei eine wichtige Lebensgrundlage der Menschen am Fluss. Motorradtaxis gehören zum alltäglichen Bild, sobald man an Land kommt. Daneben gibt es unzählige kleine Kirchen. Fast jede Ortschaft scheint ihre eigene zu haben.
Auch Haustiere gehören selbstverständlich zum Leben am Fluss. Enten, Schweine, Hunde und Papageien laufen, schwimmen oder sitzen rund um die Häuser und Boote. Der Amazonas ist keine menschenleere Wildnis, sondern Lebensraum und Verkehrsweg für Millionen Menschen.
Das Flussbett ist abwechslungsreicher, als wir erwarten. Je nach Abschnitt bewegt sich die Wassertiefe ungefähr zwischen drei und mehr als zwanzig Metern, und die Strömung spielt bei der Tagesplanung eine entscheidende Rolle. Sie kann zwischen etwa 0,5 und 3 Knoten betragen. Mit der Strömung kann man erstaunlich schnell vorankommen, gegen sie wird Infinity zum schwer arbeitenden Motorboot. Dort und da begleiten uns sogar Flussdelfine, die plötzlich neben dem Boot auftauchen und ebenso schnell wieder in der braunen Wasserwelt verschwinden.
Unser Tagesablauf richtet sich nach dem Wasser. Wir fahren bevorzugt bei günstiger Strömung los, möglichst bei Sonnenaufgang. Dann haben wir oft zusätzlich bis zum Mittag etwas Rückenwind. Auch die Windrichtung folgt einem recht typischen Muster: Morgens hat der Wind eine etwas nördlichere Komponente, später wird er östlicher – aber er kommt fast immer aus Nordost. Dreht sich die Strömung, machen wir Pause. Auf diese Weise schaffen wir – je nach Strömung und Einsatz der Motoren – etwa 20 bis 40 Seemeilen pro Tag. Der Amazonas bestimmt den Rhythmus. Wer ihn akzeptiert, reist deutlich entspannter.
Eine positive Überraschung sind auch die Dinge, die wir nicht erleben. Keine Drogenschmuggler, keine Piraten. Keine schweren Gewitter. Im August kaum Regen und keine Horden von Moskitos, die uns das Leben schwer machen. Natürlich haben wir trotzdem unser Moskitonetz im Salon aufgespannt, auch wenn wir uns hier nicht in einem Malaria-Hochrisikogebiet befinden.
Es gibt Kriminalität, angeblich besonders in den Städten. Das unterscheidet den Amazonas aber nicht grundsätzlich von vielen anderen Regionen der Welt. Von Piraten und Drogenschmugglern hören wir zwar, persönlich treffen wir jedoch ausschließlich freundliche Menschen. Piraten sind angeblich auf der Suche nach den tausenden Litern Treibstoff der Frachter. Damit können wir als Segelboot nicht dienen. Wir halten uns an einige einfache Empfehlungen. Wir sind nur tagsüber unterwegs – sowohl segelnd als auch zu Fuß. Nachts ankern wir in der Nähe von Häusern. Dort suchen wir bewusst den Kontakt zu den Menschen. Ein Gespräch, soweit das ohne großartige Portugiesisch-Kenntnisse möglich ist, und ein paar kleine Geschenke helfen, etwas über das Leben zu erfahren. Besonders Stifte und Papier für die Kinder kommen gut an. Und wenn die Menschen wissen, wer da vor ihrem Haus ankert, passen sie auch auf uns auf. Wie man in den Regenwald hineinruft, so hallt es zurück. Dabei kann es auch passieren, dass Menschen ganz selbstverständlich und ohne zu fragen auf das Boot kommen. Oft sind sie einfach neugierig. Manchmal wollen sie sich Infinity aus der Nähe ansehen, manchmal nur kurz mit uns sprechen. Und manche kommen tatsächlich für ein Selfie an Bord – mit dem neuesten iPhone in der Hand und einem teuren Boot, das bei uns festmacht. Auch das ist Amazonas: Armut und Moderne, einfache Pfahlhäuser und aktuelle Smartphones, traditionelle Lebensweisen und die globale Welt liegen unmittelbar nebeneinander. Man muss sich auch nicht darüber wundern, wenn plötzlich eine Horde Kinder über das eigene Boot tobt. Immerhin ankern wir praktisch in ihrem Vorgarten. Für die Menschen am Fluss sind wir mit unserem Segelboot mindestens genauso exotisch wie ihr Leben für uns. Die Neugier funktioniert in beide Richtungen.


















Immer wieder sehen wir Menschen im Wasser schwimmen. Das überrascht uns jedes Mal. Das Amazonaswasser wirkt mit seiner sedimentreichen braunen Farbe auf uns nicht besonders einladend. Hinzu kommt, dass Städte stromaufwärts mit ihren Millionen Einwohnern nicht über eine ausreichende Abwasserbehandlung verfügen. Was genau letztlich im Fluss landet, ist für uns als Besucher kaum zu beurteilen. Allerdings ist die Belastung großer Flüsse durch Abwässer und menschliche Aktivitäten wohl kaum ein ausschließliches Problem des Amazonas.
So bleibt der Amazonas für uns vor allem eine Reise durch eine andere Welt. Nicht durch einen menschenleeren Dschungel, sondern durch eine Landschaft, in der Natur und Zivilisation unmittelbar ineinander übergehen. Regenwald, Häuser auf Pfählen, kleine Dörfer, Tiere, Frachter, Fischer und Infinity teilen sich denselben Fluss. 300 Seemeilen durch das Amazonasdelta sind nicht bloß eine Strecke – es sind 300 Meilen voller interessanter Begegnungen.
