Ilha dos Lençóis – zwischen Dünen und Mangroven

Unser nächstes Ziel ist die Ilha dos Lençóis. Mehr als 400 Seemeilen liegen vor uns. Entlang der Küste bietet es sich an, Zwischenstopps zum Schlafen einzulegen. Meist ist die Strömung dabei auf unserer Seite – nach der Ausfahrt aus Galinhos dreht sie jedoch, läuft uns entgegen und wir fahren mitten durch einen regelrechten Strömungswirbel. Fortaleza lassen wir wegen der hohen Kriminalität lieber links liegen, aber nach rund 200 Seemeilen finden wir für die Nacht einen geschützten Ankerplatz hinter dem Wellenbrecher Porto de Pecém. Leider ist das Ankern hier nicht erlaubt – wir probieren es trotzdem. Auf Funksprüche reagiert niemand. Prompt bekommen wir mitten in der Nacht Besuch vom Hafen-Sicherheitsdienst per Boot. Ein kleiner Kaffee und Martins Charme samt „Infinity-Motordefekt“ sorgen allerdings für eine entspannte Atmosphäre. Bald wird mittels Übersetzungs-App gescherzt und gelacht. Mit etwas Überzeugungskraft verzichten die netten Herren sogar darauf, unsere Pässe zu fotografieren und an Hafen und die Polizei zu übermitteln. Damit ersparen wir uns auch einen möglicherweise unangenehmen Behördengang. Manchmal ist guter Kaffee und Schmäh eben die effizienteste Form der Bürokratie. Die Brasilianer sind dafür wie geschaffen: immer freundlich, gut gelaunt, wohlwollend, gechillt, in diesem Land scheint es kein böses Wort zu geben. 

Am nächsten Morgen liegen weitere 200 Seemeilen vor uns, bis zum nächsten Zwischenstopp hinter dem Wellenbrecher von Porto de Luís Correia. Dieses Mal läuft alles problemlos. Wir fragen über Funk nach und tatsächlich meldet sich jemand: grünes Licht für ein kleines Schläfchen mit dem nächstem „Defekt“. Das Lager des Ruderhebels von Fredl ist abgenutzt. Das Original-Ersatzteil liegt noch in Österreich. Also kommt das für diesen Zweck extra für uns mit historischer Drehbank hergestellte Lager aus Samoa zum Einsatz. Da Martin vom bereits bestens bekannten Motorraum-Yoga ohnehin noch warm ist, wechselt er gleich Impeller und Wasserpumpen-Simmering. Hoffen wir, dass das Salzwasser, das sich in der steuerbordseitigen Motorbilge sammelt, damit künftig auch dort bleibt, wo es hingehört – nämlich im Kühlkreislauf. Das wäre zumindest der Plan.

Noch einmal gut 200 Seemeilen liegen vor uns, bis wir die Ilha dos Lençóis erreichen. Um bei Tageslicht und Hochwasser anzukommen, starten wir in der Nacht. Die Fischerboote sind zwar beleuchtet und ab etwa zwei Meilen auf dem Radar zu erkennen, ganz entspannt macht uns das trotzdem nicht. Schließlich weiß man nie, was sie alles hinter sich herziehen. Pünktlich zu Hochwasser erreichen wir die Insel und tuckern vorsichtig zwischen den Untiefen hindurch zu unserem Ankerplatz. Wir folgen den von den hilfreichen Brally-Organisatoren übermittelten Wegpunkten, denn die Seekarten liegen hier gewaltig falsch und in den letzten Jahren gab es an dieser Stelle einen Totalverlust eines Segelbootes und eine weitere Strandung. Die Brally ist eine jährlich stattfindende organisierte Segler-Rallye vom Süden bis in den Norden des Landes. Wir nehmen nicht teil, weil der Zeitplan für uns nicht passt – die freiwilligen Organisatoren helfen uns trotzdem. Generell finden wir die Segelei in Brasilien etwas schwierig. Die geschützten Ankerplätze liegen praktisch alle in den der starken Tidenströmung unterworfenen Flussläufen, wo das Wasser trüb ist und die Versandung sich ständig ändert. Küstennah gehen mit Tidenstrom gegen Passatwind oft kurze Hackwellen einher. Seezeichen gibt es nicht viele und man tut gut daran, sich vor Einfahrten gut zu erkundigen oder Fischer als Lotsen zu nehmen. Dass beim Raus- und Reinfahren Tageslicht, Strömung und Tidenstand passt, sowie aktuelle Tracks oder Wegpunkte vorliegen, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Ankern und Warten vor Einfahrten geht nur bei ruhigem Wetter, was beim stetigen Nordost-Passat mit 20 Knoten an der Nordostküste und den damit einhergehenden Wellen selten vorkommt. Viele Segler legen deshalb größere Strecken weiter draußen zurück, wo auch die Strömung besser mithilft. Vom Boot aus unbeschwert ins Wasser zu hüpfen gibt es ebenfalls so gut wie nicht. Die Sichtweite im Wasser beträgt meist wenige Zentimeter und die Strömung tut ihriges dazu. In manchen Flüssen gibt es zudem Kaimane, Anakondas und Piranhas.

Die Southeast von Andrea und Dirk liegt bereits im Kanal der Insel und die beiden winken uns zur Begrüßung zu. Dieses Mal haben wir tatsächlich ein Buddy-Boot vor Anker. Ein ungewohntes, aber sehr angenehmes Gefühl, denn an dieser Stelle wurde heuer bereits ein Boot ausgeraubt. Wir vereinbaren, in der Nacht Funkkontakt zu halten, um sich im Fall des Falles gegenseitig helfen zu können. Gemeinsame Ausflüge, Abendessen und Sundowner mit Geschichten auf Deutsch sind eine mehr als willkommene schöne Abwechslung. 

Der Ankerplatz ist sensationell einzigartig und wirkt beinahe unwirklich. Auf der einen Seite erheben sich hohe, weiße Sanddünen, auf der anderen erstrecken sich dichte Mangrovenwälder. Besonders bei Niedrigwasser leuchten vor dem satten Grün der Mangroven die roten Ibisse. Sie wirken fast künstlich und bilden einen faszinierenden Kontrast zur Landschaft. Die beiden kleinen Dörfer, die wir besuchen, haben einfache Häuschen, winzige Läden und hilfsbereite Einwohner. Es gibt keine motorisierten Fahrzeuge an Land und die Bewohner leben genügsam. Bei praktisch jedem Haus gibt es einen Trinkwasserbrunnen. Dafür muss man nur wenige Meter tief graben. Mitten in den Dünen finden sich sogar Süßwasserseen. Und das, obwohl die Meeresarme rundherum auf gleicher Höhe liegen. Das Phänomen lässt sich einfach erklären: Regenwasser wird vom Sand wie von einem Schwamm aufgenommen und sammelt sich über wasserundurchlässigen Bodenschichten in einer Süßwasserlinse. Das ebenfalls eindringende Salzwasser ist schwerer und bleibt darunter. So entsteht mitten in einer von Salzwasser umgebenen Landschaft eine natürliche Süßwasserreserve. Damit wir nicht an Land Süßwasser schöpfen müssen, helfen uns Andrea und Dirk mit 50 Liter Wasser aus. Unser Wasservorrat aus Jacare geht nach einigen Wochen langsam zu Ende. In den Flussarmen möchten wir den Wassermacher nicht starten.

Für uns geht es von diesem Paradies aus weiter Richtung Nordwesten. Bei fünf Meter Tidenhub zwischen den Lencois-Inseln und eben solcher Wassertiefe an der Barre bei Hochwasser, tut man gut daran, bei Hochwasser wieder auszufahren. Nach weiteren 200 Seemeilen küstennah, segeln wir bei einströmendem Wasser und Dunkelheit in die Bucht von Marajó. Dabei gibt es Dauerberieselung auf Kanal 16 durch die Fischer. Weitere 30 Seemeilen flussaufwärts fällt unser Anker im Paracauari-Fluss vor dem Städtchen Souré auf der Ilha de Marajó. Die letzten Meilen motorsegeln wir zwar gegen 2,5 Knoten Strömung aber jetzt sind wir tatsächlich im Amazonasdelta angekommen.

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