Mit der Tibetbahn nach Lhasa

Die höchstgelegene Eisenbahnstrecke der Welt windet sich 1.100 Kilometer lang über 5.000er Pässe nach Lhasa, das auf 4.200 Meter Seehöhe liegt. Wir nehmen einen Softsleeper, ein Abteil, in dem sich vier Betten befinden. Schließlich dauert die Fahrt 20 Stunden. Der Zug ist voll. Gegen Höhenkrankheit wird in den Waggons der Tibetbahn reiner Sauerstoff eingeblasen und wir nehmen zweimal täglich Tabletten. Die Zugfahrt mit der Tibetbahn wird als malerisch und abenteuerlich beschrieben. Das erste Abenteuer besteht darin, den reservierten Schlafplatz auch zu bekommen. Wir beide liegen in zwei verschiedenen Abteilen. Kerstins unterer Liegeplatz, auf dem man tagsüber auch sitzen kann, wird ihr fast vor der Nase weggeschnappt. Der Chinese gibt nach und muss in die obere Koje klettern. Am Abend geht die Fahrt los, wir trinken noch ein lauwarmes Bier und hauen uns dann in die Kojen. Tatsächlich gelingt es uns, etwas zu schlafen. Mit Sonnenaufgang setzen wir uns in den Speisewagen um nichts von der Landschaft zu versäumen. Die ist allerdings erst in den letzten Stunden vor Ankunft in Lhasa wirklich interessant. Anfangs fahren wir durch zunächst grüne Hügellandschaften, entdecken eine kleine Antilopenherde. Im Laufe der Fahrt kommen mehr Schafe und Yaks zum Vorschein. Allmählich kommen schneebedeckte Gipfel und Seen in Sicht. Was für ein Anblick. In Tibet gibt es mehrere tausend Seen. Zum Teil handelt es sich um Salzwasserseen. Das Atmen fällt langsam ein bisschen schwerer. Ein Teil der Mitreisenden schnüffelt schon an den zusätzlich eingebauten Sauerstoffanschlüssen im Zug. Nachdem es die Höhen-Eingewöhnung verhindert oder verzögert, lassen wir das lieber bleiben.

Der Sauerstoffgehalt der Atemluft hier oben beträgt nur mehr 60 Prozent von jenem im Tal. Wir haben leichte Kopfschmerzen und wir merken jede Stufe bergauf, weil wir dabei sofort außer Atem geraten. Waren wir bisweilen im subtropischen Klima unterwegs, kühlt es in Tibet in der Nacht auf 11 Grad ab. Tagsüber hat es über 20 Grad im Schatten. Aus mit Schwitzen.

Wir stellen fest, dass wir eine komplett falsche Vorstellung von Tibet haben. Die baumlosen Ebenen und Berge werden höher, grauer, aber nicht einmal auf 5.000 Meter liegt im Sommer Schnee. Ganz im Gegenteil, T-Shirt und kurze Hose sind ausreichend. Am Bahnhof in Lhasa werden wir von einem Mitarbeiter des Reisebüros abgeholt und ins Hotel gefahren. Gleichzeitig Reden und Gehen ist uns am Beginn fast unmöglich. Daher sind wir ganz froh, dass unser Programm mit der Gruppe erst nach zwei Tagen beginnt und wir uns allmählich an die dünne Luft gewöhnen können.

Die Häuser der Stadt haben eine spezielle Architektur. Sie sehen symmetrisch aus und die Fenster scheinen alle gleich groß zu sein. Irgendwie ähneln alle Häuser ein bisschen dem über der Stadt majestätisch thronenden Potala Palast aus dem 16. Jahrhundert. Der Vorgänger des heutigen Palastes wurde bereits im 7. Jahrhundert gebaut und von Feuer, Blitz und Krieg zerstört. Es ist der Winterpalast des Dalai Lama. Die Gesichter der Menschen sind freundlich und willkommen heißend. Es folgen Besuche des Palastes und der uralten buddhistischen Klöster in der Umgebung, der Altstadt. Das größte der Klöster „Drepung“ beherbergte einst 7.700 Mönche. Jetzt sind es einige hundert, die sich auch geduldig fotografieren lassen. Sie singen und debattieren auch vor Publikum. Sie scheinen die Ruhe selbst zu sein und verwalten die Opfergaben der Gläubigen in Form von Lebensmitteln und unzähligen kleinen Geldscheinen, die vor jedem auch noch so kleinen Heiligtum landen. In den Klöstern und im Palast sind mumifizierte Leichname der verschiedenen religiösen Führer aufgebart. Jedes Kloster hält traditionell einen Thron für den Besuch des tibetischen Führers, des „Dalai Lama“ bereit, der bekanntlich im Exil lebt, weil er außer der religiösen auch eine politische Funktion hat, was China nicht duldet. Nachdem China Tibet besetzte, wurden viele Klöster von den Kommunisten in der sogenannten „Kulturrevolution“ Ende der 1950er Jahre zerstört. China-kritische Inhalte erfährt man vom tibetischen Reiseführer nicht. Wie in vielen anderen Ländern auch färbt die Regierung die Geschichte zu ihren Gunsten schön und legitimiert so ihren Machtanspruch. Würde ein Reiseführer eine andere Meinung als die chinesische kundtun, würde er seinen Job verlieren, seine Agentur zugesperrt und er eingesperrt.

Lhasa ist wunderschön und anders als alle anderen Städte, die wir bisher gesehen haben. Die umgebenden Berge Lhasas sind durchwegs Fünftausender. Nirgendwo ein Stäubchen Schnee. In der Nacht werden die Konturen der Bergkämme ausgeleuchtet, was einen netten Effekt ergibt. Eine der Nationalspeisen ist der „Hotpot“. In die Mitte des Tisches kommt ein Topf mit kochender Suppe. Dazu gibt es verschiedene Zutaten, die man selbst länger oder kürzer köchelnd in die Suppe hält oder reinschmeißt um sie dann wieder herauszufischen. Sehr bekömmlich. Viel Flüssigkeit ist wichtig, vor allem deswegen, weil die Luftfeuchtigkeit hier oben so gering ist, dass einige Touristen Nasenbluten bekommen, da die Schleimhäute austrocknen. Die Lippen springen aus dem selben Grund nach einigen Tagen auch auf.

Freundliche Menschen mit gegerbter Haut und traditioneller Tracht mischen sich mit den vor allem aus China stammenden Touristen. Manche Straßen Lhasas erinnern uns ein wenig an Nobel-Schiorte zuhause. Viele teure Trekking-Shops – natürlich ohne Schizubehör, weil das Schifahren hier nicht verbreitet ist. Die WiFi-Passwörter sind fast überall „888888888“ weil 8 die Glückszahl ist. So erfüllt sich die Prophezeiung selbst, da man sich bei jedem WiFi mit der Glückszahl 8 einloggen kann. Stimmt wieder, Glück gehabt! Die Informationstechnologie hat auch bei Bettlern Einzug gehalten. Mit einem QR-Code um den Hals kann der Träger von den Mobiltelefonen der Spender Geld erhalten. Ob die Spende dann besteuert wird?

Bald geht es mit dem Kleinbus los – 1.000 Kilometer durch Tibet, den Himalaya bis nach Kathmandu in Nepal. Wir sind aufgeregt.

4 Kommentare

  1. Hi Kerstin and Martin! It’s Janet from the Tibet trip. I love your blog! And all your photos. You were very kind about that harrowing trip from the Chinese border to Kathmandu. I found it rather terrifying. 🙂 You are living your very best life! 🙂 I am back at work, rehearsing Carmen and Masked Ball among other things at San Francisco Opera. I’d rather be traveling! I had a great time in Nepal, and managed to avoid the flight glitches on the way home. Still, it took me 24 hours to get from Kathmandu to San Francisco. The worst Jet lag of my life. I signed up for your email updates and I am looking forward to all your wonderful trips! If you ever need someone to cook for you (I am very good) on one of your trips, give me a shout! I wish I wish I could retire soon and just take jaunts about the world. Sounds dreamy! It was lovely meeting you and getting to know you. Best of luck and weather on your trip! XO Janet Campbell

    • Dear Janet, thank you for your warm words. We also enjoyed travelling with you and we wish you a successful Carmen performance in San Francisco. We would love to hear you singing in the opera house. I am sure that your traveldreams will come true soon. We will stay in contact. See you. Kerstin and Martin

  2. Oh mein Gott..was für eine Reise!! Wenn ich 1968 nicht geheiratet hätte,wäre ich in die Entwicklungshilde nach Nepal gegangen.Das war/ist ein Sehnsuchtsort!! Ich habe so viel über Nepal und Tibet gelesen! Danke für eure grandiosen Reiseberichte.lG

    • Servus Eva. Es ist toll hier. Einfach nach Kathmandu fliegen. Hier gibt es Hotels auf Agoda oder booking.com zwischen 8 und 30 €, die okay sind. Von hier aus kannst du eine Rundreise buchen. Hier kostet es die Hälfte von dem wenn du das von zu Hause aus buchst. LG

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