Beaufort – North Carolina

Nachdem Kerstin schon vor 7 Jahren begeistert von Beaufort war, freuen wir uns über diesen idealen Zwischenstopp auf dem Weg zur Chesapeake Bay. Der Wind bläst weniger als vorhergesagt, aber mit unserem Bluewaterrunner können wir trotzdem Meilen machen. Wir merken eindeutig, das unser Unterwasserschiff mittlerweile einen Bart hat was uns etwas bremst. Es wird höchste Zeit, dass Infinity aus dem Wasser kommt und einen neuen Unterwasser-Anstrich erhält. Wir ergattern einen schönen Ankerplatz in Beaufort direkt vor der Altstadt im Taylor Creek.

Beaufort heißen viele Städte weltweit, bei Seglern bekannt geworden durch Sir Francis Beaufort, der die Beaufortskala im 19. Jahrhundert zur Vereinheitlichung der Windskalen eingeführt hat. Dadurch konnte den Windstärken auch die entsprechende Besegelung zugeteilt werden und die Schiffsreisen wurden sicherer. Der Name von Beaufort in North Carolina stammt allerdings vom ersten Herzog von Beaufort und nicht vom Namensgeber der Beaufort-Skala.

Beaufort liegt nicht weit von Cape Hatteras entfernt, welches nur bei gutem Wetter passiert werden sollte, da dort der Golfstrom relativ nah an der Küste vorbeizieht und beträchtliche Strömungen und Winde auftreten können. Hier finden sich demnach auch viele Segler für den Absprung Richtung Norden und Richtung Süden ein. Dementsprechend gibt es hier eine gute maritime Infrastruktur. Neben einer Vielzahl von Marinas gibt es einige Geschäfte für Seefahrtsbedarf. Diese befinden sich in der Nachbarstadt Morehead City. Morehead ist eine typisch amerikanische Stadt, in der alle Geschäfte an der Hauptstraße liegen. Alles ist größer, weiter voneinander entfernt und für Autos ausgelegt. Es gibt keine Fußwege. Ampeln für Fußgänger sind nicht vorgesehen. Dafür sind wir hier erfolgreich beim Einkauf. Bei Best Buy gehen wir staunend durch die Haushaltsgeräteabteilung. Diese haben wie alles hier riesige Dimensionen. Dementsprechend werden viele Getränke im Supermarkt auch in Gallonen (1 Gallone = 3,785 Liter) und nicht in Liter abgepackt. Zu guter Letzt finden wir einen Lidl, von dem es in den USA erstaunlich viele Filialen gibt. Wir wähnen uns im Brotparadies. Es gibt französisches Baguette und echtes deutsches Sauerteigvollkornbrot. Eine Rarität außerhalb Europas. Obst und Gemüse lagern nicht im Kühlfach, die Auswahl ist gut. Fast wie daheim. Unser Uber-Fahrer – ein Ex-Marine – holt uns dort ab und fährt uns voll bepackt direkt zum Dinghi-Schwimmsteg zurück. Mit dem Fahrer entsteht eine entspannte Diskussion über privaten Waffenbesitz in den USA. In den vergangenen Tagen gibt es immer wieder Meldungen von Schusswechseln und Toten. Sogar ein Kind im Straßenverkehr wurde erschossen, da sich ihre Mutter mit einem anderen Verkehrsteilnehmer über den Vorrang gestritten hat. Unser Fahrer findet den privaten Waffenbesitz gerechtfertigt, weil dieser „durch die Gründerväter der USA in der Verfassung festgelegt wurde“ und weil dieser „die Kriminellen abschrecken“ würde…

Vor der Hafeneinfahrt liegt das Flaggschiff des berühmten Piratenkapitäns Blackbeard, die „Queen Anne’s Revenge“. Es wird seit einigen Jahren von Archäologen betaucht und die gefundenen Artefakte werden geborgen und katalogisiert. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das ortsansässige Marinemuseum einen großen Teil Blackbeard gewidmet hat. Die Ausstellung ist beeindruckend. Natürlich gibt es keine Rechtfertigung für das Rauben und Morden der Piraten. Einige Aspekte des Piratenlebens waren jedoch vorbildlich. In diesem Zeitalter waren die Menschen der Willkür-Herrschaft der Königshäuser ausgeliefert. Es gab Kriege und Männer wurden zwangsrekrutiert. Auf Piratenschiffen war man hingegen meist freiwillig, der Kapitän wurde demokratisch gewählt und auch abgewählt. Die Beute wurde annähernd gleich unter der Mannschaft verteilt und die Seeleute wurden wesentlich besser behandelt als in der Marine oder auf Handelsschiffen. Vor dem Eintritt in eine Piratencrew wurde für jedes Mitglied ein Vertrag mit Rechten und Pflichten abgeschlossen. Das „Piraten-Unternehmen“ hieß „Company“ und die zugehörigen Piraten wurden als „Mitarbeiter“ dieser Company betrachtet. Es gab auch Frauen, die gleichgestellt akzeptiert wurden, was zur damaligen Zeit eine absolute gesellschaftliche Ausnahme war. Dieses System wurde auch auf die Stadt Nassau übertragen – der damaligen Piratenrepublik – der ersten Demokratie unter Königreichen. Auch die Wichtigkeit von Marketing war ihnen nicht fremd. Manche Piraten machten sich durch Kleidung, Styling und Aktivitäten einen Ruf, der ihnen weit vorauseilte. Blackbeard hat sich zum Beispiel brennende Lunten in das Haar gesteckt und er trug drei Pistolengürtel, was seine furchterregende Erscheinung und den Wiedererkennungswert verstärkte. Das geschah bewusst, um die Angst von potentiellen Opfern zu schüren und diese bewegte wiederum die meisten Crews von Handelsschiffen dazu, kampflos aufzugeben. Die Besatzungen der Handelsschiffe wurden schließlich nicht fürs Kämpfen bezahlt. Nachdem immer mehr Piraten die Karibik und Nordamerika unsicher machten und der Handel mit Tabak, Baumwolle, Rum und Sklaven beinahe zum Erliegen kam, schritt die englische Krone ein und es gelangen entscheidende Schläge gegen die Piraterie. Nicht zuletzt deshalb, weil den Piraten Straffreiheit angeboten wurde, wenn sie sich zur Ruhe setzten. Blackbeard’s Schiff ist – absichtlich oder nicht – vor Beaufort auf Grund gelaufen. Der Großteil der Beute wurde vom Schiff gebracht und Personen wurden entsandt um das Friedensangebot anzunehmen. Blackbeard entledigte sich so gleich einem Teil seiner Crew, des berüchtigten Schiffes und raubte nach einer kleinen Pause trotzdem mit weniger Aufsehen weiter. Daraufhin wurde er allerdings von einem Gesandten des englischen Gouverneurs von Virgina unweit von Cape Hatteras aufgebracht und getötet als die Verfolger auf eine Untiefe aufliefen und Blackbeard das Schiff nach Beschuss enterte. Im sicher gewähnten Sieg wurde ihm unter Deck eine Falle gestellt. Der Tod Blackbeard’s steht symbolisch für das Ende des goldenen Zeitalters der Piraten der Karibik.

Die Altstadt von Beaufort ist wunderschön und liebevoll gepflegt, die weißen Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert sehen aus wie neu. Die vielen Strände besuchen wir nicht, das Wetter ist nicht einladend und nach den Stränden auf den Bahamas steigen auch die Strand-Ansprüche etwas. Dafür genießen wir an Bord den Vollmond und bereiten uns auf unsere vorerst letzte Segeletappe von 250 Seemeilen in die Chesapeake Bay vor. Hier kommen Infinity und wir für fünf Hurrikan-Monate auf das Trockene. Mit jedem Tag wird auch die Vorfreude auf zuhause größer. Unsere Ankerplatz-Nachbarn aus den Niederlanden zollen dem vor uns liegenden Cape Hatteras größten Respekt und berichten Schauergeschichten von befreundeten Seglern. Bei achterlichen Winden aus dem südlichen Sektor kann es so schlimm nicht sein denken wir. So geht es morgens mit ablaufendem Wasser wieder los um das berüchtigte mit Wracks gesäumte Cape Hatteras zu runden.

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