Wie ein Fisch im Netz nach Ceuta

Melilla zu verlassen fällt uns leicht, immerhin warten wir hier seit mehreren Wochen auf die Öffnung von Marokko, was schließlich nicht stattfinden soll. Wir sind ja nicht die typischen Hafenlieger, aber in Melilla nimmt man das für 15 Euro pro Tag inklusive Wasser und Strom gerne in Kauf. Zum Vergleich kostet in Kroatien in der gleichen Saison ein Tag 130 Euro. Generell sind die Marinas in Spanien nicht schlechter als in Kroatien und kosten meist weniger als die Hälfte von Kroatien.

Nachdem wir Gibraltar bereits auf dem Landweg besucht haben, geht es also nach Ceuta. Ceuta liegt gegenüber von Gibraltar auf der afrikanischen Seite und ist wie Melilla eine spanische Enklave und Steuerparadies innerhalb der EU. Die 24 stündige Fahrt entpuppt sich als durchaus spannend. Nach dem Auftanken um 70 Cent pro Liter Diesel merken wir, dass ein Motor kurz stockt. Später entpuppt sich dieser Schluckauf bei einem Schnorchel-Zwischenstopp im freien Wasser als um den Propeller gewickelte Reste von Leinen und Netzen, die wir im Hafen von Melilla angesaugt haben. Gottseidank lässt sich das Knäuel leicht losschneiden. Nicht auszudenken was passieren könnte, wenn plötzlich im engen Fahrwasser einer Marina ein Propeller versagt. Bei geringer Geschwindigkeit lenkt man nämlich einen Kat nur mit den Motoren weil die Ruderwirkung nur bei ausreichender Fahrt durchs Wasser vorhanden ist. Bei dieser Freiwasser-Schnorchel-Gelegenheit entdecken wir, dass die Propeller-Anoden schon ziemlich verbraucht sind. Diese schützen die Propeller vor galvanischer Korrosion. Kein Problem, wir haben uns ja mit allem eingedeckt. Leider sind genau diese Anoden nicht dabei. Die nächste Ersatzteil-Rallye wartet also schon auf uns.

Wir verabschieden uns von der schroffen Küste Marokkos und vom Tageslicht. Bei wenig Wind in absoluter Dunkelheit bei Neumond rumpelt es plötzlich ungefähr 30 Seemeilen von der Küste entfernt unter dem Schiff. Ein Blick mit der Taschenlampe erhellt die Tatsache, dass wir in einem riesigen Fischernetz gefangen sind. Und das in internationalen Gewässern und weder beleuchtet noch sonst irgendwie angezeigt. Ein dickes Tau wird von kleinen Plastikschwimmern an der Oberfläche gehalten und darunter hängt ein Fischernetz mit gigantischem Ausmaß. Nachdem Kerstin sich im finsteren Meer nicht so wohlfühlt, packe ich Tauchmaske und Schnorchel aus, schnappe mir Messer und Tauchlampe und hinein geht es in das erfrischende dunkle Nass. Die Kreaturen, die man nachts mit dem Licht anlockt sind meist nur Quallen. Die fluoreszierenden Meeresbewohner sind sehr schön anzusehen. Das Gift bremselt zwar ein wenig auf der Haut, ist aber unproblematisch. Das dicke Tau hat sich auf der einen Seite um einen Propellerschaft gewickelt und auf der anderen Seite in den kleinen Zwischenraum von Ruderblatt und Rumpf gezwängt. Das eigentliche Netz wurde bereits weiträumig durch den Propeller durchtrennt. Mit sanfter Gewalt und ein paar Schnitten lässt sich das Tau aus dem Prop entfernen und das Netz vom Schiff befreien. Auf der anderen Seite ist rohe Gewalt samt einigen Ruderbewegungen notwendig. Mit beiden Füßen stemme ich mich gegen das Ruderblatt und zerre wie ein Esel am Tau. Mit einem Ruck kommt es endlich frei und wir könnten theoretisch weiterfahren. Fragt sich nur wie weit und in welche Richtung? Bis zum anderen Ende des Netzes? Bis zum nächsten Netz? In der Zwischenzeit nähert sich das marokkanische Fischerboot auf Rufweite. Leider können wir kein arabisch und die Fischer keine andere Sprache. Man kann also nicht einmal mit ihnen schimpfen, dass sie ein unbeleuchtetes Treibnetz ausgebracht haben. Sie geleiten uns mit ihrem Fischkutter aus dem Netzlabyrinth heraus und entlassen uns wieder in das finstere Mittelmeer. Wir hoffen inständig, dass die Antriebe und das Ruder keinen Schaden genommen haben.

Wir sehen viele blinkende Lichter, die offenbar weitere Fischernetze markieren und müssen ein ganzes Stück zurückfahren, um diesem Minenfeld zu entgehen. Natürlich ist nicht immer klar wo ein Netz beginnt und wo es aufhört. Also setze ich mich mit Lampe an den Bug und wir verlangsamen die Fahrt bis wir vermeintlich wieder freies Wasser vor uns haben. Ein gutes Gefühl, wieder in die richtige Richtung fahren zu können. Bei dieser Gelegenheit möchte ich ein dreifaches Hoch auf unseren Autopiloten „Fredl“ ausbringen, der unermüdlich mit stoischer Gelassenheit bei jedem Wind und Seegang unsere schwimmende Reparaturwerkstatt lenkt als wenn nichts wäre. Das ist bei einer Zweiercrew unerlässlich, sonst wird das Rudergehen rasch zu einer Last, die ein Crewmitglied dauernd bindet. Sicher muss man ihm manchmal gut zureden und hin und wieder hat er eine Schraube locker aber ich kümmere mich sehr um ihn. Auch bei Fredl gilt: Wer gut schmiert, fährt gut.

In Ceuta haben wir unseren Liegeplatz zwischen Marine- und Guardia-Civil-Boot. Nicht, dass man sich hier unsicher fühlen würde aber besser vom Sicherheitsstandard geht es praktisch nicht mehr. Der Wermutstropfen ist, dass man bei Niedrigwasser fast eine Leiter benötigt, um den Steinsteg zu erklimmen. Aber auf allen Vieren klappt das auch mit unserer Pasarella recht gut. Wir planen die 4 tägige Route nach Gibraltar, bringen das Schiff auf Vordermann und verproviantieren uns beim nahegelegenen Lidl. Schön, nach einem halben Jahr wieder einmal eine gefüllte Wursttheke entlang schlendern zu können. Wurst ist in den bisher besuchten Ländern ein Randthema. Außer Salami gibt es nicht viel. Das macht aber nichts, da es in allen Ländern hervorragenden Schinken gibt.

Ceuta entpuppt sich als nettes Städtchen – ein Einkaufsparadies für Marokkaner und Spanier. Gegenüber kann man bei klarer Sicht den Affenfelsen von Gibraltar sehen. Eine echte Attraktion ist hier der tolle öffentliche riesige Schwimmbadkomplex an der Nordseite und der schöne Strand an der Südseite. Die vollständig erhaltene Festung mit dem Wassergraben ist ebenso beeindruckend wie die Anzahl der Zahnkliniken. Seit einigen Tagen habe ich nämlich immer stärkere Zahnschmerzen. Der letzte Check ist ein gutes halbes Jahr vorbei und ich neige nicht zu Karies. Auch habe ich in meinem ganzen Leben noch nie Zahnschmerzen gehabt. Die meisten Zahnarztpraxen haben hier geschlossen und ich telefoniere mit vielen Sprechstundenhilfen, die keine Fremdsprache können. Ich lege mir ein paar Sätze auf spanisch zurecht aber niemand will mir helfen. Beim Spaziergang durch die Stadt fällt mir eine Praxis ins Auge und ich luge beim Fenster hinein. Siehe da, hier bewegt sich was, allein die Tür ist allerdings verschlossen. Ich rufe die Nummer vom Praxisschild an und die Dame holt die englisch sprechende Zahnärztin – eine seltene Spezies. Freundlich werde ich hereingelassen, komme sofort dran. Die Praxis ist auf dem letzten Stand der Technik. Die Zahnärztin ist wegen Corona dermaßen vermummt, dass die Verkleidung auch als weiß-blaue Burka durchgehen könnte. Ein Röntgen enthüllt Karies am Weisheitszahn. Der muss weg – wenn, wann nicht jetzt. Nach gut 20 Minuten bin ich nun um einen Zahn und 150 Euro ärmer und mit halb taubem Gesicht am Weg zur Apotheke um die Medikamente für die Nachsorge zu holen. Das geht ja flott. So stellt man sich das vor.

Ceuta ist laut Reiseführer ein Schmugglerparadies. Hier werden angeblich mit Schnellbooten des nächtens verbotene Güter aller Art in sämtliche Richtungen verfrachtet. Außerdem ist es eine beliebte Anlaufstelle für Migranten, die mit hohen Zäunen und entsprechender Präsenz der spanischen Staatsgewalt am „Einreisen“ gehindert werden. Polizei-Hubschrauber und -Boote sieht und hört man zuhauf. Die Boote rücken manchmal mit einigen Mann Besatzung und mit Maschinengewehren schwer bewaffnet aus und kommen nach wenigen Stunden zurück. Wir staunen nicht schlecht, als wir sehen, dass die Guardia Civil einen Delinquenten mitbringt und ihn sogleich unsanft an den Steg bugsiert. In seiner Haut möchten wir jetzt nicht stecken. Möglicherweise ist es auch ein Flüchtling. Kurze Zeit später kommt der Notarzt, fährt aber bald wieder ohne Patient.

Die oben erwähnten Zinkanoden sind natürlich nicht in Ceuta erhältlich. Wir bestellen sie im Internet und hoffen inständig, dass sie über Schönau rechtzeitig den Weg auf die Kanaren finden werden. Einige Arbeiten am Schiff möchten wir mit professioneller Unterstützung auf den Kanaren machen und ich mache mich via Internet-Recherche auf die Suche nach geeigneten Firmen sowie Marinas. Eine Reservierung ist zu dieser Zeit auf den Kanaren angebracht, da sich dort um diese Zeit viele Yachten wegen der Vorbereitungen für die Atlantiküberquerung tummeln. Wir werden sehen, ob das auch im Corona-Jahr so sein wird. Von vielen angeschriebenen Firmen und Marinas bekomme ich nur eine Antwort. Vorausschauendes Planen wird in Spanien scheinbar allgemein nicht groß geschrieben. Auch das Routing des Pakets aus Österreich auf die Kanaren gestaltet sich schwierig. Die Marina wird uns das Paket wegen Covid19 nicht aufbewahren, bei der Post geht keiner ans Telefon. Schließlich werde ich bei einem privaten Paketdienst fündig, dessen Mitarbeiter englisch kann und per email antwortet – unglaublich! Er erklärt, dass man, obwohl die Kanaren einen Steuer- und Zoll-Sonderstatus haben, auf den Inhalt von Postsendungen 7 % Steuer zahlen muss, auch wenn vorher schon die EU-Mehrwertsteuer gezahlt wurde. Ansonsten muss man die Sendung verplombt vom Flughafen abholen lassen und so weiter und so fort. Wir erinnern uns an die gelieferten Solarpanele in Bar in Montenegro. Dieser Aufwand zahlt sich dieses Mal wohl nicht aus und ich bin froh, dass wir das Paket höchstwahrscheinlich auf den Kanaren empfangen können. Darin befinden sich nämlich unter anderem wichtige Fluchtluken, die durch eine Rückrufaktion der Werft getauscht werden müssen. Die Fluchtluken sitzen an der Wasserlinie und ermöglichen es der Crew bei einer Kenterung den Kat mehr oder weniger trockenen Fußes zu verlassen. Es gibt laut Internet mindestens einen Fall, bei denen diese Fluchtluken durch einen Produktionsfehler herausgefallen sind und der Katamaran zum Totalschaden wurde. In Kroatien haben wir dafür ein Sicherheits-Patch in diese Luken eingeschraubt, damit ein unbeabsichtigtes Herausfallen nicht mehr möglich ist. Aber eine endgültige Lösung ist das noch nicht – auch tritt immer wieder etwas Wasser durch die Luken ein. Ansonsten ist die Lösung sicherheitsmäßig unbedenklich weil sehr stabil. Die Ersatzluken wollen wir trotzdem vor der Atlantiküberquerung unbedingt noch einbauen.

Am 24.8.2020 geht es durch die Meerenge von Gibraltar raus auf den Atlantik in ungefähr 4 Tagen Richtung Fuerteventura. Lanzarote haben wir mit einem Charterboot bereits besegelt, deshalb werden wir diese schöne Insel dieses Mal an steuerbord liegen lassen. Bei der Passage von Gibraltar muss Wind- und Stromrichtung zusammenpassen, sonst gibt es kurze steile hohe Wellen. Auch bläst es hier an 300 Tagen im Jahr mit fast Sturmstärke. Durch das beengte Zusammentreffen von Atlantik und Mittelmeer gibt es hier alle paar Stunden Strömungen von bis zu 6 Knoten. Wenn man also zur falschen Zeit losfährt, macht zwar 6 Knoten Fahrt durchs Wasser aber für mehrere Stunden keinen Boden gut. Im Dunkeln möchten wir hier auch nicht mehr durchfahren. Bei unserer ersten Gib-Passage vor 2 Jahren hatten wir Zeitdruck und mussten daher bei nicht idealem Wetter durchs Loch. Eine Erfahrung, die wir gerne ausgelassen hätten. Bei Starkwind mit Schaden an der Groß-Rollanlage und hohen steilen Wellen ritten wir im Dunkeln nach Barbate. Anstrengend für Muskeln, Psyche und Maschine. Dieses Mal haben wir Zeit auf das richtige Wetterfenster zu warten und wir freuen uns schon sehr auf die lange Atlantikwelle und den Passatwind, der uns von hinten flugs auf die Kanaren schieben wird.

Ein Kommentar

  1. na pfiat mi Gott, ihr lässt ja wahrlich nichts aus. Ich freue mich jedesmal, wenn ich wieder einen Bericht von euch lese. Besser als jeder Krimi. … und Martin, ich finde es toll, dass du nicht mehr nur Hydranten fotografierst 😉 die Fotos sind atemberaubend. Grüßt mir die Delfine und die Kanaren, lg Renate

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