Was so alles kaputt geht oder „die Ersatzteil-Rallye“

Es ist nicht alles auf einem Schiff was kaputt geht. Aber das meiste.

Wir kennen mittlerweile jeden Schiffszubehör-Händler zwischen Portugal, Südspanien und Nordafrika. Ich sag es gleich: man will sie gar nicht kennen. Keine Fremdsprachenkenntnisse, abenteuerliche Geschäfte, die an Müllhalden erinnern oder teurer sind als die Polizei erlaubt. Was bleibt einem übrig? Die Dachluken lecken alle bei heftigen Wellen. Ein kleines Plastik-Scharnier einer Dachluke ist kaputt: EUR 60,-. Dieses bekommen wir in 10 besuchten Zubehörgeschäften nicht. Also online bestellen mit ungewisser Lieferzeit aus Italien in den Augustferien. Den geplatzten Watermaker-Schlauch und dazugehörige Ventile sowie Rollleinen bekommen wir in Faro, einen Gaswarner in El Puerto de Santa Maria, Insektenspray, Imprägnierspray, Salzsäure und einen Schamfilschutz für den Unterliekstrecker in einem Baumarkt in Lagos und so weiter. Der Simmering für die Propellerwelle des Außenborders muss aus Japan bestellt werden. In den meisten besuchten Geschäften bekommt man genau das nicht was man braucht. Die Liste ist endlos. Und sie wird nicht kürzer. Sobald etwas repariert ist, kommt das nächste Thema daher. Die Weisheit, dass die Anzahl der Fehler in einem System gleich bleibt bewahrheitet sich auch hier.

Abgesehen von der aufwändigen Wartung des Schinnakels mit all seinen Systemen von Wasser-, Gas bis Elektro-Installation – vergleichbar mit einem Einfamilienhaus – kommt noch das Rigg inklusive stehenden und laufenden Gutes sowie Motoren, Getriebe, Steuerung, Elektronik, Zubehör und gefühlte 1.000 km Wartungsfugen dazu. Bei der Beanspruchung in Wind und Welle und der salzhaltigen Umgebung geht das ganze Geraffel immer im falschen Augenblick zugrunde und wenn man nicht rechtzeitig darauf schaut, dass man es herrichtet bevor es absolut notwendig wird, sind die guten Aussichten schnell getrübt und so manche Sorgenfalte bahnt sich den Weg auf das sonnengebräunte Haupt.

Die Schwielen von den Händen waren fast verschwunden als wir von unserer Landtour in Südspanien zurückkommen. Aber wir staunen nicht schlecht, als wir sehen, dass eine Mooringleine des Hafens von jemandem für andere Zwecke uminterpretiert wurde. Sie sollte eigentlich unser Schiff am gleichen Platz halten. Gut, dass wir eine zweite haben und der Kugelfender am Backbordheck das Schlimmste verhindert. Im Schiff angekommen hören wir, dass eine Pumpe läuft. Das ist schlecht, weil die Seewasserpumpe läuft trocken und ist natürlich dadurch heiß gelaufen. Dadurch hat sie die Dichtung des Seewasserventils in Mitleidenschaft gezogen und selbiges tropft nun. Mit längerer Abwesenheit wäre das Schiff durch die heißgelaufene Pumpe wahrscheinlich zuerst abgebrannt und dann durch einströmendes Meerwasser wieder gelöscht worden. Da hätten wir dann mit Glück noch den Mast vorgefunden. Zukünftig werden wir nicht vergessen, alle Systeme vor dem Verlassen des Schiffes vom Stromnetz zu trennen. Ach ja, den Stromausfall hätte ich fast vergessen. Gut, dass die Batterien dank unseres Solarkraftwerks am Dach durch die Abwesenheit von Lade-Elektrizität nicht in Mitleidenschaft gezogen sind. Die Gelbatterien mögen nämlich keine Tiefenentladungen – da versagen sie einem im Handumdrehen den Dienst – der Tausch ist dann nicht ganz billig. Der zusätzliche Saharastaub am mittlerweile hellbraunen Schiff nimmt sich da aus wie Kinderkram.

Die gute Nachricht ist, wenn man erst die Ersatzteile gefunden hat, lässt sich mit Zeit, einigen Internet-Recherchen und vielen schlimmen Flüchen fast alles richten. So geschehen in Melilla. Geplatzten Wasserschlauch mit Druckwasserschlauch und Zusatzventil getauscht, die Seewasserpumpe ist trockenlauffähig und funktioniert noch. Das defekte Seewasserventil wird mit Gewindedichtband wieder tropffrei gemacht. Der Stromausfall entpuppt sich als Landstromproblem, da ein Schiff mit fragwürdiger Elektroinstallation laufend alle Schiffe am gesamten Steg „schießt“. Das böse Schiff wird ausgesteckt und schon fließt die Energie – dieses Mal Gottseidank nicht unser Problem. Neuen Gaswarner installiert – dafür Kabel durch das halbe Schiff gezogen, aber sicher ist sicher wegen Explosion und so. Schamfilschutz am Unterliekstrecker angebracht, Backofen und Herd aus- und wieder eingebaut und ganzes Schiff geputzt. Nach drei Tagen sind wir wieder so was von fahrbereit. Jetzt brauchen wir nur noch den Wind aus der richtigen Richtung. Wenn alles erledigt ist, freut man sich wie ein kleines Kind, das das kleine Einmaleins beim Test gekonnt hat. Das gibt Motivation und Zuversicht für die Herausforderungen, die noch kommen werden. Ich glaube kleiner werden sie nicht aber man wächst ja bekanntlich damit. Außerdem: fad wird’s sicher auch nicht.

Getriebeöl- und Simmeringwechsel für den Außenborder hebe ich mir auf bis auf die Kanaren, denn wir haben damit in Albanien eine Angelleine gefangen und wenn sich diese in die Propellerwelle reinzieht, zieht sie den Simmering in Mitleidenschaft. Dadurch gelangt Seewasser in das Getriebe und das mag es einfach nicht weil es bisher immer das gute Getriebeöl bekommen hat. Reffleinen und Davitleinen haben auch schon Verschleißerscheinungen, so dass diese auch bald gekürzt, umgedreht oder gewechselt werden. Die Motorenwartung wird vermutlich auf den Kapverden oder in der Karibik fällig. Dafür haben wir seit Kroatien alles mit. Die Fallen und die Segel gehen noch, aber versprechen tu ich nix. Die Reise ist trotzdem wunderbar und für viele Mühen wird man schon am nächsten Tag durch schöne Erfahrungen reich belohnt.

2 Kommentare

  1. Geh leck, da braucht es aber großen Enthusiasmus, um nicht aufzugeben. I hätt die Segel scho g‘strichn und fahrst in die Steiermark als Senner auf a Alm oder tät Schwammerl brocken, bevor i selba zum Schwammerl werd.
    Euch aber alles Gute, wir stechen mit unserem Kat kommende Woche in „den“ See, nämlich in den Bracchianosee!
    Rainer u. Traudi

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