Rauschefahrt durch Gibraltar auf die Kanaren

Zwei Stunden vor Hochwasser in Ceuta ablegen und dann flugs durch die Meerenge von Gibraltar, um bei ablaufendem Wasser die Strömung mit uns zu haben. So sagt es der Mediterranean Almanach. Gesagt getan. Hat man am Beginn der Durchfahrt die Strömung noch gegen sich entwickelt sich die Fahrt immer schneller bis man im Atlantik regelrecht ausgespuckt wird. Morgens haben wir dichten Nebel und wir fahren mit Navigationslicht und Radar in die Meerenge. Die marokkanische Küstenwache funkt uns an, wir sollen nur ja nicht näher an Marokko kommen. Dem Wunsch entsprechen wir gerne. Den dichten Frachtschiffverkehr überlassen wir dem Verkehrstrennungsgebiet und wir fahren südlich daran vorbei. Im Atlantik angekommen biegen wir links ab Richtung Süden und rauschen nur so dahin.

Jetzt geht es darum, dass wir beide einigermaßen fit bleiben und das Wach-, Essens- und Schlafmanagement in Angriff nehmen. Am Beginn ist das immer etwas holprig, weil man halt tagsüber nicht auf Befehl schlafen kann und sich der Körper auch erst mal an die Schaukelei der Wellen gewöhnen muss. Wichtig ist, dass man isst und ausreichend trinkt, auch wenn einem gerade mal nicht danach ist. Die Fahrt soll mit ausreichend Wind von hinten für die 650 Seemeilen nach Fuerteventura 4 bis 5 Tage und Nächte dauern. Wind von hinten ist was ein Katamaran braucht. Nachdem wir einen Wassermacher haben, füllen wir den vorne liegenden Wassertank nur maximal zur Hälfte an um vorne leicht zu sein. Wir rauschen bei ca. 20 Knoten Wind mit Gennaker mit einer Geschwindigkeit von 7 bis 10 Knoten dahin. Strom und Welle gehen in unsere Fahrtrichtung. Perfektes Segeln. Nachmittags und nachts frischt der Wind auf bis zu 25 Knoten und in Böen bis zu 30 Knoten auf und wir müssen den Gennaker zweimal täglich bergen und segeln danach mit Groß und Genua im Schmetterling genau so schnell. Hin und wieder werden ein bis zwei Reffs fällig wobei die Bootsgeschwindigkeit immer annähernd gleich bleibt. Ab dem dritten Tag sind wir dann so müde, dass wir jederzeit schlafen können, wenn nicht gerade der Adrenalinpegel durch nächtliches Auffrischen vom Wind und dem damit verbundenem Bergen des Gennakers auf 300% steigt. In diesem Alarmzustand wird’s mit dem Schlaf erst mal nichts. Ab 22 Knoten Wind wird das Bergen des Gennakers nämlich zum Kraftakt. Eigentlich bräuchte man dazu 3 Personen. Zu zweit muss einer muss am Vorschiff die Endlos-Rollleine bedienen und gleichzeitig eine Schot fieren und der andere bedient die zweite Schot. Dabei weht der Gennaker nach vorne aus und zerrt dermaßen an den Schoten, dass man ohne Handschuhe schon mal feurige Hände bekommt. Oft nehmen wir den Motor zu Hilfe um mit mehr Fahrtwind den wahren Wind von hinten zu reduzieren. Wenn der Wind noch nicht zu stark ist, lässt sich der Gennaker zu einer schönen Wurst zusammendrehen und er wird durch Umwickeln der Schoten praktisch gefesselt, damit er sich nicht mehr unbeabsichtigt ausrollen kann. Das wäre zum falschen Zeitpunkt nämlich durchaus gefährlich für das Rigg. Ist uns auch schon mal passiert – passiert uns nie wieder ;-). Will sich das vermaledeite Ding wegen zu viel Wind einmal partout nicht ordentlich einrollen lassen, holen wir es im Schatten der gesetzten Genua mit dem Fall komplett herunter und fesseln es an die Reling bis wieder bessere Bedingungen herrschen oder zumindest Tageslicht vorhanden ist. Dabei will man angeleint sein, denn das große Segel entwickelt dabei schon mal ein kräftiges Eigenleben. Auch Ein- und Ausreffen kommt bevorzugt zu einem Zeitpunkt, wo man gerade ins Bett gegangen ist oder wenn es dunkel ist. Ja, Segeln ist doch ein Sport.

Wir wechseln uns nach ungefähr jeweils 4 Stunden mit der Wache ab. Einmal pro Tag wird gekocht und gemeinsam gegessen. Der tägliche Kontrollgang mit Check von Rigg, Autopilot und Motoren sowie Befestigungen wird absolviert und wenn wir uns alleine und/oder in der Nacht und/oder bei viel Wind vom Steuerstand oder Cockpit entfernen verwenden wir die Rettungswesten mit Lifelines an den Strecktauen. Was uns immer klarer wird: wenn man mit gesetztem Gennaker nachts bei ausreichend Wind über Bord geht, wird es für die verbleibende einzelne Person am Schiff beinahe unmöglich, die Person wieder aufzunehmen. Auch mit AIS-Ortung in der Rettungsweste und so weiter. Mit dem Gennaker kann man nicht einfach umdrehen und gegen den Wind kreuzen. Auch wenn der andere durch den AIS-Alarm bei Person über Bord aufwacht, entfernt man sich so schnell von der Person im Wasser, dass man bald die AIS-Verbindung verlieren wird und falls man es überhaupt schafft den Gennaker alleine zu bergen, dann umzudrehen, gleichzeitig Ausschau zu halten, den Plotter im Auge zu behalten und die Person zu finden und in hohen Wellen mit dem Schiff so zu manövrieren, dass man die Person nicht mit dem Schiff dabei erschlägt, ist nicht einfach. Eventuell kann man so rasch wie möglich den Gennaker ins Wasser opfern und wenn sich nichts am Schiff verheddert hat mit Motor umdrehen. Auch Hilfe von außen wird nachts keine Wunder wirken. Bis jemand da ist – falls überhaupt wer kommen kann – dauert es Stunden und dann einem Suchmuster folgend einige Stunden lange eine inzwischen abgedriftete Person zu finden erfordert mehr als ein Quäntchen Glück. Im 21 Grad warmen Wasser ist das eine lange Zeit, nach der man wahrscheinlich wegen Unterkühlung nicht mehr sehr beweglich sein wird. Aber das wollen wir lieber nicht ausprobieren. Daher: nicht über Bord gehen und wenn doch sollte man sich bei schlechten Bedingungen nach freundlichem Winken langsam mit dem nächsten Leben befassen.

Am Vorwindkurs ist ein Katamaran unschlagbar. Man ist schnell und auch bei Wellen von mehreren Metern bleiben Gläser und Teller am Tisch stehen, so dass man wie ein Mensch kochen, essen und dabei trinken kann. Am Einrumpfer ist man in vergleichbaren Bedingungen derartig durch Jonglieren von Besteck und Teller abgelenkt, dass vom Genießen der mittlerweile ausgekühlten Mahlzeit keine Rede sein kann. Von Trinken während des Essens schon einmal gar nicht. Dafür kann man mit dieser Nummer wahrscheinlich nach einigen Überfahrten im Zirkus auftreten.

Beim Amwindkurs sieht es wieder anders aus. Der Einrumpfer schneidet in Schräglage durch die Wellen. Der Kat springt hingegen über jede Welle. Reiten ist vermutlich der Vergleich, der dieses Gefühl am ehesten trifft. Nur ist der Esel auf dem man beim Segeln sitzt nicht mit Karotten zu bestechen. Hunger hat man dann ohnehin keinen, daher erübrigt sich wenigstens das Kochen.

Auch hier gibt es jede Nacht Meldungen von Flüchtlingsbooten. Wir sind uns ziemlich sicher, dass diese nicht von den Küstenwachen gerettet werden, sondern ihrem Schicksal überlassen werden. Falls sie in die Nähe von Spanien kommen und entdeckt werden, nehmen sich dann die Behörden darum an. Die Funkstationen wiederholen laufend für viele Stunden die Positionen der Flüchtlingsboote und wissen sogar, wieviele Personen sich an Bord befinden, welche Farbe das Boot hat und in welche Richtung es fährt. Dabei wird lediglich die Schifffahrt vor Kollisionen gewarnt. Eine koordinierte Rettungsaktion über Funk hört sich ganz anders an. In den Medien erfahren wir, dass alleine in der letzten Woche mehrere hundert Flüchtlinge in der EU gelandet sind. Wieviele dabei Schiffbruch erleiden ist schwer zu sagen, aber unserer Einschätzung nach müssen es sehr viele sein. So manch einen Politiker möchte man glatt auf einen Törn einladen. Vielleicht bringt das den ein oder anderen zum Nachdenken.

Die Funksprüche sind zum Teil sehr ernst aber zum anderen Teil auch sehr amüsant. Die undeutliche englische und vor allem trotzdem rasend schnelle Aussprache der spanischen Küstenfunkstellen mit Informationen für die Schifffahrt alleine ist schon lustig und leider weitgehend unverständlich aber die Kommentare der umliegenden Schiffe auf den Kauderwelsch verleitet oft zum herzhaften Lachen. Oft kommt nach der offiziellen Durchsage auf Kanal 16 ein „Mimimimimimimimi“ frei nach Beaker aus der Muppets-Show. Auch Affenlaute und sonstiges Geheul ist vernehmbar. Genau so wenig versteht man nämlich meistens von der spanischen Funkerei.

Muppets Show’s Beaker mit Mimimimi

Auch dieses Mal bleiben wir vor schifflichen Wehwehchen nicht verschont. Das AIS gibt eine Fehlermeldung aus, dass unsere Position nicht mehr gesendet werden kann – ein Wackelkontakt zur VHF-Antenne. Schwer zu finden bei 25 m Kabel bis zum Masttop. Das Überdruckventil des Wasserboilers tropft ohne Überdruck. Naja – kein Kommentar. Die Anzahl der Fehler in einem System bleibt bekanntlich gleich, egal wieviele man behebt.

Es gibt bessere und schlechtere Tage. An den schlechteren mit ruppigen Bedingungen ist man ziemlich geschlaucht und für Manöver schwer motivierbar und an den guten ist es herrliches Segeln mit Genussfaktor. So ein Segel bergen um dann die anderen zu setzen mit Barberholer und Bullenstander, den damit verbundenen Kurswechseln etc. ist schon gut und gerne mal eine halbe Stunde Arbeit, was uns ja meistens Spaß macht. 30 Seemeilen von der marokkanischen Küste entfernt drehe ich nachts das Deckslicht auf um so ein Segelmanöver zu machen. Während das Deckslicht leuchtet hat man bei Neumond keine Sicht auf das Rundherum. Deshalb schaut man vorher ob man freien Seeraum hat. Nachdem das Manöver erledigt ist, gehe ich zufrieden in den Salon und drehe das Deckslicht ab. Gerade rechtzeitig denn vor mir erstrecken sich plötzlich unzählige Blinklichter, die wahrscheinlich ein Fischernetz markieren. Hier mit voller Besegelung reinzurauschen um dann nicht mehr manövrieren zu können, keine Segel bergen zu können und so weiter möchte ich mir gar nicht ausmalen also springe ich an Deck und lege Ruder um 90 Grad, wecke Kerstin auf und wir bergen die Segel, fahren unter Motor gegen Wind und Welle zurück bis wir das Minenfeld verlassen können. Gegen Wind ist man dann auch gleich Salzwasser geduscht, auch wenn man hoch oben am Steuerstand steht. Durch das angestrengte in die Nacht Starren bekommt man Halluzinationen und man sieht schon Lichter wo keine sind. Da freut man sich richtig aufs Bett. Dabei ist das Schlafzimmer je nach Bedingungen der lauteste Platz auf dem gesamten Schiff. Rollen die Wellen etwas seitlich an das Schiff heran, gibt es alle paar Wellen einen richtigen Kanonendonner, den die Welle wie auf eine riesige Basstrommel in den hohlen GFK-Rumpf klopft. Dazu kommt das Knarzen und Knacken des Riggs, der Einbauten und der Segel. Das Ganze wird zu einem Konzert, das einen in Eindringlichkeit und Lautstärke an die Schlacht bei Trafalgar erinnert. Dazu kommt, dass man neuartiges Knacken als Gebrechen interpretiert. Immerhin kann ich mittlerweile an den Geräuschen des Autopiloten erkennen, welche Schraube nachgezogen werden muss. Hat ja auch was Gutes. Mit Ohropax geht es aber meistens, außer am Wind, wo man im Bett manchmal auch ungewollte Luftsprünge macht, ein bisschen wie auf einer Achterbahn. Da musst du dann schon sehr müde sein um zu schlafen – aber das ist nur eine Frage der Zeit. Wie heißt es deshalb so schön: „Gentlemen don’t go windward.“ Während der Nachtwachen ist Musik und Hörbücher hören ein willkommener Zeitvertreib.

Ein durchschnittliches Tagesetmal von 151 Seemeilen und ein Spitzenetmal von 163 Seemeilen lassen uns zufrieden auf die Überfahrt zurückblicken. Mit dem letzten Licht kommen wir mit 680 geloggten Seemeilen nach 4,5 Tagen in Fuerteventuras Puerto del Rosario an. Am Funk meldet sich niemand in der Marina, daher fahren wir gekonnt in die nächstbeste schmale Parklücke bei einigem Wind. Sogleich kommt ein Zollbeamter und wir müssen leider nochmal umparken. Mittlerweile können wir das auch zu zweit ohne fremde Hilfe. Das ist auch notwendig, denn helfen tut uns hier niemand. Beim behördlichen Einklarieren kommt man sich vom schriftlichen Aufwand manchmal vor als würde man ein Haus kaufen bei der Anzahl von Formularen und Informationen, die man dafür braucht. Natürlich alles auf spanisch ohne Fremdsprachenkenntnisse des Offiziellen. Mit Geduld, Händen und Füßen lässt sich auch das am besten bewältigen und nach einer halben Stunde sind wir dann auch offiziell am Papier auf den Kanaren angelangt.

Da kommen wir auf den Kanaren an und woher kommt unser Nachbarlieger? Aus Oberösterreich! Eine freudige Überraschung. Der erste heimatliche Dialekt seit März lässt uns gemütlich bei einem Bier tratschen. Der örtliche Strand ist schön und leer, die Lokalszene dezimiert, aber gemütlich und preiswert. Jetzt geht es ans Entsalzen vom Schiff und an die wichtigsten Reparaturen. Danach werden wir einen Ankerplatz im Süden der Insel anlaufen und rasch weiter nach Las Palmas auf Gran Canaria fahren. Dort wird am Schiff weitergearbeitet. Wir sind froh, dass wir hier sein dürfen. Alles wunderbar, das Leben ist schön.

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