Je weiter wir südlich von Nosy Be kommen, desto einsamer und ursprünglicher wird es. Eine Bucht auf dem Festland wird unser Stopp zum Hochzeitstag. Die Russian Bay ist menschenleer, lediglich wenige Charter-Katamarane nutzen sie zum Schutz vor Wind und Welle. Ein paar kleine Ausflugsboote kommen zum Mittagsstopp in das einzige Strandlokal. Den französischen Betreiber finden wir abends in der Hängematte vor: „Heute gibt es nichts mehr, habe heute schon 15 Gäste gehabt.“ Ein Stück weiter betreibt eine junge Deutsche eine Pension. Es gibt zwar keine Gäste aber man kocht uns hervorragendes Gemüse mit Fisch. Die Pension besteht aus ein paar Basthütten, die jeweils ein Bett mit Moskitonetz beherbergen. Der Strom reicht gerade für die Beleuchtung des Restaurants, einen Kühlschrank gibt es nicht, dafür wird alles frisch zubereitet. Das Dorf ist einfach. Eine Straße, die das Dorf von Land aus erreichbar macht, ist nicht vorhanden. In die Bucht münden einige Flüsse. Dadurch erklärt sich das schlammige Brackwasser mit umliegenden Stränden, Mangroven, kleinen Krokodilen und Moskitos. Den Tag beenden wir wie immer gemütlich an Bord unter unserem das ganze Cockpit überspannenden Moskitonetz.
Zum Schwimmen und Wassermachen segeln wir weiter nach Nosy Iranja. Bei Niedrigwasser wachsen zwei kleine Inseln durch einen langen Strandstreifen zusammen. Das macht es zum beliebten Ziel für Tagesgäste aus Nosy Be. Der kleine Wanderweg zum höchsten Punkt der Insel (mit Leuchtturm aus der Feder von Monsieur Eiffel höchstpersönlich) ist mit Händlerinnen lokaler Handwerkskunst gesäumt. Pareos, T-Shirts, Schnitzereien, Taschen und handgestickte Tischdecken finden sich in allen Formen und Farben. Am Sunset-Strand sind ein paar Liegen aufgestellt. Dort werden Massagen und Trink-Kokosnüsse angeboten. Mit Beginn der Dämmerung ist der Spuk vorbei. Das Dorfleben normalisiert sich, alle Waren werden verstaut, die Boote sind weg und wir sind die einzigen Gäste auf der Insel. Eine Bar hat noch geöffnet. Der Koch serviert uns einen exzellent gewürzten riesigen Fisch mit Kartoffeln und Gemüse. Die Köhler sorgen hier noch für die Holzkohle, die für die Feuerstellen zum Kochen dienen. Immer wieder sehen wir uns ungläubig um und wähnen uns in der Steinzeit.



































Wir beschließen, die totale Mondfinsternis hier zu verbringen, denn Lichtsmog gibt es mangels Elektrizität auf der Insel nicht. Außerdem sehen wir seit Tagen kein Wölkchen am Himmel. Ideale Bedingungen also. Wir machen es uns draußen gemütlich. Am Vordeck im Wind brauchen wir in diesen Breiten nachts schon eine Weste. Leider steigen mit dem Mond zeitgleich Wolken auf und kurz vor Beginn der Mondfinsternis verwehren sie uns den ersehnten Blick auf den abgedunkelten Erdtrabanten.
Für die nächste Station segeln wir wieder auf die Hauptinsel Madagaskar. In Ambariomena ankern wir im „Honigfluss“. Den Namen kann man beim trüben Flusswasser nicht sofort nachvollziehen, aber schon bald kommt eine nette Dame in ihrer Piroge angerudert und bietet uns Honig in großen alten Plastik-Wasserflaschen an. Er schmeckt hervorragend und ist mangels Verfügbarkeit weiterer Mittel ganz sicher naturbelassen. Fidel, ein Einheimischer holt uns zu einer kleinen Tour mit seiner Piroge ab. Beim Aussteigen bleiben wir gleich einmal im knietiefen Schlamm stecken und müssen unsere Sandalen wieder ausgraben. Im nahegelegenen Dorf wohnen hundert Menschen, davon knapp siebzig Kinder. Wir verteilen ein paar Gastgeschenke und werden vom örtlichen Lehrer durch Ort, Schule und Bibliothek geführt. Das Klassenzimmer ist wie aus einer anderen Zeit. In der Bibliothek liegen aber neue Stifte und Hefte bereit. Alte Bücher, Brett- und Outdoor-Spiele kann man sich ausleihen. Wir sprechen mit dem Lehrer über die Vorteile der Sozialisierung der Kinder in der Dorfgemeinschaft ohne Autos. Er hält dagegen, dass aus seiner Sicht der Mangel an medizinischer Versorgung, Elektrizität und Artikel des täglichen Bedarfs schwerer wiegen. Die Kindersterblichkeit unter fünf Lebensjahren liegt in Madagaskar bei sechs Prozent, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 64 Jahren. Die nächste Versorgungsmöglichkeit für das Dorf ist Nosy Be. Das bedeutet eine sechs bis acht stündige Seereise mit einem mehr oder weniger seetüchtigen Boot. Der Lehrer hat das einzige Smartphone im Dorf. Er lädt es mit einem kleinen Solarpanel. Einmal täglich steigt er auf den Hügel um Netzempfang zu bekommen. Leider ist es kaputt gegangen. Es fühlt sich gut an, als wir ihm unser Ersatzgerät stiften. Als Dankeschön erhalten wir im Gegenzug einige Fische, die in der Flußmündung gut gedeihen. Der Fluss weist außerdem einen besonderen Krabbenreichtum auf. Die Tiere werden tonnenweise nach China exportiert. In den umliegenden Dörfern werden zusätzlich Bastmatten, Körbe und gehäkelte Taschen hergestellt. Alles aus Naturfasern. Die Fäden werden aus langen Blättern gemacht, getrocknet und eingefärbt. Häkeln ist eine Aufgabe der Kinder, die das geschickt neben den Schulbüchern machen. Ist das Handarbeitsunterricht oder Kinderarbeit? Am anderen Flussufer befinden sich einige Hütten, die angeblich in Zukunft als Hotelzimmer genutzt werden sollen. Fidels Familie serviert uns zum Mittagessen reichlich Reis mit Fisch und Krabben. Betelnüsse dienen hier manchen Erwachsenen nach dem Essen zur Zerstreuung von der täglichen Mühsal und/oder der Fadesse.
Unser nächstes Ziel ist Nosy Kalakajoro. Der katabatische Wind ist verlässlich. Er weht ab Mittag mit sieben bis fünfzehn Knoten auflandig und nachts leicht ablandig. Die anfänglichen Strecken Richtung Süden sind mit 15 bis 20 Seemeilen kurz. Bei diesem Revier handelt es sich um einen echten Geheimtipp für Segler und Chartergäste. Angeblich gibt es Charterboote ausschließlich mit Crew zu mieten. Dafür bekommt man um den Preis einer Bareboat-Charter anderswo, hier „all inclusive“ mitsamt Personal. Mit einem Flug nach Nosy Be, gutem Mückenspray und Malarone als Malaria-Prävention ist man gerüstet. Malarone ist zwar teurer als Doxycyclin, aber unserer Meinung nach wesentlich besser verträglich.
Die Strände von Nosy Kalakajoro sind wieder einmal traumhaft. Das verzeichnete Hotel entpuppt sich als eine Ansammlung verfallender Hütten. Am Strand holen uns zwei Mädchen ab, die uns in ihr Dorf bringen, inklusive Fangenspielen. Die Hütten sehen aus wie kleine Zelte aus Palmenblättern. Es fällt schwer zu glauben, dass diese Behausungen überhaupt bewohnt werden. Hier leben die Menschen hauptsächlich vom Export der gesammelten Seegurken nach China. Wir wollen auf den Hügel aber der Weg endet im Dickicht an einer Quelle. Die am Boden liegenden Waschpulversäckchen verraten die Verwendung des romantischen Plätzchens im Wald. Wie vor hunderten Jahren werden am Strand unaufhörlich Pirogen ausschließlich mit Naturstoffen repariert und abgedichtet. Als einziges Werkzeug dient eine Machete samt einer kleinen Feuerstelle. Trotz des kargen Insellebens lädt uns eine am Boden essende Familie ohne zu zögern zum Essen ein. Wir winken dankend ab. Es stellt sich heraus, dass es sich um die einzige moslemische Familie auf der Insel handelt. Der gastfreundliche Bootsbauer zeigt uns stolz seine Bootsbaustelle. Ein ungefähr zehn Meter langes Segelboot, größer als alle anderen auf der Insel. Es soll als Frachtschiff dienen.
























Auf Nosy Antanimora ist ein Restaurant und ein Resort verzeichnet. Ein langer schmaler Sandstreifen verschwindet ins Meer. Kitschig. Zunächst machen wir uns auf den Weg zum Restaurant. Heute leider geschlossen. Ein älterer Herr begleitet uns durchs Dorf zum einzigen Laden auf der Insel. Es gibt Gemüse und Gewürze. Beim Resort angelangt, stellen wir fest, dass es wegen Umbauarbeiten keine Gäste gibt. Immerhin kann man Snacks und Getränke bestellen. Mithilfe einer Überwachungskamera wird unsere Fünf-Sterne-Pool-Session früher unterbrochen als geplant. Am nächsten Nachmittag ist das Restaurant offen und wieder zaubert man aus minimalen Mitteln ein tolles Menü. Hut ab.
Den morgendlichen Wind nutzen wir für die 45 Seemeilen in die Moramba Bay. Eine seichte Flussmündung mit vielen kleinen bezaubernden Sandstränden und Inselchen. Hier gibt es auch größere Affenbrotbäume und Lemuren in freier Wildbahn zu bestaunen. An vielen tropischen Destinationen wurden Palmen eingeführt, um Kopra zu erzeugen. Das ist in Madagaskar nicht der Fall. Daher ist die Vegetation vielfältiger als in anderen Ländern.
In der Zwischenzeit erfahren wir, dass in der Russian Bay zwei Außenbordmotoren beim Landgang der Crews gestohlen wurden. Angeblich wurden sie aber nächsten Tag zurückgebracht. Wir sind froh über das Vorhängeschloss an der Verschraubung unseres Außenborders.
