Im Vollwaschgang nach Madagaskar

Die Strecke verlangt nicht nur uns, sondern auch Infinity so einiges ab. Am Samstag nehmen wir Kurs Richtung Süden und bereiten uns geistig auf einen holprigen Feldweg vor. Erst einmal motorsegeln um Höhe zu gewinnen. Der Wind ist zunächst schwach, steigert sich kontinuierlich. Damit werden auch die Wellen höher und höher.

Am dritten Tag geht es auch schon los. Mit Gegenstrom und steilen Wellen aus allen Richtungen warten Squalls mit 27 Knoten Wind auf uns. Infinity und wir ächzen um die Wette. Der Katamaran rollt stark und bockt in den Wellen. Das Rigg knarzt und unter Deck wähnt man sich in einer Geisterbahn mit Seeschlachtgeräuschen. Bald gehen wir ins dritte Reff. Den ganzen Tag hängen dunkle Wolken über uns, Regen inklusive. Weltuntergangsstimmung. Die von den Wellen verursachten Bewegungen von Infinity sind unvorhersehbar und stark. Die Wellen krachen von unten mit Gewalt an das Brückendeck. Ein kleiner Riss unter der Salon-Schiebetür tritt wieder auf und im Schlafzimmer ist ein neuer Quietschton unüberhörbar. Auch dort wachsen kleine Risse zu größeren. Bei diesen Wellen ist kein Schiff ganz dicht. Der Mastfuß leckt. In den Bilgen finden wir kleine Salzwasserpfützen vor. Noch nichts Beunruhigendes. Die Wellen waschen über das Kajütdach hinweg. Das sind ungefähr vier Meter. Die Türen schließen nicht mehr, weil sich das Schiff verwindet. Wir müssen sie festbinden, damit sie nicht hin und her knallen. Auch ansonsten ist alles festgezurrt, was nicht niet- und nagelfest ist. Alles andere wäre Futter für das Katapult. Wie gut, dass wir im Vorfeld für die gesamte Fahrt Essen eingefroren haben. Kochen ist unmöglich.  Wir kriechen manchmal auf allen Vieren herum, um nicht zu fallen. Trotz stabiler Seitenlage wie im Erste-Hilfe-Kurs gelernt, kullern wir im Bett herum. Der Schlaf ist  – wenn überhaupt möglich – keineswegs erholsam. Wir können uns nicht erinnern, schon mal unter solchen Bedingungen gesegelt zu sein. Oder werden Erinnerungen etwa mit der Zeit verklärt?

Froh sind wir, dass wir auch von drinnen steuern können. Die Segel stehen aufgrund der Rollreffs nicht gut und haben vorne mittig einen Bauch, weil sich der eingereffte Teil dort aus der Wurst herauszieht. Die salznasse Reffleine der Genua steht derartig unter Zug, dass sie bei Böen durch den geschlossenen Stopper gezogen wird. Wir fixieren sie zusätzlich auf einer Winsch. In einer ruhigen Sekunde öffnen wir den Motorraum, um den Wassermacher einzuschalten. Dabei entdecken wir eine Beilagscheibe und eine Mutter am Boden. Durch das Gerüttel finden wir an Deck auch alte Splinte. Teile, die plötzlich auftauchen, bedeuten meist nichts Gutes, neue Geräusche kommen vom Mast. Wir fühlen uns wie in der Waschmaschine ohne Schonprogramm und ohne Weichspüler. 

Es bietet sich die Möglichkeit, eine Pause einzulegen. Ungefähr 200 Seemeilen vor der Nordspitze Madagaskars liegt ein zu den Seychellen gehöriges Atoll. Wir ankern in Lee von Farquhar und es kehrt Ruhe ein. Vor Einbruch der Dunkelheit machen wir uns hastig an die Bestandsaufnahme der Schäden. Es geht auch in den Mast, um das neue Rigg auf Kinderkrankheiten zu untersuchen. Alles okay. Die Beilagscheibe und die Mutter kommen vom Spannmechanismus des Keilriemens. Das ist eine schnelle Reparatur. Noch rasch eine neue Rollreffleine für die Genua eingefädelt. Ein Blick aufs Unterwasserschiff zeigt, dass sich eine der Gummi-Saildrive-Manschetten, die wir mühevoll mit Marinekleber 3M 5200 angeklebt haben, ablöst. Kommt gleich auf die Arbeitsliste für Madagaskar. Puh. Feierabend. Endlich können wir uns einmal ohne Sturzgefahr bewegen, gemeinsam draußen im Cockpit sitzen und eine Cola trinken. Früh fallen wir in die Federn und schlafen wie die Steine, denn ebenso früh morgens geht es weiter, um noch stärkeren Wind am Kap zu vermeiden. Im Norden von Madagaskar gibt es einen Kapeffekt, der sich gewaschen hat. Der Südostpassat zwängt sich dort an den Bergen vorbei und komprimiert sich zu stürmischem Wind. Dem Wasser geht es genauso und es gibt auch starke Strömung. Unser Plan scheint aufzugehen. Nicht ganz so schlimm. Böen bis zu 35 Knoten, die Strömung kommt seitwärts mit bis zu vier Knoten und schiebt uns nach Nordwesten. Als wir endlich die Kurve ums Kap gekratzt haben und der Wind langsam nachlässt, atmen wir durch. Mit verringertem Adrenalin kommt die bleierne Müdigkeit.

Wir lassen uns Zeit, um beim ersten Tageslicht am gewählten Ankerplatz anzukommen. Nosy (Insel) Fainhi liegt gegenüber von Nosy Mitsio, unbewohnt und unberührt. Ein einsamer Sandstrand und vollkommen klares Wasser erwarten uns. Der schöne Platz kann einen wieder mit dem Segeln versöhnen.

Martin wirft sich voller Elan ins Meer mit Sikaflex 91i und Malerrolle, um die Saildrive-Manschette unter Wasser wieder anzukleben. Schmieren, Rollen, Kleben. Siehe da, die Manschette hält. Das ist doch ein Teufelszeug, dieses Sika! Es gibt am Schiff keinen Quadratzentimeter, der nicht mit Salz bedeckt ist. Zumindest das Cockpit bekommen wir einigermaßen salzfrei, damit wir am Abend ein Ankerbier genießen können. Wie schon öfter erklären wir unseren Autopiloten Fredl zum Mitarbeiter des Monats. Fehlerfrei und ohne Murren bringt er uns bei jedem Wind und jeder Welle fast überall hin. Dabei gehört der hydraulische Autopilot just zu jenen Teilen, die in einem Katamaran-Test vor Jahren rein aufgrund seines visuellen Erscheinungsbildes beanstandet wurde und nicht zuletzt deshalb dieser Kat als vorletzter in punkto Qualität gereiht wurde. Bisher sind gefühlt so ziemlich alle anderen Teile kaputtgegangen, nur nicht das beanstandete. Solche Zeitschriften-Tests sind halt leider selten valide und objektiv.

Da wir am Wochenende ankommen und damit beim Einklarieren Aufpreise und „Trinkgelder“ fällig wären, verbringen wir noch einen Tag am einsamen Eiland und schnorcheln seit langem wieder vor einer Insel. Korallen, Fische, Sandstrand, Sonnenuntergang – alles wieder gut. Was war nochmals vorgestern? Haben wir die Segelei verflucht? Hm, weiß nicht mehr. 

Ein Holzboot mit einigen Fischern darin kommt mit zwei Oktopussen vorbei. Sie möchten sie gegen Flossen tauschen. Sie können weder Englisch noch Französisch. Leider haben wir keine Flossen übrig und wollen auch keine Oktopusse essen. Ein zweites rudimentäres Boot mit einer Familie kommt vorbei und fragt nach einem Angelhaken zum Fischen. Den bekommen sie und ein T-Shirt für den Sohn obendrein, da seines nur noch aus Löchern besteht. Der selbst zusammengeschnürte Einbaum mit Auslegern wird von den Dreien betrieben, indem einer einen alten Vorhang als Segel setzt und steuert, und die anderen beiden schöpfen. Schön anzusehen, wie man sich über ein T-Shirt freuen kann. 

Jetzt geht es aber zum Einklarieren in die Zivilisation und dort lernen wir wohl andere Seiten von Madagaskar kennen. Nosy Be ist die Touristeninsel im Norden Madagaskars und bietet neben schönen Stränden auch die einzigartige Flora und Fauna. 

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