Infinity macht blau

Ein kompatibles Antifouling ist hier leider nur in blitzblau zu kriegen, nicht gerade elegant, aber funktional. Infinity selbst muss jetzt erstmal nichts tun und lässt die Wellnessbehandlung ohne besondere Regung über sich ergehen.  

Für die Mitarbeiter im Boatyard gibt es einen Wohncontainer mit Küche und Nassbereich. Der ist so dreckig, dass die Mitarbeiter lieber im Freien duschen. Mit dem Leihwagen flüchten wir jeden Abend vom Werftgelände. Ein Wochenende nehmen wir uns eine Auszeit in einem Appartement in den Hügeln von Mahe. Überraschend günstig, groß, sauber, mit Klimaanlage, flauschigen Handtüchern und Pool im Garten. Leider spielt das Wetter nicht mit, es regnet dauernd und uns ist meistens kalt. Egal. Die Ortsveränderung tut gut. Am Abend genießen wir Bier von der kleinen Privatbrauerei am Fuße unseres Hügels. Das Bier ist großartig, der DJ spielt gute Musik und die Stimmung inmitten der Einheimischen ist überragend. Als es zu regnen beginnt, fahren wir zurück den Hügel rauf. Dabei müssen wir feststellen, dass die Straße bei Nässe mit Vorderradantrieb nicht zu bewältigen ist. Ein Mühlviertler blüht bei diesen Bedingungen auf. Immerhin lernte man früher das Autofahren im Winter bei Schneefahrbahn. Also im Retourgang den Berg hinauf. Das funktioniert bis zu einer unübersichtlichen Stelle, wo plötzlich die Straßenlaterne in den Rückspiegel blendet. Und schon geht es rein in die unabgedeckte Regenrinne, die genauso breit wie der Vorderreifen ist und parallel zur Fahrbahn verläuft. Alarmblinkanlage einschalten und um drei Uhr morgens ins Bett fallen. Um sechs Uhr wieder zum Auto, bewaffnet mit einem großen Ast, der genau in die Regenrinne passt. Oje, durch die Warnblinkanlage ist die Batterie leer. Nachdem es sich um ein Automatikfahrzeug handelt, kann man es auch nicht anlaufen lassen. Bei dem Gefälle wollen wir gar nicht wieder aus dem Loch raus bevor der Motor läuft. Kein Motor, kein Strom, kein Bremskraftverstärker, Regen, Gefälle. Das riecht schwer nach Totalschaden am Fuße des Berges. So müssen wir die Mitarbeiter der Autovermietung samt neuer Batterie herbitten. Die Autos, die sich an diesem Morgen zwischendurch am Hügel versuchen, kommen auf regennasser Straße nicht einmal bis zur Hälfte. Zwischenzeitlich kommt sogar die Polizei vorbei. Auch sie muss unten an der Straße stehen bleiben. Mit der neuen Batterie geht es ruckzuck auf dem Ast heraus aus der Rinne und der Karren ist im Nu wieder flott. Er rutscht sogar bei angezogener Handbremse wenn man sich im Auto ruckartig bewegt. Bei der Rückgabe des Fahrzeugs müssen wir weder Batterie noch die kaputte Radkappe erstatten. Dafür gibt es fürstliches Trinkgeld für die beiden Rettungsengel. 

Die Saildrives sind fertig. Öl eingefüllt und schon tropft selbiges munter beim Seewassereinlass herunter. Nelson ist zum Heulen zumute. Alles noch einmal auseinander bauen. Eigentlich wäre für morgen das Einkranen geplant. Wir befürchten, dass das Saildrive-Gehäuse beim Reinigen einen Riss bekommen hat. Das wäre wieder eine Woche Wartezeit und weitere 1.600 Euro im Soll, für die Nelson aufkommen wird, wie er sofort beteuert. Beim Auseinanderbauen stellen wir fest, dass die obere Saildrive-Dichtung verkehrt herum eingebaut wurde. Unsere Hoffnung bestätigt sich: kein Riss, nur Dichtung verkehrt, alle plötzlich wieder glücklich. Nelson‘s Preis ist sehr fair und wir sind sehr zufrieden mit seiner Arbeit.

Zwischenzeitlich ist unser neues Netz für das Trampolin eingetroffen und wir montieren es mit einem lokalen Helfer. Gut, dass wir alles mit WhatsApp schriftlich vereinbaren. So haben die himmelhoch überzogenen Forderungen des Helfers keine Chance. Antifouling samt Propspeed auftragen und zurück ins Wasser. Nelson kommt für die Jungfernfahrt unserer neuen Dichtungen vorbei. Infinity wird mit dem vor fett triefenden Kran zu Wasser gelassen und von den Experten der Werft mit Schmierfingern am frisch polierten Rumpf und am Relingsdraht herumbugsiert. Nichts wie weg von hier.

Der Rigger will für die Installation des neuen Riggs in die L´Escale Marina kommen. Wie beim letzten Mal schon gibt es auch jetzt niemanden, der sich darum schert, ob und wann wir in der Marina ankommen. Man könnte hier wahrscheinlich wochenlang liegen, ohne dass es jemandem auffällt. Unsere Laune steigt mit dem Platzwechsel erheblich, nur der seit Wochen wiederkehrende Regen trübt sie etwas. Nach einhelliger Meinung der Einheimischen ist der ständige Regen untypisch für diese Jahreszeit. 

Unser französischer Rigger Sylvain von Rigging+ kommt mit seinem Helfer PJ im Schlepptau zum Boot – in Regenjacke versteht sich. Auf trockenes Wetter kann er nicht warten, er ist nur für zwei Aufträge aus Frankreich hergekommen und der Rückflug wartet. Er ist erfrischend anders bei der Arbeit als viele Einheimische. Motiviert, kompetent, antwortet innerhalb weniger Stunden auf Whatsapp, verständliches Englisch und hebt sogar sein Telefon ab! Total abgefahren. In zwei Tagen sind alle Drähte ausgetauscht und die korrekte Spannung mittels elektronischer Messung hergestellt. Mit perfekt getrimmtem nagelneuem Rigg drehen wir eine Runde und haben ein gutes Gefühl. Jetzt können wir endlich ans Lossegeln denken. 

Im Steuerbordmotorraum findet sich eine kleine Menge Öl, sodass Nelson mal wieder vorbeikommt. Zwei Besuche seinerseits und das Problem ist behoben. Hat nichts mit seiner Arbeit zu tun, trotzdem hat er es nicht extra verrechnet. 

Die Reparatur des MacBook zieht sich seit zwei Monaten. Das richtige Ersatzteil sei angeblich noch nicht geliefert worden, beteuert man im Geschäft. Da hilft nur noch Psychoterror. Martin bleibt so lange freundlich lächelnd im Geschäft sitzen, bis der Chef das Teil persönlich von der Post holt. Innerhalb von zwei Stunden ist alles erledigt. 

Jetzt bereiten wir alles für die Abreise vor. Wir arbeiten die dafür vorgesehenen Checklisten ab. Alles muss perfekt sein, denn die vor uns liegenden 700 Seemeilen gehören angeblich zu den anstrengendsten auf unserer Weltumsegelung. Es geht gegenan und in der Kompressionszone oberhalb Madagaskars gibt es meist Böen mit mehr als 30 Knoten. Manchmal wesentlich mehr. Bei unserem Lieblingschinesen holen wir Gerichte für unterwegs zum Aufwärmen. Kochen ist bei der Strecke schwierig, da wir keinen kardanisch aufgehängten Herd haben. Als wir ein Wetterfenster kommen sehen, bereiten wir die Schnitzeljagd für das Ausklarieren vor. Wir beginnen in der Altstadt. Im ersten Büro, welches um acht Uhr morgens öffnet, kommen die Zuständigen erst um 9.30 Uhr. Beim nächsten Amt am Hafen müssen wir uns anstellen, um 1,50 Euro zu zahlen. Endlich beim Schalter angekommen, erhalten wir die Auskunft, dass wir die Rechnung gestern schon gezahlt hätten. Wir waren es sicher nicht, lassen es aber gut sein. Als nächstes steht die Immigration an. Das Büro ist sogar besetzt und wir dürfen uns gleich hinsetzen. Reden tut der Beamte nicht mit uns, da er telefoniert. Er telefoniert und telefoniert. Martin meint, so lange telefoniert man nur mit der frisch verliebten Freundin. Nach einer gefühlten Stunde legt er auf und sagt: „Sorry, that was my girlfriend“. „We know, as for your mother in law it took too long“, geben wir mit vielsagendem Blick zurück. Gelächter. Wenigstens ist er ehrlich. Im Büro des Hafenmeisters herrscht alle zehn Minuten Stromausfall und der Strom kommt dann für zwei Minuten zurück um wieder auszufallen, der Drucker funktioniert nicht. Ein echtes Abenteuer, diese Schnitzeljagd durch Victoria. Jetzt müssen wir noch zum Zahlmeister in einem anderen Gebäude, um unsere Abgaben zu bezahlen. Wirklich fleißig ist hier keiner. Auf den Warnwesten der Arbeiter steht „SPA“ drauf. Wir nehmen an, es handelt sich um Wellness-Arbeitsplätze. Tatsächlich handelt es sich um die Abkürzung für „Seychelles Port Authority“. 833 Euro kosten zwei Monate Aufenthalt in den Seychellen-Gewässern zusätzlich zu den Nationalparkgebühren und so weiter. Ganz schön geschmalzen. Jetzt nur noch zum Zoll. Noch einmal in ein Buch eintragen und nach drei Stunden ist es vollbracht. Gottseidank vor der Mittagspause, denn am Nachmittag vor einem Feiertag ist fraglich, ob die Mitarbeiter überhaupt noch einmal im Büro vorbeischauen. Wir dürfen jetzt weg. Nette Abende mit Joeri von der Wanderlust im Schrebergarten versüßen uns die letzten Tage auf Mahé.

Das Wetter-Routing gehen wir dieses Mal sehr seriös an. Wir holen uns die Zweitmeinung von Des Cason ein, einem erfahrenen Segler in diesen Gewässern. Wir folgen seiner Strategie, einen Abfahrtszeitpunkt zu finden, der es erlaubt, an der Nordspitze Madagaskars ein paar Knoten weniger Wind zu haben und gleichzeitig am Beginn der Strecke direkt nach Süden zu motoren, um den Windwinkel für später zu verbessern. Das Ziel ist, vor Madagaskar nicht gegen den starken Wind, gegen hohe Wellen und gegen die starke Strömung segeln zu müssen. Mal sehen ob die Strategie aufgeht. Los geht’s. Ihr könnt den Track live unter Standort und Route mitverfolgen. 

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