Tikehau und Makatea

Vor uns liegt das letzte Atoll auf den Tuamotus, in das wir hineinfahren können, bevor wir nach Makatea, Tahiti und den Gesellschaftsinseln aufbrechen. In Tikehau gibt es nur einen Pass, durch den man hineinkommt und der ist auf der westlichen Seite des Atolls. Damit hat der vorherrschende Wind von Osten einen weiten Anlauf und kann entsprechende Wellen aufbauen wenn das Wasser bei Ebbe aus dem Atoll durch den Pass herausläuft. Damit gibt es laut Informationen aus dem Internet zum Teil Strömungen aus dem Pass heraus von bis zu 12 Knoten. Unser Boot schafft unter Vollgas 7,5 Knoten. Im schlimmsten Fall würden wir 4,5 Knoten rückwärtsfahren. Martin rechnet herum und wir finden eine Zeit, am Morgen mit dem richtigen Wind aus dem Pass in Rangiroa rauszufahren und tagsüber nach Tikehau zu segeln. Die Strömung ist okay, so fahren wir beruhigt, aber voll konzentriert hinaus. Am Pass von Tikehau angekommen, sind nur zwei Knoten Strömung gegen uns und wir fahren wieder mit Kartenplotter, iPad, Satellitenbildern und Kerstin für die Augapfelnavigation durch das Atoll.

Ziel ist eine Mantaputzerstation, wo sich jeden Morgen mehrere Mantas einfinden, um sich von Fischen putzen und von Parasiten befreien zu lassen. Als wir ankommen, stellen wir fest, dass der Ankerplatz vor einem Mini-Inselchen mit dem klingendem Namen Motu Manu schon voll belegt ist. Der Ankergrund ist aber gut, sodass wir noch einen Platz finden. Die Insel ist praktisch nur ein Sandhaufen mit ein paar Sträuchern und einer verlassenen Perlenfarm sowie 4G Internet. Aber hier sind viele Kinder am Ankerplatz, die brausen mit den Dinghis zwischen den Booten und zum Strand. Hier findet ein ganz anderes Lernen als in der Schule statt. Soziale Kompetenz, Hilfe untereinander und Verständigung in verschiedenen Sprachen, Tiere sowie greifbare Geografie und Geschichte. Das ist etwas, wovon sie in ihrem Erwachsenenleben profitieren können. Homeschooling gestaltet sich bei all der Ablenkung natürlich nicht ganz einfach. Eltern und Kinder schnaufen nach den Einheiten durch. So kommen uns Petra und Tobias besuchen, während die Kids auf anderen Booten unterwegs sind. Alle haben VHF Kanal 69 eingeschaltet. Das ist der Funk-Kommunikationskanal für alle. Damit kann man seine Kinder am Abend wieder finden.

Da die Mantas am Vormittag zur Putzerstation kommen, beschließen wir dorthin zu schnorcheln. Die meisten fahren mit dem Dinghi nah ans Riff, wir legen aber eine Runde Morgensport ein und schwimmen die paar hundert Meter hinüber. Kerstin legt ausnahmsweise ein ziemliches Tempo vor, sie liebt Mantas. Dafür kann man sich schon einmal ins Zeug legen. Neben den Ankerliegern kommen auch Ausflugsboote zum Riff und bringen Schnorchler aus den Hotels und den Tauchschulen. Diese dürfen eine halbe Stunde den Mantas nachflosseln und werden anschließend wieder zurückgebracht. Auf drei bis fünf Metern kann man tatsächlich einen Manta sehen, tiefer ist es schwieriger, da das Wasser trüb ist. An einer Stelle wo niemand sucht, ist eine Putzerstation wo mehr Mantas zu finden sind. Dort sind wir mit drei Mantas alleine, man kann sie anhand von verschiedenen Flecken und auch Spuren von Verletzungen leicht unterscheiden.


Kurzfilm Mantarochen in Tikehau

Die Mantas kommen immer wieder und sind wunderschön anzusehen. Doch nach einiger Zeit sind sie ausreichend sauber und machen sich wieder auf den Weg ins tiefere Wasser. Einzigartig.

Swiss Lady, Waterhorse und Eden machen sich auf in Richtung Makatea. Dort gibt es nur vier Bojen zum Anlegen, Ankern geht nicht. Dieses Mal hat nur die Waterhorse das Glück, eine Boje zu ergattern, die anderen müssen weiterfahren. Wir haben Zeit, Tahiti ist voller Boote. Also bleiben wir noch ein bisschen. Da der Ankerplatz recht rollig ist, beschließen wir zum Ort Tuherahera zu fahren. Dort gibt es ein Anlegedock, wo wir festmachen. Eigentlich hätten wir mit der Backbordseite anlegen sollen, das wäre einfacher gewesen, da wir mit dem Heck gegen den Wind gefahren wären. Jetzt sind die Fender aber schon auf der Steuerbordseite. Das ist etwas schwieriger, Kerstin hat ihre Wurfleinentechnik beim vielen Ankern verlernt und bringt kurzerhand die Festmacherleine schwimmend an Land. Ein komisches Gefühl, wenn man am Steg liegt und wieder trockenen Fußes an Land gehen kann. Hier gibt es drei Lebensmittelhändler, einige Resorts, eine Tauchschule und einen kleinen Flughafen. Erfreut erfahren wir, dass am nächsten Tag das Versorgungsschiff kommt und damit wieder frisches Obst und Gemüse in die Regale. Bei der Post wollen wir fürs Handy Ladebons kaufen. Leider kommen wir zu spät, sie schließt um neun Uhr dreißig am Morgen. Daneben ist das Rathaus. Dort sitzen und stehen einige Frauen zusammen, tratschen und rauchen. Martin fragt, ob sie darauf warten in der Mairie vorgelassen zu werden. Nein, nein, er soll nur kommen. Er braucht auch gar nicht reingehen, da die Mitarbeiterinnen alle draußen sind. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir an dem Steg liegen dürfen, wo wir festgemacht haben, zahlen müssen wir auch nichts. Der Steg ist auch bei Fußgängern und Anglern sehr beliebt. Touristen wie Einheimische gehen hier spazieren oder fahren mit Auto oder Rad vorbei. In der Nacht ist alles von den hier verbreiteten solarbetriebenen Straßenlaternen beleuchtet.

Da wir jetzt ruhig liegen, bereiten wir unsere Infinity auf den Besuch von Martins Schwester samt Familie vor. Die Kisten werden in einer Kabine verstaut. Das freigewordene Schlafzimmer wird von uns bezogen, sodass der ganze Backbordrumpf frei ist. Da es jeden Tag etwas regnet, können wir mit unserer Regenwassersammelkonstruktion den Wassertank halb anfüllen und brauchen daher weniger Energie für den Wassermacher. Wasser und Strom gibt es an diesem Steg nämlich nicht. Allerdings kommt am nächsten Tag tatsächlich das Versorgungsschiff und bringt jede Menge mit, zum Beispiel Benzin, Waschmaschinen, Baumaterial und auch frische Lebensmittel. Die Autos laufen auf dem Steg und am nächsten Tag ist unser Schiff voller Ruß und Dreck. Damit brauchen wir erst ein paar Regenschauer zum Deck putzen.

Irgendwann stehen zwei Mädchen und ein Junge vor unserem Boot und fragen, ob sie an Bord kommen dürfen. Die Große hat eine Ukulele dabei und fragt, ob wir vielleicht eine Gitarre hätten. Sie würde gerne einmal spielen. Zu dritt hüpfen sie dann auf und im Boot herum. Es sind gerade Ferien, im Oktober fliegen sie nach Papeete, die beiden Schwestern gehen dort aufs Gymnasium. Für die Mädchen ist Nagellack eine Kostbarkeit, den Kerstin gerne abgibt. Sie fragen gleich, ob sie am nächsten Tag um zehn Uhr vorbeischauen können zum Gitarre spielen und ob sie vielleicht bei uns essen könnten. Selbstverständlich, das gibt uns die Gelegenheit, den netten Dorfbewohnern etwas zurückzugeben.

Der Junge, ein Cousin der beiden, besucht uns am nächsten Morgen gleich wieder. Martin zeigt ihm, wie er jonglieren lernen kann. In der Zwischenzeit sind die Mädels wieder angekommen und es gibt eine große Portion Makkaroni. Mit einer Mandarine verabschieden sie sich wieder. 

Da die Restaurants zwischen 14.00 und 18.00 geschlossen haben und es keine öffentlichen Toiletten gibt, kommen die einheimischen jungen Damen beim Spaziergang vorbei und benutzen dankbar und kichernd unser WC. Nach dem Verproviantieren machen wir uns mitsamt unserer Stegtoilette wieder auf den Weg Richtung Pass.

Wir verlegen unsere Infinity an einen Ankerplatz direkt am Pass, damit wir gleich in der Früh durch den Pass nach Makatea aufbrechen können. Martin beobachtet das Wasser im Pass den ganzen Abend über. Eigentlich geht die Strömung immer nur raus. Wir düsen dann am nächsten Morgen auch mit 10 Knoten Geschwindigkeit inklusive 5 Knoten Strömung durch den Pass aufs offene Meer. Auch wir versuchen unser Glück auf Makatea eine Boje zu bekommen. Im Unterschied zu den anderen Atollen ist Makatea eine Insel mit hohen Klippen und wir sind gespannt auf die Abwechslung. 

Nach einem flotten Segeltag steigt die Spannung. Bekommen wir eine Boje oder nicht? Zum Ankern ist es hier zu tief. Die Wand geht vom Riffdach beinahe senkrecht auf 400 Meter Tiefe hinunter. Wir sehen mit dem Fernglas nur ein Schiff vor Makatea stehen. Aus der Nähe bestätigt sich unser Verdacht. Hurra, es sind drei Bojen frei. Wir nehmen die nächste zur alten Hafeneinfahrt. Über Wasser sieht man die Ruinen vergangener Tage. Hier wurde zwischen 1906 und 1966 Phosphat abgebaut und verschifft. Unter Wasser offenbart sich eine Wunderwelt. Direkt vor uns ist eine riesige Riffwand mit guter Sicht und einem Schwarm von Tausenden Fischen. Ein gewaltiger Anblick.

Wir rufen den Bürgermeister Julien an und er sagt uns eine Tagestour zu. Interessant erklärt er uns die Geschichte der Insel, die sich hauptsächlich um den ehemaligen Phosphatabbau und die Erschließung der einzigartigen Felsen für die Kletterer dreht. Der Bürgermeister geht hier immer oben ohne, egal ob zum Amt, zu Touristen oder zur Schule, wo er den Kindern die Geschichte der Insel näher bringt. Mit seinem Auto kommen wir an Industrieruinen wie an den Naturschönheiten vorbei. Sogar eine Tropfsteinhöhle mit kristallklarem Süßwassersee gibt es hier. Makatea war früher ein Atoll wie jedes andere, bis es sich vor Millionen von Jahren durch Vulkanausbrüche und Erdbeben aus dem Meer erhoben hat. Deshalb hat es heute mehr mit einer Insel gemeinsam als mit einem Atoll. Das Innere der Insel wurde von 3.000 Arbeitern beim Phosphatabbau händisch durchlöchert und sieht von oben aus wie ein Schweizer Käse. Unvorstellbar, wie hart die Arbeit damals gewesen sein muss. Die Arbeiter kamen hauptsächlich aus Europa und ab dem zweiten Weltkrieg aus den südlichen Inseln von Französisch Polynesien. In den 60er Jahren wurde die Produktion eingestellt, weil die Techniker für die französischen Atomtests auf den südlichen Tuamotus eingesetzt wurden. Seitdem ist die Insel in einem Dornröschenschlaf versunken. Die wenigen Pensionen werden heutzutage von Kletterern frequentiert, die hier ein wahres Kletterparadies vorfinden.


Kurzfilm Makatea

Der Dschungel wächst aus den ehemaligen Korallen und die Erhebung der Insel bietet schöne Ausblicke. Der Bürgermeister Julien ist ein Original, der seine Ausbildung in Neuseeland und Japan genossen hat. Nach der Leitung von Tanzkompanien hat er sich auf seiner Heimatinsel niedergelassen und ist seit 27 Jahren Bürgermeister. Er hat 6 Angestellte, darunter einen Polizisten, eine Halbzeit-Schreibkraft und 4 Halbtags-Arbeiter, die für die Instandsetzung von Straßen sorgen. Sie sind auch zuständig für die Kläranlage, Müll und Strom. 85 % des Strombedarfs der 104 Einwohner kommt aus einer kleinen Photovoltaikanlage mit Akkus. Der Dieselgenerator springt nur an, wenn die Akkus unter einen bestimmten Ladungszustand fallen. So wird hier 85 % der Energie nachhaltig produziert. Dasselbe Prinzip wie auf unserem Schiff. Der Müll wird angeblich händisch aussortiert. Das Aluminium wird nach Tahiti verkauft, die Glasflaschen zerkleinert und in den Beton gemischt und der Rest wird verbrannt. Der Vollzeitpolizist hat es hier laut Bürgermeister nicht mit Kriminalität zu tun, sondern er ist eher der Streitschlichter bei Familienangelegenheiten, das aber dafür Vollzeit.

Wir dürfen für unsere Wäsche die Waschmaschine des Bürgermeisters von Makatea benutzen und sein WLAN, das zwar langsam ist, aber immerhin funktioniert. Zu diesem Zweck werden wir sogar von ihm persönlich vom Steg abgeholt und über die steile Bergstraße chauffiert. Zitronen von seinem Baum gibt es obendrein. Sehr nett. Das Leben auf der Insel ist beschaulich. Wie in Frankreich üblich, ist essen samt Mittagspause wichtig und nachmittags ist es meist etwas zu heiß zum Arbeiten. Ein ruhiges Leben ohne Hetze.

Wir planen derzeit wieder grob ein halbes Jahr voraus. Zu Weihnachten möchten wir nachhause fliegen und finden einen guten Flug von Auckland über Taipeh nach Wien. Bei der Nachfrage an drei verschiedenen offiziellen Stellen ob der Transit in Taipeh derzeit funktioniert, ernten wir drei verschiedene Antworten. Von „sofort stornieren“ bis „kein Problem“ ist alles drin. Als wir die entsprechenden Stellen darauf hinweisen, einigen sie sich auf „kein Problem“. Allerdings gehen die Meinungen über einen vorzulegenden PCR Test wieder auseinander. Wir bekommen ein FAQ-Dokument auf Mandarin zugeschickt, lernen in der Zwischenzeit chinesisch und lassen uns überraschen was da noch auf uns zukommen wird.

Am Samstag gibt es wieder guten Wind für die nächste Etappe. Wir werden wohl auf Tahiti landen. 

Tief erschüttert erfahren wir, dass Segelfreunde von uns, Annemarie und Volker von der Escape auf ihrem Segelschiff zwischen den Bermudas und Halifax tödlich verunglückt sind. Ein unglaublicher Schock. Wir waren seit zwei Jahren in Kontakt und haben uns in Puerto Rico letztes Mal getroffen. Zutiefst betrübt sind wir im Gedanken bei ihren Angehörigen. Es mag wohl der einzige Trost sein, dass sie ihre Zeit auf der Escape sehr genossen haben. 

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